Kerstin Föller hat für das Geschäft mit Kunden, die ihr Konto überziehen, nur einen Namen: Abzocke. Die 46-Jährige muss es wissen. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet sie für die Verbraucherzentrale Hamburg. Doch erst jetzt mehren sich die Beschwerden von Bankkunden, die über horrende Dispo-Zinsen klagen, rapide.

Da ist jener Hartz-IV-Empfänger, der nach seinem Jobverlust tief in den Miesen steckt. Seine Bank gewährt ihm weiterhin den Dispo und lässt ihn diesen auch noch überziehen. 18,95 Prozent berechnet das Geldinstitut für diesen Extra-Dispo – ein Bombengeschäft für die Bank. Die Finanzexpertin Föller riet dem Mann, auf einen klassischen Kredit mit 12 Prozent Zinsen umzuschulden. 30 Euro würde das im Monat sparen – 10 Prozent der Hartz-IV-Regelleistung. Doch die Bank blockt ab: Der Mann habe kein geregeltes Einkommen.

Krass ist auch der Fall jenes Kunden, der sich kürzlich Hilfe suchend an Föller wandte. Er hatte bei der Kontoeröffnung seine Bank gebeten, ihm keinen Dispo zu gewähren. Es war ein Akt vorauseilender Selbstdisziplin. Doch was geschah nach einigen Monaten? Der Herr landete gleich im Extra-Dispo. 17 Prozent Zinsen nahm die Bank. Widerwillig und nur auf Druck der Verbraucherzentrale erstattet das Geldhaus die unerlaubt berechneten Zinsen. "Es ist zum Haareraufen", sagt Kerstin Föller. "Der Dispo ist bei vielen der Einstieg in die Überschuldung."

Dispo-Zinsen, das ist das Geschäft der Banken mit dem Kleingedruckten – intransparent und lukrativ. So billig wie nie können sich die Institute derzeit Geld bei der Europäischen Zentralbank leihen. Und je tiefer deren Leitzins fällt, desto höher schrauben sich die Gewinnmargen der Banken. Denn die Geldhäuser geben die Zinsvorteile nicht an ihre Kunden weiter. Im Gegenteil, sie bereichern sich an ihnen.

Laut einer Studie im Auftrag des Verbraucherministeriums lagen die Dispo-Zinsen zwischen August 2011 und Mai 2012 im Bundesschnitt bei mehr als 10 Prozent im Jahr. Und das, obwohl sich die Banken in dieser Zeit für gerade mal 0,75 Prozent Zinsen mit Geld eindecken konnten. Heute zahlen sie sogar nur 0,5 Prozent (zum Redaktionsschluss). Bei den Dispo-Zinsen knöpften einige Institute ihren Kunden damals das 24-Fache ab – das sei "unverhältnismäßig hoch", urteilt die Studie.

Zuletzt fragte die Stiftung Warentest im Herbst 2012 die Dispo-Zinsen von 1.600 Banken ab. Zwei Drittel der Institute verweigerten die Auskunft, gut 900 Zinssätze konnten die Tester dennoch ermitteln. Und fanden heraus: Gut 95 Prozent der untersuchten Banken verlangten zweistellige Dispo-Zinsen – im Schnitt 12,5 Prozent. Und das ist nur der Zinssatz auf den offiziell eingeräumten Dispo. Wer den noch einmal überschreitet, zahlt deutlich mehr. Eine Stichprobe in Hessen ergab, dass die 18 Prozent, von denen Kerstin Föller berichtet, dann keine Seltenheit sind.

Sogar innerhalb der Bankenwelt regt sich Widerstand gegen die Gier. "Der Dispo-Zinssatz muss angemessen sein – und das ist er heute nicht", sagt Thomas Jorberg, Vorstand der Ökobank GLS. Und bei der Großbank ING-DiBa heißt es: "Für uns sind diese zweistelligen Sätze überhaupt nicht nachvollziehbar. Wirtschaftlich lassen sie sich zumindest nicht begründen." Zumal ausgerechnet auch jene Institute bei den Dispo-Zinsen am stärksten zulangen, die sich als besonders kundennah geben: die Sparkassen und Volksbanken. Wie passt das zu ihrem öffentlichen Auftrag, die Bevölkerung mit günstigen Krediten zu versorgen? Der Dispo sei das Taxi unter den Krediten, entgegnet darauf eine Sprecherin des Sparkassen- und Giroverbands: flexibel, aber eben auch teurer. Man könne ja Bus oder Zug fahren, also zum Beispiel einen Ratenkredit aufnehmen, das sei dann günstiger. Dumm nur, wenn die Bank diesen wie im Fall des Hartz-IV-Empfängers mit dem Hinweis auf dessen unsichere Einkommenssituation verwehrt.

