Als ich mich auf diese Geschichte vorbereitete, lag ich an einem See in Brandenburg und wollte in aller Gemütlichkeit die Einführung in die Gender Studies von Franziska Schößler lesen. Zufällig war Herrentag, so heißt in Brandenburg der Vatertag. Außer mir waren ein Dutzend junger Männer da, Zwanzigjährige. Sie tranken Bier. Sie brüllten, ununterbrochen. Sie warfen sich gegenseitig ins Wasser. Sie ließen die Motoren ihrer Autos aufheulen. Das fanden sie toll. Ich klappte das Buch wieder zu. Warum sind junge Männer manchmal so? Warum sind junge Frauen meistens anders?

Die meisten Leute, die nicht im Universitätsbetrieb stecken, können sich unter den Wörtern "Gender", "Gender Mainstreaming" und "Gender Studies" nicht viel vorstellen. Letzteres ist wahrscheinlich der am schnellsten wachsende Wissenschaftszweig in Deutschland. 2011 gab es 173 Genderprofessuren an deutschen Unis und Fachhochschulen, die fast ausschließlich mit Frauen besetzt werden. Die Förderung dieses Faches gehört zu den erklärten bildungspolitischen Zielen der Bundesregierung, SPD und Grüne sind auch dafür. Die Slawisten zum Beispiel, mit etwa 100 Professoren, sind von den Genderstudies bereits locker überholt worden. Die Paläontologie, die für die Klimaforschung und die Erdölindustrie recht nützlich ist, hat seit 1997 bei uns 21 Lehrstühle verloren. In der gleichen Zeit wurden 30 neue Genderprofessuren eingerichtet.

"Gender Mainstreaming" bedeutet, dass alle Geschlechter in sämtlichen Bereichen gleichgestellt werden, Männer, Frauen, auch Gruppen wie Homosexuelle oder Intersexuelle. Das ist ein gutes und richtiges Ziel. Manchmal wird über dieses Ziel allerdings hinausgeschossen: Bei dem Versuch, Gender Mainstreaming im Nationalpark Eifel durchzusetzen, gelangten Genderforscherinnen zu der Forderung, Fotos von der Hirschbrunft müssten aus der Werbebroschüre des Naturparks entfernt werden. Die Bilder der Hirsche würden stereotype Geschlechterrollen fördern. Das führte zu Erheiterung in der Presse und war natürlich Wasser auf die Mühlen der Sexisten. Die Naturschützer fanden es auch nicht gut.

Das Wort "Gender" könnte man vielleicht mit "soziales Geschlecht" übersetzen. Das biologische Geschlecht heißt "Sex". Genderforscher glauben, dass "Männer" und "Frauen" nicht eine Idee der Natur sind, sondern eine Art Konvention, ungefähr wie die Mode oder der Herrentag. Klar, einige Leute haben einen Penis, andere spazieren mit einer Vagina durchs Leben. Das lässt sich wohl nicht wegdiskutieren. Aber abgesehen davon sind wir gleich, besser gesagt, wir könnten gleich sein, wenn die Gesellschaft uns ließe. Bei Franziska Schößler, deren Buch 2008 erschienen ist, liest sich das so: "Es sind vor allem kulturelle Akte, die einen Mann zum Mann machen."

Das ist eine mutige These. Spielen nicht auch das Hormon Testosteron und die Evolution bei der Mannwerdung eine ziemlich große Rolle? Man hört so etwas oft, wenn man mit Wissenschaftlern redet, die keine Genderforscher sind. In den folgenden Tagen habe ich dann noch zwei weitere Einführungen in die Genderforschung gelesen. Irritierenderweise tauchte das Wort "Hormon" nur zwei- oder dreimal am Rande auf, das Wort "Evolution" überhaupt nicht. Mehr noch, sogar hinter die Existenz des Penis – in diesem Punkt bin ich mir bis dahin völlig sicher gewesen – muss im Licht der Genderforschung zumindest ein Fragezeichen gesetzt werden. "Anatomie ist ein soziales Konstrukt", sagt Judith Butler, eine der Ahnfrauen der Genderforschung. Es sei Willkür, wenn Menschen nach ihren Geschlechtsteilen sortiert werden, genauso gut könne man die Größe nehmen oder die Haarfarbe. Die seien genauso wichtig oder unwichtig.

