Mario Draghi ist im Kampf gegen die Krise sehr weit gegangen. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) hat die Zinsen auf ein Rekordtief gesenkt und angekündigt, Staatsanleihen der Krisenländer aufzukaufen, um den Zerfall der Währungsunion zu verhindern.

Am kommenden Montag befasst sich deshalb das Bundesverfassungsgericht mit der Rettungspolitik der Notenbank. Die aber bereitet schon den nächsten Coup vor. Seit Wochen arbeitet ein Team hochrangiger Währungshüter praktisch rund um die Uhr an einem radikalen Sanierungskonzept für die maroden Banken auf dem Kontinent. Es handelt sich um das vielleicht wichtigste Reformprojekt der Währungsunion, eine hochkomplexe Großoperation, von der die Öffentlichkeit bislang kaum etwas mitbekommen hat.

Wenn alles nach Plan läuft, könnte ein echter Befreiungsschlag gelingen. Er wäre nötiger denn je. Europas Regierungen bekämpfen die Misere im Süden zwar mit immer neuen Sondergipfeln und Aktionsprogrammen – Besserung ist aber nicht in Sicht. Die Rezession dauert an, die Zahl der Arbeitslosen steigt, und in Ländern wie Griechenland ist mehr als jeder zweite Jugendliche ohne Job.

Der neue Bankenplan dringt nun zum Kern der Krise vor und kann der Wirtschaft den lang ersehnten Schub geben.

Bisher sind die Europäer extrem schonend mit ihren Banken umgegangen – ganz anders als die Amerikaner. Unmittelbar nach dem Ausbruch der Finanzkrise zitierte der damalige US-Finanzminister Henry Paulson die Chefs der mächtigsten Finanzkonzerne des Landes in sein Ministerium und teilte ihnen in wenigen Worten mit, dass die Regierung ihren Instituten staatliches Kapital aufzwingen werde.

Die verdutzten Herren der Wall Street – unter ihnen Kaliber wie Lloyd Blankfein, der Chef von Goldman Sachs – mussten ein vorbereitetes Papier unterzeichnen, das die Teilverstaatlichung ihrer Häuser besiegelte. Schlimmer erging es den Banken, die als nicht wichtig für die Kreditversorgung der Wirtschaft eingestuft wurden: Seit 2008 haben die Amerikaner knapp 500 marode Banken abgewickelt – geräuschlos und ohne dass es die Steuerzahler Geld gekostet hätte.

Die Amerikaner haben knapp 500 Banken geschlossen

In der EZB hat man das Vorgehen der US-Behörden sehr genau analysiert – und ist zu dem Schluss gekommen, dass die Sanierung der Bankbilanzen ein wichtiger Grund für die vergleichsweise zügige Erholung der amerikanischen Konjunktur war. Und so drängen die Notenbanker darauf, dass sich nun auch Europa seine Problembanken vornimmt.

Denn die schwere Rezession in ganz Südeuropa und das Platzen der Immobilienblase in Ländern wie Spanien und Irland haben dazu geführt, dass immer mehr Kreditnehmer ihre Darlehen nicht zurückzahlen können. Trotzdem stehen die nach wie vor in den Büchern der Banken. Nach Schätzungen der amerikanischen Großbank J.P. Morgan beläuft sich das Volumen dieser faulen Kredite in den Krisenländern auf 500 Milliarden Euro, in Griechenland machen sie demnach ein Viertel aller ausgereichten Darlehen aus.

Trotz dieser Bilanzprobleme greifen die Aufsichtsbehörden in Europa bislang kaum ein. Statt Banken zu schließen, hält man sie künstlich am Leben. Das lähmt die Wirtschaft, weil die Zombie-Institute wegen ihrer unzureichenden Kapitalausstattung und der Altlasten in ihren Büchern kaum neue Kredite vergeben – obwohl die EZB die Märkte mit Geld flutet. Dabei sind gerade kleinere und mittlere Unternehmen im Euro-Raum auf Banken angewiesen, um ihre Investitionen zu finanzieren, weil sie in der Regel nicht in der Lage sind, sich Geld über die Ausgabe von Aktien oder Anleihen zu beschaffen. So nährt sich die Krise selbst.

Die maroden Banken seien "Europas großes Problem", sagt der ehemalige EZB-Direktor Lorenzo Bini Smaghi, der jetzt an der Universität Harvard lehrt. Einige Experten warnen bereits vor einem Szenario wie in Japan. Dort stagnierte die Wirtschaft mehr als eine Dekade, weil die Regierung es versäumte, die Kreditinstitute zu sanieren, die nach dem Platzen einer gigantischen Immobilienblase dahinsiechten.

Das Direktorium der EZB hat recht genaue Vorstellungen, wie den Europäern ein solches Schicksal erspart werden kann. Mit der Umsetzung wurde Ignazio Angeloni beauftragt, Leiter der Abteilung Finanzstabilität in der Notenbank. Der Ablauf des Angriffs auf die Bankenzombies sieht so aus: Von Herbst an werden die Währungshüter zusammen mit den nationalen Aufsichtsbehörden die Bilanzen wichtiger Finanzinstitute in der Euro-Zone durchleuchten.

Insgesamt geht es um rund 140 Banken, die etwa 80 Prozent des Markts abdecken. In der EZB werden bereits Teams gebildet, die zur Not ausrücken und die Bücher direkt in den Banken prüfen können. Damit am Ende belastbare Zahlen herauskommen, sollen nach dem Willen der Notenbank zudem unabhängige Berater – Wirtschaftsprüfer oder Investmentgesellschaften – an Bord. Mit Ergebnissen wird bis Anfang kommenden Jahres gerechnet.

Wenn sie vorliegen, soll mithilfe eines Stresstests untersucht werden, wie gut die Banken einen erneuten Einbruch der Konjunktur verkraften. Danach werden sie in zwei Kategorien eingeteilt: Die gesunden Institute können weitermachen wie bisher, die kranken würden saniert oder abgewickelt. Von Sommer 2014 an beaufsichtigt dann die EZB die großen Banken im Währungsraum. Mit dem Aufbau der Abteilungen wurde bereits begonnen, knapp 1000 Finanzaufseher sollen in der Frankfurter Zentrale eingestellt werden.