Regisseur Dieter Dorn"Die Trümmer waren unser Spielplatz"

Der Regisseur Dieter Dorn erlebte als Kind den Krieg. In den Trümmern eröffnete ihm die Musik von Bach die Welt. von Louis Lewitan

ZEITmagazin: Herr Dorn, gibt es eine Aufführung, an die Sie sich erinnern, weil sie fürchterlich danebenging?

Dieter Dorn: Ja, Die Entführung aus dem Serail in Wien 1979. Die Inszenierung war anständig. Zur Unterzeichnung des Salt-II-Abrüstungsabkommens waren auch Jimmy Carter und Leonid Breschnew in der Stadt und kamen zur Premiere. Breschnew ging kurz vor der Pause, er war schon sehr krank. Carter musste sich aus protokollarischen Gründen anschließen. Deshalb verließen in der Pause auch die etwa 300 amerikanischen, sowjetischen und österreichischen Geheimdienstler und Diplomaten das Opernhaus, es war auf einmal halb leer. Als ich mit Karl Böhm, dem Dirigenten, auf die Bühne trat, schrien die Zuschauer in meine Richtung: "Da ist ja das Schwein!" Die Stimmung war hasserfüllt, weil bei der Abrüstung so viel auf dem Spiel stand und die Leute der Meinung waren, der deutsche Regisseur und seine Inszenierung seien schuld. Ich schwor mir, nie wieder in Wien eine Oper zu inszenieren. Das war so eine sächsische Trotzreaktion, im Sinne von: Geschieht meiner Mutter ganz recht, wenn ich friere!

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ZEITmagazin: Sie wurden 1935 in Leipzig geboren. Wie bewusst haben Sie den Krieg erlebt?

Dieter Dorn

77, verließ die DDR 1956. Er inszenierte an verschiedenen westdeutschen Bühnen, bevor er 1976 zu den Münchner Kammerspielen wechselte – zunächst war er Oberspielleiter, später Intendant. Ab 2001 leitete er zehn Jahre lang das Bayerische Staatsschauspiel. Im Frühjahr erschien seine Autobiografie Spielt weiter!
 

Dorn: Meine Geschwister und ich wurden durch die Bombennächte psychisch krank. Wir machten ins Bett, hatten pure, existenzielle Angst. Nachts wurden wir immer wieder geweckt, mussten uns im Halbschlaf anziehen und runter in den Luftschutzkeller. Wenn die Bomben fielen, warfen sich die Mütter auf ihre Kinder, dazu die Sirenen, der Angstschweiß. Und trotzdem wagte niemand, "dieser verdammte blöde Adolf" zu sagen. Was die Deutschen am besten können, ist doch, den anderen dranzuhängen. In dem Dorf, in das wir wegen der Luftangriffe evakuiert wurden, hat die SS kurz vor Kriegsende noch einen Lehrer wegen Wehrkraftzersetzung aufgehängt. Ein Häftling, der ein Stück Brot angenommen hatte, wurde vor unseren Augen erschossen. Wir Kinder wurden nicht weggeschickt, uns blieb nichts verborgen.

ZEITmagazin: Mit wem konnten Sie über diese verstörenden Erlebnisse sprechen?

Dorn: Mit niemandem. Ein paar tröstende Worte von der Mutter, von den Nachbarn, aber letzten Endes blieb man allein. Man konnte mit niemandem über die Schuld reden. Als die Amerikaner kamen, wurden Dutzende Leichen in dem Dorf ausgegraben, KZ-Häftlinge, die auf den Todesmärschen umgebracht worden waren. Die Dorfbewohner mussten sich das ansehen, als Erziehungsmaßnahme. Und wieder war das Schweigen da. Dann kamen die Russen. Das Ganze ging weiter, mit Schweigen, mit Zudecken. So wuchsen wir langsam in die DDR rein.

ZEITmagazin: Wie haben Sie Leipzig nach dem Krieg erlebt?

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Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

Dorn: Die Trümmer waren unser Spielplatz, in ihnen haben wir Krieg gespielt. Wirklich gerettet, und darum hänge ich so an Leipzig, hat mich dieser von den Nazis zertretene bürgerliche Humus, der nach dem Krieg noch da war, die Thomaner, das Gewandhaus, das Schauspielhaus. Meine Geschwister und ich kamen aus einer Handwerkerfamilie, die nichts mit Musik zu tun hatte. Aber wir stürzten uns in die Musik, vor allem in die von Johann Sebastian Bach.

ZEITmagazin: Warum Bach?

Dorn: Wir wohnten ganz nah an der Thomaskirche, und aus den Trümmern kamen diese ersten ungeheuren Klänge. Bach ist doch der größte Musiker, er macht gleichzeitig das Hirn frei und das Herz auf. Meine Schwester wurde Tänzerin, mein Bruder Trompeter, ich schaffte es leider nicht, meine Idealvorstellung von Musik zu verwirklichen. So bin ich dann zum Theater gegangen. Ich sage das jetzt mal ganz großspurig: Ich halte das Theater für die größte Erfindung überhaupt. Dass der Mensch vor Menschen spielt und es dabei manchmal schafft, in unbewusste Tiefen der Evolution zurückzufinden. Dass man hinter dem Text zu ganz anderen Dingen kommt und etwas von unserem Weg spürt. Der spielende Mensch ist Wahnsinn. Er spielt stellvertretend für die, die zuschauen, und jeder Einzelne sieht etwas anderes darin. Wenn die Leute abends im Theater zwei Stunden spüren können, dass wir sie mit unserer Arbeit selber aufrufen, dann ist es gut.

Louis Lewitan

gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Lara Fritzsche und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe. Der Psychologe und Coach lebt und arbeitet in München

ZEITmagazin: Sie haben 35 Jahre lang in München gearbeitet. Wie denken Sie an diese Jahre zurück?

Dorn: Mich berührt es, wenn ich durch Schwabing gehe, weißhaarige Leute auf mich zukommen und sagen: "Ich bin seit 1975 dabei gewesen." Ich denke dann: Die sind ja alle alt! Dann sehe ich mich in einem Schaufenster gespiegelt und denke: Oh Dorn. Es ist ungeheuerlich, so einen langen Weg gemeinsam gehen zu können, so lange an einem Ort zu arbeiten. Ich hatte meine Truppe, einige sind gestorben, andere hinzugekommen, und wir hatten immer das Gefühl, wir gehen erst auseinander, wenn wir uns nichts mehr zu sagen haben. Aber das hatten wir nie. Das ist verrückt.

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