Sexueller Missbrauch"Monströse Unkeuschheit"

Wie Priester zu Tätern wurden – eine Bilanz des Missbrauchs in der katholischen Kirche von Klaus Mertes

Machtmissbrauch durch sexualisierte Gewalt ist der monströse Fall, der zwei Themen unübersehbar auf die Tagesordnung der Kirche setzt: Macht und Sexualität. Da es bei sexualisierter Gewalt im Kern um den Missbrauch von Macht geht, kann man sogar zuspitzen: Die Schlüsselfrage ist die nach dem Umgang mit Macht in der Kirche.

Wenn über Macht in der Kirche gesprochen wird, kommt schnell der Hinweis, Kirche habe heute doch gar keine Macht mehr. In den Ohren der Opfer klingt das wie Hohn. Sie haben die missbrauchende und missbrauchte Macht der Kirche kennengelernt. Die geistliche Macht, welche die Kirche innehat, wirkt in die Welt hinein. Sie ist auch Macht. Schließlich geht es der Kirche ja um das Heil der Welt, nicht nur um das Heil der Kirche.

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Im Sprechen über Missbrauch wird immer wieder verräterisch deutlich, wie sehr der Kirchenbegriff hierarchiefixiert ist: "Die Missbräuche haben der Kirche geschadet" – ja, aber gerade deswegen, weil sie den Opfern geschadet haben, nicht weil sie dem Ansehen der Kirche geschadet haben.

Macht und Priestertum

Missbrauch priesterlicher Macht bringt eine besondere Fallhöhe mit sich, weil die Priester für eine Institution stehen, die hohe moralische Ideale predigt, gerade in Fragen der Sexualmoral. Ein Fußballverein stellt keine vergleichbaren Ansprüche an seine Mitglieder oder gar an die Welt. Die besondere Fallhöhe bei Priestertätern wird noch gesteigert, weil das Weihepriestertum nach katholischem Verständnis die Priester von den übrigen Getauften nicht nur dem Grad, sondern dem Wesen nach unterscheidet. Wer ontologisch höher steht, fällt ontologisch tiefer.

Auch die kritische Öffentlichkeit teilt diese Einschätzung. Das hat die Debatte der letzten Jahre deutlich gemacht. Unter dem Firnis der Säkularisierung ist die Vorstellung vom Priester als einem Menschen, der eine besondere Nähe zu Gott hat, lebendig geblieben. So ist die Wut der Öffentlichkeit nach der Aufdeckung der Missbräuche nicht nur als Ausdruck von Kirchenfeindschaft zu verstehen, sondern auch als Ausdruck tiefer Enttäuschung.

Klaus Mertes

2010 löste der Jesuit eine Welle von Enthüllungen kirchlicher Gewalt aus, indem er den sexuellen Missbrauch von Schülern am katholischen Canisius-Kolleg in Berlin aufdeckte. Mertes war damals Rektor des Gymnasiums, später wurde er zum öffentlichen Anwalt der Opfer. Wir drucken Auszüge aus seinem Buch Verlorenes Vertrauen, das diese Woche erscheint.

Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen Priestertum und Missbrauch. Aber es gibt ein überzogenes Priesterbild und Priesterverständnis. Als Opfer versuchten zu sprechen, hörten sie Sätze wie: "So spricht man nicht über einen Priester." Die überzogene Aura des Priesterlichen schützte die Täter. Die Priestertäter ihrerseits hatten und haben in der Regel ein klares Bewusstsein für ihre starke Position in der katholischen Kirche. Macht ermöglicht Nähe, geistliche Macht ermöglicht geistliche Nähe. Die Aura des Priesterlichen ist für die Täter die Eintrittskarte in das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen – und dasselbe gilt letztlich für alle seelsorglichen Verhältnisse. Wer eine besondere Nähe zu Gott hat, ist besonders vertrauenswürdig. Schließlich ist Gott die Vertrauenswürdigkeit schlechthin.

Priester haben aber keine besondere Nähe zu Gott. Davon steht nichts im Evangelium, nichts in den Texten der Weiheliturgie. Sie strahlen auch keine besondere göttliche Energie aus. Wenn es überhaupt so etwas gibt wie Menschen, die eine besondere Nähe zu Gott haben, so ist das unabhängig von der Weihe. Franziskus von Assisi war kein Priester. Teresa von Avila auch nicht. Das Problem liegt in dem Wort "besonders". Man kann es auch umgekehrt formulieren: Gott ist jedem Menschen besonders nahe. Die Gleichheit aller Menschen hebt ihre jeweilige Einzigkeit und Besonderheit nicht auf. Die Gleichheit der Menschen vor Gott ist bunt, nicht einfarbig.

Leserkommentare
  1. Ein sehr schöner kritischer Text, der mich berührt hat.

    Was ich mir als Katholikin jedoch ebenfalls wünsche, ist ein solcher Text und vor allem eine ganz eindeutige Haltung der Katholischen Kirche zur strukturellen Gewalt, die der Raubtierkapitalismus den Menschen antut.

