Luke (Ryan Gosling) und Romina (Eva Mendes) © 2013 STUDIOCANAL

Das amerikanische Kino war schon immer besessen von der Dynamik der Vater-Sohn-Beziehung – vielleicht, weil alles, was am amerikanischen Lebensstil so faszinierend und so beunruhigend ist, der Drang ins Freie und das libidinöse Verhältnis zur Macht, von Männern an Männer weitergegeben wird. Manchmal zerbrechen die Söhne an den Ansprüchen, die an sie herangetragen werden – James Dean ist so zum Mythos geworden. Häufiger sind sie gezwungen, sich mit dem Vater zu versöhnen, selbst dann, wenn er nicht Abraham Lincoln ist, sondern ein Mafioso. Und noch in der pädagogischen Moderne, im Zeichen von Patchworkfamilie, Homoehe und Elternzeit, drängeln sich emotional gehandicapte, "dysfunktionale" Väter herrisch in die Mitte des Bilds – zuletzt hat Brad Pitt so einen Kerl in Terrence Malicks Tree of Life gespielt.

Auch The Place Beyond the Pines, der dritte Spielfilm des Dokumentaristen und Clipregisseurs Derek Cianfrance, erzählt von Erbschaften, die man nicht ausschlagen kann. Zwei Modelle von Männlichkeit werden hier vorgestellt, zwei Väter, beide noch jung, gespielt von den momentan "heißesten" amerikanischen Leading Men: dem unberechenbaren Ryan Gosling, der vom Typus des Independent-Softies (Lars und die Frauen) zum "King of Cool" (Drive) mutiert ist, und dem von anhaltendem Hangover geplagten Bradley Cooper.

Wenn es so etwas wie eine Fusion aus Steve McQueen und Nicolas Cage geben kann, dann ist es Gosling als Daddy Nummer eins. Dieser Luke blickt gefährlich verschlossen in die Welt, raucht, als wäre die Zigarette an seiner Unterlippe festgetackert, trägt Klamotten im Metal-Look und verdient sein Geld mit Motorradstunts auf Rummelplätzen – ein Geisterfahrer auf dem Highway des Lebens, immer unterwegs. Doch als die Kellnerin Romina – Eva Mendes, inzwischen auch off camera Goslings Partnerin – ein Kind von ihm bekommt, beschließt Luke, für seinen Sohn zu sorgen, auf Teufel komm raus und obwohl sie mit einem anderen Mann zusammenlebt

Der zweite Vater, Cooper als Avery, wirkt auf cleane Art viril, fast spießig: ein Cop, Anfänger noch, eingebunden in ein korruptes Polizeidepartment in der Industrie- und Verwaltungsstadt Schenectady, New York, in der der Film sehr präzise situiert ist. Eine kurze, fatale Begegnung mit Luke – die einzige gemeinsame Szene von Gosling und Cooper hat es in sich – macht Avery zur öffentlichen Person und schubst ihn in eine Politkarriere, über die er seine Familie vernachlässigt.

In The Place Beyond the Pines sind es nicht erst die Kinder, sondern schon die Väter, die nicht wissen, was sie tun: Hinter der Coolness des Proleten und der mühsam gewahrten Contenance des Mittelklassehelden nistet die Hysterie. Und während die Mütter, aber auch der schwarze Stiefvater von Lukes Kind, alles richtig machen, können sie doch nur vom Rand her zuschauen, wie der Konflikt sich unter den heranwachsenden Söhnen zuspitzt, wie sie an den Versäumnissen und Verfehlungen der Väter beinahe zugrunde gehen. Im letzten Drittel leistet der Film sich einen Zeitsprung von fast zwanzig Jahren – da begegnen sich die Teenager an der Schule. Während Averys Sohn durchs Leben driftet, ein poor little rich kid, drogenabhängig, arrogant und labil, scheint Lukes Junge die Kurve zu bekommen – allerdings weiß er nicht, wer sein leiblicher Vater ist.