Berliner StadtschlossDeutsche Selbstfeier

Der Grundstein für Berlins Stadtschloss wird gelegt. von Armin Nassehi

Die Baustelle des Berliner Stadtschlosses im Mai 2013

Die Baustelle des Berliner Stadtschlosses im Mai 2013  |  © Sean Gallup/Getty Images

Nun ist es so weit, am kommenden Mittwoch wird der Grundstein gelegt für das größte Projekt nationaler Selbstdarstellung, das diese Republik zu bieten hat. Das Berliner Stadtschloss, 1945 beim schwersten Luftangriff auf Berlin nahezu zerstört, soll in weiten Teilen neu entstehen. Und es zeigt sich einmal mehr, wie recht Karl Marx hatte, als er im 18. Brumaire schrieb: Geschichtliches ereignet sich zweimal – zum ersten Mal als Tragödie, zum zweiten Mal als Farce. So ging der Bau der Schlossanlage im 15. Jahrhundert als "Berliner Unwille" in die Geschichte ein – er musste gegen die Städter durchgesetzt werden und hatte auf dem gesamten Reichsgebiet die Einschränkung städtischer Freiheiten zur Folge. Die heutige Farce kommt als Einschränkung ästhetischer Freiheiten daher.

Von Anfang an gab es den politischen Willen, die Schlossfassaden nach historischem Vorbild wieder aufzubauen. Es ging nicht um eine Neuinterpretation, sondern um ein "Bekenntnis zur Vergangenheit". Man wolle nicht Walter Ulbricht das letzte Wort lassen, der zu DDR-Zeiten die Kriegsruinen des Schlosses gesprengt hatte. Letztlich macht man damit Ulbricht zum Architekten des neuen Stadtschlosses. Auf die Sprengung folgt der trotzige Wille des Wiederaufbaus.

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Schon daran zeigt sich, wie absurd die Idee eines wenigstens in der Fassade originalgetreuen Wiederaufbaus ist: gut gemeint, aber schlecht gedacht. Gerechtfertigt wird die Rekonstruktion damit, dass die Identität Berlins und Deutschlands wiederhergestellt werden soll. Das ist die Denkungsart des Historismus des 19. Jahrhunderts. Der Historismus war Ausdruck eines selbstbewusst gewordenen Bürgertums. Geschichte und ihr Beitrag zum nation-building wurde zum Identitätsstifter, sodass historische Zitate letztlich für Präsenz sorgen sollten, für Selbstbewusstsein.

Armin Nassehi

Der 53-Jährige ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Diese Pose des 19. Jahrhunderts freilich kann heute nur noch lächerlich wirken. Zitate in der Baukunst auf der Höhe der Zeit leben davon, durch neue Kombinationen und Kontexte Überraschungen zu erzeugen. Sie haben sich von der Suche nach Präsenz emanzipiert. Eine originalgetreue Rekonstruktion ist aber kein Zitat, sondern eher ein Plagiat. Das Zitat weist auf etwas hin – das Plagiat kopiert, um etwas zu verdecken. Das neue Stadtschloss wird also nicht einmal den naiven Traum bedienen können, ästhetisch von der Formensprache der Vergangenheit zu zehren, zu der man sich bekennen möchte. Übrig bleibt – buchstäblich – eine Fassade, ein nostalgischer Blick auf die Präsenzversprechen der Vergangenheit. Es ist dies letztlich die Formensprache einer Konsumkultur, deren Formen sehr gegenwartsorientiert nichts anderes darstellen sollen als ikonische Benutzeroberflächen ohne Konzept. Würde man sich der Vergangenheit stellen – gemeint ist die Vergangenheit des Ortes, der leeren Fläche, der früheren Nutzung –, hätte man nicht von vornherein die Gestaltung der Fassaden kulturpolitisch festlegen dürfen. So aber hat man sich erstaunlich autoritär und voller Furcht vor Überraschungen vieles verbaut, was möglich gewesen wäre: Man hätte Neuinterpretationen wagen können, hätte explizit an die Vielschichtigkeit der preußischen und deutschen Tradition des Ortes anschließen können. Es wäre auch die Chance gewesen, dass sich der Platz inmitten historischer Bauten korrespondierend zur Moderne verhält, vielleicht sogar zu neuen nationalen Symbolen in der Konstellation anderer europäischer Hauptstädte – man denke an eine Achse Warschau, Berlin, Paris, drei Städte, die in ihrer Formensprache ja schon im 19. Jahrhundert zitierend aufeinander bezogen waren.