    Die Appelle der (ins. deutschen) Kirchenfürsten an die Moral der internationalen Konzerne klingen in meinen Ohren schal und unaufrichtig. Es ist sinnlos, an die Moral von juristischen Personen zu appellieren und es stört mich ungemein, dass die Parteien, die sich "christlich" nennen, nicht endlich von der Katholischen Kirche als die Heuchler benannt werden, die sie sind. Was hat die unbarmherzige Frau Merkel mit dem Christentum zu tun? Nur in Andalusien sind laut Caritas inzwischen über 250.000 Menschen unterernährt! In Griechenland steigt die Zahl der Selbstmorde sprunghaft an, die Jugend hat keinerlei Perspektive mehr.

    Für mich macht es keinen Unterschied, ob ein Mensch sexuell oder anders ausgebeutet wird. Es kann genauso verletzend sein für einen Menschen, gezwungen zu werden, seine Arbeitskraft und damit Lebenszeit für € 1,00 pro Stunde verkaufen zu müssen. Menschen in der 3. Welt sterben, weil Spekulanten mit Lebensmitteln spekulieren. Menschen sterben, weil sie sich eine medizinische Versorgung nicht leisten können (u.a. auch in Griechenland).

    Ich wünsche mir, dass die Katholische Kirche diese Missbräuche anprangert und nicht nur um sich selbst kreist!

    3 Leserempfehlungen
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    "Was ich mir als Katholikin jedoch ebenfalls wünsche, ist ein solcher Text und vor allem eine ganz eindeutige Haltung der Katholischen Kirche zur strukturellen Gewalt, die der Raubtierkapitalismus den Menschen antut."

    @AucheinkleinerReissnagel:
    Die Zeit bietet die Möglichkeit Leserartikel zu verfassen: http://community.zeit.de/...

    Sie scheinen sich ja intensiv mit dem Thema "Raubtierkapitalismus" befasst zu haben. Schreiben Sie doch mal etwas ausführlicher darüber.

    Im Artikel von Herrn Mertes geht es um sexuellen Missbrauch durch Priester. Sexualisierte Übergriffigkeit und ökonomische Gewalt bedingen sich zwar, aber es gibt auch entscheidende Unterschiede. Ein armer Mensch verliert nicht automatisch ein Stück seiner Menschenwürde. Ein sexualisiert missbrauchter schon. Und zwar so gut wie in allen Kulturen und Kontexten. Sich die zurückzuerobern ist harte Arbeit.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von über 7 Millionen Wahlberechtigten in Deutschland die in ihrer Kindheit Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

    Entfernt. Kein Artikelbezug. Die Redaktion/sam

  2. Das nenne ich Gedanken eines aufgeklärten und aufklärenden Gläubigen, der es nicht nötig hat, den Verstand auszuschalten, sondern zu dessen vernünftigen Gebrauch aufmuntert und einlädt.

    5 Leserempfehlungen
    • malox
    • 16. Juni 2013 13:00 Uhr

    Ein sehr schöner, nachdenkenswerter Text, den man in der Form selten liest - auch wenn ich als "Ungläubige" dann mit dem dritten Teil nicht mehr allzuviel anfangen konnte.

    Hierzu möchte ich noch einiges anmerken:
    (Zitat):
    "Die priesterliche Enthaltsamkeit hat nur Sinn, wenn sie als Lebensform der Gottes- und Menschenliebe gelebt wird, als eine Lebensform, die das Herz weitet.

    Warum ist hierfür (priesterliche) Enthaltsamkeit vonnöten?
    Eine Lebensform von Gottes- und Menschenliebe kann auch ohne diese (sexuelle) Enthaltsamkeit das "Herz weiten".
    Vielleicht sogar besser, wenn der Zwang zur Enthaltsamkeit nicht aufgebürdet wird.
    Menschen, die dazu *nicht* fähig sind, dies auch von sich selbst wissen, tun gut daran, alleine deswegen das Priesteramt abzulehnen. Und diese besitzen "Menschenliebe": Zu sich selbst und anderen - weil die Pflicht zur Enthaltsamkeit "Unmenschliches" verlangt.
    Ist dies nicht auch "katholisch herzlos"?
    Denn - Zitat aus dem Text - "Die Liebe zum geliebten Menschen konkurriert eben nicht mit der Liebe zu Gott."

    Eine Leserempfehlung
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    der zweite Pädoskandal in Dland..der der grünen Partei wurd e erst medial totgeschwiegen bis man sich durchrang einen befreundetetn Forscher und Alt68er ,der offen mit den Grünen sympathisiert zur Aufklärung zu schicken..
    Cohn Bendit ist immer noch völlig unbeteiligt und tut unschuldig..

    peinlich

  3. Wirklich schöne geschrieben - auf dem Level kann man sich gut unterhalten.

    Eines wundert mich aber: Der Satz "Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen Priestertum und Missbrauch" sollte zumindest statistisch untermauert werden. Soweit ich es mitbekommen habe, ist diese Behauptung nur dann korrekt, wenn eine Dunkelziffer von Null angenommen wird - was dann doch ziemlich naiv scheint.
    Davon abgesehen finden sich im Internet kaum Studien zum Thema, die wirklich als unabhängig gelten können.

