Asylrecht : Grenzen der Barmherzigkeit

Eine Familie aus Tschetschenien gerät in die Mühlen der europäischen Gesetze: In ihrer Heimat wurde Leila Magomadowa misshandelt, ihr Mann Ruslan gefoltert. In Deutschland erbitten sie Asyl. Die Behörden lassen die schwangere Frau hier – und schieben den Mann und drei Kinder nach Polen ab

Als Leila Magomadowa die beiden Polizisten auf ihr Krankenbett zukommen sieht, reißt sie sich den Infusionsschlauch aus dem Arm. Sie springt aus dem Bett, läuft auf den Flur und rennt die Treppe hinunter ins nächste Stockwerk. So wird sie es später erzählen, so wird es eine Frau, die dabei war, beschreiben. Leila Magomadowa will nach draußen.

Sie findet den Ausgang nicht in diesem deutschen Krankenhaus, in dem sie seit zwei Tagen behandelt wird, wegen ihrer schwierigen Schwangerschaft, wie so oft in den vergangenen Monaten. Leila Magomadowa*, 28, ist im sechsten Monat, ihr Bauch zeichnet sich schon unter dem Nachthemd ab.

Ärzte und Schwestern laufen ihr hinterher. Leila Magomadowa versteht ihre Rufe nicht, sie fängt an zu weinen, dann lässt sie sich zurück in ihr Zimmer bringen. Wo soll sie auch hin.

Die Polizisten stehen noch immer da. Uniformierte waren es auch, die Leila Magomadowa schlugen und ihr die Kleider vom Leib rissen, damals, in Tschetschenien. Sie spürt ihr Herz klopfen.

Eine Hebamme, die Russisch spricht, übersetzt. Die Polizisten verlangen, dass Leila Magomadowa mitkommt, sofort. Raus aus dem Krankenhaus, raus aus Deutschland. Ein Arzt mischt sich ein, er spricht mit den Beamten, bis sie schließlich gehen.

Es ist der 14. März 2013, der Tag, an dem die Ausländerbehörde des Landkreises Ansbach in Bayern die Beziehung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Familie Magomadow aus der russischen Teilrepublik Tschetschenien beenden will. Es ist der Tag, an dem diese Beziehung erst richtig kompliziert wird.

Als die Beamten vor Leila Magomadowas Krankenbett stehen, sitzt ihr Mann Ruslan schon in einem Polizeitransporter, neben ihm seine drei älteren Kinder. Ruslan Magomadow ist 34 Jahre alt. Ein großer Mann mit breitem Kreuz. Früher hat er auf dem Bau gearbeitet, zuletzt war er Taxifahrer.

Der Wagen gleitet über die Autobahn in Richtung Polen. Magomadows sechsjährige Tochter Samira fängt an zu weinen.

Morgens um sechs waren die Polizisten in der Kleinstadt Windsbach, nicht weit von Ansbach, in das Flüchtlingsheim gekommen. Magomadow musste seine drei älteren Kinder wecken, die beiden jüngsten waren bei tschetschenischen Bekannten. Dort sollten sie für ein paar Tage bleiben, während ihre Mutter im Krankenhaus war.

Schon zwei Monate zuvor wollten die Behörden die Familie abschieben. Doch Ruslan Magomadow war nicht im Flüchtlingsheim – er war zu einer Anwältin in Berlin gefahren, die vor allem tschetschenische Flüchtlinge vertritt. Magomadow wusste, die Beamten würden es wieder versuchen. Trotzdem fühlte er sich sicher. Er glaubte nicht, dass deutsche Behörden Kranke aus der Klinik holen, dass sie Männer von ihren hochschwangeren Frauen trennen und Eltern von ihren Kindern.

Unter Aufsicht der Polizisten stopfte Magomadow nun ein paar Kleider in eine schwarze Sporttasche, sein Handy, das Ladegerät, alle Papiere, die er finden konnte. Aus Gewohnheit steckte er auch den Schlüssel für die Eingangstür des Flüchtlingsheims ein, obwohl er ihm jetzt nichts mehr nützen würde. Dann stieg er mit den beiden Söhnen und der Tochter in den Polizeiwagen. Handschellen waren nicht nötig, Ruslan Magomadow wehrte sich nicht.

Samira weint noch immer. Magomadow hämmert mit der Faust gegen die Metallwand, die ihn von den Beamten trennt. Fahrt rechts ran, ruft er auf Russisch. Sie muss aufs Klo! Der Wagen fährt weiter. Magomadows Hämmern wird lauter, sein Rufen drängender. Haltet doch an! Nichts. Samira nässt sich ein.

Als sie nach Stunden doch eine Pause machen, so wird Magomadow es später erzählen, spricht einer der Beamten ihn auf Russisch an. Du hast das alles selbst zu verantworten, sagt er.

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