Amalfiküste : Wo Italien schön sauer ist

An der Küste von Amalfi werden Zitronen angebaut wie vor Jahrhunderten – von Hand und mit Liebe. Eine Spritztour zu einem alten Kulturgut

Der Herr der Zitronen kennt jeden seiner fast tausend Bäume persönlich. "Ich spreche mit ihnen", sagt Antonio Palumbo, ein langer, hagerer Mann mit großen Händen. Worüber? "Ich sage zu ihnen: Macht hin! Zu den frisch gepfropften Reisern: Wachst! Hat der Baum angesetzt, sage ich: Nicht runterfallen, ihr Früchtchen!" Der Herr der Zitronen ist zugleich ihr Diener. Er würde seinen Bäumen auch Kaffee servieren, wenn es sie danach gelüstete, sagt Palumbo unbewegt. Jeden Morgen steigt der 75-Jährige mit seinem kleinen schwarzen Fifi vom Haus hinunter auf die Gartenterrassen, wo neben den Zitrusfrüchten Trauben, Oliven, Kirschen, Tomaten und Saubohnen sprießen, und dort bleiben die beiden den ganzen Tag.

In den licht- und schattengefleckten Lauben leuchten die Zitronen aus dem dunkelgrünen Blätterdach: Sfusato amalfitano, eine Sorte, die nur hier an der Amalfiküste südlich von Neapel wächst. Da die Sfusato doppelt so groß wie andere Zitronen wird, sind die dicht behangenen Äste mit Weidenruten an hölzerne Spaliere geflochten. Die Sfusato gilt als eine der köstlichsten Zitronen, fruchtig und von zurückhaltender Säure. Unter Herrn Palumbos liebendem Blick reift sie über ein volles Jahr.

Zitronenbäume blühen und tragen am selben Stamm zur selben Zeit, und die Luft ist schwer vom süßen Duft der weißen Blüten und dem ätherischen Spritz der Früchte – gelegentlich durchstochen von einem derben Aroma aus Richtung Schuppen. Dort unter dem Vordach hängt ein langer Drahtkäfig, in dem 16 weiße Kaninchen in Einzelhaft sitzen, den ganzen Tag mümmeln und durch den Boden auf eine wachsende Halde köteln. Abends trägt Antonio Palumbo seine flauschigen Düngerproduzenten in einer Obstkiste in den Stall hinauf, wo sie herumhoppeln können. Am nächsten Morgen nehmen alle denselben Weg zurück zur Arbeit.

Herr Palumbo lebt sehr weit oben am Berg, noch ein paar Serpentinen höher als Scala, die älteste Stadt an der Küste. Die Römer hatten Scala gegründet, weil man 360 Meter über dem Meer eine bessere Sicht auf das hatte, was über den Golf von Salerno angesegelt kam. Rechts von Herrn Palumbos Terrassen ragt am Berg die Ruine der romanischen Basilika Sant’Eustachio auf, links zeichnen sich Schirmpinien wie Scherenschnitte vor dem Himmel ab.

Nach unten geht es in steilen Stufen; aus dem Berg gepickelt, damit Gärten kultiviert werden konnten. Die wilde Natur muss sich mit der Senkrechten, den Trockenmauern und dem Karst bescheiden: rosaroter Baldrian, gelber Fenchel, Zistrosen, Steineichen und finsterbläulich glühende Trichterwinde. Ein Teppich aus Zitronenhainen bedeckt von der Höhe bis zum Meer die Terrassen. Die verschossenen Stellen im Teppich, wo die Gitterstäbe unbelaubter Spaliere wie Schuss- und Kettfäden übereinanderliegen, deuten auf zunehmende Verwilderung. "Es gab hier früher doppelt so viele Gärten wie heute", sagt Antonio Palumbo. Es bedient eben nicht jeder lieber seine Bäume als seine Gäste.

Seit wahrscheinlich schon zweitausend Jahren wachsen am Golf von Salerno Zitronen. Die Römer malten sie an die Wände ihrer Sommervillen. Mit leichter Verspätung entdeckten auch durchgefrorene Nordeuropäer den Zauber der Küste. 1904 erwarb Lord Grimthorpe die Reste der Villa Cimbrone bei Ravello, ein Stück oberhalb der Gärten von Antonio Palumbo, um seine Säulen und Simse und was sich sonst noch so im Laufe eines Sammlerlebens angestaut hatte, endlich seiner wahren Bestimmung zuzuführen. Das Ergebnis ist ein maurisch-normannisch-griechisch-römischer Neubau, heute zum größten Teil Hotel, aber der Garten ist geöffnet und zieht den Betrachter durch die lange Glyzinienallee geradewegs ins Offene zur "Terrasse der Unendlichkeit", die 350 Meter hoch über dem Abgrund schwebt. Richard Wagner wurde hier ekstatisch, ebenso wie Virginia Woolf. Zu Füßen ausgebreitet, liegen Fels und Busch, Zitronen und Zypressen. Man schaut den Möwen von oben auf die Flügel, und tritt man einen Schritt zurück, verschwindet das Land, und der Blick schweift ins feuchtverklärte Blau, wo Himmel und Wasser in eins fließen.

Die Zitronenernte ist schon seit Februar im Gang. Antonio Palumbo muss mit seinen tausend Bäumen noch bis in den Sommer hinein warten, weil zuerst die sonnensatten Hänge zum Meer abgepflückt werden, bevor man sich in die Falten und Zwickel des Gebirges vorarbeitet. An diesem Morgen sind die Trupps in den Hainen über dem Ort Minori angekommen. Auf der Serpentinenstraße parken die Kleinlaster von Carlo de Riso, einem regen, jungen Chef mit leicht angespanntem Zug um die Nase und dem Mikrofon seines Mobiltelefons am Hemdkragen. Mit 290 Zitronengärtnern unter Vertrag ist er der größte Händler an der Küste und beschäftigt seine eigene Trägerkolonne.

Im Wiegeschritt, wie von ihrer Last getrieben, eilen die Männer die steinernen Treppen herab, jeder mit 50 Kilo Zitronen auf dem Rücken: eine Plastikkiste mit zwei Seilgriffen, ein in einen alten Kopfkissenbezug genähtes Strohpolster im Nacken. Akkordarbeit: pro Kiste zahlt de Riso acht bis zehn Euro, je nachdem, ob die Träger zum Laster hinauf- oder hinuntersteigen müssen. Jetzt ist Pause, Zeit für eine Zigarette und eine Limo aus der Dose.

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