    Zweitens darf nicht vergessen werden, daß ein kausaler Zusammenhang sehr deutlich ist - nämlich daß die katholische Kirche sowohl die Strafvervolgung und Aufklärung aktiv verhindert hat und ferner pädophilen Priestern ermöglicht hat, weiterhin (anderswo) Kinder zu vergewaltigen.

    7 Leserempfehlungen
  4. 5. [...]

    Entfernt. Kein Artikelbezug. Die Redaktion/sam

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    Entfernt. Sie beziehen sich auf einen inzwischen entfernten Kommentar. Die Redaktion/sam

  5. Leider handelt es sich bei der Position Klaus Mertes' um eine Außenseiterposition in der katholischen Kirche, die ihm viele Anfeindungen bis hin zur Gewalt (anspucken) einbringt. Die Befreiungstheologen, die in die Armenviertel zogen, um dort das Leben der Ausgebeuteten und Entrechteten zu teilen, wurden rücksichtslos aus der Kirche gedrängt - die in Schlössern residierenden katholischen Ayatollahs von der Piusbruderschaft werden hofiert und zur Rückkehr in den Schoß der heiligen katholischen Kirche eingeladen.
    Papst Benedikt folgte der Devise: Schotten dicht und alle Luken schließen. Er gab sich der Illusion hin, dass, wenn man den Sturm nicht sehe, dieser nicht so arg wäre. So verfuhr die Kirche auch bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, bei denen es sich um wahrhaft "monströse Gewalt" handelt. Die Interpretation Benedikts, diese Fälle seien mit der Glaubensferne der modernen Welt zu erklären, schlug voll auf seine Kirche zurück. Denn da es diese "monströse Gewalt" an katholischen Bildungseinrichtungen gibt, nicht aber an staatlichen Schulen, müssten die Einrichtungen der katholischen Kirche glaubensferner sein als die weltlichen Einrichtungen.
    Es bleibt abzuwarten, ob Papst Franziskus einen Richtungswechsel vornimmt. Es wäre endlich auch an der Zeit, dass sich ein Papst mit der neuen weltweiten Ersatzreligion der neoliberalen Heilsversprechen aueinandersetzt. Die Absolventen der neoliberalen Priesterseminare predigen schließlich das pure Gegenteil des Christentums.

    Eine Leserempfehlung
  6. vor zwei Jahrzehnten in seinem Buch „Kleriker“ über die (menschlichen) Probleme der Priester berichtete, wurde er aufs Übelste beschimpft und schließlich in seiner beruflichen Existenz vernichtet.

    Hätte man ihn damals ernst genommen, hätte man unendlich viel menschliches Leid vermeiden können – nicht nur bei den Missbrauchsopfern, sondern auch unter den Priestern, die offensichtlich nicht in der Lage waren, mit diesem „Stachel im Fleisch“ verantwortungsbewusst zu leben.

    12 Leserempfehlungen
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    @Pueckler_FM:

    ich nehme an, dass Eugen Drewermanns Kritik von den Verantwortlichen damals sehr ernst genommen wurde. Diffamierung, Ausgrenzung und Mobbing wird gerade dann genutzt, wenn Einzelne oder eine Gruppe die Schwachpunkte eines sozialen Gefüges offen legen.

    Erst wenn diese "Whistleblower" entsprechend starken Rückhalt im Gemeinwesen bekommen, dann werden sie nicht mehr automatisch bekämpft.

    Der Führungsriege innerhalb der RKK geht es sicherlich weniger darum menschliches Leid zu vermeiden, als sich Ärger vom Hals zu halten. Diesmal, nämlich im zweiten Jahrzehnt des 21 Jahrhunderts sind aber Leugnen und Opferdiffamieren die falschen Strategien um das zu erreichen. Die Menschen in unserer Gesellschaft sind aufgeschlossener geworden. Sie haben ihre Angst vor dem Missbrauchsthema und den Opfern verloren, weil sie zwischenzeitlich gelernt haben der Realität sexualisierter Übergriffigkeit ins Auge zu schauen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

  7. der zweite Pädoskandal in Dland..der der grünen Partei wurd e erst medial totgeschwiegen bis man sich durchrang einen befreundetetn Forscher und Alt68er ,der offen mit den Grünen sympathisiert zur Aufklärung zu schicken..
    Cohn Bendit ist immer noch völlig unbeteiligt und tut unschuldig..

    peinlich

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  • Schlagworte Katholische Kirche | Gewalt | Liebe | Missbrauch | Sexualität | Jerusalem
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