Ein Digital Native, ein Mensch also, der mit dem Internet schon aufgewachsen ist, denkt heute wohl kaum an seinen Tod. In den kommenden gut fünf Jahrzehnten hat er noch viel Zeit, um eine Menge Daten anzuhäufen: Profile in Sozialen Netzwerken und Einkaufslisten zum Beispiel. Er wird Tausende von E-Mails schreiben, Blogeinträge posten und Fotos hochladen. Er wird eBook-Bibliotheken anlegen, digitale Musiksammlungen erstellen und Dinge tun, an die heute noch niemand denkt. Bis er schließlich doch stirbt. Und dann?

Ein Erbe wird vollständiger Rechtsnachfolger des Verstorbenen. Er übernimmt dessen Vermögen und Schulden. Was den Hausrat angeht, sah das lange Zeit so aus: Nach der Beerdigung kam der Erbe mit ein paar Kartons in die Wohnung des Toten, sah dessen alte Briefe durch, durchsuchte die Bücherwand und die Plattensammlung. Er packte ein, was er brauchen konnte und was nötig war, um das Andenken des Gestorbenen zu bewahren. Zu Hause packte er alles wieder aus. Der Rest kam weg.

Digitale Hinterlassenschaften wie Musikstücke, Fotos, E-Mails und eBooks sind demgegenüber oft mit Nutzerkonten verbunden. Ohne Passwörter bleibt man ausgesperrt. Und wer solch ein digitales Erbe antreten will, kann auf gewaltige Schwierigkeiten stoßen – selbst heute, wo digitale Vermächtnisse noch vergleichsweise klein sind.

"Das deutsche Erb- und Telekommunikationsrecht bleibt noch hinter der weltweiten technologischen Entwicklung zurück. Diese Rechtsunsicherheit darf aber nicht zulasten der Erben und Hinterbliebenen eines Verstorbenen gehen", sagt Peter Bräutigam. Der Münchner Rechtsanwalt arbeitet für die Kanzlei Noerr und hat als einer der Ersten auf dieses Thema aufmerksam gemacht. Auf dem Deutschen Anwaltstag, der derzeit in Düsseldorf stattfindet, werden erste Forderungen an den Gesetzgeber formuliert.

Unternehmen müssen beim Erben mitspielen

Der digitale Nachlass geht nicht nur Erblasser und Erben etwas an. Oft müssen auch Unternehmen mitspielen – etwa Anbieter von E-Mail-Diensten oder Sozialen Netzwerken. Dies gilt insbesondere für Fälle von Cloud Computing, für Angebote also, bei denen die Daten nur noch im Rechenzentrum des Dienstleisters gespeichert werden statt auf der heimischen Festplatte.

Wie bei Facebook zum Beispiel. Die Chroniken im Sozialen Netzwerk bilden einen um Kommentare und Fotos erweiterten Lebenslauf. Hinterbliebene könnten das Nutzerkonto mit allen Veröffentlichungen löschen lassen, teilt Facebook mit. Über eine spezielle Seite müssen sie Dokumente wie die Geburts- und Sterbeurkunde des Toten hochladen, ebenso den Erbschein*. Dann kann ein Eintrag verschwinden.

Die Facebook-Seite eines Verstorbenen könne aber auch in einen Gedenkzustand versetzt werden, sagt eine Firmensprecherin. Dabei bleibe die Seite lediglich für Freunde des Verstorbenen sichtbar, ansonsten aber unauffindbar. Facebook beschreibt das als Form der Trauerkultur, die digitale Lebensspuren einer Person erhält. Um eine Seite in den Gedenkmodus versetzen zu lassen, sind keine offiziellen Dokumente nötig. Neben einer Mitteilung reicht ein Hinweis auf etwas, das den Tod der Person plausibel erscheinen lässt, etwa der Link auf eine Traueranzeige im Netz.

Theoretisch kann jedermann so einen Antrag stellen. Um Falschangaben zu verhindern, droht Facebook bei Missbrauch mit der "Strafe des Meineids". Wobei Scherzkekse sicher sein können: Eine falsche Todesmeldung bei Facebook ist nach deutschem Recht kein Meineid. Unverschämt wäre sie aber allemal.

Wem gehören die E-Mails des Toten?

Google wählt einen anderen Weg. Vor wenigen Wochen hat das Unternehmen einen sogenannten Inactive Account Manager vorgestellt. Dort legt der Nutzer fest, was mit seinen bei Google gespeicherten Daten – zu denen auch E-Mails und Fotos gehören können – geschehen soll, wenn sein Konto eine Zeit lang nicht benutzt wird. Erst wird er selbst per Kurznachricht auf sein Handy gewarnt. Passiert wieder nichts, erhalten zuvor ausgewählte Freunde und Bekannte eine E-Mail. Reagieren auch die nicht, werden die Daten nach einer Weile entweder mit den Freunden geteilt oder von Google gelöscht. Vorteil: Das Verfahren ist unbürokratisch. Nachteil: Man muss sich zu Lebzeiten drum kümmern. Das aber ist für viele Menschen so unangenehm wie das Erstellen eines Testaments.

Facebook und Google sind indes nur zwei große Akteure unter vielen. Die Zahl der Internetdienste ist riesig. Und Fachleute streiten darüber, ob Unternehmen Dinge wie E-Mails eines Verstorbenen rechtlich überhaupt an dessen Erben herausrücken dürfen. "Etliche Provider gehen auf Nummer sicher und lassen die Erben nicht an die E-Mails des Verstorbenen", sagt Anwalt Bräutigam. "Das Telekommunikationsgesetz schützt nämlich auch die Absender von E-Mails – die einer Weitergabe ja normalerweise nicht zugestimmt haben. Bei herkömmlichen Briefen wäre das gar kein Problem. Das zeigt, welche Probleme hier noch zu lösen sind."