Bradley ManningEin tragischer Verräter

Bradley Manning hat unzählige Geheimnisse der USA verbreitet. Womöglich muss er für immer ins Gefängnis von 

Es war verführerisch einfach. "Schwache Server, schwacher Log-in-Schutz, schwache Kontrolle von Datenströmen." So hat der Gefreite Bradley Manning die Internet-Sicherheitsstandards der US-Armee beschrieben. Für einen Computerspezialisten wie ihn war es ein Kinderspiel, Videos militärischer Einsätze im Irak, geheime Leitlinien zu Gefangenenverhören in Guantánamo oder Diplomatenmails aus den Rechnern des Militärs an die Außenwelt zu leiten. Seinem Land bescherte er damit eine gigantische Blamage, der Internetplattform WikiLeaks einen ebenso gigantischen Medienhype – und der Weltöffentlichkeit schockierende Einblicke in die amerikanische Kriegsführung.

Dafür wird Manning, wenn es gut für ihn läuft, für 20 Jahre ins Gefängnis gehen. Läuft es schlecht, wird ihn das Militärgericht in Fort Meade im US-Bundesstaat Maryland, wo am Montag der Prozess begonnen hat, wegen Spionage und "Unterstützung des Feindes" zu lebenslanger Haft verurteilen. Lebenslang heißt hier: ohne Chance auf Bewährung. So wie die Justiz bislang mit Bradley Manning umgegangen ist, dürfte es eher schlecht laufen für ihn.

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Es war, nach der Menge der Daten, der größte Geheimnisverrat in der amerikanischen Geschichte. Aber dieser Verrat liest sich eben nicht wie ein Spionagethriller aus dem Kalten Krieg, sondern eher wie eine Realsatire über das Amerika von heute: Ein 22-jähriger Gefreiter, dessen Reifegrad nach eigenem Bekennen irgendwo zwischen Kuscheldecke, Patriotismus und digitalem Genie liegt, wird als Nachrichtenanalyst mit top secret- Zugang in den Irak geschickt. In einem Computerzentrum – umgeben von Kameraden, die abwechselnd Heavy-Metal-Videos und Satellitenaufnahmen verdächtiger Fahrzeuge in Bagdad betrachten – merkt er, dass dies kein guter Krieg ist. Worauf er Hunderttausende vertrauliche oder geheime Dateien der US-Regierung auf CDs kopiert, dabei so tut, als höre er Lady Gaga – und das Ganze der Internetplattform WikiLeaks übergibt, deren selbst ernannter Sprecher Julian Assange der Welt gerade die "totale Transparenz" verordnen will. Aus der Datenschwemme filtert Assange, meist mit der professionellen Hilfe ausgewählter Medien wie der New York Times, des Guardian oder des Spiegels, bestimmte Dokumente heraus: darunter das Video der tödlichen Jagd eines US-Kampfhubschraubers auf Zivilisten in Bagdad, Dokumente über den Einsatz von Folter im Irak sowie Hunderttausende vertrauliche Depeschen von US-Diplomaten in der ganzen Welt.

Gut drei Jahre ist das her. Aus dem Irak haben sich die USA mittlerweile zurückgezogen, der Abmarsch aus Afghanistan steht kurz bevor. Assange, wegen sexueller Nötigung mit Haftbefehl gesucht, gehört als Dauerflüchtling in der ecuadorianischen Botschaft in London inzwischen zum medialen Kuriositätenkabinett. WikiLeaks macht längst keine Schlagzeilen mehr. Und von Bradley Manning kann man heute ein recht differenziertes Bild zeichnen, nicht zuletzt dank der unzähligen E-Mails und der Kommentare in Chatrooms, die er in grenzenloser virtueller Vertrauensseligkeit hinterlassen hat: Seine Motive hatten weder mit Spionage noch mit Sympathien für Amerikas Feinde zu tun. Eher schon mit der Biografie eines hochbegabten, schmächtigen, schwulen Außenseiters, der die Welt wenigstens ein Mal ordentlich durchrütteln wollte. "Ich hätte nichts dagegen, lebenslänglich oder die Todesstrafe zu kriegen, wenn mein Foto dafür durch die internationale Presse geht." Das vertraute er seinem vermeintlich besten Chatroom-Freund an, einem Hacker namens Adrian Lamo, der ihn schließlich an das FBI verriet. Die virtuelle Welt, in der sich Manning wohler fühlte als in der realen, wurde für ihn am Ende zur Falle. Manning allein Geltungssucht zu unterstellen wäre allerdings nicht fair: Im Gegensatz zu seinen Kameraden im top secret- Container im Irak bezweifelte er, dass dieser Krieg richtig, rechtens oder gerecht war.

Natürlich wird eine Regierung, noch dazu die einer Supermacht, drei Jahre nach einem solchen sicherheitspolitischen und diplomatischen Super-GAU nicht von rückblickender Gelassenheit erfasst. Mannings Datenklau ist eine schwere Straftat und in seiner Wahllosigkeit auch nicht mit den Pentagon Papers vergleichbar, den streng geheimen Papieren, mit denen der damalige Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums Daniel Ellsberg vor rund 40 Jahren über den Vietnamkrieg und die verlogene Politik Richard Nixons aufklären wollte.

Aber die amerikanische Militärjustiz hat sich mit einer Gnadenlosigkeit auf Bradley Manning gestürzt, die durchaus an den paranoiden Umgang der Nixon-Regierung mit tatsächlichen und vermeintlichen Gegnern erinnert. Manning hat fast ein Jahr in Isolationshaft verbracht. Dort blieb er 23 Stunden am Tag unter Einschluss, musste nachts "wegen Selbstmordgefahr" nackt schlafen und wurde regelmäßig mit dem Ruf Are you okay? geweckt. Eine Tortur, die den Protest von den Vereinten Nationen und von Menschenrechtsorganisationen hervorrief.

