E-Book-NachlassDigital enterbt

Bücher und Platten aus Opas Nachlass konnte man noch mitnehmen. Bei E-Books und Audiofiles sollte man mit Überraschungen rechnen von 

Trauerseite für Steve Jobs im Netz – sein Vermächtnis macht es Menschen nicht leicht, digitale Güter zu erben.

Trauerseite für Steve Jobs im Netz – sein Vermächtnis macht es Menschen nicht leicht, digitale Güter zu erben.  |  © JAY DIRECTO/AFP/Getty Images

Ein Digital Native, ein Mensch also, der mit dem Internet schon aufgewachsen ist, denkt heute wohl kaum an seinen Tod. In den kommenden gut fünf Jahrzehnten hat er noch viel Zeit, um eine Menge Daten anzuhäufen: Profile in Sozialen Netzwerken und Einkaufslisten zum Beispiel. Er wird Tausende von E-Mails schreiben, Blogeinträge posten und Fotos hochladen. Er wird eBook-Bibliotheken anlegen, digitale Musiksammlungen erstellen und Dinge tun, an die heute noch niemand denkt. Bis er schließlich doch stirbt. Und dann?

Ein Erbe wird vollständiger Rechtsnachfolger des Verstorbenen. Er übernimmt dessen Vermögen und Schulden. Was den Hausrat angeht, sah das lange Zeit so aus: Nach der Beerdigung kam der Erbe mit ein paar Kartons in die Wohnung des Toten, sah dessen alte Briefe durch, durchsuchte die Bücherwand und die Plattensammlung. Er packte ein, was er brauchen konnte und was nötig war, um das Andenken des Gestorbenen zu bewahren. Zu Hause packte er alles wieder aus. Der Rest kam weg.

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Digitale Hinterlassenschaften wie Musikstücke, Fotos, E-Mails und eBooks sind demgegenüber oft mit Nutzerkonten verbunden. Ohne Passwörter bleibt man ausgesperrt. Und wer solch ein digitales Erbe antreten will, kann auf gewaltige Schwierigkeiten stoßen – selbst heute, wo digitale Vermächtnisse noch vergleichsweise klein sind.

"Das deutsche Erb- und Telekommunikationsrecht bleibt noch hinter der weltweiten technologischen Entwicklung zurück. Diese Rechtsunsicherheit darf aber nicht zulasten der Erben und Hinterbliebenen eines Verstorbenen gehen", sagt Peter Bräutigam. Der Münchner Rechtsanwalt arbeitet für die Kanzlei Noerr und hat als einer der Ersten auf dieses Thema aufmerksam gemacht. Auf dem Deutschen Anwaltstag, der derzeit in Düsseldorf stattfindet, werden erste Forderungen an den Gesetzgeber formuliert.

Unternehmen müssen beim Erben mitspielen

Der digitale Nachlass geht nicht nur Erblasser und Erben etwas an. Oft müssen auch Unternehmen mitspielen – etwa Anbieter von E-Mail-Diensten oder Sozialen Netzwerken. Dies gilt insbesondere für Fälle von Cloud Computing, für Angebote also, bei denen die Daten nur noch im Rechenzentrum des Dienstleisters gespeichert werden statt auf der heimischen Festplatte.

Wie bei Facebook zum Beispiel. Die Chroniken im Sozialen Netzwerk bilden einen um Kommentare und Fotos erweiterten Lebenslauf. Hinterbliebene könnten das Nutzerkonto mit allen Veröffentlichungen löschen lassen, teilt Facebook mit. Über eine spezielle Seite müssen sie Dokumente wie die Geburts- und Sterbeurkunde des Toten hochladen, ebenso den Erbschein*. Dann kann ein Eintrag verschwinden.

Die Facebook-Seite eines Verstorbenen könne aber auch in einen Gedenkzustand versetzt werden, sagt eine Firmensprecherin. Dabei bleibe die Seite lediglich für Freunde des Verstorbenen sichtbar, ansonsten aber unauffindbar. Facebook beschreibt das als Form der Trauerkultur, die digitale Lebensspuren einer Person erhält. Um eine Seite in den Gedenkmodus versetzen zu lassen, sind keine offiziellen Dokumente nötig. Neben einer Mitteilung reicht ein Hinweis auf etwas, das den Tod der Person plausibel erscheinen lässt, etwa der Link auf eine Traueranzeige im Netz.

Theoretisch kann jedermann so einen Antrag stellen. Um Falschangaben zu verhindern, droht Facebook bei Missbrauch mit der "Strafe des Meineids". Wobei Scherzkekse sicher sein können: Eine falsche Todesmeldung bei Facebook ist nach deutschem Recht kein Meineid. Unverschämt wäre sie aber allemal.

