Was bewegt Daniel Häni?Der Gedankensammler

Er betreibt das größte Kaffeehaus der Schweiz und wirbt für ein Grundeinkommen ohne Arbeit von Philip Kovce

Wie bei Wilhelm Tell: Daniel Häni in seinem Café in Basel

Wie bei Wilhelm Tell: Daniel Häni in seinem Café in Basel  |  © Andri Pol für DIE ZEIT

Es ist ziemlich kalt an diesem Tag, aber Daniel Häni zieht es vor, draußen zu sitzen. Er trinkt einen Latte macchiato und sagt: "Ich liebe frische Luft." In seiner Hand hält er allerdings eine filterlose Zigarette. Er zieht daran und sagt: "Es mangelt nicht an Ideen, die Welt zu gestalten, aber wir nehmen sie zu wenig ernst. Als wir das Unternehmen hier starteten, dachte ich: Es muss ein Labor fürs Ungewisse werden."

Das Unternehmen, von dem Häni spricht, heißt unternehmen mitte. Es liegt in Basel und ist das größte Kaffeehaus der Schweiz. Es ist ein besonderes Café, und Häni ist ein besonderer Mensch.

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Der Gründer und Geschäftsführer des Kaffeehauses spricht gern über Ungewissheit. Sie ist für den 47-Jährigen nichts Beängstigendes, sondern der Rohstoff, aus dem die Zukunft gewonnen wird. Nur was ungewiss sei, lasse sich formen, sagt er. "Es braucht Orte, an denen Ideen reifen können." Einen solchen Ort hat Häni kreiert, er nennt sich selbst einen "Kulturraumschaffenden".

Das Kaffeehaus befindet sich in einem historistischen Bau von stattlicher Schlichtheit in der Baseler Gerbergasse. Hier hatte einst die Schweizerische Volksbank ihren Sitz. Das Gebäude aus dem Jahr 1912 umfasst fünf geräumige Etagen und ein Kellergeschoss. Über 500 Quadratmeter erstreckt sich allein die Schalterhalle, in der heute nicht mehr Geld ein- und ausgezahlt, sondern Kaffee serviert wird. Weitläufige Treppenhäuser, edles Holz, massiver Granit und Ornamentverzierungen prägen das Bild.

Zwei Jahre lang war dieses Schmuckstück ungenutzt, bevor es Häni 1999 gemeinsam mit ein paar Freunden übernahm. Ohne die üblichen Referenzen hatten sie die Großbank Credit Suisse überzeugt, ihnen die Immobilie abzutreten. Lukas Mühlemann, der damalige Bankchef, hatte Gefallen an dem ungewöhnlichen Vorhaben gefunden, eine Stiftung, die Kulturprojekte unterstützt, finanzierte den Kauf. Der Preis betrug sechs Millionen Euro. "Entscheidend war der Mut, es zu tun – auf allen Seiten", sagt Häni. Sein Verdienst: Er brachte alle Seiten zusammen. Viele seiner Geschichten tragen diese Signatur.

Verfassungsartikel

Daniel Häni und sieben Mitstreiter haben im April 2012 die Volksinitiative "Für ein bedingungsloses Grundeinkommen" in Basel lanciert. Ihr Ziel ist es, in die Schweizer Bundesverfassung einen neuen Artikel einzuführen: "1. Der Bund sorgt für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. 2. Das Grundeinkommen soll der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglichen. 3. Das Gesetz regelt insbesondere die Finanzierung und die Höhe des Grundeinkommens."

Volksabstimmung

Am 4. Oktober 2013 soll die Initiative mit einer größtmöglichen Zahl von Unterschriften bei der Bundeskanzlei in Bern eingereicht werden. Da bereits mehr als die geforderten 100.000 Stimmen gesammelt worden sind, ist es ziemlich sicher, dass es zu einer Volksabstimmung kommen wird. Um eine Reserve zu haben für den Fall, dass Unterschriften – etwa wegen eines Umzugs eines Bürgers – nicht beglaubigt werden können, wird weitergesammelt. Dabei hilft auch Daniel Hänis Tochter Saba Marilola Wili.