Amerikanische Bürgerrechtler fürchten zudem, der Spionage-Vorwurf gegen Manning könne zur Waffe gegen Journalisten werden. Unlängst hat das US-Justizministerium einen Fox-Fernsehreporter der Spionage verdächtigt, um leichter die Genehmigung zum Überwachen seiner E-Mails zu bekommen. Noch bedenklicher erscheint der Anklagepunkt der "Unterstützung des Feindes". Den hat die Staatsanwaltschaft gegen Manning erhoben, weil auch Osama bin Laden WikiLeaks-Dokumente heruntergeladen haben soll. Sollte das Gericht dieser Argumentation folgen, müssten die New York Times und andere Medien ähnliche Klagen fürchten, wenn sie solche Unterlagen veröffentlichen oder mithilfe von Informanten über Kriegsverbrechen der eigenen Armee berichten. Wie zum Beispiel über das "Kill Team", eine Gruppe von US-Soldaten, die 2010 in Afghanistan willkürlich Zivilisten töteten und deren abgehackte Finger als Trophäen sammelten. Der Rädelsführer wurde zu lebenslanger Haft verurteilt – mit Aussicht auf Entlassung nach zehn Jahren. Bradley Manning wird wohl länger im Gefängnis bleiben.

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Leserkommentare
  1. Sehr geehrte Frau Böhm,
    In dem Artikel stellen Sie Bradley Manning als öffentlichkeitssüchtigen Sonderling dar. Ich glaube allerdings, dass Sie da eine falsche Übersetzung vorgenommen haben. In den Originalchatlogs auf http://www.wired.com/thre... finde ich folgendes Zitat:
    "(1:13:10 PM) bradass87: i just… dont wish to be a part of it… at least not now… im not ready… i wouldn’t mind going to prison for the rest of my life, or being executed so much, if it wasn’t for the possibility of having pictures of me… plastered all over the world press… as boy…"
    Auf Deutsch ist das also genau das Gegenteil von dem, was Sie schreiben: Manning ist offensichtlich psychisch labil und hadert mit seiner geschlechtlichen Identität - genau deswegen möchte er NICHT mit seinem Bild in der Öffentlichkeit stehen. Dafür spricht auch der weitere Chatverlauf, z.B.:
    "(03:22:36 PM) bradass87: i mean… 99.9% of people coming from iraq and afghanistan want to come home, see their families, get drunk, get laid…

    (03:22:56 PM) bradass87: i… wanted to try living as a woman, for whatever reason"

    Ich finde diese Stelle von elementarer Bedeutung für die Darstellung Mannings in der Öffentlichkeit. Die Unterstellung des Narzissmus, die Sie damit direkt äußern, wirkt in Anbetracht seiner tiefen Zweifel und Unsicherheiten (die bis hin zu Selbstmordabsichten gehen) nur noch zynisch.

    Ich bitte Sie deswegen, den Artikel transparent und schnell zu korrigieren.
    Vielen Dank!

    5 Leserempfehlungen
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    Es ist immer wieder erstaunlich wie viele Journalisten offenbar glauben, Englisch sei eine leichte Sprache und sie seien deshalb auf die Hilfe von professionellen Übersetzern nicht angewiesen. So kann es dann, wie im vorliegenden Fall, passieren, dass die ursprüngliche Bedeutung einer Aussage in ihr Gegenteil verkehrt wird (zur Zeit gibt es übrigens Berichte zu ökologischen Veränderungen im Yellowstone National Park, in denen die Reporter vieles falsch verstehen, weil sie nicht wissen, dass 'elk' kein Elch, sondern ein Wapitihirsch ist. Ein Elch heißt im amerikanischen Englisch 'moose').

    Man sollte auch niemand glauben, der von sich behauptet, 'perfekt' Englisch zu können. Nicht einmal einheimische Sprecher können das. Ich habe u. a. Anglistik und Linguistik studiert und später 27 Jahre in einem englischsprachigen Land gelebt. Aber ich würde niemals von mir behaupten, perfekt Englisch zu können.

  2. 2. Danke!

    Vielen Dank für Ihren Kommentar! Vielleicht sollte man Mannings Taten - in Anbetracht solcher Aussagen - wirklich auch unter dem Gesichtspunkt der Unzurechnungsfähigkeit betrachten.

  3. Es ist immer wieder erstaunlich wie viele Journalisten offenbar glauben, Englisch sei eine leichte Sprache und sie seien deshalb auf die Hilfe von professionellen Übersetzern nicht angewiesen. So kann es dann, wie im vorliegenden Fall, passieren, dass die ursprüngliche Bedeutung einer Aussage in ihr Gegenteil verkehrt wird (zur Zeit gibt es übrigens Berichte zu ökologischen Veränderungen im Yellowstone National Park, in denen die Reporter vieles falsch verstehen, weil sie nicht wissen, dass 'elk' kein Elch, sondern ein Wapitihirsch ist. Ein Elch heißt im amerikanischen Englisch 'moose').

    Man sollte auch niemand glauben, der von sich behauptet, 'perfekt' Englisch zu können. Nicht einmal einheimische Sprecher können das. Ich habe u. a. Anglistik und Linguistik studiert und später 27 Jahre in einem englischsprachigen Land gelebt. Aber ich würde niemals von mir behaupten, perfekt Englisch zu können.

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  • Schlagworte Daniel Ellsberg | WikiLeaks | Irak | Spionage | US-Justizministerium | US-Regierung
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