Die Opposition will dem bösen Geschäft Einhalt gebieten

Vielen Kunden ist gar nicht bewusst, wie viel es sie kostet, wenn sie das Konto überziehen. Die Banken geben sich große Mühe, die wahren Zinsen zu verschleiern. Viele Konkurrenten "vermeiden es gezielt, Transparenz herzustellen, indem sie ihre Konditionen nicht im Internet veröffentlichen", heißt es bei der ING-DiBa.

Ihr Unwissen kommt die Deutschen teuer zu stehen. Jeder vierte Kontoinhaber gab in einer Forsa-Umfrage an, sein Konto mindestens einmal im Halbjahr zu überziehen. Wer arbeitslos oder alleinerziehend ist, rutscht besonders oft in den Dispo. Aber auch viele Familien und Selbstständige nutzen ihn für den Notfall – selbst wenn sie einen billigeren Ratenkredit erhalten könnten.

Laut Bundesbank stehen die Deutschen regelmäßig mit 41 Milliarden Euro bei den Banken in der Dispo-Kreide. Jeder Prozentpunkt, den eine Bank bei den Zinsen draufschlage, koste die Kunden jedes Jahr 416 Millionen Euro, mahnt ein Report des Verbraucherministeriums: "Alle vorliegenden Studien zeigen, dass der Markt nicht funktioniert." Und ein Privatbanker, der nicht genannt werden will, verlangt ein Gesetz: "Offenbar muss man der Bankenlandschaft einiges verbieten, sonst übertreibt sie es immer weiter."

Die Opposition will dem bösen Geschäft Einhalt gebieten. Seit Jahren mahnen Grüne und SPD eine Obergrenze für Dispo-Zinsen an. Acht Prozentpunkte oberhalb des Basiszinses, mehr nicht, fordert Peer Steinbrück. Die bisherigen Zinssenkungen der Banken seien ein Witz, schimpft der SPD-Kanzlerkandidat. "Es wird Zeit für eine gesetzliche Zinsobergrenze für Überziehungskredite."

Die Bundesregierung hingegen zaudert. "Banken und Sparkassen müssen runter von überhöhten Dispo-Zinsen", findet zwar das Verbraucherschutzministerium. Eine Obergrenze sei trotzdem "nicht zielführend". Diese würde dazu führen, dass Institute, die niedrigere Zinsen verlangten, diese bis zur erlaubten Obergrenze anheben würden. Dass sich Banken im Wettbewerb um Kunden über niedrige Dispo-Zinsen absetzen können, daran glaubt man im ansonsten marktfreundlichen Ministerium offenbar nicht.

Gesetze? Bloß nicht! Der Commerzbank-Chef Martin Blessing warnt vor der Obergrenze. Seine überraschende Logik: Dispo-Zinsen müssten sogar besonders hoch sein, um abschreckend auf Bankkunden zu wirken. Der Dispo-Zins solle "bewusst auch ein Anreiz sein, das Konto nicht langfristig zu überziehen", sagte er der Bild- Zeitung. Dass auch sein Institut prächtig an Überziehungszinsen von bis zu 18 Prozent verdient, das verschwieg Blessing.

Michael Knobloch, Mitautor der Ministeriumsstudie, hält die Rechtfertigungen der Geldhäuser für wenig überzeugend. "Die Banken gehen, gerade im Vergleich zu klassischen Ratenkrediten, kein höheres Ausfallrisiko bei Dispo-Krediten ein, obwohl sie das oft behaupten", sagt er. Das zeigten die bankinternen Zahlen. Auch einen höheren Verwaltungsaufwand, mit dem sich der Aufschlag erklären ließe, kann der Jurist nicht erkennen.

