Roman von Eugen RugeViel Arbeit und wenig Fisch

Eugen Ruge erzählt die Geschichte von einem, der sich in der Fremde verlor und wiederfand. von 

Ein Mann steigt aus. Er kündigt seine Wohnung, verschenkt sein Mobiliar, verabschiedet sich vom Vater, von der Tochter und sieht ein letztes Mal die Silvesterraketen am Himmel Berlins. Er packt den Rucksack, zählt seine Ersparnisse und steigt am Neujahrstag in den Zug nach Barcelona. Aber der Lebensüberdruss verlässt ihn auch hier nicht. Zudem bemerkt er, dass der Winter auch in Katalonien kalt ist. So nimmt er den Bus nach Süden, bis zu einem kleinen Dorf an der Küste Andalusiens: Cabo de Gata.

Der Mann ist Anfang vierzig, aber gehört nicht zu jenen Aussteigern, die mal kurz weg sind, um danach ihre Karriere fortzusetzen. Der Mann ist am Ende. Die Frau hat ihn verlassen, die Stadt ist ihm verhasst, das Dasein verleidet. Nichts mehr hält ihn. Vor Jahren hat er seine wissenschaftliche Stellung aufgegeben, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Doch der angehende Autor leidet an einer Blockade, und sie verklingt auch in Cabo de Gata nicht, wo er, wie es am Ende heißt, "einhundertdreiundzwanzig Tage lang vergeblich versuchte, einen Roman zu schreiben".

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Das klingt nicht sehr verlockend. Warum liest man es dennoch mit wachsender Anteilnahme? Zunächst ist es der Ton vollkommener Aufrichtigkeit, der den Leser in seinen Bann zieht. Das erinnert an Rousseau, der am Anfang seiner Bekenntnisse verspricht, sich selbst "in seiner ganzen Naturwahrheit" schonungslos darzustellen. Unausgesprochen ist das auch Ruges Ziel. Doch Rousseaus Pathos liegt ihm fern, ein selbstironischer Humor deutlich näher. Fünfzehn Jahre nach dem andalusischen Desaster schreibt er die Geschichte auf, und zwar ganz aus dem Gedächtnis, ohne alte Notizen oder fremde Quellen zurate zu ziehen.

Viele Sätze beginnen mit "Ich erinnere mich, dass..." oder "Wenn ich mich recht erinnere, dann...". Ruge gesteht sich zwar ein, dass "das Gedächtnis im Grunde alle Erinnerungen immer wieder neu erfindet". Aber der Leser möchte gerne glauben, und hier glaubt er, weil Ruge alles weglässt, was man üblicherweise poetisch nennt. Er verzichtet auf die schmückende Metapher, auf die bedeutungsvolle Pointe, sondern erzählt in schlichter Sprache, was er sieht und erlebt.

Da gibt es zum Beispiel diesen Barmann in der Billardkneipe, wo der Erzähler nachmittags seinen Kaffee trinkt und eine Runde gegen sich selber spielt. "Wenn ich die Freiheit hätte, es zu erfinden, würde ich dem Barmann vermutlich ein anderes Temperament andichten, um ein bisschen Abwechslung in meine Gestalten zu bringen." Aber der Mann ist nun leider ebenso mürrisch und stumm wie die übrigen Dorfbewohner. Jeden Tag legt er ihm wortlos einen Keks und ein Zuckertütchen auf die Untertasse, obwohl er längst weiß, dass der Gast keine Verwendung dafür hat.

Allmählich lebt er sich ein, und gespannt verfolgt man, wie Integration entsteht und Heimatgefühle sich bilden. Er ist ja ein Immigrant und kann nur ein paar Brocken Spanisch. Anfangs erscheinen ihm die Menschen als abweisend, die Landschaft als öde, das Kaff als verlassen, und es ist nur ein Zufall, dass er bleibt. Nun findet er sich ab mit seinem erbärmlichen Zimmer, mit der rüden Kellnerin, und er genießt es, morgens auf der Bank zu sitzen und dem Aufgang der Sonne zuzuschauen. Jeden Tag kommt sie eine Minute früher. Nach und nach eignet er sich die Fremde an, und er freut sich, dass ihm die Dorfbewohner zögernd zunicken.

Jetzt sieht er die Menschen genauer: die beiden alten Männer, die morgens im Schlafanzug auf die Promenade treten und so lange aufs Meer schauen, dass der Erzähler glauben muss, er habe etwas Wichtiges übersehen; die Bäckersfrau, die ihm "mit einem nonnenhaften Ausdruck" das Brot überreicht; den Fischer, der sein Boot repariert. Beim Strandgang begrüßt ihn der Erzähler mit immer demselben Satz: "Mucho trabajo!" (Viel Arbeit!), und der Fischer gibt immer dieselbe Antwort: "Poco pescado!" (Wenig Fisch!) Mehr ist nicht zu sagen.

Leserkommentare
  1. eine bessere Besprechung hätte sich Ruge kaum wünschen können. Klasse.

  2. Danke.

    • Oakham
    • 15. Juni 2013 13:23 Uhr

    stößt man hier auf einen wirklich lesenswerten Beitrag. Und fragt sich dann, wers geschrieben hat. Der Greiner wars natürlich wieder.

    Ruge wird in jedem Fall der nächste Autor sein,.dessen Werke ich mir mal genauer ansschaue.

    • 29C3
    • 15. Juni 2013 20:43 Uhr

    stand ich vor dem Schaufenster einer schönen kleinen Bücherei im Uni-Viertel, und sah genau das Buch in einer Ecke. Bereits der Titel klang nach mehr. Danke @Hr. Greiner

  3. Es ist schon sehr interessant, wenn ein Autor mit diesen Ebenen so geschickt spielt und Erlebtes, erinnertes und Erfundenes zu einem fesselnden Erzählteppich verwebt. Zumindest das dramatische Schlusserlebniss verrät den Autor als Romancier, schliesslich ist Gabo de Gata, eine wundersame und irgendwie ausserirdische Landschaft, nicht das Kap der Katzen, sondern das Achat-Kap, von Cabo de Ágata. Aber dieses Detail sollte wirklich niemanden von der Geschichte ablenken.

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