ZEITmagazin: Frau Bischof-Köhler, gibt es angeborene weibliche und männliche Eigenschaften?

Bischof-Köhler: Der Begriff "angeboren" hat seine Tücken. Wenn gemeint ist, ob es geschlechtstypische Dispositionen des Erlebens und Verhaltens gibt, die nicht durch Sozialisation bedingt sind – dann ist die Antwort eindeutig Ja. Meist verbindet sich mit dem Begriff "angeboren" aber die Vorstellung "unveränderlich" und "unbeeinflussbar". Wenn das gemeint ist, lautet die Antwort Nein.

ZEITmagazin: Warum?

Bischof-Köhler: Weil wir unsere naturgegebenen Anlagen selbstverständlich modifizieren können, weiterentwickeln, umgestalten, unterdrücken oder verkümmern lassen können. Der Sexualtrieb zum Beispiel ist angeboren, und doch können Menschen sich zum Zölibat entschließen. Angeborene Geschlechtsunterschiede zwingen uns zu nichts und verwehren uns keine Option. Aber sie bewirken, dass es Fühlen und Handeln gibt, das den meisten Männern und Frauen unterschiedlich leichtfällt.

ZEITmagazin: Welches sind die wichtigsten Unterschiede?

Bischof-Köhler: Die Entstehung der heute beobachtbaren Geschlechtsunterschiede liegt etwa 400 Millionen Jahre zurück. Unsere tierischen Vorfahren gingen zum Leben an Land über. Samen und Eizellen wurden nicht mehr, wie bei Fischen, dem Meer anvertraut. Die Weibchen übernahmen die Bürde der inneren Befruchtung. Seitdem können sie erheblich weniger Nachkommen in die Welt setzen als die Männchen. Das bedingt eine permanente Konkurrenzsituation zwischen den Letzteren, und die hat einen Selektionsdruck ausgeübt, zu dem es beim weiblichen Geschlecht keine annähernd gleich starke Entsprechung gibt. Alle wesentlichen Geschlechtsunterschiede leiten sich aus dieser Asymmetrie her. Männchen, die Risiken eingehen, die Konkurrenzsituationen nicht nur ertragen, sondern Freude daran haben, die sich von Misserfolgen nicht entmutigen lassen, die Rangordnungen etablieren und unter Bildung von Seilschaften stressfrei ertragen, bis bessere Bedingungen eintreten – solche Männchen hatten größere Chancen, ihre Eigenschaften an ihre Söhne zu vererben, als die weniger robusten Konkurrenten.

ZEITmagazin: Das ist der Grund, warum Männer oft die besseren Jobs haben als Frauen?

Bischof-Köhler: Das ist der folgenreichste Geschlechtsunterschied. Männer sind in Konkurrenzsituationen im Vorteil, weil sie immuner gegen Selbstzweifel sind. Das wird in der aktuellen Diskussion um Frauen in Führungspositionen viel zu wenig beachtet.

ZEITmagazin: Die Unterschiede zwischen Individuen sind oft größer als die zwischen Männern auf der einen Seite und Frauen auf der anderen. Es gibt extrem ehrgeizige Frauen.

Bischof-Köhler: Natürlich handeln und erleben manche Frauen "männlicher" als manche Männer – und umgekehrt. Daraus darf man aber keine falschen Schlüsse ziehen. Zur Ausbildung erstaunlich änderungsresistenter sozialer "Großwetterlagen" genügen schon geringfügige tendenzielle Ungleichgewichte zwischen den verschiedenen Personengruppen. Diese Dynamik sollte man nicht unterschätzen.

ZEITmagazin: Sind die evolutionsbedingten Unterschiede relevant?

Bischof-Köhler: Sehr relevant. Letztlich geht es bei der ganzen Genderfrage um Wert- und Chancengleichheit. Hier stellt sich die Frage nach der Strategie der Sozialisation: Wenn die Geschlechter von Natur aus dieselben Anlagen und Interessen mitbringen, dann ist strikte Gleichbehandlung angesagt. Wenn aber unterschiedliche Dispositionen bestehen, dann ist ein Verzicht auf geschlechtsspezifische Korrekturen kontraproduktiv, da so ein Verzicht die Ungleichheit verstärken würde. Das war eine Erfahrung, die man in den repressionsfreien Kinderläden der 68er-Bewegung gemacht hat: Die Jungen haben die Mädchen viel stärker dominiert als in den traditionellen Kindergärten.

ZEITmagazin: Hält man die Unterschiede auch deshalb für bedeutsam, weil Mann und Frau sich schon äußerlich so sehr unterscheiden?

