JugendkriminalitätWas in ihnen steckt

Monatelang versetzte eine Jugendgang eine Kleinstadt in Schrecken. Wie holt man sie raus aus der Gewalt? Jugendamt und Polizei scheiterten, dem Verein Paidaia ist es gelungen von 

Ein schöner Ort für Liebeserklärungen ist das nicht. Drei kalte, kahle Räume, in denen sich die Jugendlichen in den vergangenen acht Monaten immer wieder getroffen haben, um bessere Menschen zu werden. Der Mairegen vor den Fenstern drückt die Feuchtigkeit durch die dünnen Mauern, es riecht nach Teppichreiniger und Farbe. Aber Marko spürt das alles nicht. Er muss sich konzentrieren. Die Aufgabe lautet: Geh auf Sven zu, schau ihm dabei in die Augen, tritt ganz nah an ihn heran und sag zu ihm: "Ich mag dich." Marko fällt das schwerer, als einen Supermarkt auszurauben, aber er schafft es. Erleichtert lässt er die Schultern sinken und stellt sich still in eine Ecke des Raumes, als müsse er noch eine Weile darüber nachdenken, was er gerade getan hat. "Vor acht Monaten hätte ich jeden, der mir zu nahe kam, weggestoßen, wäre aggressiv geworden."

Damals gehörte der 19-Jährige zu einer Gang randalierender Jugendlicher. Mit geballten Fäusten zogen sie, aneinandergereiht wie eine Mauer aus Wut und Gewalt, durch Ascheberg, eine 15.000-Seelen-Gemeinde im südlichen Münsterland. "Ein beschaulicher, wenig belasteter ländlicher Raum", wie Jugendamt und Polizei die Gegend beschreiben. Rote Backsteinhäuser, bunt bepflanzte Vorgärten, geringe Arbeitslosigkeit. Aber dann stand alle paar Tage ein neuer Artikel in der Lokalzeitung: Körperverletzung, Sachbeschädigung, Einbruch, Diebstahl, Raub, Beleidigung, Bedrohung, Waffen- und Drogenbesitz. Immer dieselben sieben steckten dahinter, sechs Jungen und ein Mädchen, zwischen 12 und 21 Jahren alt. Alle aus deutschen Familien. In ihrem Umfeld neun Mitläufer. 60 offiziell angezeigte Straftaten in etwas mehr als einem Jahr gingen auf das Konto der sieben "Intensivtäter", wie sie in Ascheberg schnell hießen – wobei die Polizei von weit mehr Vorfällen ausgeht. Wo sie auftauchten, wechselte man die Straßenseite, wo sie sich niederließen, wollte kein anderer sein. "Wir hatten immer Platz", sagt Marko.

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Heute will er sich an den, der er damals war, nicht mehr erinnern. "Ich kenn den gar nicht mehr, den Marko von früher." Den anderen geht das ähnlich. Sie alle üben nun, Gefühle zu zeigen, Komplimente zu machen, sich fest in die Arme zu nehmen. Sie finden dieses Training immer noch seltsam, aber keiner von ihnen denkt daran, nach dem Treffen auf die Straße zu gehen und ein Auto zu knacken oder jemanden zusammenzuschlagen. Die Zeiten sind vorbei. Sie haben jetzt anderes zu tun, sie müssen Hausaufgaben machen, für die Berufsschule lernen oder Bewerbungen schreiben. "Ich weiß, das klingt wie ein Märchen", sagt Ibrahim Ismail vom Bochumer Verein Paidaia (Kasten). Er hat in den vergangenen acht Monaten das "Sinn-Projekt" in Ascheberg geleitet und mit seinem neunköpfigen Team das geschafft, woran sich Jugendamt und Polizei die Zähne ausgebissen haben. Aus der Bahn geworfene, kriminelle Jugendliche aus zerrütteten, nicht nur bildungsfernen, sondern, wie man in Ascheberg offen sagt, "extrem asozialen" und isolierten Familien zurück ins Leben zu holen. Was aber ist in dieser Zeit passiert? Wie war das möglich?