Der GLS-Vorstand Jorberg bestätigt, seine Bank komme auch mit 7,5 Prozent Dispo-Zins auf eine ordentliche Marge: "Dispo-Kredite bedeuten für eine Bank zwar notgedrungen eine höhere Flexibilität und ein höheres Risiko. Aber bei uns ist das mit den 7,5 Prozent auch abgedeckt." Branchenkenner meinen deshalb: Banken nutzen hohe Dispo-Zinsen, um andere Angebote zu subventionieren, also etwa um mit günstigen Kontogebühren zu locken. Oder um den Quartalsgewinn in die Höhe zu schrauben.

Der Bundesverband deutscher Banken weist die Vorwürfe zurück. Dort zweifelt man an der Studie, da viele Banken die Auskunft verweigert hätten und deshalb nicht alle Zinssätze erfasst worden seien. "Der intensive Wettbewerb unter Banken und Sparkassen führt in Deutschland zu marktgerechten Zinskonditionen", heißt es bei den Banken. So seien die Dispo-Zinsen seit Mitte 2008 um fast 20 Prozent gesunken. Das bestätigen zwar Zahlen des Branchenvergleichsdiensts FMH, doch die sagen auch: Die Habenzinsen fürs Tagesgeld sind im gleichen Zeitraum um 70 Prozent gefallen.

Viele Banken passen die Zinssätze an, wie es ihnen passt: Fallen die Leitzinsen, kappen sie schnell und drastisch auch die Zinsen auf Sparguthaben. Die Kreditzinsen hingegen senken sie, wenn überhaupt, nur langsam und sachte. Dass das nicht in Ordnung ist, entschied der Bundesgerichtshof (BGH) zuletzt 2009: Demnach unterliegen Banken der "Verpflichtung zur Zinsanpassung". Geben sie niedrigere Finanzierungskosten nicht an ihre Kunden weiter, sei das eine unangemessene Benachteiligung. Eine Bank darf die Zinsen nach oben anpassen, wie und wann sie möchte – aber sinkende Zinsen muss sie an die Kunden weiterreichen.

Seit 1986 bestätigten die obersten Bundesrichter darüber hinaus immer wieder das Wucherverbot, das der Paragraf 138 des BGB festschreibt. Es besagt, dass Zinsen nicht das Doppelte des marktüblichen Zinssatzes überschreiten dürfen.

Hans-Peter Schwintowski, Bankenprofessor an der Humboldt-Universität in Berlin, sagt es ebenso sachlich wie hart: "In Übereinstimmung mit der ständigen Rechtsprechung des BGH seit 30 Jahren gilt: Ein Kredit ist sittenwidrig, wenn der Zinssatz 100 Prozent über dem Marktwert liegt." Den Marktwert habe der BGH definiert als den von der Bundesbank veröffentlichten durchschnittlichen Zinssatz für Verbraucherkredite. Der beträgt derzeit 4,5 Prozent, demnach dürfte der Dispo-Zins nicht höher als 9 Prozent liegen. Schwintowski urteilt: "Die Dispo-Zinsen vieler Banken sind sittenwidrig. Nur weil sich niemand darum kümmert, können die Banken sie durchsetzen."

Klauseln gibt es also, aber umgesetzt werden sie kaum. Was sagen die Aufseher dazu? Die Finanzaufsicht BaFin erklärt sich für die Kontrolle der Zinsen nicht zuständig und verweist auf das "geschäftspolitische Ermessen" der Banken. Bleiben nur die Gerichte. Die Wucherpraktiken der Banken kennt keiner so gut wie Hans Peter Eibl. Seit 25 Jahren prüft er als Sachverständiger in Gerichtsverfahren, ob Banken richtig abgerechnet haben. Eibl hat schon mehr als 500 Fälle bearbeitet, aber dass eine Bank alle Zinsen und Wertstellungen richtig verbucht hat, das ist ihm erst einmal untergekommen.

Der Kunde ist einer solchen Abzocke meist machtlos ausgeliefert. Oft belaufen sich die einzelnen Beträge für überzogene Kontostände nur auf ein paar Euro und werden direkt vom Konto abgebucht. "Deswegen geht auch kaum einer dagegen an", weiß Hans Peter Eibl aus Erfahrung, "zumal eine Klage gegen die Bank schnell teuer wird."

Laut Gesetz haben die Sparer das Recht auf ihrer Seite, aber 99 Prozent klagen es gar nicht erst ein.

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