Herausgekommen aber ist nun historisierender nationaler Kleinmut – Angst vor einer requisite variety, die wirklich ein Bekenntnis zur Vergangenheit ermöglicht hätte, weil man sie hätte zitieren und damit in die Gegenwart holen können. Das Plagiat dagegen bleibt in der Vergangenheit verhaftet. Ein Verzicht auf diesen großspurigen Kleinmut wäre wohl auch dem wirklich sympathischen und urbanen Konzept des Humboldt-Forums als Ort der Künste, der Wissenschaft und der intellektuellen Debatte angemessener gewesen als die Themenfassade, wie sie nun entstehen soll. Diese Fassade hat einen neuen "Berliner Unwillen", einen deutschen Unwillen verdient, ähnlich wie vor 500 Jahren beim ersten Baubeginn des Schlosses.

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Leserkommentare
  1. #Geschichtliches ereignet sich zweimal – zum ersten Mal als Tragödie, zum zweiten Mal als Farce. #

    Dieses ganze Land wird auf "museal" getrimmt. Alles wird konserviert. Da werden irgendwelche alte Häuser renoviert für viel Geld, statt neu zu bauen, bloß weil da so ein bisschen Holz als Fachwerk von "Früher" mit eingebaut ist. Innenstädte werden zu Museen. Es ist unsere jetzige Gesellschafft die alles einmotten will. Hausbesitzer werden gezwungen Häuser "wieder" herzurichten, auch wenn alles nur unsinnig ist. Man darf nichts mehr abreissen, denn was alt ist, dass ist auch gut, ausser es handelt sich um lebende Menschen. Bei Häusern trifft das zu. Es ist alles nur noch Las Vegas oder Disney-Land hier in D., so auf museal getrimmt. Für mich schauht alles scheußlich aus.

    http://www.n24.de/n24/Kolumnen/Prof-Ulrich-Walter-Wissenschaft/d/2936714...

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    • Suryo
    • 07. Juni 2013 13:14 Uhr

    Alles wird konserviert?

    Sorry, aber die meiste Altbausubstanz wurde in Deutschland in den 60er und 70ern vernichtet. Als man die "autigerechte Stadt" für den "neuen Menschen" bauen wollte, und "das Alte" nur störte.

    Das Problem ist, daß Eliten sich anmaßen, über Stadtplanung die Menschen erziehen zu wollen. Dumm nur, daß die mit den Füßen abstimmen. Es wollen nun mal die meisten Leute lieber im "kitschigen Historismus" des Prenzlauer Bergs leben als im "Kulturerbe" Gropiusstadt. "Sinnlose Ornamentik" scheint dem Menschen eben näher als die eisige Rationalität von Wohnmaschinen.

    Eigentlich erstaunlich, daß der Bereich Städteplanung und Architektur der einzige zu sein scheint, in dem immer noch hauptsächlich die Vertreter einer kleinen, elitären Akademikerkaste das Sagen haben und alleine bestimmen wollen, was gut und was böse ist.

    so sollte man die Menschen stets fragen, was ihnen am besten gefällt und was man sich anschauen sollte. In der Regel wird die antwort lauten "die historische Altstadt". Warum? Weil diese die Seele einer Stadt ist und einer Stadt Individualität verleiht. Was wäre Bamberg ohne seine Altstadt, wie so viele andere Städte. Dresden wurde mehrfach völlig zurecht genannt. Gerade im Osten, in dem architektonisch häufig viel Tristess herrschte (Massenplattenbausiedlungen) verweisen Menschen gerne mit Freude auf historische Gebäude. Vielleicht werden Innenstädte wirklich zu Museen, aber was ist schlecht daran? Gebäude zu finden, in denen historische Personen lebten, oder die Zeitzeugen einer völlig anderen Zeit sind. Was wäre Florenz ohne seine historischen Bauten? Was Istanbul, Jerusalem, Paris, Barcelona, Leipzig, Hamburg etc. ohne sein Museum in Form der Stadtarchitektur? Es ist dem Menschen zueigen etwas aufzubauen, Platz für Neues wird in der Regel auch gelassen und darum versteh ich die Aufregung nicht.

