Contergan-GeschädigteUnter der Haut

Viele Contergan-Geschädigte haben offenbar nicht nur äußere Fehlbildungen. Auch ihre Blutgefäße und Nerven verlaufen ungewöhnlich. von Josephina Maier

Kein Pharmaskandal ist so bekannt wie der Contergan-Fall. Die Missbildungen des Skelettsystems, das Fehlen von Gliedmaßen bei den Betroffenen sind einfach zu auffällig. Doch obwohl die überlebenden Contergan-Geschädigten inzwischen den fünfzigsten Geburtstag hinter sich haben, ist bis heute nicht abschließend geklärt, wie genau der Contergan-Wirkstoff Thalidomid die Embryonalentwicklung gestört hat.

Sicher ist nur, dass ihre Mütter das Beruhigungsmittel Contergan während der Schwangerschaft eingenommen haben. Mit schrecklichen Folgen für ihre Kinder.

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Mittlerweile ist offenkundig, dass die Schäden der Opfer weit über das äußerlich Sichtbare hinausgehen. Indizien dafür entdeckten Forscher am Heidelberger Institut für Gerontologie, als sie im Auftrag des Bundestags untersuchten, wie es den älter werdenden Contergan-Opfern im Alltag ergeht.

Nachdem diese ihre Behinderungen über Jahrzehnte hinweg mit Kreativität und Mühe recht gut kompensieren konnten, leiden viele jetzt unter verschlissenen Gelenken, chronischen Schmerzen und anderen Folgen der körperlichen Fehlbelastung. Als Reaktion auf das Ergebnis der Studie kündigte die Bundesregierung im Januar an, den Contergan-Geschädigten weitere 120 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen.

Manche Betroffene sind zusätzlich zu den Fehlbildungen der Gliedmaßen gehörlos. Und je nachdem, wann in der Schwangerschaft die Mutter das Präparat eingenommen hatte, sind auch die inneren Organe abweichend von der Norm angelegt. Doch die zahlreichen unsichtbaren Veränderungen in den Körpern waren im Katalog der Contergan-Folgen bisher nicht erfasst – deshalb wurden die Opfer dafür auch nicht entschädigt.

Die Studie der Universität Heidelberg warf außerdem den Verdacht auf, dass noch weitergehende Besonderheiten in den Körpern vieler Contergan-Geschädigter existieren. Möglicherweise gibt es zusätzlich vorgeburtliche Fehlbildungen der Blutgefäße und der Nervenbahnen, die bisher nicht bekannt waren.

Der Pharmaskandal: Hoffnung auf Schlaf

1957 brachte die Pharmafirma Grünenthal das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan auf den Markt. Schwangere, die das Medikament schluckten, bekamen vermehrt missgebildete Kinder. Im Jahr 1961 schnellte die Zahl fehlgebildeter Kinder in die Höhe. Noch im selben Jahr wurde das Mittel vom Markt genommen.

Fatale Folgen

Etwa 5.000 Kinder in Deutschland kamen missgebildet zur Welt, rund 40 Prozent von ihnen starben kurz nach der Geburt oder als Säugling. Rund 2700 Kinder überlebten. Die Eltern der geschädigten Kinder und Grünenthal schlossen 1970 einen Vergleich. Die Opfer erhielten eine einmalige Kapitalentschädigung und eine Rente zwischen 255 und 1152 Euro monatlich. Im Januar kündigte die Bundesregierung weitere 120 Millionen Euro Unterstützung zur Bewältigung der Folgeschäden an.

In den Interviews für die Studie, sagt die Ärztin und Gerontologin Christina Ding-Greiner, hätten Contergan-Geschädigte immer wieder von erfolglosen Versuchen der Ärzte berichtet, Blut abzunehmen, den Puls oder Blutdruck zu messen. Während einiger Operationen seien untypische Verläufe von Blutgefäßen entdeckt worden, bei anderen besonders dünnwandige Venen und Arterien.

"Bisher sind das nur Hypothesen, wir hatten keine Gelegenheit, diese Fragestellung systematisch zu untersuchen", erklärt Ding-Greiner. "Mich haben die Hinweise der Betroffenen aufmerksam gemacht. Von da an habe ich in den Telefoninterviews gezielt nachgefragt und noch mehr erfahren." Zumindest bei einem Teil der Betroffenen, so steht es im Abschlussbericht der Studie, seien möglicherweise Gefäß- und Nervensystem, eventuell auch die Muskulatur schon vorgeburtlich geschädigt worden.