Kooperation zwischen Jugendamt, Polizei und Gemeinde

Ibrahim Ismail

Der Geschäftsführer des Vereins Paidaia hat bereits während des sportwissenschaftlichen Studiums als Streetworker in Wuppertal gearbeitet. Er entwickelte einen pädagogischen Ansatz, der sich gegen die reine "Bespaßung" Jugendlicher in den Jugendzentren richtete und stattdessen auf körperliches und geistiges Training setzte. Mit diesem mehrfach ausgezeichneten Neue-Wege-Projekt half er jungen Migranten, oftmals gewaltbereite Schulverweigerer, eine neue Perspektive zu finden. Viele schafften das Abitur und studieren nun.

Der Verein Paidaia

Paidaia kommt aus dem Griechischen und steht für Erziehung und Bildung. Der Verein ist nach den Erfolgen des Neue-Wege-Projektes aus der Ruhr-Universität Bochum hervorgegangen. Paidaia hat es sich zur Aufgabe gemacht, sozial benachteiligte, kriminelle Kinder und Jugendliche zu fördern, sie aus ihrer Isolation zu holen und ihnen die Verantwortung über ihr Leben zurückzugeben. Paidaia arbeitet dabei immer ganzheitlich. So wurden in Ascheberg die Elternhäuser der jugendlichen Kriminellen, ihre Schulen und Ausbildungsbetriebe mit in die Arbeit einbezogen. Weitere Projekte laufen zurzeit in Leverkusen, Bochum, Wuppertal und Hamburg. Die Einsatzteams setzen sich unterschiedlich zusammen. In Ascheberg waren Studenten, Lehrer, Dozenten und ein Ökonom beteiligt.

Das Eingeständnis, gescheitert zu sein, stand am Anfang. Das Jugendamt kennt die Familien der Intensivtäter schon über viele Jahre. Die Akten sind dick. Jede denkbare Form der Jugend- und Familienhilfe kam hier zum Einsatz, konnte das Abrutschen der Jugendlichen aber nicht verhindern. Bis zu 15.000 Euro kostet allein die sogenannte ambulante sozialpädagogische Familienhilfe pro Jahr und Haushalt. Eine weiche, akzeptierende Pädagogik sei das, sagt Raoul Termath, der stellvertretende Leiter des Kreisjugendamtes Coesfeld. Man biete Handlungsalternativen für den Alltag, den Umgang mit den Kindern. "Aber in diesen sehr problembeladenen Familien sind wir damit einfach nicht weitergekommen."

Der zweite Schritt: die keineswegs selbstverständliche Kooperation zwischen Jugendamt, Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht, Gemeinde und Landrat – Ordnungspartnerschaft nennt man das in Ascheberg. Man könnte auch sagen, man hat endlich aufgehört, die Schuld an der Misere von einer Behörde zur nächsten zu schieben. Gemeinsam einigte man sich auf Schritt Nummer drei: auf Hilfe von außen. Als keiner mehr weiterwusste, setzte sich Raoul Termath vor seinen Computer und gab im Internet die Suchbegriffe "Intensivtäter-Projekt-Jugendarbeit" ein. Ziemlich schnell stieß er auf Paidaia, der Verein hatte Erfahrung in der Arbeit mit sozial benachteiligten, schulmüden und auch kriminellen Jugendlichen. Paidaia klang nach Hoffnung für Ascheberg. Termath zog alle staatlichen Jugendhilfen aus den Familien ab, für acht Monate sollten allein Ibrahim Ismail und sein Team ihr Glück mit der Jugendgang versuchen.

"Schon wieder so ein Sozialpädagoge", dachte Marko, als er Ismail sah. Er hatte schon viele Menschen erlebt, die ihn ändern und umerziehen wollten. Mit acht Jahren kam Marko in eine betreute Wohngruppe. "Meine Eltern wollten mich nicht mehr", sagt er ruhig, und trotzdem sieht man ihm an, dass ihn die Frage nach dem Warum noch immer quält. In den vergangenen elf Jahren zog er von einer Jugendhilfemaßnahme zur nächsten. Menschen, die sich um ihn kümmerten, bedeuteten ihm nichts. Sie machten ja nur ihren Job. Eine Betreuerin schlug er krankenhausreif.