Das Feindbild der meisten Genderforscherinnen sind die Naturwissenschaften. Da ähneln sie den Kreationisten, die Darwin für einen Agenten des Satans und die Bibel für ein historisches Nachschlagewerk halten. "Naturwissenschaften reproduzieren herrschende Normen." – "Naturwissenschaften konstruieren Wissen, das den gesellschaftlichen Systemen zuarbeitet." – "Der Objektivitätsanspruch der Wissenschaft ist ein verdeckter männlicher Habitus." – "Naturwissenschaft und Medizin haben eine ähnliche Funktion, wie die Theologie sie einst hatte". Von solchen Sätzen wimmelt es in den Einführungen. Irgendwie scheint Genderforschung eine Antiwissenschaft zu sein, eine Wissenschaft, die nichts herausfinden, sondern mit aller Kraft etwas widerlegen will. Aber wenn Wissenschaft immer interessengeleitet ist, was vermutlich stimmt, dann gilt dies wohl auch für die Genderforschung.

Ich fahre zu Hannelore Faulstich-Wieland, Genderforscherin, Pädagogin und Gleichstellungsbeauftragte an der Hamburger Uni. In einem Interview hat sie mal gesagt, dass es gesellschaftliche Gründe habe, wenn Männer im Marathonlauf schneller sind als Frauen. Sie ist sehr nett. Und sie hat zwei Söhne. Menschen mit Kindern tendieren meist zu der Ansicht, dass es natürliche Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gibt. Aber sie tickt nicht so. Eines ihrer Forschungsgebiete: "Männer und Grundschule".

In der Schule läuft es für die Mädchen meist besser als für die Jungen. Es gibt mehr männliche Schulabbrecher, mehr Sitzenbleiber, weniger Abiturienten. Entwicklungsstörungen aller Art, ADS, Asperger, das sind typische Probleme von Jungs. Seit Mädchen den gleichen Zugang zu Bildung haben, merkt man, wie schwach die Jungen sind, im Durchschnitt. Wegen ihrer besseren Noten dominieren inzwischen junge Frauen das Medizinstudium.

Viele meinen, dass es mehr männliche Lehrer an der Grundschule geben sollte, weil Männer ein Rollenmodell sein und mit der Aggressivität schwieriger Jungs besser umgehen könnten. Faulstich-Wieland hält Erzieher dagegen für gefährlich. Die Gefahr bestehe darin, dass "Jungen auf ein Stereotyp von Männlichkeit programmiert werden". Das gleiche Argument, das schon gegen die röhrenden Hirsche in der Eifel sprach! Außerdem enthalte der Ruf nach mehr Lehrern die Unterstellung, Lehrerinnen leisteten keine gute Arbeit. Dies sei eine Abwertung von Frauen.

Das aggressivere Verhalten der Jungs sei anerzogen. Folglich müsse es aberzogen werden. Jungs hätten eine negative Einstellung zum Lernen, was damit zusammenhänge, dass sie schon früh auf eine männliche Rolle festgelegt würden. Schon Babys würden ja verschieden behandelt, daher komme die Verschiedenheit von Mädchen und Jungs.

Ist das alles wirklich nur Ideologie?

Wer mit Genderforscherinnen ins Gespräch kommen will, darf sich nicht daran stören, dass das Wort "männlich" durchgängig negativ besetzt ist. Muss man die Jungs einfach dazu bringen, sich wie Mädchen zu verhalten – ist das die Lösung? Und kann es wirklich sein, dass viele Mütter ihren Söhnen schon als Babys beibringen, schwierige Raufbolde zu werden? Was ist denn mit den Müttern los? Als ich versuche, ein paar wissenschaftliche Studien über Jungs aus meinem Gedächtnis hervorzukramen, sagt Hannelore Faulstich-Wieland: "Naturwissenschaft ist eine Konstruktion."

Erst als wir uns schon getrennt haben, fällt mir ein, dass es ja eigentlich eine Abwertung der Männer darstellt, wenn es heißt, mehr Frauen sollten Professorinnen werden. Leisten Professoren keine gute Arbeit? Jedenfalls ist der Fachbereich Pädagogik fest in weiblicher Hand, im Studentencafé sitzen fast nur Frauen, alle in Gruppen, plaudernd. Die beiden einzigen Studenten hocken allein in der Ecke und befassen sich mit ihrem Laptop.