Das Kaffeehaus hat heute mehr als tausend Gäste jeden Tag, der Umsatz beläuft sich auf rund 2,5 Millionen Euro im Jahr. Zu den Besonderheiten gehört, dass es den Gästen freisteht, ob sie etwas bestellen oder nicht. Es gibt in diesem Café keinen Zwang zu konsumieren, und schon allein dieser Umstand sorgt für eine einladende Atmosphäre. Der Kaffee ist gut, die Preise sind schweizüblich hoch, dafür gibt es allerdings auch WLAN. Kinder haben Platz zum Spielen.

Hin und wieder wird die alte Schalterhalle als Tanzfläche oder Ausstellungsraum genutzt. Im Keller gibt es neben dem alten Banktresor eine Theaterbühne. In den oberen Etagen sind Büros, die von Journalisten und Programmierern genutzt werden, und Praxen von Therapeuten. Im Herzen der Rheinmetropole ist über die Jahre eine kreative Plattform entstanden.

In Daniel Hänis Büro ist an der Wand hinter seinem Schreibtisch in weißer Schrift auf goldenem Grund eine Frage zu lesen: "Was würden Sie arbeiten, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre?" Eine der Ideen, die Häni seit einiger Zeit bewegt, ist die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Der Staat soll den Bürgern bis zu 2.500 Franken im Monat zahlen, ohne dass sie etwas dafür tun müssen. Im vergangenen April startete Häni zusammen mit anderen eine Volksinitiative zum Grundeinkommen. Sie haben inzwischen so viele Unterschriften gesammelt, dass es bald für eine Volksabstimmung reicht (siehe Kasten).

Leserkommentare
  1. Das Grundeinkommen hat viele Tücken,einige Beispiele:

    -Begrenzung und damit Diskriminierung auf Einheimische oder dürfen auch Zuwanderer ein Grundeinkommen kassieren?
    -Kranke,Behinderte,Spass und Partysüchtige würden schlechter gestellt als heute,ebenso Menschen die sich nicht in den Arbeitsmarkt integrieren können (aus psychischen oder sonstigen Gründen)
    für diese Gruppen würde alles teurer werden,ihre Lebensqualität sinken
    -viele würden ihren Traumberuf stoisch verfolgen auch bei Misserfolg,denn die Basisversorgung ist ja sichergestellt,es gäbe vermutlich ganze Landstriche voller Schauspieler,die aber anders als in LA nicht kellnern müssten.

    das tragische ist,das Idee funktioniert,wenn man sie leicht modifiziert,also zum bedingungsVOLLEN Grundeinkommen verändert.Zum Beispiel werden alle Immobilieninhaber (grundbuch) oder Vermögende ausgenommen.
    Dies würde Bedeuten:
    -hohe Lebensqualität für jeden
    -hochmotivierte Menschen in Billigjobs,die ihre Villa retten wollen etcpp
    -kreative Umverteilung ,Besitz wird zu mehr Ideen zwingen etcpp

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    >>Begrenzung und damit Diskriminierung auf Einheimische oder dürfen auch Zuwanderer ein Grundeinkommen kassieren?<<

    Streng theoretisch müßten alle das BGE bekommen, richtig.
    Rein praktisch wird das nicht möglich sein. Grund: man muß den finanziellen Umfang eines BGE natürlich planen können.

    >>Kranke,Behinderte,Spass und Partysüchtige würden schlechter gestellt als heute,ebenso Menschen die sich nicht in den Arbeitsmarkt integrieren können (aus psychischen oder sonstigen Gründen) für diese Gruppen würde alles teurer werden,ihre Lebensqualität sinken<<

    Warum?
    Kranke und Behinderte erhalten - wie alle anderen - ihr BGE zusätzlich zu anderen Leistungen wie z.B. der Behindertenrente. Andere gehen arbeiten und kriegen BGE obendrauf. Die Partysüchtlinge und Spaßfanatiker müßten mit der Kohle einfach auskommen, ihr Problem.

    >>viele würden ihren Traumberuf stoisch verfolgen auch bei Misserfolg,denn die Basisversorgung ist ja sichergestellt...<<

    Das macht aber nichts, die Welt wird dadurch nicht schlechter als vorher.

