Was bewegt Daniel Häni? : Der Gedankensammler

Er betreibt das größte Kaffeehaus der Schweiz und wirbt für ein Grundeinkommen ohne Arbeit
Wie bei Wilhelm Tell: Daniel Häni in seinem Café in Basel

Es ist ziemlich kalt an diesem Tag, aber Daniel Häni zieht es vor, draußen zu sitzen. Er trinkt einen Latte macchiato und sagt: "Ich liebe frische Luft." In seiner Hand hält er allerdings eine filterlose Zigarette. Er zieht daran und sagt: "Es mangelt nicht an Ideen, die Welt zu gestalten, aber wir nehmen sie zu wenig ernst. Als wir das Unternehmen hier starteten, dachte ich: Es muss ein Labor fürs Ungewisse werden."

Das Unternehmen, von dem Häni spricht, heißt unternehmen mitte. Es liegt in Basel und ist das größte Kaffeehaus der Schweiz. Es ist ein besonderes Café, und Häni ist ein besonderer Mensch.

Der Gründer und Geschäftsführer des Kaffeehauses spricht gern über Ungewissheit. Sie ist für den 47-Jährigen nichts Beängstigendes, sondern der Rohstoff, aus dem die Zukunft gewonnen wird. Nur was ungewiss sei, lasse sich formen, sagt er. "Es braucht Orte, an denen Ideen reifen können." Einen solchen Ort hat Häni kreiert, er nennt sich selbst einen "Kulturraumschaffenden".

Das Kaffeehaus befindet sich in einem historistischen Bau von stattlicher Schlichtheit in der Baseler Gerbergasse. Hier hatte einst die Schweizerische Volksbank ihren Sitz. Das Gebäude aus dem Jahr 1912 umfasst fünf geräumige Etagen und ein Kellergeschoss. Über 500 Quadratmeter erstreckt sich allein die Schalterhalle, in der heute nicht mehr Geld ein- und ausgezahlt, sondern Kaffee serviert wird. Weitläufige Treppenhäuser, edles Holz, massiver Granit und Ornamentverzierungen prägen das Bild.

Zwei Jahre lang war dieses Schmuckstück ungenutzt, bevor es Häni 1999 gemeinsam mit ein paar Freunden übernahm. Ohne die üblichen Referenzen hatten sie die Großbank Credit Suisse überzeugt, ihnen die Immobilie abzutreten. Lukas Mühlemann, der damalige Bankchef, hatte Gefallen an dem ungewöhnlichen Vorhaben gefunden, eine Stiftung, die Kulturprojekte unterstützt, finanzierte den Kauf. Der Preis betrug sechs Millionen Euro. "Entscheidend war der Mut, es zu tun – auf allen Seiten", sagt Häni. Sein Verdienst: Er brachte alle Seiten zusammen. Viele seiner Geschichten tragen diese Signatur.

Das Kaffeehaus hat heute mehr als tausend Gäste jeden Tag, der Umsatz beläuft sich auf rund 2,5 Millionen Euro im Jahr. Zu den Besonderheiten gehört, dass es den Gästen freisteht, ob sie etwas bestellen oder nicht. Es gibt in diesem Café keinen Zwang zu konsumieren, und schon allein dieser Umstand sorgt für eine einladende Atmosphäre. Der Kaffee ist gut, die Preise sind schweizüblich hoch, dafür gibt es allerdings auch WLAN. Kinder haben Platz zum Spielen.

Hin und wieder wird die alte Schalterhalle als Tanzfläche oder Ausstellungsraum genutzt. Im Keller gibt es neben dem alten Banktresor eine Theaterbühne. In den oberen Etagen sind Büros, die von Journalisten und Programmierern genutzt werden, und Praxen von Therapeuten. Im Herzen der Rheinmetropole ist über die Jahre eine kreative Plattform entstanden.

In Daniel Hänis Büro ist an der Wand hinter seinem Schreibtisch in weißer Schrift auf goldenem Grund eine Frage zu lesen: "Was würden Sie arbeiten, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre?" Eine der Ideen, die Häni seit einiger Zeit bewegt, ist die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Der Staat soll den Bürgern bis zu 2.500 Franken im Monat zahlen, ohne dass sie etwas dafür tun müssen. Im vergangenen April startete Häni zusammen mit anderen eine Volksinitiative zum Grundeinkommen. Sie haben inzwischen so viele Unterschriften gesammelt, dass es bald für eine Volksabstimmung reicht (siehe Kasten).

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Kommentare

45 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Wie wär's mit einem Bürgerkonto?

Begrenzung und damit Diskriminierung auf Einheimische oder dürfen auch Zuwanderer ein Grundeinkommen kassieren?

Das Problem ließe sich mit einem Bürgerkonto lösen: Steuern werden gutgeschrieben, Grundeinkommen und andere staatliche Leistungen werden abgezogen. Subventionen an die Wirtschaft müsste man den Unternehmenseignern ebenfalls auf deren Bürgerkonto belasten.