Wenn diese beiden Studenten Ingenieur oder Informatiker werden wollten, wäre die Lage umgekehrt. Sie hätten fast nur männliche Kommilitonen und beinahe ausschließlich männliche Professoren. Die Universitäten suchen händeringend Männer, die Grund- und Hauptschullehrer werden möchten. Gleichzeitig versuchen sie, mehr Frauen in die Naturwissenschaften zu locken. Bei den Ingenieuren sind in Deutschland nur 9 Prozent der Professoren weiblich, in den Geisteswissenschaften sind es 30.

Robert Plomin hat das Aufwachsen von 3000 zweieiigen Zwillingen beobachtet, Jungen und Mädchen, die in derselben Familie aufwuchsen. Im Alter von zwei Jahren war der Wortschatz der Mädchen bereits deutlich größer. Die Neurowissenschaftlerin Doreen Kimura hat einen Zusammenhang zwischen Testosteronspiegel, Berufswahl und räumlichem Vorstellungsvermögen nachgewiesen – bei Männern und Frauen. Den höchsten Testosteronspiegel haben übrigens Schauspieler, Bauarbeiter und Langzeitarbeitslose, den niedrigsten haben Geistliche. Der Osloer Kinderpsychiater und Verhaltensforscher Trond Diseth hat neun Monate alten Babys in einem nur von Kameras überwachten Raum Spielzeug zur Auswahl angeboten, Jungs krochen auf Autos zu, Mädchen auf Puppen. Der Evolutionsbiologe Simon Baron-Cohen, ein Vetter des Filmemachers Sascha Baron-Cohen, hat die Reaktionen von Neugeborenen erforscht, da kann die Gesellschaft noch nichts angerichtet haben: Mädchen reagieren stärker auf Gesichter, Jungen auf mechanische Geräte. Richard Lippa hat 200.000 Menschen in 53 Ländern nach ihren Traumberufen gefragt, Männer nannten häufiger "Ingenieur", Frauen häufiger soziale Berufe. Die Ergebnisse waren in so unterschiedlichen Ländern wie Norwegen, den USA und Saudi-Arabien erstaunlich ähnlich. Wenn es wirklich einen starken kulturellen Einfluss auf die Berufswahl gäbe, sagt Lippa, dann müssten die Ergebnisse je nach kulturellem Kontext schwanken.

Der Hirnforscher Turhan Canli, ein Amerikaner, hat festgestellt, dass Frauen emotionale Ereignisse meist in beiden Hirnhälften speichern, Männer nur in einer. An einen Ehestreit oder den ersten Kuss können sich Männer deshalb im Durchschnitt nicht so gut erinnern wie Frauen. Wenn auf Fotos Gesichter zu sehen sind, traurige oder fröhliche, dann entschlüsseln Männer die Emotionen der abgebildeten Personen im Durchschnitt schlechter. Mein Lieblingsexperiment hat Anne Campbell an der Universität Durham veranstaltet: Männer und Frauen wurden zu einem Test eingeladen. Dann teilte man ihnen mit, dass sie schmerzhafte Elektroschocks erdulden müssten. Es dauere noch ein paar Minuten. Die Frauen warteten gemeinsam, in Gruppen. Die Männer warteten lieber alleine.

Die Wissenschaft ist sich einig: Geschlechterunterschiede sind zum Teil sicher anerzogen. Vieles hängt aber auch mit der Evolution und mit den Hormonen zusammen. Ist das alles wirklich nur Ideologie? Gibt es eine Art Weltverschwörung, gegen die Genderforschung? Und wenn ja: Wo bleiben eigentlich die Gegenstudien? Genderprofessorinnen gibt es doch reichlich.

Im Grunde ist die Genderdebatte nur eine Variante der uralten Diskussion über das, was ein Individuum zu einem Individuum macht, die Umwelt oder das Erbe. Was ist genetisch determiniert, was ist von den Eltern anerzogen, was geht auf den Einfluss der Gesellschaft zurück?