    >>Zum Beispiel werden alle Immobilieninhaber (grundbuch) oder Vermögende ausgenommen.<<

    Man könnte eine Ausstiegsklausel einbauen. Wenn man nicht will, kriegt man die Kohle eben nicht, einfache Registrierung beim Amt, fertig. Wenn man es dann doch will, muß man sich halt melden. Und wer mehr als 1 Million liquide hat, darf auch ausgenommen werden. Das wäre diskutabel in meinen Augen.

    Dummerweise beraubt das BGE die jetzigen Drahtzieher ihrer Machtbasis.

    • gkh
    • 18. Juni 2013 13:03 Uhr

    Begrenzung und damit Diskriminierung auf Einheimische oder dürfen auch Zuwanderer ein Grundeinkommen kassieren?

    Das Problem ließe sich mit einem Bürgerkonto lösen: Steuern werden gutgeschrieben, Grundeinkommen und andere staatliche Leistungen werden abgezogen. Subventionen an die Wirtschaft müsste man den Unternehmenseignern ebenfalls auf deren Bürgerkonto belasten.

    Für Ausländer könnte man dann festlegen, dass sie nur so lange Grundeinkommen ausgezahlt bekommen wie ihr Bürgerkonto im Haben ist.

    Bei Einheimischen könnte man ein Soll im Bürgerkonto mit dem Nachlass verrechnen, und die Erben bekommen nur, was übrigbleibt.
    Bei Arbeitslosen könnte man das Grundeinkommen kürzen, sobald das Bürgerkonto im Soll ist (z.B. muss, wer nicht arbeitet, weniger mobil sein).

    Das Bürgerkonto würde transparente Statistiken über den Wohlstand liefern. Und darüber, wer tatsächlich wieviel Anteil an den Staatsausgaben trägt und wer tatsächlich wieviel Leistungen vom Staat erhält.

  2. Ein Alptraum der Finanzindustrie und Wirtschaftseliten, denn damit würde ihre einzige Machtbasis wegbrechen!
    Das Hamsterrad käme zum stehen und freie, unabhängige Menschen würden beginnen das System in frage zu stellen.

    Eher kaufen Eskimos massenhaft Gefriertruhen als das sich dieses vernünftige Konzept durchsetzen würde.

    Die Propagandamaschine, die dann angeworfen werden würde, käme einem Dauerbeschuss gleich, der jeden Anhänger dieser Idee freiwillig die weiße Fahne schwenken lassen würde.

    Oder, die tun uns vorher was ins Trinkwasser. ;-)

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    Ganz so schwarz sehe ich es nicht. Es gibt gute Gründe für das bedingungslose Grundeinkommen und die Idee nimmt mehr und mehr Fahrt auf. Wenn schon die Schweiz eine Volksabstimmung startet, dann rückt diese Idee in greifbare Nähe. Auf EU-Ebene gibt es ebenfalls den Versuch, ein bedingungsloses Grundeinkommen innerhalb der EU durchzusetzen:

    http://basicincome2013.eu...

    Womit Sie allerdings recht haben, ist die Tatsache, dass dies von Wirtschaft und Politik nicht gewollt ist. Die Machtverhältnisse würden sich verschieben und es würde eine Art Augenhöhe zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern entstehen. Ein Albtraum für die Wirtschaft. Bewerber und Arbeitnehmer, die Forderungen stellen können und nicht jede schlecht bezahlte Arbeit annehmen müssen. Manche Jobs müssten besser bezahlt werden, manches würde dadurch teurer werden.

    Wer glaubt, alle würden schlagartig auf der faulen Haut liegen, der irrt. Es ist eine Art Grundsicherung, die einem mehr Wahlfreiheit erlaubt. Vielleicht würde mancher nur noch Teilzeit arbeiten und sich an anderer Stelle selbst verwirklichen. Neue Ideen könnten entstehen, weil man es sich leisten könnte, auch mal zu scheitern. Wir werden sehen. Ich bin optimistisch, dass das bedingungslose Grundeinkommen gar nicht mehr so weit entfernt ist. Wenn einer erst einmal damit beginnt, werden andere schnell folgen. Wer weiß, vielleicht ist die kluge Schweiz ja bald soweit. Ich drücke die Daumen.

    die Amerikaner bekämen ein Grundeinkommen, mit der sich bescheiden aber menschenwürdig leben ließe. Zumal der Gedanke der Freiheit im Gedanken des Grundeinkommens dem amerikanischen Vorstellungen entspräche. Das würde das Land von der Propaganda, die jeden Tag im Fernsehen läuft und vom Hamsterrrad des harten amerikanischen Kapitalismus befreien und vor allem die ethnischen Spannungen lindern. Kurzum. das Land hätte sich neu erfunden.

