ZEITmagazin: Die Genderforschung geht dagegen davon aus, dass Verhalten immer kulturell bedingt ist.

Bischof-Köhler: Ich habe schon mit dem Begriff Gender-"Forschung" meine Probleme. Wenn man als empirische Wissenschaftlerin sozialisiert ist, hat man gelernt, Spekulationen nicht für bare Münze zu nehmen, nur weil sie originell klingen. Man bemüht sich, das Regulativ der empirischen Kontrolle zu respektieren, auch wenn es den Erwartungen widerspricht. Die Genderbewegung hat, soweit ich erkennen kann, kein Interesse an Objektivität. Hier scheint ein konstruktivistisches Weltbild vorzuherrschen, dem zufolge so etwas wie eine objektive Wirklichkeit, die es zu erforschen gilt, nicht existiert. Faktizität und Fantasie verschmelzen auf eine Weise, in der ich nicht recht mitdenken kann.

ZEITmagazin: Verstehen Sie den Vorwurf der Genderforschung, dass die Naturwissenschaft lange benutzt wurde, um die Minderwertigkeit der Frau zu beweisen?

Bischof-Köhler: Selbstverständlich. Aber daraus lässt sich schwerlich folgern, dass man empirische Befunde nicht zur Kenntnis nimmt oder leugnet, bloß weil irgendwer sie mal missbraucht hat oder missbrauchen könnte.

ZEITmagazin: Wenn die Genderforschung zu utopisch ist – ist die Evolutionsbiologie zu affirmativ? Einige Unterschiede zwischen Mann und Frau, die man mal für unumstößlich hielt, sind verschwunden. Dass Frauen Auto fahren, als Ärzte arbeiten, Hosen tragen, unverbindlichen Sex haben – das war unvorstellbar und ist heute selbstverständlich.

Bischof-Köhler: Ich teile durchaus das Missfallen an so leichtfertigen Essays à la "Einparken" und "Zuhören können"...

ZEITmagazin: ...Bücher, die sich regelmäßig in Bestsellerlisten wiederfinden, also offenbar sehr beliebt sind...

Bischof-Köhler: ...aber es ist unfair, wenn dergleichen als repräsentativ für die evolutionsbiologische Argumentation angeführt wird. Natürlich gibt es zeitbedingte Gewohnheiten, die sich ändern. Die zentralen Differenzen – der unterschiedliche Umgang mit Konkurrenz zum Beispiel, von dem ich gesprochen habe – werden sich aber nicht so einfach in Luft auflösen.

ZEITmagazin: Kann eine Unterscheidung in männliche und weibliche Eigenschaften überhaupt wertfrei sein? Viele Männer beklagen sich schon, dass "ihre" Eigenschaften in Verruf geraten seien, weil jetzt die Soft Skills zählten.

Bischof-Köhler: Leider ist die Unterscheidung in der Tat durchaus nicht wertfrei. Das liegt daran, dass die permanente Konkurrenzsituation evolutionsbiologisch auch bewirkt hat, dass Männer Spezialisten in der Selbstdarstellung, im Imponierverhalten sind. Aufgrund uralter wahrnehmungspsychologischer Gesetze erzeugt Aufsehen automatisch Ansehen, Beachtung führt zu Achtung. Imponieren suggeriert Bedeutsamkeit. Ein radschlagender Pfauenhahn macht mehr her als eine tarnfarbene Pfauenhenne. Wir beobachten, dass Männer sich und ihre Tätigkeiten spektakulärer inszenieren als Frauen – man braucht nur einen Drei-Sterne-Koch mit einer Hausfrau zu vergleichen. Deshalb habe ich auch keine Sorge um die armen Männer, die jetzt um ihr Prestige bangen. Sie werden den Dämpfer überstehen.