    Sie schreiben, "das ganze Land wird auf museal getrimmt" usw.

    Eine vielleicht andere Perspektive, hier in Nordamerika hat man meist keinerlei Respekt für bestehende Stadtstrukturen und die eigene Geschichte. Was dabei herauskommt, ist häufig genug völlig beliebiges und extrem häßliches Einerlei. Es gibt sicher vieles was am "alten Europa" zu kritisieren wäre, aber daß man dort Wert auf die Spuren der Geschichte legt gehört sicher nicht dazu.

  2. Passend dazu wünschen sich auch einige einen deutschen Kaiser zurück.
    Schlicht und ergreifend peinlich!

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    Naja, verglichen mit dem Rabattmarkenpräsidenten wäre ein Kaiser nicht so verkehrt.

    Einen Kaiser mit rein repräsentativen Aufgaben fände ich nicht so furchtbar. Ob man dem Gauck nun noch zusätzlich zu seinem schicken Anzug eine Krone aufsetzt wird die Grundfesten unseres Staates auch nicht erschüttern. Was die Kostenfrage angeht erinnere ich an die Diskussion der Wulff'schen Leibrente. Und dass ein Kaiser nicht wählbar ist scheint auch kein starkes Gegenargument zu sein unter dem Gesichtspunkt, dass schon ernsthafte Debatten geführt wurden, ob man das Amt des Bundespräsidenten nicht gleich abschaffen soll.

    Das Stadtschloß käme als Amtssitz wohl nicht in Frage, aber Schloss Bellevue wäre ja auch recht standesgemäß für einen Monarchen. :)

    Der Kaiser, "Caesar" eingedeutscht, war über knapp 1000 Jahre vom Gottesgnadentum legitimiert, dementsprechend auch vom Papst gekrönt und streng genommen das "Schwert" auf Erden, mit einem gewissen Herrschaftsanspruch über die gesamte bekannte Welt. Weswegen ja beispielsweise die Franzosen stets so eifersüchtig darauf waren und im Gegensatz zu den deutschen Fürsten die kirchliche Reformation blutigst niederschlugen um sich naja, unsachlich gesagt in Rom einzuschleimen und als die "besseren Christen" zu erweisen um schließlich das Kaisertum zu bekommen, man wollte ja auch den Papst unbedingt in Frankreich haben aber das ist eine Geschichte für sich.

    Kurzum, dieser Autokrat, der sich in Folge eines von Bismarck angezettelten Kriegs mit Frankreich selbstherrlich selbst zum "Kaiser" krönen ließ war nichts was irgendwie mit dem eigentlichen Kaisertum zu tun hatte. Er nannte sich auch selbst gerne Imperator Rex, klingt das nicht schön bombatisch? Preußens Gloria, Uftata. Der letzte echte deutscher Kaiser legte vor über 200 Jahren die Kaiserkrone in Wien nieder, dort lagern die Reichskleinodien bis heute. Denn wenn ein Teil der deutschen Landen historisch nie eine Rolle spielte, dann Preußen bzw. Berlin. Bis zur Industrialisierung galt das als ferne osteuropäische Diaspora. Köln, Hamburg, München, das waren die Zentren der deutschsprachigen Welt. Allen voran aber Wien. Berlins "Stadtschloss" ist nur eine kurze Episode. Wenn es ein deutscher Kaiserschloss gibt, dann Schönbrunn.

  3. Die billige Fassadenkopie hat nur einen Zweck, nämlich Erinnerung zu tilgen!

    Und für die Tilgung der Symbole eines anderen Staates nimmt man halt auch ein Plagiat in Kauf.

    Passt ganz gut zur großspurigen Kleinmut der Political Correctness, die man uns ansonsten in der Sprache zu verordnen sucht.

    7 Leserempfehlungen
    • zond
    • 07. Juni 2013 12:36 Uhr

    ...wie wahr, wie wahr dieser Artikel! Aber doch leider völlig in den Wind geschrieben.