Für Ausländer könnte man dann festlegen, dass sie nur so lange Grundeinkommen ausgezahlt bekommen wie ihr Bürgerkonto im Haben ist.

Bei Einheimischen könnte man ein Soll im Bürgerkonto mit dem Nachlass verrechnen, und die Erben bekommen nur, was übrigbleibt.
Bei Arbeitslosen könnte man das Grundeinkommen kürzen, sobald das Bürgerkonto im Soll ist (z.B. muss, wer nicht arbeitet, weniger mobil sein).

Das Bürgerkonto würde transparente Statistiken über den Wohlstand liefern. Und darüber, wer tatsächlich wieviel Anteil an den Staatsausgaben trägt und wer tatsächlich wieviel Leistungen vom Staat erhält.

naja klar

irgendwie erinnert mich das Erwähnen der Machtbasis der sogenannten REICHEN an eine merkwürdige pseudo-linke politische Wandlung diverser politischer "SOZIALER" Parteien in reichern Ländern,zu denen die Schweiz ja auch zählt.Frei nach dem Motto: Revolution,aber ups jetzt habe ich selbst ne Villa und zwei Autos,also bin jetzt nicht mehr wie früher gegen Leute mit einer Villa sondern nur gegen Leute mit zwei Villen,auf diese machtgierigen Reichen.

Natürlich geht es um die Machtbasis von Vermögenden,aber sicher nicht nur um den ominösen Oligarchen,sondern in unsere Familien hinein,bis an unser Konto.Nur so kann es funktionieren.Die oberen zehn Prozent müssten schon vom Grundeinkommen ausgenommen werden.
Und bei anderen Minderheiten,die noch zusätzlich mehr geld benötigen braucht es eben mehr finanzielle Mittel zum Ausgleich.

Lustig ,aber nicht überraschend,daß bereits Leute mit kleinem Reihenhaus nicht von einem Grundeinkommen ausgenommen werden wollen.
Bei einem Grundeinkommen,daß an die ärmere Hälfte der Gesellschaft ausgezahlt werden würde (für politische Mehrheiten sinnigerweise die unteren 60-70 prozent) würde funktionieren und wäre politisch auch durchsetzbar.

Aber da der Kampf um die Pfründe bereits mit Handtüchern in Mallorca ausgefochten wird,bleibt alles wohl ein Traum.
Nichtsdestotrotz:

Politisch durchsetzbar ist die "Aktivierung" der oberen dreissig Prozent durch den Rest der Gesellschaft allemal.

Da fehlt neben RTL2 manchmal einfach Kant im Bücherregal.

BGE führt nicht zwangsläufig zu mehr Unternehmertum

Zitat:
"Es ist eine Art Grundsicherung, die einem mehr Wahlfreiheit erlaubt. [...] Neue Ideen könnten entstehen, weil man es sich leisten könnte, auch mal zu scheitern."

Scheitern kann man sich Ihrer Meinung nach also in einem Land mit einem der umfangreichsten sozialen Sicherungssysteme nicht leisten? Trifft nicht eher das Gegenteil zu. Ein Blick über den Tellerrand zeigt doch, dass z.B. in den USA eine deutliche größere Bereitschaft zum unternehmerischen und allgemein beruflichen Risiko besteht, obwohl nur eine rudimentäre soziale Absicherung vor dem Totalabsturz schützt (Leben in Autos nach Ausbruch der Finanzkrise etc..). Eric Hanson hat das in seiner Kolumne sehr schön zusammengefasst:
http://www.zeit.de/wirtsc...

Meiner Meinung nach ist es eine Illusion zu glauben, ein BGE würde zu mehr Unternehmertum führen (außer vielleicht bei Schnapsideen ohne Chance auf dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg).

Sinnstiftend

Ich glaube genau hier ist die Crux: Solche "niedrigen" Arbeiten werden gesellschaftlich nicht anerkannt, deshalb nicht als "sinnstiftend" empfunden. Unsere Gegenwart ist nicht nur von Immobilien- und Finanzblasen durchsetzt, sondern auch von Wertblasen. Der gesellschaftliche Wert einer Arbeit wird an dem Einkommen gemessen, das einer damit erzielt, was an sich schon völlig absurd ist. Aber wer über ein gewisses Vorstellungsvermögen verfügt (oder, in diesem speziellen Fall, je "Monument für John Kaltenbrunner" gelesen hat), weiß, dass ein Müllmann wesentlich mehr zu einer lebenswerten Gesellschaft beiträgt, als beispielsweise ein Banker oder Versicherungsvertreter. Ich stünde sofort auf der Pritsche, wenn es sich einigermaßen lohnen würde und ich mir im Gegenzug ein paar schöne Dinge leisten könnte, und mehr Zeit zur freien Verfügung hätte.