    Hier in Deutschland würde es keine Rentenproblematik mehr geben, weil es keinen Sinn macht zu sparen, wenn man von der Liege bis zur Bahre ein sicheres Einkommen erhält. Damit verbunden hätte es vielleicht sogar keine Wirtschaftskrise gegeben, die nur deshalb entstanden ist, weil die vielen Menschen im Irrglauben einer kapitalgedeckten Altersrente den Markt mit viel zuviel Geld überschwemmt haben auf der Suche nach einer profitablen Anlagemöglichkeit...

    Aber eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als das ich so etwas noch zu meinen Lebzeiten erleben werde.

  3. Leider wird hier anhand eines einzelnen positiven Beispiels suggeriert, dass durch das BGE alles viel schöner und besser würde, weil die Menschen ja so unheimlich motiviert, arbeitssam und kreativ sind. Natürlich gibt es solche Menschen, aber das sind doch längst nicht alle!

    Und wie fast immer: Der Finanzierungsaspekt wird komplett ausgeblendet. Für DL betrügen die Kosten des BGEs ca 450. Mrd. (Quelle: Finanz-Experte auf Phoenix) - das ist ca. das Doppelte des gesamten Bundeshaushalts!! Aber durch harte Fakten werden solche bunten Tagträume ja so unschön gestört, man befasst sich lieber nicht mit den gewaltigen Steuerlasten, die das bedeuten würde und träumt weiter, indem man nur an all die schönen Dinge denkt, die die Menschen mit einem BGE tun können.

    Und dass hier ein Betriebswirt und eben KEIN (aktiv wissenschaftlich tätiger) Volkswirt dazu befragt wird, ist in etwa so, als würde man einen Historiker befragen, wie die Bedingungen in der Eiszeit waren, oder einen Meteorologen, wie schlimm der Klimawandel wird etc. - das ist halt einfach nicht sein Fachgebiet.

    Ich fände das BGE ja gut, aber ein Ferrari in meiner Garage wäre auch toll - aber deswegen ignoriere ich nicht, dass das nunmal nicht bezahlbar ist. Statt Utopien nachzuhängen, sollten wir uns lieber bemühen, die reale Arbeitswelt immer wieder ein Stückchen besser zu machen und eben nicht mit solchen Abenteuern den Bankrott der gesamten Volkswirtschaft (und damit das Wohl der meisten Menschen im Lande) riskieren.

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    >>Und wie fast immer: Der Finanzierungsaspekt wird komplett ausgeblendet. Für DL betrügen die Kosten des BGEs ca 450. Mrd. (Quelle: Finanz-Experte auf Phoenix) - das ist ca. das Doppelte des gesamten Bundeshaushalts!!<<

    Hoffentlich hat das nicht auch ihr Finanzexperte gesagt, das wären nämlich "nur" etwa 50% mehr als der aktuelle Bundeshaushalt, der beträgt ungefähr 300 Milliarden.

    http://www.sueddeutsche.d...

    Und wie fast immer: Viele Menschen bringen dieses Finanzargument und vergessen dabei aber gerne zu erwähnen, daß ein BGE letzlich ALLE Transferleistungen des Staates ersetzen soll.
    Allein für Hartz IV in Deutschland ergibt das gute 17 Milliarden nur für die Verwaltungskosten(!). Es gibt in D weit über 100 unterschiedliche Transferleistungen des Staates, all das würde schlicht wegfallen und ersetzt.