Leserkommentare
  1. --
    Na das ist ja mal interessant. Gibt es etwa eine ZEITenwende?

    Ich erinnere an den zurückliegenden Zeitartikel zu einem Mordfall im Amateurfußball in der Niederlande:

    http://www.zeit.de/sport/...

    Marrokanische jugendliche hatten einen Linienrichter zu Tode geprügelt. Allerdings musste man die Nationalität der Täter aus anderen Medien bzw den Kommentaren, deren es sehr viele gab, entnehmen. Auf die vielfältig gestellte Frage, warum denn die Nationalität der Täter nicht genannt wurde, folgte folgende Stellungnahme, auf Kommentarseite 6:

    " Zum persönlichen Hintergrund der mutmaßlichen Täter

    Sehr geehrte Kommentatoren,

    in unserer Berichterstattung über Kriminalität berücksichtigen wir üblicherweise Nationalität oder Herkunft eines mutmaßlichen Täters nur dann, wenn diese direkt im Zusammenhang mit der Tat stehen könnte."

    Nun also damit mir nicht wieder vorgeworfen wird, dass dieser Kommentar nicht zum Thema gehört. frage ich Sie:

    Was hat die deutsche Nationalität dieser Jugendbande mit ihren Taten zu tun?

    Eine Antwort wäre schön.

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    "Was hat die deutsche Nationalität dieser Jugendbande mit ihren Taten zu tun?" Nichts - deswegen bräuchte man sie auch gar nicht zu erwähnen, wenn es nicht das Klischee gäbe, das gewalttätige Jugendbanden zwangläufig aus Migranten(kindern) bestehen.

    Warum sich zum Artikelinhalt äußern, wenn man stattdessen auch paranoid irgendeine weitreichende deutschenfeindliche Medienverschwörung herbeizufantasieren kann.

    Um es selbst besser zu machen: Vielen Dank für diesen Artikel. Man kann nur hoffen, dass die Erkenntnis immer mehr um sich greift, dass es besser ist, mit problematischen Jugendlichen auf Augenhöhe zu reden, statt sie von Umerziehungsmaßnahme zu Umerziehungsmaßnahme abzuschieben, damit RTL und BILD weiterhin die Möglichkeit haben, sich über die Kosten zu entrüsten.

  2. 2. ++++!

    Toller Artikel! Aus eigener Erfahrung mit Jugendarbeit kann ich sagen, dass diesem Verein mehr als Respekt gebührt. Wer dann auch noch so erfolgreich ist, sollte als Vorbild für andere Projekte genommen werden.

    11 Leserempfehlungen
    • Trusty
    • 15. Juni 2013 10:01 Uhr

    Ein hoffnungsfroher Artikel und die Erkenntnis, dass direkte Kommunikation immer noch der beste Weg ist.

    Wenn jeder Mann, jede Frau diesen Artikel vor dem Kinderkriegen lesen müsste, ich denke, dann wären viele Jugendliche besser aufgehoben in ihrer Familie.

    Der Artikel hat mich gerührt, weil ich weiß viele Jugendlichen diese Gruppe bräuchten.

    4 Leserempfehlungen
  3. "Was hat die deutsche Nationalität dieser Jugendbande mit ihren Taten zu tun?" Nichts - deswegen bräuchte man sie auch gar nicht zu erwähnen, wenn es nicht das Klischee gäbe, das gewalttätige Jugendbanden zwangläufig aus Migranten(kindern) bestehen.

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    • edgar
    • 15. Juni 2013 10:27 Uhr

    Ich hätte es mir nicht ersparen können, es noch etwas drastischer auszudrücken.

    mfG

    --
    ""Was hat die deutsche Nationalität dieser Jugendbande mit ihren Taten zu tun?" Nichts - deswegen bräuchte man sie auch gar nicht zu erwähnen, wenn es nicht das Klischee gäbe, das gewalttätige Jugendbanden zwangläufig aus Migranten(kindern) bestehen."

    Bei Migrantenkriminalität soll man also die Nennung der Herkunft der Täter weglassen? Handelt es sich aber um Deutsche, dann besser nicht, denn man kann so zeigen, dass Deutsche auch Verbrechen begehen.
    Der nächste konsequente Schritt in Ihrer Logik wäre übrigens über Verbrechen von Migranten gar nicht mehr zu berichten, so wie dass im Fall Kirchweyhe auch schon geschehen ist.

