Sexueller Missbrauch : "Monströse Unkeuschheit"

Wie Priester zu Tätern wurden – eine Bilanz des Missbrauchs in der katholischen Kirche

Machtmissbrauch durch sexualisierte Gewalt ist der monströse Fall, der zwei Themen unübersehbar auf die Tagesordnung der Kirche setzt: Macht und Sexualität. Da es bei sexualisierter Gewalt im Kern um den Missbrauch von Macht geht, kann man sogar zuspitzen: Die Schlüsselfrage ist die nach dem Umgang mit Macht in der Kirche.

Wenn über Macht in der Kirche gesprochen wird, kommt schnell der Hinweis, Kirche habe heute doch gar keine Macht mehr. In den Ohren der Opfer klingt das wie Hohn. Sie haben die missbrauchende und missbrauchte Macht der Kirche kennengelernt. Die geistliche Macht, welche die Kirche innehat, wirkt in die Welt hinein. Sie ist auch Macht. Schließlich geht es der Kirche ja um das Heil der Welt, nicht nur um das Heil der Kirche.

Im Sprechen über Missbrauch wird immer wieder verräterisch deutlich, wie sehr der Kirchenbegriff hierarchiefixiert ist: "Die Missbräuche haben der Kirche geschadet" – ja, aber gerade deswegen, weil sie den Opfern geschadet haben, nicht weil sie dem Ansehen der Kirche geschadet haben.

Macht und Priestertum

Missbrauch priesterlicher Macht bringt eine besondere Fallhöhe mit sich, weil die Priester für eine Institution stehen, die hohe moralische Ideale predigt, gerade in Fragen der Sexualmoral. Ein Fußballverein stellt keine vergleichbaren Ansprüche an seine Mitglieder oder gar an die Welt. Die besondere Fallhöhe bei Priestertätern wird noch gesteigert, weil das Weihepriestertum nach katholischem Verständnis die Priester von den übrigen Getauften nicht nur dem Grad, sondern dem Wesen nach unterscheidet. Wer ontologisch höher steht, fällt ontologisch tiefer.

Auch die kritische Öffentlichkeit teilt diese Einschätzung. Das hat die Debatte der letzten Jahre deutlich gemacht. Unter dem Firnis der Säkularisierung ist die Vorstellung vom Priester als einem Menschen, der eine besondere Nähe zu Gott hat, lebendig geblieben. So ist die Wut der Öffentlichkeit nach der Aufdeckung der Missbräuche nicht nur als Ausdruck von Kirchenfeindschaft zu verstehen, sondern auch als Ausdruck tiefer Enttäuschung.

Klaus Mertes

2010 löste der Jesuit eine Welle von Enthüllungen kirchlicher Gewalt aus, indem er den sexuellen Missbrauch von Schülern am katholischen Canisius-Kolleg in Berlin aufdeckte. Mertes war damals Rektor des Gymnasiums, später wurde er zum öffentlichen Anwalt der Opfer. Wir drucken Auszüge aus seinem Buch Verlorenes Vertrauen, das diese Woche erscheint.

Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen Priestertum und Missbrauch. Aber es gibt ein überzogenes Priesterbild und Priesterverständnis. Als Opfer versuchten zu sprechen, hörten sie Sätze wie: "So spricht man nicht über einen Priester." Die überzogene Aura des Priesterlichen schützte die Täter. Die Priestertäter ihrerseits hatten und haben in der Regel ein klares Bewusstsein für ihre starke Position in der katholischen Kirche. Macht ermöglicht Nähe, geistliche Macht ermöglicht geistliche Nähe. Die Aura des Priesterlichen ist für die Täter die Eintrittskarte in das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen – und dasselbe gilt letztlich für alle seelsorglichen Verhältnisse. Wer eine besondere Nähe zu Gott hat, ist besonders vertrauenswürdig. Schließlich ist Gott die Vertrauenswürdigkeit schlechthin.

Priester haben aber keine besondere Nähe zu Gott. Davon steht nichts im Evangelium, nichts in den Texten der Weiheliturgie. Sie strahlen auch keine besondere göttliche Energie aus. Wenn es überhaupt so etwas gibt wie Menschen, die eine besondere Nähe zu Gott haben, so ist das unabhängig von der Weihe. Franziskus von Assisi war kein Priester. Teresa von Avila auch nicht. Das Problem liegt in dem Wort "besonders". Man kann es auch umgekehrt formulieren: Gott ist jedem Menschen besonders nahe. Die Gleichheit aller Menschen hebt ihre jeweilige Einzigkeit und Besonderheit nicht auf. Die Gleichheit der Menschen vor Gott ist bunt, nicht einfarbig.

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