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  4. Was der Autor vielleicht nicht nachempfinden kann, ist der Wunsch vieler Deutscher, dass ihre Städte Heilung erfahren. Die Wunden, die der Zweite Weltkrieg deutschen Städten geschlagen hat (selbst schuld, ist klar) wurden oft mit Waschbeton und "überraschenden" Zitaten zugestellt. Natürlich kann man mit überheblicher Geste diesen Menschen Kleinmütigkeit, Ängstlichkeit oder (fast unverholen) ästhetische Defizite untertstellen, sie brandmarken als leicht manipulierbare, sentimentale Möchtegern-Bildungsbürger, die eigentlich nur Banausen sind. Ich aber plädiere dafür, ihre Wünsche ernst zu nehmen. So, wie ein Mensch, dessen Gesicht beschädigt wurde, plastisch wiederhergestellt werden möchte, besteht vielleicht auch das Bedürfnis, dass ein nur winziger Teil einer Stadt rekonstruiert wird, und nicht eine neue ästhetische Herausforderung entsteht. Mir ist das Schloss scheißegal; Ich glaube aber, dass es vielen Berlinern und Deutschen als Symbol dient, dass alte Wunden geheilt werden (selbst schuld, ist klar). In Berlin gibt es genug andere moderne, mit Aussagewillen durchwirkte Architektur. Das Stadtschloss wird Denkmal eines Deutschlands werden, das für immer untergegangen ist.

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    • hairy
    • 07. Juni 2013 12:48 Uhr

    kennen kein heiles Berlin. Grad das Fragmentierte ist wesentlicher Aspekt seiner Besonderheit. Sein Charme. Spiegel unserer Zeit.

    herablassenden Artikel gelesen: "Selbstdarstellung, Farce, Einschränkung ästhetischer Freiheiten, trotzige Wille des Wiederaufbaus, absurd die Idee, Gerechtfertigt wird, lächerlich wirken, kein Zitat, sondern eher ein Plagiat, naiven Traum, ohne Konzept, Furcht vor Überraschungen, historisierender nationaler Kleinmut, großspurigen Kleinmut, der Wissenschaft und der intellektuellen Debatte angemessener gewesen, " Dagegen ist Ihr Kommentar eine Wohltat.

    • Chilly
    • 07. Juni 2013 13:33 Uhr

    Mehrheit gegen die Schlossfassadenrekonstruktion. Im früheren Ostberlin ist die Mehrheit sogar recht deutlich.

    http://www.berliner-zeitung.de/berlin/forsa-umfrage-mehrheit-der-berline...

    Daher vermag mich Ihr grundsätzlich durchaus plausibler Gedankengang für dieses konkrete Projekt nicht so recht zu überzeugen. In anderen Fällen (z.B. Schloss in Braunschweig, Römerberg in Frankfurt etc. durchaus). Ich denke schon, dass es hier in Berlin wirklich darum ging, klar und unmissverständlich zu zeigen, welche Seite aus dem Kalten Krieg als Sieger hervorgegangen ist. Hierum ging es, das DDR-Monoment musste weg, da es kein eindeutiges Symbol für die Bundesrepublik gab und gibt (was mir persönlich übrigens sehr sympathisch ist), musste eben noch etwas "Vor-Republikanisches" her. Also blieb das Stadtschloss übrig.

    Der an sich durchaus sympathische Grundgedanke des Humboldtforums ist dann wiederum der (untaugliche) Versuch, das Ganze doch wieder im 21. Jahrhundert und im demokratischen Verfassungsstaat ankommen zu lassen. Im Ergebnis entsteht dann aber - für nicht ganz wenig Geld - eine Gemengelage, die weder den Ansprüchen eines modernen Museums/Bildungseinrichtung voll entspricht, noch dem eines protzigen rückwärtsgewandten Staatsmonuments. Es bliebt letztlich weder Fisch noch Fleisch.

    CHILLY

    Es ist schon sehr weit hergeholt eine Stadt mit einem (alterslosen) Menschen vergleichen zu wollen. Eine Stadt ist ein lebendiges System, das halt auch Veränderungen unterliegt. Die große Herausforderung an die Städteplaner ist es, einen gelungenen Mix aus dem Bekenntnis zur eigenen Vergangenheit mit der Moderne herzustellen. Das Stadtschloss wirkt wie eine Nase einer 20-jährigen im Gesicht einer 80-jährigen Frau. Grotesk.