An der Berliner Charité wird medizinische Genderforschung betrieben, zur Frage, warum Frauen und Männer für Krankheiten unterschiedlich anfällig sind. Im Regelfall aber ist diese Wissenschaft eher theoretischer Natur. Das hängt stark mit John Money zusammen, einem amerikanischen Sexualforscher, der die Gendertheorie in den fünfziger Jahren miterfunden hat. Um seine These zu beweisen – Geschlecht ist nur erlernt –, hat Money den zweijährigen Bruce Reimer 1966 von seinem männlichen Genital befreit und als Mädchen aufwachsen lassen. Der Penis des Kindes war bei der Beschneidung verletzt worden, deshalb ließen sich die Kastration und die Herstellung von Schamlippen wohl als eine Art "Therapie" darstellen. Eine Ethikkommission wurde offenbar nicht konsultiert. Alice Schwarzer hat dieses nicht sehr menschenfreundliche Experiment als eine der wenigen Forschungen zum Geschlechterverhältnis gewürdigt, die "nicht manipulieren", sondern "aufklären". Der erwachsene Reimer ließ die Umwandlung rückgängig machen und erschoss sich. Seitdem muss die Theorie ohne Beweisversuche auskommen. Geschadet hat das ihrer Verbreitung nicht wirklich.

Uta Brandes ist Professorin für Gender und Design in Köln, seit 1995. Eine ihrer früheren Studentinnen heißt Gesche Joost und gehört jetzt zum "Kompetenzteam" des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. In den neunziger Jahren hat die SPD-Ministerin Anke Brunn jeder Hochschule in Nordrhein-Westfalen eine neue Professorenstelle versprochen, vorausgesetzt, es handelte sich um eine Genderprofessur. Das führte zu einem Boom.

Wir reden über Stehlampen. Uta Brandes hat einmal erklärt: "Alles, was aufrecht steht, ist eher männlich." Sie sagt, dass sie auch Kirchtürme zu phallisch findet, so ein Kirchturm penetriere das Dorf geradezu. Ich sage, dass man die Kirchenuhr im Dorf halt schlecht sehen kann, wenn man sie in einer Höhle unterbringt. Sie lacht. 1960 wurde ja auch die erste nicht phallische Stehlampe entworfen, die bogenförmige Arco von Castiglioni. Es geht also. Ein Kirchbogen statt eines Kirchturms, warum nicht.

Uta Brandes hat unter anderem das Verhalten an Fahrkartenautomaten erforscht, sie ist also keine Theoretikerin. Männer haben an Automaten weniger Angst vor Misserfolgen, Methode "Trial and Error". Frauen überlegen länger, bevor sie einen Knopf drücken. Die Ergebnisse lassen einen irgendwie an Peer Steinbrück und Angela Merkel denken. Brandes befasst sich auch damit, wie man ein alltagstaugliches Statussymbol für mächtige Frauen gestalten könnte. Eine große, höhlenartige Handtasche wäre eine Möglichkeit. Sie hat außerdem vorgeschlagen, dass die englischen Wörter teacher und professor, die für Männer und Frauen gelten, eine weibliche Form bekommen, teacheress und professoress. "Frauen müssen in der Sprache sichtbar sein", sagt sie. Aber die Engländer lassen sich in ihre Sprache natürlich ungern von einer deutschen Professorin hineinreden. In Deutschland könnte man es durchsetzen, denke ich. Die Inder haben ja auch ein eigenes Englisch. Zum Abschied sage ich: "Na, zur Fortpflanzung wird man die Männer und dieses ganze phallische Zeugs jedenfalls weiterhin brauchen." Uta Brandes lacht und sagt: "Wer weiß, wie lange noch."

