Ausgerechnet Erwin Pröll. Ausgerechnet der König der politischen Selbstvermarktung blieb am Sonntag abgetaucht. Da wälzte sich der Hochwasserpegel der Donau gerade auf Niederösterreich zu, da schwappte die braune Brühe bereits in die Altstadt von Melk. Doch von Landeshauptmann Pröll wusste die Landeskorrespondenz an diesem Katastrophentag lediglich ein kryptisches Statement über den hohen Stellenwert der Bergrettung zu vermelden.

Zu diesem Zeitpunkt schwebte Prölls Tiroler Amtskollege an der Seite der Innenministerin bereits im Hubschrauber über dem überfluteten Unterland. Im benachbarten Oberösterreich stiefelte der Landesvater zu den Flutopfern im Salzkammergut und im Innviertel, derweil der eigentlich für den Hochwasserschutz zuständige Landesrat von den Grünen seine Anhänger über alle Kanäle des Sozialen Netzwerks wissen ließ, dass er von Überflutung zu Überflutung eile. Pröll hingegen blieb verschollen.

Als der Niederösterreicher dann am Nachmittag des nächsten Tages in stilechter Regenkluft in der Wachau auftauchte, musste er sich die Aufmerksamkeit mit der Bundesregierung teilen, die fast vollzählig in die Hochwasserregionen ausgerückt war. Kanzler Werner Faymann sagte eine Teilnahme an einer Parteikonferenz ab und setzte sich stattdessen flankiert von Verteidigungsminister und Staatssekretär in Ebensee ins Bild des kompetenten Krisenmanagers. Die Infrastrukturministerin lästerte über angebliche Versäumnisse der schwarz-blauen Vorgängerregierung beim Hochwasserschutz. Vizekanzler Michael Spindelegger trat gemeinsam mit zwei Mitgliedern seines Ministerteams an die Öffentlichkeit und versprach, den Opfern beizustehen. Nicht überbieten lässt sich indes der Regierungschef. "Egal, wie viel Geld notwendig sein wird", gelobte Faymann ein ums andere Mal, die Republik werde allen "schnell und unbürokratisch" helfen, die an diesen trüben Junitagen Schaden genommen haben.

Das Versprechen gehört zum Standardrepertoire in Katastrophenzeiten. Es ist der Schlüssel, kollateralen Nutzen zu erzielen. Jedes Mal, wenn ein Unheil über das Land hereinbricht, transportieren die Massenmedien ein eingeübtes Ritual: Spitzenpolitiker eilen an den Ort des Geschehens, bekunden Anteilnahme, signalisieren Führungsstärke und versichern, den Leidtragenden werde geholfen. Politikwissenschaftler sprechen von einem "Grundgesetz der symbolischen Kommunikation". Vor allem in Wahlkampfzeiten könnten Politiker bei Katastrophen ihre "affektive Intelligenz" unter Beweis stellen, durch die sich das emotional gesteuerte Wahlverhalten der Bürger besonders beeinflussen lässt.

Bei Naturkatastrophen zugleich kompetent und empathisch zu wirken, gehört zu den großen Bewährungsproben für Spitzenpolitiker. Wer in dieser Königsdisziplin versagt, der hat in aller Regel auf lange Zeit ausgespielt.

Erst im März erfragten Meinungsforscher, dass die Österreicher nichts mehr fürchten, als von einer Umweltkatastrophe heimgesucht zu werden. Zugleich sei Furcht ein "effektives Element politischer Kampagnen", meint Politikforscher Christoph Hofinger in einem Fachaufsatz: "Sie stimuliert die Aufmerksamkeit für politische Botschaften – je größer die Bedrohung, desto größer die Aufmerksamkeit. Und gleichzeitig kann sie eine substanzielle Änderung des politischen Verhaltens bewirken." Beim Persönlichkeitsmarketing im Katastrophenfall besteht die politische Botschaft schlicht aus dem Namen des jeweiligen Akteurs, der versucht, durch sein Verhalten bei den Betroffenen einen Häuptlings-Reflex auszulösen.

Als Referenz bei allen Meldungen über die gegenwärtige Hochwasserkatastrophe dienen die Pegelstände aus dem August 2002, als in Österreich die Wassermassen von Kamp und Donau über die Ufer traten und in Deutschland die Elbe große Landesteile überflutete. Doch nicht nur der Wasserstand eignet sich als Referenzwert, sondern das Verhalten der Spitzenpolitiker ebenso.

Als der große Regen die Flüsse anschwellen ließ, stand Deutschland sechs Wochen vor einer Bundestagswahl. Zu diesem Zeitpunkt lag der sozialdemokratische Kanzler Gerhard Schröder hoffnungslose sieben Prozentpunkte hinter seinem Herausforderer Edmund Stoiber aus Bayern. "Die können es nicht", trommelte dessen Wahlkampftross über die rot-grüne Regierung. Dann hieß es im Osten Deutschlands: Land unter! Und Schröder zog die Gummistiefel an, stapfte in der sächsischen Kreisstadt Grimma durch aufgeweichte Wiesen, menschelte und verströmte Zuversicht, Tatkraft und Hilfsbereitschaft. Sein Gegenspieler weilte zu dieser Zeit auf einer Urlaubsinsel in der Nordsee und ließ sich erst fünf Tage später im Katastrophengebiet blicken. Fünf Tage zu spät.

Da hatte Regierungschef Schröder den Gesten längst Taten folgen lassen. Er lud EU-Kommissionspräsident Prodi zu einer Krisenkonferenz nach Berlin, eiste europäische Hilfsgelder los und verschob eine geplante Steuerreform zugunsten eines Milliarden Euro schweren Hilfspaketes. Wenige Wochen später waren die Kanzlerhoffnung aus dem Süden fortgespült und der "gestiefelte Kanzler" (ZEIT) hatte bei einem Herzschlagfinale die Nase vorn.