    Lieber Edgar von Kommentar 6, der Sie doch schrieben: "Ich hätte es mir nicht ersparen können, es noch etwas drastischer auszudrücken."

    Holen sie es nach und drücken sie es drastischer aus!

    Die "ethnische Klassifizierung" sollte entweder bei allen Personen weggelassen werden oder bei allen genannt werden. Und nur für so gewisse Leute: Wenn ich sage "bei allen", dann meine ich auch alle!

    [...] Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich beim konkreten Artikelthema. Danke. Die Redaktion/kvk

  4. Denn:
    Daran kann man beispielhaft sehen, daß mit IntensivtäterInnen intensiv subjektbezogen gearbeitet werden muß, die hier aufgezeigten Ergebnisse – insbesondere die Drogenprobleme - sind auch hinsichtlich der Laufzeit beachtlich.

    Es wäre daher zu begrüssen, wenn dieser Ansatz – nicht nur als Kostenbremse - breiter diskutiert würde. Allerdings wird es schwierig sein, genügend entsprechend belastbare Akteure zu finden, um in den sog. Brennpunkten auch vorsorgend tätig zu werden – was ja mehr Sinn macht, als im Nachhinein pädagogische „Sondereinsatzkommandos“ einzusetzen.

    Mir fehlt an diesem interessanten Bericht nur noch, wie mit dem einzigen Mädchen der Gruppe und den Mitläufern gearbeitet wurde – aber das hätte wohl das Format gesprengt.

    Hier noch die, gar nicht so neue, Leitidee des Vereins

    „Ich fordere, weil ich dich achte, und ich achte dich, weil ich dich fordere.“
    „Von einem Menschen, den wir nicht achten, können wir nicht das Höchste verlangen. Wenn wir von einem Menschen viel fordern, besteht gerade darin unsere Achtung vor ihm […].“
    (Makarenko)

    http://www.paidaia.com/in...

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    • edgar
    • 15. Juni 2013 10:27 Uhr

    Ich hätte es mir nicht ersparen können, es noch etwas drastischer auszudrücken.

    mfG

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Nationalität"
  5. ist so extrem spießig, dass es nach meiner Ansicht keinen Freiraum für Individualität lässt, man fühlt sich zurückversetzt in das Deutschland der 50er Jahre: Die Gärten alle perfekt gepflegt und ich habe noch nirgendwo in Deutschland gesehen, dass die Leute (reihenweise) ihre Gärten mit der Schere trimmen.
    Bevor der Vorwurf kommt, es wäre off-topic: Mich wundert, dass nicht sehr viel mehr Jugendliche dies nicht ertragen über die Stränge schlagen.

    ____

    Wie ich Die Zeit kenne, war es dem Autor sicherlich eine Herzensangelegenheit, die Staatsbürgerschaft der Jugendlich zu erwähnen. Er sollte mal Offenbach / Dietzenbach kommen, das würde seinen Horizont und den der Zeitung erweitern.

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    Jugendlichen

    Der Satz sollte so lauten: Mich wundert, dass nicht sehr viel mehr Jugendliche dies nicht ertragen UND über die Stränge schlagen.

  6. Mich freut es, dass dieses Programm offensichtlich funktioniert hat! Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass erst die Kombination aus Zuwendung und der Androhung strafrechtlicher Konsequenzen gewirkt hat. Gut, in diesem Fall war die Androhung von Strafmaßnahmen aufgrund des Drogenkonsums der Jugendlichen offensichtlich ein Bluff, aber dies wussten die Jugendlichen zu diesem Zeitpunkt ja nicht.

    In diesem Sinne ist diese Geschichte sowohl eine Absage an die Hardliner, die nur strafen wollen, aber auch gleichzeitig eine Absage an die Kuschelpädagogik. Genau dies ist meines Erachtens auch die Lehre dieses Artikels.

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  • Schlagworte Jugendamt | Droge | Drogenbesitz | Ecstasy | Familie | Hoffnung
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