Mit den Auswirkungen des Teufelszeugs Testosteron hat sich besonders intensiv die kanadische Psychologin Susan Pinker befasst, ihr Buch Das Geschlechter-Paradox wurde in viele Sprachen übersetzt. Testosteron macht Menschen risikofreudiger und kräftiger, Männer haben meistens mehr davon. Leider macht es auch kurzlebiger, weil es das Immunsystem schwächt. Postoperative Infektionen verlaufen bei 70 Prozent der Männer tödlich, aber nur bei 26 Prozent der Frauen, daran sind weder die Ärzte schuld noch die Gesellschaft. Warum haben relativ viele Jungs Probleme in der Schule? Oft hängt es – das verdammte Testosteron! – mit mangelnder Disziplin zusammen. Mädchen halten sich, im Durchschnitt, eher an die Regeln. Andererseits könnte man eine lange Liste von spektakulären Schulversagern zusammenstellen, die später sehr hübsche Karrieren zustande gebracht haben, darunter Charles Darwin. Ab einem gewissen Punkt der Biografie ist das Testosteron wieder nützlich, bei manchen zumindest.

In Wirklichkeit ist die Biologie längst weiter

Frauen und Männer haben im Durchschnitt den gleichen Intelligenzquotienten. Aber am oberen und am unteren Ende der Skala finden sich mehr Männer, sie sind extremer, oder, wie Pinker einen Kollegen zitiert: "Bei den Männern gibt es mehr Genies und mehr Idioten." Noch schöner hat es die Kulturhistorikerin Camille Paglia gesagt: "Ein weiblicher Mozart fehlt, weil es auch keinen weiblichen Jack the Ripper gibt." Extremes Verhalten und obsessive Fixierung auf eine bestimmte Sache – so was ist eher ein Männerding. Der Typ, der Amok läuft, um sich für eine Kränkung zu rächen: fast immer ein Mann. Der Mensch, der eine 90-Stunden-Woche nach der anderen herunterschrubbt, weil er Chef werden will, und am Ziel tot umfällt: wahrscheinlich ein Mann. Ein extremer Einzelgänger und Hypochonder, der Klavier spielt und sonst fast nichts tut: Glenn Gould. Ein Mensch, der in jeder freien Minute Wörterlisten auswendig lernt, nur weil er, völlig sinnlos, Scrabble-Weltmeister werden will: Joel Wapnick. Wer sich einen Sonderling oder einen Eigenbrötler mal genauer anschaut, entdeckt fast immer einen Penis.

Das Geschlechter-Paradox besteht darin, dass sich in freien Gesellschaften mit ausgeprägten Frauenrechten nicht weniger, sondern mehr Frauen für angeblich typische Frauenberufe entscheiden, soziale oder kreative Berufe. Wenn Frauen die Wahl haben, tun sie eben nicht das Gleiche wie die Männer. Sie werden, ohne Druck, im Durchschnitt lieber Ärztin, Lehrerin oder Journalistin als Statikerin, Ingenieurin, Schachprofi oder Patentanwältin. Über Individuen sagen solche Statistiken natürlich nichts aus, es kann auch hervorragende, glückliche Notarinnen geben und Physik-Nobelpreisträgerinnen. Wer aber glaubt, dass wir alle dem gleichen Normgeschlecht angehören und deshalb überall in der Gesellschaft ein Verhältnis von 50 zu 50 herrschen muss, der kann dies, laut Susan Pinker, nur mit staatlichen Zwangsmaßnahmen erreichen. Weder Hannelore Faulstich-Wieland noch Uta Brandes kannten ihre Kollegin Susan Pinker.

Ich bin dann, um von der Theorie in die Praxis zu wechseln, nach Braunschweig gefahren. Maybritt Hugo, Jahrgang 1960, arbeitet dort seit 1992 als städtische Gleichstellungsbeauftragte. Vorher hat sie Politik und Germanistik studiert und war Fraktionsgeschäftsführerin bei den Grünen. In Behörden und Kommunen gibt es inzwischen etwa 1900 Gleichstellungs- oder Frauenbeauftragte. Der Posten muss weiblich besetzt werden, dazu existiert ein Gerichtsurteil. Die Beauftragte ist nur dem Oberbürgermeister unterstellt, sonst niemandem, sie hat Zutritt zu fast allen Gremien, darf ohne Genehmigung der Betroffenen alle Personalakten einsehen, ohne Rücksprache die Presse kontaktieren, bei jeder Einstellung mitreden. Eine ihrer Aufgaben ist es, den Anteil der Frauen im Personal – vor allem im Führungspersonal – zu steigern und die sich selbst rekrutierenden Männerlobbys aufzubrechen.