    Anfangs wären die Kosten natürlich höher, denn sie können jemanden, der 40 Jahre für eine Rente gearbeitet hat, die über dem BGE liegt, das "zuviel" ja nicht einfach wegnehmen. Aber insgesamt würde das für D weniger kosten als eine Bankenrettung.

    Noch besser als ein BGE wäre es eigentlich nur, das Geld direkt abzuschaffen :D

  4. Ich finde es auch eher traurig, daß sich unsere Gesellschaft nur darum dreht zu malochen um Kohle ranzuschaffen, aber betrachten wir es mal realistisch...
    Wer würde Sinn daraus Müll zusammen zu fahren und zu sortieren oder unter Tage zu ackern?
    Es würden schlicht viele Aufgaben liegen bleiben, wenn es nur doch um Sinnstiftung ginge.

    Das Grundeinkommen mag eine im Ansatz interessante Idee sein, doch es bleiben zu viele Fragen offen. Woher kommt die Finanzierung, wenn viele von Diesem leben und damit keine Steuern zahlen, und wer macht die Jobs die keiner für sich als Sinnstiftend betrachtet?

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    "Es würden schlicht viele Aufgaben liegen bleiben, wenn es nur doch um Sinnstiftung ginge."

    Nein, nicht unbedingt. Sie müssten nur besser bezahlt werden. Schlimm?

    Wenn man mal von den vielfach diskutierten 800 bis 900 Euro ausgehen würde, dürfte klar sein, dass die meisten Menschen auch weiterhin einer geregelten Tätigkeit nachgehen werden. Wieso gibt es so viele Friseure, wenn diese schlecht bezahlt werden? Irgendwas muss also dran sein an der Sinnstiftung. So mancher findet es eben auch sinnstiftend, Müll zu sammeln. Aber vielleicht müsste man diesen Job etwas besser bezahlen, damit ihn noch jemand macht. Es gibt chronisch unterbezhalte Jobs in diesem Land, die alle gemacht werden müssen. Wenn Menschen die Wahl hätten, müsste man sie einfach nur besser bezahlen und nicht darauf hoffen, dass irgendein Depp, in dem Fall der Staat, diese Art der Jobs aufstockt.

    Es ist genug Geld in diesem Land vorhanden. Und geht man davon aus, dass das BGE nur eine Art Grundsicherung darstellt, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können, welches einem im Zweifel auch mal die Wahl lässt, etwas nicht zu tun, statt staatlich drangsaliert durch HartzIV alles annehmen zu müssen, was einem angeboten wird, werden die Menschen auch weiterhin arbeiten gehen. Aber vielleicht nicht mehr um jeden Preis. Das ist richtig und auch gut so!

    Ich glaube genau hier ist die Crux: Solche "niedrigen" Arbeiten werden gesellschaftlich nicht anerkannt, deshalb nicht als "sinnstiftend" empfunden. Unsere Gegenwart ist nicht nur von Immobilien- und Finanzblasen durchsetzt, sondern auch von Wertblasen. Der gesellschaftliche Wert einer Arbeit wird an dem Einkommen gemessen, das einer damit erzielt, was an sich schon völlig absurd ist. Aber wer über ein gewisses Vorstellungsvermögen verfügt (oder, in diesem speziellen Fall, je "Monument für John Kaltenbrunner" gelesen hat), weiß, dass ein Müllmann wesentlich mehr zu einer lebenswerten Gesellschaft beiträgt, als beispielsweise ein Banker oder Versicherungsvertreter. Ich stünde sofort auf der Pritsche, wenn es sich einigermaßen lohnen würde und ich mir im Gegenzug ein paar schöne Dinge leisten könnte, und mehr Zeit zur freien Verfügung hätte.

    • adreng
    • 17. Juni 2013 21:07 Uhr

    BGE-Befürworter betrachten die Angelegenheit meist sehr oberflächlich und tun so, als ob die Finanzierung kein Problem sei und der Widerstand nur von daher komme, dass Leute "Mühe mit neuen Ideen" hätten (oder ähnliche Phrasen).

