Ein deutsches Opernhaus beschließt, eine Inszenierung vom Spielplan zu nehmen, weil sich nach der Premiere einige Zuschauer in ärztliche Betreuung ("traumatisiert") begeben mussten. Ein führender SPD-Politiker denkt laut darüber nach, auf deutschen Autobahnen ein Tempolimit von 120 km/h einzuführen. Die Grünen legen in ihrem Parteiprogramm fest, dass der ermäßigte Mehrwertsteuersatz nicht länger für Fast Food gelten soll und Wildtiere nicht in den Zirkus gehören.

Nein, es ist nicht schön, wenn die letzten Kulturbürger, die es in diesem Land noch gibt, im Opernhaus einen Nervenzusammenbruch erleiden, weil ihnen der Regisseur Unsägliches zumutet. Ohne Zweifel ließen sich tödliche Unfälle verhindern und wäre das Klima auf deutschen Autobahnen insgesamt ein freundlicheres, wenn keiner mehr mit 200 Stundenkilometern angeschossen käme. Und vermutlich enthält auch die Hüttenkäse-Sprossen-Dinkel-Stulle mehr verdauungsfreundliche Ballaststoffe als der Cheeseburger.

Für alle der angeführten Entscheidungen und Vorhaben aus den letzten Wochen und Monaten lassen sich vernünftige Gründe nennen, und ich bin die Letzte, die sich nicht freut, wenn Menschen sich von der Vernunft leiten lassen. Was gibt es Humaneres, als sowohl mit sich selbst als auch mit allen anderen Geschöpfen behutsam umzugehen? Dennoch fasst mich ein wachsendes Grauen, wenn ich mir anschaue, in welchem Tempo wir dabei sind, uns immer neue Gitterstäbe um unsere Existenz zu bauen. Die Wohlmeinenden, die uns in diesen Tagen einem Vernunftregime unterwerfen, dass man denken könnte, Immanuel Kant sei im Gewand des Real-Robespierre auf Erden zurückgekehrt, werden dieses Bild natürlich strikt zurückweisen. Bereits das Wort "Gitterstäbe" dürfte ihnen anstößig erscheinen. In Zeiten, in denen alles barrierefrei zu sein hat, niemand ausgegrenzt, dafür jeder "abgeholt" werden soll, wäre es opportuner, von "Impulsen zur freiwilligen Selbstkontrolle" zu sprechen. Der aktuelle Tugendterror vermeidet die klirrenden Töne. Er kommt auf Samtpfoten daher. Das macht ihn umso unheimlicher.

Bereits vor fünf Jahren, als die EU daranging, den blauen Dunst aus dem öffentlich-geschlossenen Raum und die gute alte Glühbirne aus jeglichem Raum zu verbannen, während der Körner kauende, Nordic walkende, sich stets korrekt ausdrückende Abstinenzler begann, zum Idealbild des europäischen Bürgers aufzusteigen, befiel mich die Furcht, auf meine mittelalten Tage nun doch noch in jenem Kindergarten zu landen, den meine Eltern mir in jungen Jahren erspart hatten. Denn das ist die Dialektik der Aufklärung, wie wir sie zu Beginn des 21. Jahrhunderts erleben: Einerseits soll die Vernunft in allen Lebensbereichen durchgesetzt werden, andererseits trauen mir die Hüter des kategorischen Imperativs immer weniger zu, dass ich selbst über die Urteilskraft verfüge, die Grenzen zu ziehen, innerhalb derer ich mich gemäß dieses Imperativs verhalte und außerhalb derer ich meinen Launen freien Lauf lassen darf. Was Kant sich nicht hätte träumen lassen: Die allgemeine Rationalisierung befördert die allgemeine Entmündigung, sprich Infantilisierung.

Die Welt ist voller Tücken und Kanten, an denen ich mich stoßen kann. Schaffen wir eine bessere Welt, indem wir versuchen, alle, wirklich alle Tücken und Kanten abzuschleifen oder zumindest mit Schaumstoff zu polstern? Oder sind wir vielmehr dabei, unsere Welt in eine gewaltige Hüpfburg zu verwandeln, die zudem nur betreten darf, wer bereit ist, alle spitzen Gegenstände ab- und einen Kopfschutz anzulegen?

Von Anbeginn bestand der Prozess der Zivilisation darin, nicht bloß die raue, feindliche, äußere Natur zu domestizieren, sondern ebenso die innere. Und schon immer war jeder Zugewinn an sozialer, gesellschaftlicher Sicherheit, den die inneren Domestizierungen mit sich brachten, ein Verlust an Freiheit. Die Menschheitskunst besteht darin, Sicherheit und Freiheit in eine – ja: vernünftige Balance zu bringen.

Menschen können zerbrechen, weil sie mit ihrem eigenen Leben Vabanque spielen oder weil sie von anderen beleidigt, ausgestoßen, gedemütigt werden. Menschen können auch lebendigen Leibes erstarren, weil ihnen von allen Seiten eingeimpft wird, sich selbst und den Rest der Welt wie rohe Eier zu behandeln. Wenn Rücksichtnahme jedoch zum totalitären Konzept erhoben wird, das jede Lebensregung kontrollieren soll, geht es nicht nur der Waghalsigkeit, sondern mit ihr der Vitalität, Spontaneität, Kreativität an den Kragen.

Mündigkeit heißt, einschätzen zu können, was ich mir selbst und meiner Umwelt zumuten darf. Leben heißt, mich von Verletzungen nicht niederstrecken zu lassen. Wie soll ich beides erlernen, wenn unsere Gesellschaft zur allgegenwärtigen Gouvernante wird, die fein darauf achtgibt, dass keiner ihrer Schutzbefohlenen über die Stränge schlägt? Man kann sein Leben zu Tode verschwenden, andere zu Tode schinden. Wir sind dabei, uns zu Tode zu schonen.