Maybritt Hugo hat bei der Braunschweiger Feuerwehr etwas Wichtiges erreicht. Beim Eignungstest sind die Bewerberinnen fast immer durchgefallen. Das lag unter anderem an den Klimmzügen. Frauen fallen Klimmzüge schwerer als Männern. Außerdem wurde von allen Bewerbern eine abgeschlossene handwerkliche Ausbildung verlangt. Inzwischen dürfen Bewerber, um ihre Kraft unter Beweis zu stellen, einen schweren Kanister eine Treppe hochtragen, und die Feuerwehr akzeptiert auch eine Ausbildung im Gesundheitswesen. Seitdem steigt die Zahl der Feuerwehrfrauen.

Ich frage, wie eine Gleichstellungsbeauftragte mit Bereichen umgeht, in denen die Männer benachteiligt sind. Obdachlosigkeit zum Beispiel. 70 bis 80 Prozent der Obdachlosen sind Männer. Maybritt Hugo antwortet sehr freundlich, dass die Statistik ein falsches Bild ergebe. Frauen seien genauso von Obdachlosigkeit betroffen. Sie würden dann eben bei Freundinnen oder Verwandten unterschlüpfen. Obwohl sie es nicht ausspricht, es klingt schon ein bisschen so, als seien obdachlose Männer selber schuld. Warum sind Männer nicht einfach ein bisschen kommunikativer, sozialer – weiblicher eben? Dann frage ich, ob es schon einen Fall sexueller Belästigung eines Mannes durch eine Frau gegeben hat, in Braunschweig. Tatsächlich, so etwas gab es. Ein Mann hat sich beschwert. Er wurde nicht angegrapscht, aber, nach seiner Darstellung, von einer Chefin immer wieder verbal angemacht und auch herabgesetzt. Und, wie ging der Fall aus? Sie weiß es nicht genau. "Ich glaube, er hat seinen Job einfach weitergemacht." Das war bei Frauen früher auch üblich, heute wehren sich zum Glück viele und gehen zur Gleichstellungsbeauftragten.

Inzwischen habe auch ich, wie die Genderforschung, eine Theorie. Ich glaube, ich weiß, warum selbst bestens belegbare Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Geschlechterforschung von vielen Genderfrauen abgelehnt oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen werden. "Natur" war, jahrtausendelang, ein Totschlagargument der Männer. Frauen konnten angeblich dieses nicht und jenes nicht, sie galten als eitel, dumm, schwach, hysterisch, zänkisch, schwatzhaft und charakterlich fragwürdig. Das alles kam im Gewande der wissenschaftlichen Erkenntnis daher. So wie man auch für wissenschaftlich belegt hielt, dass man Mörder an ihren Augenbrauen und Vergewaltiger an ihren Ohrläppchen erkennen könne. Immer hingen die angeblichen Defizite der Frauen mit ihrer angeblichen Biologie zusammen, und meistens ging es dabei darum, die Macht der Männer ideologisch zu begründen. Wenn früher von Unterschieden zwischen Männern und Frauen die Rede war, dann lief es immer darauf hinaus, dass Frauen die Schlechteren sind und Männer die Besseren. Die Genderfrauen ziehen daraus den Schluss, dass biologische Forschung insgesamt ein Herrschaftsinstrument der Männer sein muss. Deshalb sagen sie: Es gibt keine Unterschiede, basta. Warum? Weil es einfach keine geben darf. Genderforschung ist wirklich eine Antiwissenschaft. Sie beruht auf einem unbeweisbaren Glauben, der nicht in Zweifel gezogen werden darf.

In Wirklichkeit ist die Biologie längst weiter. Sie kann zeigen, dass Männer und Frauen in vielen Bereichen gleich sind, in anderen verschieden. Sonst wäre die Evolution ja sinnlos gewesen – wozu zwei Mal das gleiche Modell entwickeln? Beide Geschlechter haben Stärken und Schwächen, die sich ergänzen, und ganz sicher ist keines "besser" als das andere. Wenn ein Mann und eine Frau zusammen in Urlaub fahren wollen, wird in 80 Prozent der Fälle sie noch schnell das Gespräch mit einem schwierigen Handwerker führen, während er den Kofferraum belädt. Das ist nicht sexistisch, das ist klug.