Französische Militärfahrzeuge in Gao im westafrikanischen Mali © Joel Saget/AFP/GettyImages

Eine kleine, aber vielsagende Meldung, irgendwo hinten in der Pariser Tageszeitung Le Figaro: Im jordanischen Wüstensand üben französische Spezialkräfte für den Einsatz in Syrien. Die Franzosen wieder! Sie hatten schon in Libyen und dann in Mali Entschlossenheit gezeigt, in Europas Nachbarschaft einzugreifen. Sie sind es auch, die zusammen mit den Briten fordern, Europa möge die syrischen Rebellen mit Waffen beliefern. Das alles, während die Vereinigten Staaten immer weniger Kraft und Lust haben, im Nahen und Mittleren Osten als Führungsmacht aufzutreten. Sie wenden sich zunehmend dem pazifischen Raum zu. Werden die Europäer die strategische Lücke füllen, die von den Amerikanern in der arabisch-muslimischen Welt gelassen wird? Die Briten und die Franzosen?

Frankreich und Großbritannien stehen innerhalb der EU zwar nicht unbedingt glänzend da. Doch die anderen Europäer schauen trotzdem auf diese beiden, wenn es um benachbarte Krisenregionen geht. Die zwei ehemaligen Kolonialmächte bilden eine Klasse für sich: Beide verfolgen eine Sicherheitspolitik, die eine starke militärische Komponente hat und auf internationale Geltung zielt.

Frankreich sieht sich – zu Recht – als wichtigste europäische Macht im subsaharischen Afrika. Doch seit der Präsidentschaft Nicolas Sarkozys ist es auch im Maschrek stärker präsent, also im arabischen Raum östlich des libyschen Bengasi. Wegen der Rohstoffe und der geopolitischen Stabilität – sowie aus historischen Gründen: Wo Frankreich Kolonien hatte, will es auch in Zukunft Einfluss ausüben. War es nicht der arabische Raum, wo die France libre des Generals de Gaulle begann, sich gegen die Deutschen aufzurichten? So etwas bleibt unvergessen; französische Politik sucht sich stets Referenzpunkte in der Vergangenheit.

Die militärbewusste Nation auf der anderen Seite des Ärmelkanals zehrt ebenfalls von ihren Traditionen. Ihr Symbol ist die Britannia, wie sie etwa im Stadtpark des Marinestützpunkts Plymouth steht, hoch oben auf ihrem Sockel, bewaffnet mit Poseidons Dreizack und allzeit bereit, ihr Inselreich zu verteidigen. Als Königin Victoria Ende des 19. Jahrhunderts dieses Denkmal für den Sieg von 1588 über die spanische Armada einweihte, beherrschten die Briten die Weltmeere. Als globale Militärmacht sehen sie sich auch heute noch.

Seit der Ära Sarkozy rücken beide Länder verteidigungspolitisch zusammen. "Mit den Deutschen machen wir Geschäfte, und mit den Briten ziehen wir in den Krieg", so wird die neue Entente cordiale in Paris beschrieben. Sie üben in einem gemeinsamen Expeditionskorps, teilen Neuanschaffungen und Kampfeinsätze. Namentlich die Intervention in Libyen zeigte, dass sie mehr tun können als nur gemeinsame Papiere zu schreiben.

Für Europas Sicherheit sei die Abwendung der Amerikaner vom Alten Kontinent und potenziell auch von seiner mittelöstlichen Nachbarschaft der "wichtigste Trend der kommenden zehn Jahre", schreibt das in Paris beheimatete Institut für Sicherheitsstudien der EU (EUISS) in einer soeben veröffentlichten Studie. Frankreich und Großbritannien scheinen darin eine Gelegenheit zu sehen, sich zur Geltung zu bringen. Doch Europa als Ganzes reagiere nicht, kritisiert Hubert Védrine, ehemaliger Außenminister und heute jemand, dem Frankreichs Präsident François Hollande sein Ohr leiht. "Die Europäer konzentrieren sich lieber auf ihre wirtschaftlichen Probleme." Ein europäisches "Weißbuch", wie die schriftlichen Fassungen gültiger Sicherheits- und Militärdoktrinen genannt werden, existiert nicht. Bitter spricht Hubert Védrine von Europas "strategischem Koma", das jetzt sichtbar werde. "Wenn die Amerikaner im Nahen Osten aktiv sind, heißt es: Lass die mal machen. Und wenn sie nichts tun ist die Reaktion: Siehste, man kann nichts machen", bedauert der Ex-Außenminister.

Dabei ist der arabische Raum eine kritische Region für Europa. Allein schon aus wirtschaftlichen Gründen, vor allem aber, weil sich dort sowie im Afrika nördlich des Äquators alte und neu hinzugekommene Konflikte in einer Weise ineinander verknäueln, die an den Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert erinnert. Räumlich lassen sich Krisenherde wie Syrien oder der Sahel nicht abdichten, das Schwelfeuer breitet sich nach Europa aus.