    Wenn man es weniger oberflächlich anschaut, wird schnell klar, dass es nicht so einfach wäre. Ein BGE zusätzlich zum bisherigen Einkommen wäre offensichtlich viel zu teuer (das will auch Häni nicht). Das Modell von Häni würde offensichtlich insbesondere bei Mehrpersonenhaushalten zu einem starken Druck, dass eine Person die Erwerbstätigkeit aufgibt, führen (gerade in der Schweiz, wo z.B. Kosten für Kinderkrippen sehr hoch sind, wäre dieser Druck besonders groß, und dass Steuern für die Finanzierung des Grundeinkommens erhöht werden müssten, würde den Druck auch erhöhen). Faktisch würde das wohl bedeuten, dass vor allem viele Frauen aus dem Erwerbsleben gedrängt würden, um als Hausfrauen ein Grundeinkommen zu beziehen - und die Grundeinkommen für die neuen Hausfrauen, die sonst gearbeitet hätten, müssten zusätzlich finanziert werden, was zu hohen Belastungen führen würde, und der Druck zu Einverdienerhaushalten wäre meines Erachtens ein gewaltiger gesellschaftlicher Rückschritt.

    Völlig ungelöst ist auch die Frage, wann Einwanderer ein Grundeinkommen beziehen - faktisch wäre die Folge wohl eine Zweiklassengesellschaft von BGE-Berechtigten und Diskriminierten ohne BGE-Berechtigung.

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    Soweit ich das verstanden habe, gibt es das Grundeinkommen nicht zusätzlich zum normalen Einkommen, sondern es "wächst" in das normale Einkommen hinein, ist also ein Teil des Lohns, nur halt sicher.

    Ich finde viel eher, dass die Leute, die das BGE aus Kostengründen von vorneherein ablehnen, diejenigen sind, die den Sachverhalt oberflächlich betrachten. Soll das BGE funktionieren, ist selbstverständlich ein sehr gut durchdachtes, komplexes Konzept notwendig. Dies bezieht sich insbesondere auf die Finanzierung.
    Selbst ein BGE zusätzlich zum normalen Gehalt wäre durchaus finanzierbar, da natürlich bei Gutverdienern die Steuern so abgehoben werden, dass das BGE wieder über die Steuer eingezogen wird. Bei den Gutverdienern ist es also ein Nullsummenspiel. Genauso bei Rentnern. Dann gibt es endlose Einspareffekte, insbesondere was die Sozialleistungen (Sozialhilfe, Kindergeld, Pflegegeld, Betreuungsgeld, Bafög etc.) und den damit verbundenen Verwaltungsapparat anbelangt. Des Weiteren könnten Lohnkosten und Lohnnebenkosten in vielen Bereichen signifikant sinken und die Wirtschaft so wettbewerbsfähiger werden. Die Zeit reicht nicht aus, um hier die Finanzierung komplett darzustellen, aber mir scheint sie durchaus möglich.
    Auch lasse ich es nicht gelten, dass deshalb Frauen nicht mehr arbeiten. Zum einen können genauso gut die Männer zuhause bleiben oder weil der finanzielle Druckk nicht mehr so groß ist, die Frau nur halbtags arbeiten, weil sie gerne einen halben Tag mit dem Kind verbringen möchte. Außerdem darf man ja nicht vergessen, dass das ind auch BGE bekomemn kann und so selbst für den Kitaplatz aufkommen kann. Im Hinblick auf Einwanderer gibt es sicher auch Lösungen...

  5. Ganz so schwarz sehe ich es nicht. Es gibt gute Gründe für das bedingungslose Grundeinkommen und die Idee nimmt mehr und mehr Fahrt auf. Wenn schon die Schweiz eine Volksabstimmung startet, dann rückt diese Idee in greifbare Nähe. Auf EU-Ebene gibt es ebenfalls den Versuch, ein bedingungsloses Grundeinkommen innerhalb der EU durchzusetzen:

    http://basicincome2013.eu...

    Womit Sie allerdings recht haben, ist die Tatsache, dass dies von Wirtschaft und Politik nicht gewollt ist. Die Machtverhältnisse würden sich verschieben und es würde eine Art Augenhöhe zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern entstehen. Ein Albtraum für die Wirtschaft. Bewerber und Arbeitnehmer, die Forderungen stellen können und nicht jede schlecht bezahlte Arbeit annehmen müssen. Manche Jobs müssten besser bezahlt werden, manches würde dadurch teurer werden.

