Kein Pharmaskandal ist so bekannt wie der Contergan-Fall. Die Missbildungen des Skelettsystems, das Fehlen von Gliedmaßen bei den Betroffenen sind einfach zu auffällig. Doch obwohl die überlebenden Contergan-Geschädigten inzwischen den fünfzigsten Geburtstag hinter sich haben, ist bis heute nicht abschließend geklärt, wie genau der Contergan-Wirkstoff Thalidomid die Embryonalentwicklung gestört hat.

Sicher ist nur, dass ihre Mütter das Beruhigungsmittel Contergan während der Schwangerschaft eingenommen haben. Mit schrecklichen Folgen für ihre Kinder.

Mittlerweile ist offenkundig, dass die Schäden der Opfer weit über das äußerlich Sichtbare hinausgehen. Indizien dafür entdeckten Forscher am Heidelberger Institut für Gerontologie, als sie im Auftrag des Bundestags untersuchten, wie es den älter werdenden Contergan-Opfern im Alltag ergeht.

Nachdem diese ihre Behinderungen über Jahrzehnte hinweg mit Kreativität und Mühe recht gut kompensieren konnten, leiden viele jetzt unter verschlissenen Gelenken, chronischen Schmerzen und anderen Folgen der körperlichen Fehlbelastung. Als Reaktion auf das Ergebnis der Studie kündigte die Bundesregierung im Januar an, den Contergan-Geschädigten weitere 120 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen.

Manche Betroffene sind zusätzlich zu den Fehlbildungen der Gliedmaßen gehörlos. Und je nachdem, wann in der Schwangerschaft die Mutter das Präparat eingenommen hatte, sind auch die inneren Organe abweichend von der Norm angelegt. Doch die zahlreichen unsichtbaren Veränderungen in den Körpern waren im Katalog der Contergan-Folgen bisher nicht erfasst – deshalb wurden die Opfer dafür auch nicht entschädigt.

Die Studie der Universität Heidelberg warf außerdem den Verdacht auf, dass noch weitergehende Besonderheiten in den Körpern vieler Contergan-Geschädigter existieren. Möglicherweise gibt es zusätzlich vorgeburtliche Fehlbildungen der Blutgefäße und der Nervenbahnen, die bisher nicht bekannt waren.

In den Interviews für die Studie, sagt die Ärztin und Gerontologin Christina Ding-Greiner, hätten Contergan-Geschädigte immer wieder von erfolglosen Versuchen der Ärzte berichtet, Blut abzunehmen, den Puls oder Blutdruck zu messen. Während einiger Operationen seien untypische Verläufe von Blutgefäßen entdeckt worden, bei anderen besonders dünnwandige Venen und Arterien.

"Bisher sind das nur Hypothesen, wir hatten keine Gelegenheit, diese Fragestellung systematisch zu untersuchen", erklärt Ding-Greiner. "Mich haben die Hinweise der Betroffenen aufmerksam gemacht. Von da an habe ich in den Telefoninterviews gezielt nachgefragt und noch mehr erfahren." Zumindest bei einem Teil der Betroffenen, so steht es im Abschlussbericht der Studie, seien möglicherweise Gefäß- und Nervensystem, eventuell auch die Muskulatur schon vorgeburtlich geschädigt worden.

Auffällig viele Contergan-Opfer erleiden einen Herzinfarkt

Es steht noch ein weiterer Verdacht im Raum: Nach Aussage von Ding-Greiner erlitten auffällig viele Betroffene in den vergangenen Jahren einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt. "Die Zahl der Interviews erlaubt leider keine Aussage darüber, ob diese Vorfälle bei Contergan-Geschädigten wirklich häufiger auftreten als in der Gesamtbevölkerung", sagt sie. "Aber man sollte dieser Problematik dringend in einer gesonderten Studie nachgehen."

Für die Contergan-Geschädigten könnte ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle oder Herzinfarkte gefährliche Konsequenzen haben, besonders in Verbindung mit einem atypisch angelegten Gefäßsystem.