    Wenn Sie von "Heilung" sprechen, sollten Sie sich vielleicht auch einmal in Erinnerung rufen, für welche Zeit das Stadtschloss eigentlich steht: Für das zweite Kaiserreich, als Berlin von einer kleinen, rückständigen kurfürstischen Residenzstadt zur Hauptstadt des deutschen Reiches mutiert ist und auf einmal mit London, Rom, Paris oder auch Wien konkurrieren wollte.

    Wenn ich mir das angestrengte Topfschlagen der Berliner (besser: des Marketings) und die trampelhaftige Außenpolitik von Merkel-Westerwelle-Schäuble so anschaue, gibt es doch sehr unangenehme Assoziationen zur Zeit von Wilhelm II.

    Ich denke Sie interpretieren bzw. unterstellen da mehr Introspektion als vorhanden.

    Die Leute verbinden mit Altbauten einfach ein Städtebaukonzept mit menschlicheren Maßstäben, da unsere "modernen" Städte eben maßgeblich vom autogerechten Wiederaufbau - in seiner ganzen Exzessivität - geprägt sind. Im Grunde ist die Architektur zweitrangig, die Leuten wollen weniger auf Effizienz und Ertrag getrimmten Städtebau, wie auch z.B. ökologische Modellsiedlungen zeigen (kaum oder kein Autoverkehr, Gemeinschaftsleben). Das ist natürlich viel Nostalgie. Gerade in Berlin, wo es ein Albtraum gewesen sein muss in der Hochzeit der Industrialisierung als normaler Arbeiter zu hausen. Verdreckte Luft, Gestank, Enge... Berlin war berüchtigt. Auch bedenken die Leute nicht dass ihre top sanierten Altbauwohnungen in einem berliner "Szeneviertel" damals auf 120 m2 vielleicht 5 Familien beherbergt haben, wenn nicht noch mehr, wo heute der Studienrat mit seiner Freundin alleine lebt.

    Vor dem Hintergrund war der moderne Städtebau der 1920er ja auch gut gemeint, man wusste umgekehrt dass die Ressourcen für Städtebau nicht substantiell mehr werden um mit hergebrachten Mitteln mehr Luft, Licht, Platz und Lebensqualität zu ermöglichen also griff man auf industrielle Bauweise und "Planung am Fließband" zurück, mit gestalterischem Willen, um das Maximale für die Menschen rauszuholen. Darum gings bei Bauhaus oder Corbusier. Aber die wollten das nie so radikal und flächendeckend sondern ergänzend.

    ... mal abgesehen davon, daß es sich nur um eine Fassade handelt (Farce fiel bereits im Artikel), noch dazu für viel unsinnig angelegtes Steuergeld, finde ich Ihre Eingangsargumentation schlicht schlimm: "Wunsch vieler Deutscher, daß ihre Städte Heilung zu erfahren". Kommen Sie damit nicht 50 Jahre zu spät?!

    Die von Ihnen sogenannten "vielen Deutschen" halten schlicht gar nichts von der Idee, soviel Steuergeld so unsinnig an die Wand zu klatschen. Diejenigen Deutsche, welche Sie meinen, sind allenfalls Leute, die auch gern unsere Flagge in Schwarz-weiß-rot umfärben würden, wenn man sie ließe. Nun da diese nationalistischen Kreise am Aussterben sind und nur noch deren Nachäffer am kläffen sind, wollen Sie diesen Gestrigen posthum zu Gefallen sein?!? - versteh ich nicht.

    Der Artikel hat mir nach dem Bekenntnis von Helmut Schmitt besonderst gut gefallen - DANKE dem Autor.

    In anderen Städten wie Heidelberg, Frankfurt, Freiburg, etc mag es durchaus auch ästetische Gründe zum (Wieder)Aufbau von historischen Lücken geben - kann ich nachvolllziehen - aber hier in Berlin geht es um was ganz anderes. Hier ist es schlicht eine Revanche der 'Alten Pfeffersäcke' an einen verhassten Gegner (aus DDR). Jene welche uns heute indirekt regieren (durch Wirtschaftlenkung und Lobbyismus) kühlen so ihr Mütchen mit dem verhaßten DDR-Regime.