    Wer glaubt, alle würden schlagartig auf der faulen Haut liegen, der irrt. Es ist eine Art Grundsicherung, die einem mehr Wahlfreiheit erlaubt. Vielleicht würde mancher nur noch Teilzeit arbeiten und sich an anderer Stelle selbst verwirklichen. Neue Ideen könnten entstehen, weil man es sich leisten könnte, auch mal zu scheitern. Wir werden sehen. Ich bin optimistisch, dass das bedingungslose Grundeinkommen gar nicht mehr so weit entfernt ist. Wenn einer erst einmal damit beginnt, werden andere schnell folgen. Wer weiß, vielleicht ist die kluge Schweiz ja bald soweit. Ich drücke die Daumen.

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    • nobuo
    • 18. Juni 2013 10:23 Uhr

    Zitat:
    "Es ist eine Art Grundsicherung, die einem mehr Wahlfreiheit erlaubt. [...] Neue Ideen könnten entstehen, weil man es sich leisten könnte, auch mal zu scheitern."

    Scheitern kann man sich Ihrer Meinung nach also in einem Land mit einem der umfangreichsten sozialen Sicherungssysteme nicht leisten? Trifft nicht eher das Gegenteil zu. Ein Blick über den Tellerrand zeigt doch, dass z.B. in den USA eine deutliche größere Bereitschaft zum unternehmerischen und allgemein beruflichen Risiko besteht, obwohl nur eine rudimentäre soziale Absicherung vor dem Totalabsturz schützt (Leben in Autos nach Ausbruch der Finanzkrise etc..). Eric Hanson hat das in seiner Kolumne sehr schön zusammengefasst:
    http://www.zeit.de/wirtsc...

    Meiner Meinung nach ist es eine Illusion zu glauben, ein BGE würde zu mehr Unternehmertum führen (außer vielleicht bei Schnapsideen ohne Chance auf dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg).

  6. "Es würden schlicht viele Aufgaben liegen bleiben, wenn es nur doch um Sinnstiftung ginge."

    Nein, nicht unbedingt. Sie müssten nur besser bezahlt werden. Schlimm?

    Wenn man mal von den vielfach diskutierten 800 bis 900 Euro ausgehen würde, dürfte klar sein, dass die meisten Menschen auch weiterhin einer geregelten Tätigkeit nachgehen werden. Wieso gibt es so viele Friseure, wenn diese schlecht bezahlt werden? Irgendwas muss also dran sein an der Sinnstiftung. So mancher findet es eben auch sinnstiftend, Müll zu sammeln. Aber vielleicht müsste man diesen Job etwas besser bezahlen, damit ihn noch jemand macht. Es gibt chronisch unterbezhalte Jobs in diesem Land, die alle gemacht werden müssen. Wenn Menschen die Wahl hätten, müsste man sie einfach nur besser bezahlen und nicht darauf hoffen, dass irgendein Depp, in dem Fall der Staat, diese Art der Jobs aufstockt.

    Es ist genug Geld in diesem Land vorhanden. Und geht man davon aus, dass das BGE nur eine Art Grundsicherung darstellt, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können, welches einem im Zweifel auch mal die Wahl lässt, etwas nicht zu tun, statt staatlich drangsaliert durch HartzIV alles annehmen zu müssen, was einem angeboten wird, werden die Menschen auch weiterhin arbeiten gehen. Aber vielleicht nicht mehr um jeden Preis. Das ist richtig und auch gut so!

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    Antwort auf "Berechtigte Frage..."
  7. Diese Finanzierungsdebatte läuft zwangsläufig aus dem Ruder - im Anhang gibt es den Link zu einem Modell, das ich an anderer Stelle schon vorgestellt habe.
    Ob man es nun über Verbrauchssteuern oder eine Umlage im Einkommenssteuersystem etablieren möchte:
    Machbar ist ein Grundeinkommen in jedem Fall - man muss es nur wollen und dafür gesellschaftliche Mehrheiten organisieren. Dann ist es jedoch wirklich revolutionär.

    http://herrbecker.wordpre...

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