Bischof-Köhler: Das ist eine interessante Frage. Dahinter könnte sich die unreflektierte Denkvoraussetzung verstecken, dass es einen Dualismus zwischen Leib und Seele gibt. Für körperliche Merkmale wäre demnach die Biologie zuständig, für alles Mentale die Gesellschaft. So funktioniert es aber nicht. Die Evolution hat nicht nur unsere Anatomie gestaltet, sondern passend dazu auch die Hirnstrukturen, die unserem Erleben und Verhalten zugrunde liegen. Wenn es hier also Übereinstimmungen gibt, dann sind diese nicht das Resultat einer nachträglichen Interpretation, sondern des identischen Selektionsdrucks.

"Die Genderbewegung hat kein Interesse an Objektivität"

ZEITmagazin: Die Genderforschung geht dagegen davon aus, dass Verhalten immer kulturell bedingt ist.

Bischof-Köhler: Ich habe schon mit dem Begriff Gender-"Forschung" meine Probleme. Wenn man als empirische Wissenschaftlerin sozialisiert ist, hat man gelernt, Spekulationen nicht für bare Münze zu nehmen, nur weil sie originell klingen. Man bemüht sich, das Regulativ der empirischen Kontrolle zu respektieren, auch wenn es den Erwartungen widerspricht. Die Genderbewegung hat, soweit ich erkennen kann, kein Interesse an Objektivität. Hier scheint ein konstruktivistisches Weltbild vorzuherrschen, dem zufolge so etwas wie eine objektive Wirklichkeit, die es zu erforschen gilt, nicht existiert. Faktizität und Fantasie verschmelzen auf eine Weise, in der ich nicht recht mitdenken kann.

ZEITmagazin: Verstehen Sie den Vorwurf der Genderforschung, dass die Naturwissenschaft lange benutzt wurde, um die Minderwertigkeit der Frau zu beweisen?

Bischof-Köhler: Selbstverständlich. Aber daraus lässt sich schwerlich folgern, dass man empirische Befunde nicht zur Kenntnis nimmt oder leugnet, bloß weil irgendwer sie mal missbraucht hat oder missbrauchen könnte.

ZEITmagazin: Wenn die Genderforschung zu utopisch ist – ist die Evolutionsbiologie zu affirmativ? Einige Unterschiede zwischen Mann und Frau, die man mal für unumstößlich hielt, sind verschwunden. Dass Frauen Auto fahren, als Ärzte arbeiten, Hosen tragen, unverbindlichen Sex haben – das war unvorstellbar und ist heute selbstverständlich.

Bischof-Köhler: Ich teile durchaus das Missfallen an so leichtfertigen Essays à la "Einparken" und "Zuhören können"...

ZEITmagazin: ...Bücher, die sich regelmäßig in Bestsellerlisten wiederfinden, also offenbar sehr beliebt sind...

Bischof-Köhler: ...aber es ist unfair, wenn dergleichen als repräsentativ für die evolutionsbiologische Argumentation angeführt wird. Natürlich gibt es zeitbedingte Gewohnheiten, die sich ändern. Die zentralen Differenzen – der unterschiedliche Umgang mit Konkurrenz zum Beispiel, von dem ich gesprochen habe – werden sich aber nicht so einfach in Luft auflösen.

ZEITmagazin: Kann eine Unterscheidung in männliche und weibliche Eigenschaften überhaupt wertfrei sein? Viele Männer beklagen sich schon, dass "ihre" Eigenschaften in Verruf geraten seien, weil jetzt die Soft Skills zählten.

Bischof-Köhler: Leider ist die Unterscheidung in der Tat durchaus nicht wertfrei. Das liegt daran, dass die permanente Konkurrenzsituation evolutionsbiologisch auch bewirkt hat, dass Männer Spezialisten in der Selbstdarstellung, im Imponierverhalten sind. Aufgrund uralter wahrnehmungspsychologischer Gesetze erzeugt Aufsehen automatisch Ansehen, Beachtung führt zu Achtung. Imponieren suggeriert Bedeutsamkeit. Ein radschlagender Pfauenhahn macht mehr her als eine tarnfarbene Pfauenhenne. Wir beobachten, dass Männer sich und ihre Tätigkeiten spektakulärer inszenieren als Frauen – man braucht nur einen Drei-Sterne-Koch mit einer Hausfrau zu vergleichen. Deshalb habe ich auch keine Sorge um die armen Männer, die jetzt um ihr Prestige bangen. Sie werden den Dämpfer überstehen.