Wem gehören die E-Mails des Toten?

Google wählt einen anderen Weg. Vor wenigen Wochen hat das Unternehmen einen sogenannten Inactive Account Manager vorgestellt. Dort legt der Nutzer fest, was mit seinen bei Google gespeicherten Daten – zu denen auch E-Mails und Fotos gehören können – geschehen soll, wenn sein Konto eine Zeit lang nicht benutzt wird. Erst wird er selbst per Kurznachricht auf sein Handy gewarnt. Passiert wieder nichts, erhalten zuvor ausgewählte Freunde und Bekannte eine E-Mail. Reagieren auch die nicht, werden die Daten nach einer Weile entweder mit den Freunden geteilt oder von Google gelöscht. Vorteil: Das Verfahren ist unbürokratisch. Nachteil: Man muss sich zu Lebzeiten drum kümmern. Das aber ist für viele Menschen so unangenehm wie das Erstellen eines Testaments.

Facebook und Google sind indes nur zwei große Akteure unter vielen. Die Zahl der Internetdienste ist riesig. Und Fachleute streiten darüber, ob Unternehmen Dinge wie E-Mails eines Verstorbenen rechtlich überhaupt an dessen Erben herausrücken dürfen. "Etliche Provider gehen auf Nummer sicher und lassen die Erben nicht an die E-Mails des Verstorbenen", sagt Anwalt Bräutigam. "Das Telekommunikationsgesetz schützt nämlich auch die Absender von E-Mails – die einer Weitergabe ja normalerweise nicht zugestimmt haben. Bei herkömmlichen Briefen wäre das gar kein Problem. Das zeigt, welche Probleme hier noch zu lösen sind."

Leserkommentare
  1. Und sofern diese nicht vom Deutschen Gesetzgeber gefordert wird, wird es sie auch nicht geben.
    Sehr gut ist das am Spielesektor zu sehen.

  2. Der "über Jahre hinweg gepflegten Musiksammlungen bei Apples iTunes" oder den "liebevoll angelegten eBook-Bibliotheken, die bei Amazon erworben und auf Kindle-Reader gezogen wurden" kann auch schon zu Lebzeiten das Ende drohen.
    Und zwar einfach deshalb, weil es sich bei den Dienstleistungen der großen Firmen um (gewollt) inkompatible Systeme handelt, um Kundenbindung zu betreiben.

    Was, wenn Apple oder Amazon mal pleite gehen sollten? Klar erscheint das jetzt sehr unrealistisch, aber vor zehn Jahren hätte auch niemand gedacht, dass Microsoft jemals Konkurrenz bei Betriebssystemen bekommen könnte - mittlerweile sieht das schon anders aus (iOS, Ubuntu, ChromeOS etc.). Was ist mit Commodore? Auch große Firmen leben nicht immer ewig...

    Außerdem kann es auch sein, dass Apple in vielleicht 20 Jahren iTunes einfach einstellt, weil es eine bessere Methode gibt, sich Musik anzuhören. Dann ist die Musiksammlung auch futsch.

    Besser man kauft Musik nur als mp3 ohne DRM und speichert Dateien grundsätzlich in offenen Formaten auf der eigenen Festplatte (oder meinetwegen auch in der Cloud). So kann man sich relativ sicher sein, dass man die Daten noch lange nutzen kann - mit einem Abspielprogramm oder einem anderen.
    Und wenn es die Musik nicht ohne DRM gibt, dann halt muss man sie halt boykottieren oder als CD kaufen.

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    Ganz so sehr schwarz malen würde ich nicht. Sollte sich beispielsweise Apple wirklich einmal dazu entschließen, iTunes nicht weiter zu unterstützen, wäre die mit diesem Programm erworbene und verwaltete Musiksammlung keinesfalls verloren.

    Alle Musiktitel, die vom Benutzer im iTunes-Store gekauft und anschließend auf die lokale Festplatte (!) heruntergeladen werden, lassen sich auch mit anderen Mediaplayern abspielen (und ggf. verwalten). Der von Apple favorisierte Audio-Codec AAC wird inzwischen von vielen Playern unterstützt, auch DRM ist (zumindest was Musiktitel angeht) im iTunes-Store seit längerer Zeit kein Thema mehr.

    Die Musiksammlung wäre höchstens dann verloren, wenn sie ausschließlich vom Nutzer in der Cloud gebunkert würde und sich der Anbieter des jeweiligen Cloud-Angebotes plötzlich entschließen sollte, seine Dienste ab einem Tag X nicht weiter zur Verfügung zu stellen. Und selbst dann hätte der Nutzer immer noch die Möglichkeit, nach dieser Mitteilung innerhalb eines gewissen Zeitfensters auf einen anderen Anbieter umzusatteln und seine Musikdateien bei diesem zu lagern.

