Dispo-Zinsen : Das ist Wucher!

Täglich langen Banken bei den Dispo-Zinsen schamlos zu. Wie das skandalöse Geschäft funktioniert – und was Sie dagegen tun können.
Kunden in einer Bielefelder Bank © Robert Fishman/dpa

Kerstin Föller hat für das Geschäft mit Kunden, die ihr Konto überziehen, nur einen Namen: Abzocke. Die 46-Jährige muss es wissen. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet sie für die Verbraucherzentrale Hamburg. Doch erst jetzt mehren sich die Beschwerden von Bankkunden, die über horrende Dispo-Zinsen klagen, rapide.

Da ist jener Hartz-IV-Empfänger, der nach seinem Jobverlust tief in den Miesen steckt. Seine Bank gewährt ihm weiterhin den Dispo und lässt ihn diesen auch noch überziehen. 18,95 Prozent berechnet das Geldinstitut für diesen Extra-Dispo – ein Bombengeschäft für die Bank. Die Finanzexpertin Föller riet dem Mann, auf einen klassischen Kredit mit 12 Prozent Zinsen umzuschulden. 30 Euro würde das im Monat sparen – 10 Prozent der Hartz-IV-Regelleistung. Doch die Bank blockt ab: Der Mann habe kein geregeltes Einkommen.

Krass ist auch der Fall jenes Kunden, der sich kürzlich Hilfe suchend an Föller wandte. Er hatte bei der Kontoeröffnung seine Bank gebeten, ihm keinen Dispo zu gewähren. Es war ein Akt vorauseilender Selbstdisziplin. Doch was geschah nach einigen Monaten? Der Herr landete gleich im Extra-Dispo. 17 Prozent Zinsen nahm die Bank. Widerwillig und nur auf Druck der Verbraucherzentrale erstattet das Geldhaus die unerlaubt berechneten Zinsen. "Es ist zum Haareraufen", sagt Kerstin Föller. "Der Dispo ist bei vielen der Einstieg in die Überschuldung."

Dispo-Zinsen, das ist das Geschäft der Banken mit dem Kleingedruckten – intransparent und lukrativ. So billig wie nie können sich die Institute derzeit Geld bei der Europäischen Zentralbank leihen. Und je tiefer deren Leitzins fällt, desto höher schrauben sich die Gewinnmargen der Banken. Denn die Geldhäuser geben die Zinsvorteile nicht an ihre Kunden weiter. Im Gegenteil, sie bereichern sich an ihnen.

Laut einer Studie im Auftrag des Verbraucherministeriums lagen die Dispo-Zinsen zwischen August 2011 und Mai 2012 im Bundesschnitt bei mehr als 10 Prozent im Jahr. Und das, obwohl sich die Banken in dieser Zeit für gerade mal 0,75 Prozent Zinsen mit Geld eindecken konnten. Heute zahlen sie sogar nur 0,5 Prozent (zum Redaktionsschluss). Bei den Dispo-Zinsen knöpften einige Institute ihren Kunden damals das 24-Fache ab – das sei "unverhältnismäßig hoch", urteilt die Studie.

Zuletzt fragte die Stiftung Warentest im Herbst 2012 die Dispo-Zinsen von 1.600 Banken ab. Zwei Drittel der Institute verweigerten die Auskunft, gut 900 Zinssätze konnten die Tester dennoch ermitteln. Und fanden heraus: Gut 95 Prozent der untersuchten Banken verlangten zweistellige Dispo-Zinsen – im Schnitt 12,5 Prozent. Und das ist nur der Zinssatz auf den offiziell eingeräumten Dispo. Wer den noch einmal überschreitet, zahlt deutlich mehr. Eine Stichprobe in Hessen ergab, dass die 18 Prozent, von denen Kerstin Föller berichtet, dann keine Seltenheit sind.

Sogar innerhalb der Bankenwelt regt sich Widerstand gegen die Gier. "Der Dispo-Zinssatz muss angemessen sein – und das ist er heute nicht", sagt Thomas Jorberg, Vorstand der Ökobank GLS. Und bei der Großbank ING-DiBa heißt es: "Für uns sind diese zweistelligen Sätze überhaupt nicht nachvollziehbar. Wirtschaftlich lassen sie sich zumindest nicht begründen." Zumal ausgerechnet auch jene Institute bei den Dispo-Zinsen am stärksten zulangen, die sich als besonders kundennah geben: die Sparkassen und Volksbanken. Wie passt das zu ihrem öffentlichen Auftrag, die Bevölkerung mit günstigen Krediten zu versorgen? Der Dispo sei das Taxi unter den Krediten, entgegnet darauf eine Sprecherin des Sparkassen- und Giroverbands: flexibel, aber eben auch teurer. Man könne ja Bus oder Zug fahren, also zum Beispiel einen Ratenkredit aufnehmen, das sei dann günstiger. Dumm nur, wenn die Bank diesen wie im Fall des Hartz-IV-Empfängers mit dem Hinweis auf dessen unsichere Einkommenssituation verwehrt.

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Kommentare

206 Kommentare Seite 1 von 23 Kommentieren

Klar!

[Stellen Sie sich vor, Geländer an Balkonen wären verboten. Dann wäre auch jeder, der runterstürzt, selber schuld oder wie?]

Wenn Sie einen Balkon ohne Geländer betreten, dann handeln Sie fahrlässig und es trifft Sie eine Schuld. Keine Frage!

[Es gibt den Tatbestand des Betrugs...]

Das ist richtig. Nur sind die Dispozinsen kein Betrug. Lesen Sie die Tatbestandsmerkmale für Betrug!

Natürlich herrscht Wettbewerb

zwischen den Banken. Nur drück sich das nicht im Dispozins sondern in den Tagesgeldzinsen aus. Warum? Vermutlich weil diejenigen, die Geld haben mit Geld umgehen können und tatsächlich Angebote betrachten und wechseln. Nicht umsainst verweist eine bestimmte Bank, dass sie immer einen der drei besten Zinssätze beim Tagesgeld bietet. Wer einen Dispo nötig hat geht vermutlich weniger sorgsam mit Geld um und vergleicht entsprechend keine Angebote. Oder potentielle Dispo-Nutzer geent davon aus, nie einen Dispo zu brauchen und verzichteen daher auf Vergleiche. Entsprechend ist der Dispozinssatz auch nicht wettbewerbswirksam.