Zwei Menschen in einem Auto können sich mehr oder weniger zu sagen haben.

Frankfurt am Main, Autobahnauffahrt Miquelallee. Wir haben die Stadtgrenze noch nicht passiert und wissen schon alles über Pekka. Pekka ist 47 Jahre alt, Halbfinne aus Berlin, hat zwei Kinder und weilt alle 14 Tage in Frankfurt ("beruflich, nicht freiwillig"). Pekka ist verheiratet ("noch") und hat mit Aki Kaurismäki gesoffen (wann und wo, lässt sich nicht genau eruieren, am Gambacher Kreuz etwa wird sich herausstellen, dass der Regisseur Skispringer war und irgendwie doch anders hieß). Das Reden ist Pekkas Betriebsgeräusch. 

Damit unterscheidet er sich von Tini, die mit Kopfhörern, so groß wie Untertassen, neben ihm auf der Rückbank von Jürgens altem Mercedes sitzt. Am Ende der knapp fünfstündigen Fahrt wird die Mittzwanzigerin mit dem ingwerfarbenen Pferdeschwanz genau zwei Sätze gesagt haben. Der erste fiel beim Einsteigen an der wuseligen Südseite des Frankfurter Hauptbahnhofs, wo man aufpassen muss, nicht im falschen Auto zu landen ("Julia nach Dortmund?" – "Nein, Tini nach Berlin"). Minütlich klappen Kleinwagentüren auf an diesem Knotenpunkt der Mitfahrerszene. Menschen mit Rucksäcken plumpsen auf Rückbänke und Beifahrersitze neben Menschen, die sie meist nie zuvor gesehen haben. Einer steuert das Auto und kassiert von den Insassen etwa fünf Euro pro 100 Kilometer: Das ist der Deal beim Mitfahren. Für die Strecke Frankfurt–Berlin zahlen Tini, Pekka und ich je 30 Euro an Jürgen. Unschlagbar in Zeiten steigender Bahn- und Spritpreise.

"Raps, Raps, was für ein Wort, Raps, Happs", palavert Pekka

Eine Fahrgemeinschaft ist ein Ensemble, das gemeinsam ein Stück aufführt, dessen Inhalt keiner der Beteiligten vorher kennt. Bühne ist die Autobahn. Regisseur der Zufall. Seit April jedoch will die europaweit agierende Mitfahrzentrale BlaBlaCar auch in Deutschland Fahrer und Mitfahrer an der Regie beteiligen. Der 2006 in Frankreich gegründete Anbieter mischt den wachsenden Markt mit einem Alleinstellungsmerkmal auf: einer Art Gesprächsfreudigkeits-Index. Steht und fällt der Erfolg des Theaters auf A3 oder A5 doch damit, ob und wie Fahrende und Mitfahrende miteinander ins Gespräch kommen. Auf der Internetseite von BlaBlaCar hat man deshalb drei Felder zum Ankreuzen zur Auswahl, die über den eigenen Redebedarf Auskunft geben sollen: "Bla", "Blabla" oder "Blablabla". Wer will, kann auch Fotos einstellen, seinen Beruf nennen, einen Link zu seinem Facebookprofil freischalten, die "Ladies only"-Option anklicken oder seinen Musikgeschmack erläutern.

Die Idee leuchtet ein. Anders als die Sitzreihe in einem Flugzeug oder ein Zugabteil ist das Auto ein privater, abgeschlossener Raum. Halten alle aus einem Gefühl der Unbehaglichkeit den Mund oder schämen sich fremd für das Gerede eines selbst ernannten Scherzboldes, ist die Fahrt schwer zu ertragen. Richtig gemischt, werden Schwätzer und Schweiger, dankbare Zuhörer und begnadete Erzähler dagegen vielleicht nicht gleich beste Freunde, aber zumindest zufriedene Lebensabschnittsgefährten auf dem Asphalt.

Beim Bla-Index habe ich "Blabla" angekreuzt, soll heißen: Wenn es nett ist, rede ich gerne mit. Wird es zäh, höre ich halt Musik. Die klassische Gesprächsschnorrerin, wenn man so will. Für Jürgen habe ich mich aus guten Gründen entschieden. Sein Foto sieht sympathisch aus: nachdenklicher Blick, hellblaue Retro-Jeansjacke. Jürgen hat nur ein Bla im Portfolio. Er wird mir also nicht auf die Nerven fallen. Im Auto kann man schließlich nicht mal eben den Sitzplatz wechseln, und Berlin ist weit weg. Der Haken an der Sache ist allerdings: Man kann sich zwar den Fahrer, nicht aber die anderen Mitfahrer aussuchen. Dass Pekka in unserem Ensemble mitspielt, hat Jürgen allein entschieden. Und selbst wenn man weiß, wie viel einer erzählt, weiß man noch lange nicht, worüber. Mitfahren nach dem Bla-Prinzip ist, wie eine Party zu besuchen, bei der man den Gastgeber bloß flüchtig kennt. Man kann nur hoffen, dass er keine Idioten einlädt. Aber wie bei einer Party kann es sein, dass er es doch tut. Und man sie den ganzen Abend nicht loswird.

Kurz vor Alsfeld-Romrod fummelt Pekka bereits zum zweiten Mal am Reißverschluss seiner Polyestertasche herum, die sich seltsam beult und aussieht wie der zu groß geratene Euter einer Kuh. Pekka hat kreuz und quer zwischen Unterwäsche und Kulturbeutel 0,5er Bierflaschen gebunkert. Den ersten Kronkorken versenkt er hinter Hanau in der krümeligen Ritze zwischen Rückbank und Tür. Draußen fliegen Rapsfelder vorbei. "Raps, so viel Raps", palavert Pekka. "Ja, Monokulturen haben eine ganz eigene Schönheit", philosophiert Jürgen. "Raps, Raps, was für ein Wort, Raps, Happs", schwätzt Pekka weiter. Ich schaue aus dem Fenster und überlege, wie schnell man fahren muss, damit die weißen Striche auf der Fahrbahn zu einem werden. Da, ein totes Eichhörnchen auf dem Seitenstreifen. "Jaja, so schnell kann’s gehen", kommentiert Pekka. Ich frage Jürgen, ob er Tini, Pekka und mich nach unserer Bla-Kompatibilität ausgewählt hat. Ist ja keine schlechte Mischung: Jürgen und Tini eines, Pekka drei und ich zwei Blas (hat sich Jürgen genau gemerkt). "Schöner Gedanke", sagt Jürgen. "Die kritische Masse an Usern hat BlaBlaCar aber noch nicht beisammen, zu einem eigenen Algorithmus reicht es bisher nicht. Ich will halt mein Auto vollkriegen." Wie viele andere ist Jürgen vom deutschen Marktführer mitfahrgelegenheit.de zu BlaBlaCar gewechselt. Mitfahrgelegenheit.de verlangt seit März eine Vermittlungsgebühr und hat sich dafür einen veritablen Shitstorm auf Facebook eingefangen. Elf Prozent seiner Einnahmen muss ein Fahrer abgeben. "Geht gar nicht", schimpft Jürgen.