Auffällig viele Contergan-Opfer erleiden einen Herzinfarkt

Es steht noch ein weiterer Verdacht im Raum: Nach Aussage von Ding-Greiner erlitten auffällig viele Betroffene in den vergangenen Jahren einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt. "Die Zahl der Interviews erlaubt leider keine Aussage darüber, ob diese Vorfälle bei Contergan-Geschädigten wirklich häufiger auftreten als in der Gesamtbevölkerung", sagt sie. "Aber man sollte dieser Problematik dringend in einer gesonderten Studie nachgehen."

Für die Contergan-Geschädigten könnte ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle oder Herzinfarkte gefährliche Konsequenzen haben, besonders in Verbindung mit einem atypisch angelegten Gefäßsystem.

Leserkommentare
  1. Vielleicht wäre es sinnvoll, bei allen Betroffenen einen Computertomographen-Scan zu machen. Dessen Daten lassen sich z.B. auf eine CD brennen oder auf einer Speicherkarte ablegen. Wenn sie diese dann immer bei sich führen, könnten behandelnde Ärzte sich im Notfall schnell orientieren.

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    • lemmuh
    • 16. Juni 2013 22:42 Uhr

    Ein solcher Scan sollte nur gemacht werden, wenn er wirklich gebraucht wird, also wenn bestimmte Beschwerden auftreten, schließlich muss man wissen was gerade im Moment geschieht, nicht wie die Organe vor einem Jahr ausgesehen haben.

  2. Ich finde den Contergran-Skandal nach wie vor unglaublich und empfinde tiefstes Mitleid mit den Betroffenen. Nur: Warum soll der Bund - und damit alle Steuerzahler - eine Entschädigung zahlen, und nicht der verantwortliche Hersteller Grünenthal?

    Zudem, anknüpfend an meinen Vorredner, halte ich es auch für sinnvoll, wenn es eine Datei gebe, wo alle Missbildungsanalysen vermerkt sind, und auf die (mittels schneller und unbürokratischer Anfrage) alle Ärzte zugreifen könnten, um den Betroffenen im Falle eines Herzinfarkts o.ä. schnell Hilfe zukommen zu lassen.

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    weil er nicht gesetzliche für entsprechende, verpflichtende Arzneimitteltests sorgte, bevor der Contergan-Fall geschah.

    Erst aufgrund dieses Falles, wurde die Arzneimittelzulassung verschärft bzw erstmalig geregelt. Vorher hatte man sich kaum darüber Gedanken gemacht. Aber dieses Versäumnis ist keine Entlastung, sondern eine Verpflichtung, sich um die geschädigten Bürger zu kümmern.

    Die Hauptverantwortung und -verpflichtung trägt natürlich ohne Zweifel Grünenthal.

  3. Die Contergan-Opfer sind Opfer von Behandlungsfehlern im weiteren Sinne geworden, dadurch, dass sie ein schädliches Medikament genommen haben. Das Schicksal, was sie erleiden müssen, ist sicherlich schwer und soll nicht in Abrede gestellt werden.

    Was aber nicht aus dem Blick geraten darf: Es gibt jährlich zichtausende Behandlungsfehler, von denen die meisten sicherlich einigermaßen glimpflich ablaufen, aber alleine die Zahl derer, die einen bleibenden Schaden davon tragen ist JÄHRLICH! ein vielfaches höher, als die Zahl der Contergan-Geschädigten. Das soll deren Leid nicht klein reden. Aber man darf die anderen Opfer nicht aus dem Blick nehmen.

    Contergan-Geschädigte haben immerhin noch den - relativen - Vorteil eine was den Schaden angeht homogene Gruppe zu sein, die einem einzigen Verursacher gegenüber steht. Andere Betroffene von Behandlungsfehler dürfen ihren Kampf alleine "Mann gegen Mann" kämpfen.

    Wenn die Bundesregierung hier also hunderte Millionen zur Verfügung stellt, um diesen Betroffenen zu helfen. Was ist mit Hilfe für die Opfer von Behandlungsfehlern? Für die müsste mindestens die gleiche Summe bereitstehen - jährlich! Was ist mit Rechtsbeistand, was mit Rente? Opfer von Behandlungsfehler fallen ja auch nicht unter das Opferentschädigungsgesetz.

    Und wenn jetzt bei Contergangeschädigten von indiviudalisierter Medizin die Rede ist - ist das das, was jedes Opfer eines schweren Behandlungsfehlers bräuchte, dafür aber Null Lobby hat.