  3. den Kopierschutz entfernen!!!

    Wenn ich für den gleichen Preis ein E-Book kaufe, wie das gedruckte Exemplar, dann ist es meines! Damit mache ich was ich will, Kopierschutz hin oder her, das ist völlig legitim.

    5 Leserempfehlungen
    • mick08
    • 08. Juni 2013 21:47 Uhr

    Ich habe mich tatsächlich schon gefragt, was getan werden kann, um meinen digitalen Reichtum zu vererben. Im Moment geht das wohl nur, wenn ich den Computer samt Passwörter und Konten jemandem anvertraue. Aber legal arbeiten damit wird schwer: da gibt es teure Adobe Lizenzen, teure Fonts etc, da summiert sich wirklich einiges zusammen … nur ist das alles auf meinen persönlichen Namen lizensiert … während das mit der Software von Adobe vielleicht noch zu lösen wäre, sieht es mit den teuren Fontlizenzen schwierig aus, die sind immer nur auf einen Namen lizensiert und ich vermute nach dem Tod nicht übertragbar.

    Eine Anpassung des Gesetzgebers würde ich mir auch wünschen.

  4. Ganz so sehr schwarz malen würde ich nicht. Sollte sich beispielsweise Apple wirklich einmal dazu entschließen, iTunes nicht weiter zu unterstützen, wäre die mit diesem Programm erworbene und verwaltete Musiksammlung keinesfalls verloren.

    Alle Musiktitel, die vom Benutzer im iTunes-Store gekauft und anschließend auf die lokale Festplatte (!) heruntergeladen werden, lassen sich auch mit anderen Mediaplayern abspielen (und ggf. verwalten). Der von Apple favorisierte Audio-Codec AAC wird inzwischen von vielen Playern unterstützt, auch DRM ist (zumindest was Musiktitel angeht) im iTunes-Store seit längerer Zeit kein Thema mehr.

    Die Musiksammlung wäre höchstens dann verloren, wenn sie ausschließlich vom Nutzer in der Cloud gebunkert würde und sich der Anbieter des jeweiligen Cloud-Angebotes plötzlich entschließen sollte, seine Dienste ab einem Tag X nicht weiter zur Verfügung zu stellen. Und selbst dann hätte der Nutzer immer noch die Möglichkeit, nach dieser Mitteilung innerhalb eines gewissen Zeitfensters auf einen anderen Anbieter umzusatteln und seine Musikdateien bei diesem zu lagern.

  5. Musik und Literatur sind mehr als nur ein Download oder eine flüchtige Datei in der Cloud , sie sind ein Kulturgut und das möchte ich real auch in der Hand halten .

    Es abspielen , lesen nutzen wann immer und wie lange ich will und dazu eben auch die Möglichkeit haben , dieses Spiegelbild meiner Vorlieben und Interessen meinen Kindern vererben zu können .

    Dafür nehme ich gerne in Kauf , daß diese Dinge ein wenig mehr realen Platz beanspruchen als Festplatten und ganze PCs .

    4 Leserempfehlungen
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    • brazzy
    • 09. Juni 2013 13:50 Uhr

    CDs sind Plastik, nicht Musik. Bücher sind Papier, nicht Literatur. Beides sind keine Kulturgüter sondern Medien. Und wenn ihnen die eigentlichen Kulturgüter wichtig sind und nicht die Medien dann sind sie früher oder später sehr dankbar dafür, die digitalen Versionen nicht aus Platzmangel wegwerfen zu müssen.

  6. Wenn man den meint seine Buch/Musiksammlung vererben zu wollen oder einfach ein Backup besitzen möchte kann man seine Daten auf CDs schreiben. Das geht sogar bei iTunes bis zu 5 mal (wenn ich mich recht entsinne). Ansonsten bleiben einem noch die guten alten Bücher aus Papier die man nicht nur vererben sonder auch verleihen kann. Nicht schlecht diese alte Technologie und überraschenderweise auch oft nicht mal viel teurer als die elektronische Variante.

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    Die CDs können Sie dann nach 10-15 Jahren als Weihnachtsschmuck verwenden.
    Lesen kann man sie nicht mehr.

    OK, wenn Sie die richtigen Archiv-CDs genommen haben, sind 20-25 Jahre.

    Vererben geht irgendwie anders ...

  7. Die CDs können Sie dann nach 10-15 Jahren als Weihnachtsschmuck verwenden.
    Lesen kann man sie nicht mehr.

    OK, wenn Sie die richtigen Archiv-CDs genommen haben, sind 20-25 Jahre.

    Vererben geht irgendwie anders ...

    3 Leserempfehlungen
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