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    • lemmuh
    • 16. Juni 2013 22:47 Uhr

    Es handelt sich bei den Contergan-Opfern nicht um Opfer eines Behandlungsfehlers. Den Behandlern ist kein Vorwurf zu machen, da sie das Medikament nach Herstellerangaben verschrieben haben und sich auch keine entsprechenden Studien zur Verfügung standen, die darauf hingewiesen hätten. Schuld ist der Hersteller - und der deutsche Staat, der es nicht für nötig hielt, Richtlinen zu erlassen - und damit auch im weitesten Sinne die Verantwortungsträger der Ärzteschaft.

    • Morein
    • 15. Juni 2013 16:37 Uhr

    „Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht von über tausend Thalidomid-Geschädigten in Brasilien. „Wir sind überzeugt, daß die tatsächliche Zahl viel, viel höher ist. Denn Thalidomid ist seit fünfzig Jahren hier im Umlauf -  man müßte systematisch nach den Opfern suchen!” „

    „„Das Entsetzliche ist - Ärzte mit Doktortitel verschreiben Thalidomid ohne jegliche Sorgfaltspflicht an Frauen, machen bei diesen keinerlei Schwangerschaftstest, informieren sie nicht einmal über die fatalen Nebenwirkungen!” Absurderweise existierten in der neuen Ärztegeneration viele, die offenbar von den Thalidomid-Folgen nichts wissen und von der weltweiten Contergan-Diskussion nichts mitbekommen haben. „Auf der ganzen Erde wurde über Thalidomid debattiert -  doch in meinem Land, gibt es wegen des Fehlens von Information und von Kultur tatsächlich Leute, die nie davon hörten -  sogar in der Ärzteschaft. Es ist zum Weinen.” „

    http://www.hart-brasilien...

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    • EPIKIE
    • 24. Juni 2013 15:26 Uhr

    danke Morein,
    mein Freund in Portugal betreibt einen lusofon-weiten Blog und hat Dank Ihres Hinweises einen Warnruf bezüglich der unkontrollierten Weiterverwendung dieses schrecklichem Medikaments eingestellt. Hier der Link:
    http://rosadosventos1.blo...
    Jetzt hoffen wir, dass es hilft

  4. Es ist unfassbar! Jahrzehnte nach diesem furchtbaren Pharma-Skandal hat sich der Pharma-Konzern windend zu einer "Entschuldigung" durchringen können. Das war es dann?
    Vorausschauende Maßnahmen, wie von den Mitkommentatoren vorgeschlagen, kamen den SCHULDIGEN aber nicht in den Sinn, was?
    Die Manager und Macher dieses Konzern sollten sich allesamt in Grund und Boden schämen!

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    ... daß derlei "Manager" nicht dort wären, wo sie sind, hätten sie nicht als eine der ersten menschlichen Eigenschaften die Scham abgelegt ... – sie müßten zahlen, zahlen, zahlen. Denn das ist die einzige Sprache, die sie noch verstehen. Ihnen vergleichbare Behinderungen und Krankheiten zuzufügen – was die eigentlich gerechte Strafe wäre – ist leider nicht vorgesehen.

  5. ... daß derlei "Manager" nicht dort wären, wo sie sind, hätten sie nicht als eine der ersten menschlichen Eigenschaften die Scham abgelegt ... – sie müßten zahlen, zahlen, zahlen. Denn das ist die einzige Sprache, die sie noch verstehen. Ihnen vergleichbare Behinderungen und Krankheiten zuzufügen – was die eigentlich gerechte Strafe wäre – ist leider nicht vorgesehen.

    • Aluni
    • 16. Juni 2013 1:07 Uhr

    Es soll damals auch einen Hustensaft mit dem Wirkstoff Thalidomid gegeben haben. Weiß jemand den Namen des Mittels?
    Der Wirkstof soll auch heute noch für spezielle Therapien verwendet werden, wer weiß näheres?

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    aber es kann gegen Lepra und gegen bestimmte Krebsformen eingesetzt werden.

    ist z.B. ein wirksames Mittel gegen das schnelle Fortschreiten des multiplen Myeloms, eine unheilbare Krebserkrankung des Knochenmarks http://de.wikipedia.org/w...

  6. weil er nicht gesetzliche für entsprechende, verpflichtende Arzneimitteltests sorgte, bevor der Contergan-Fall geschah.

    Erst aufgrund dieses Falles, wurde die Arzneimittelzulassung verschärft bzw erstmalig geregelt. Vorher hatte man sich kaum darüber Gedanken gemacht. Aber dieses Versäumnis ist keine Entlastung, sondern eine Verpflichtung, sich um die geschädigten Bürger zu kümmern.

    Die Hauptverantwortung und -verpflichtung trägt natürlich ohne Zweifel Grünenthal.

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    Antwort auf "Warum der Bund?"

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