    Die Erinnerung wird wiedergeboren an einen unfähigen Kaiser, der von ebenjenem Schloß-Balkon die Berliner am 1.8.1914 für den 1 WK aufhetzte. Tolle Idee!

    Daher auch der Bauherr Bund. Berlin war von der Idee nicht begeistert. Ob man den Palast der Republik abreißen soll, war umstritten.

    Gebaut wird das Schloss jetzt von einem bayrischen Minister. Wenn das mal nicht Ironie ist. Wetten seine CSU-Parteikollegen sind die ersten Berlin-Basher wenn das Projekt teurer wird?

    Die zweite Ironie ist dass der ursprüngliche Bauherr des Schlosses - Friedrich I - ein totaler Knauserer war. Der hätte das Schloss niemals in der jetzigen Situation gebaut.

    Ihr Punkt ist wirklich gut und erklärt mehr als viele andere Gründe warum Menschen das Schloss wieder aufbauen wollen. Aber: Für die spätere ist z.B. der Palast der Republik genau das was Stadtschloss für andere ist. Das hat nichts mot Ostalgie oder Verherrlichung der dortigen Diktatur zu tun. Diese Architektur hat nun mal viele meines Alters geprägt (in Ost und West). Man hätte einen Kompromiss suchen sollen statt über die Meinung eines Teils der Bevölkerung hinwegzugehen.

    Die Berliner wollten keinen Abriss des Palastes und keinen Schlossneubau!

    Der Palast war 2004 ein kernsanierter Rohbau.
    Ein Stahlskelettbau in exzellenter Bauqualität und gutem Zustand.
    Die verfahrbaren Zuschauertribühnen des Grossen Saales funktionierten einwandfrei.
    Der Palast hätte den gesamten Platzbedarf des Humboldforums und der Bibiothek bedient.

    Kostenschätzung 2005:
    Umbau des Palastes 60 Millionen
    (Konzept Anderhalten als Beispiel): ca. 100.000 qm / Nutzfläche
    Baubeginn 2006 / Fertigstellung 2008

    Die Schlosskopie kostet das 20fache und bietet nur die halbe Fläche.

    Kleinkarierte Klientelpolitik hat zu diesem Desaster geführt.

    Man vergleiche dies mit der Zwischennutzung 2005 mit 500.000 Besuchern.
    http://www.palastbuendnis.de/downloads/12%20Gruende.pdf

    • Zeal
    • 07. Juni 2013 12:41 Uhr

    halten was man will, ein Plagiat ist sie jedoch keinenfalls. Ein Plagiat ist die chinesische Nachbildung des österreichischen Hallstadt.

    Nach Meinung des Autors wäre also der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche ebenfalls ein plumpes Plagiat durch das die Chance einer Neuinterpretation vertan wurde? Nun ich denke die Dresdner sehen das anders....

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    Was einzig und alleine die Frauenkirche betrifft, da ist sich die deutliche Mehrheit der Dresdner einig. Es war richtig und wichtig für die Stadt, dass ihr Symbol wieder strahlt.
    Aber über die weiteren Rekonstruktionen der Bürgerhäuser, insbesondere rund um den Neumarkt, wo die Frauenkirche steht, wurde und wird heftig gestritten. Ich selbst bin immer dagegen gewesen. Sie können sich dass ja gerne mal ansehen in Dresden. Es ist Disneyland und die wunderschöne Kirche wurde auf diese Weise selbst zu Kitsch degradiert.
    Mehr Mut und bewusstes Einbeziehen der Brüche in der Geschichte dieser Stadt hätten der Atmosphäre weit mehr Authentizität verliehen.
    Aber das ist nur die eine Meinung in Dresden, es gibt auch viele die eben Disneyland wollen.

    Das Thema Frauenkirche ist auch schon äußerst Grenzwertig, da diese Kirche sehr lange nicht existierte. Dort gab es aber wenigstens eine Ruine, das Platz wurde nicht anderweitig genutzt und wenigstens ein Teil des Baumaterials war Original, und man versuchte die Kirche weitestgehend originalgetreu zu rekonstruieren.

    Das Stadtschloss ist reines Disney-World und könnte auch in China stehen. Lediglich das Baugrundstück noch "original". Der Palast der Republik hätte einen großen historischen Wert gehabt, da er einen Einblick in die DDR hätte ermöglichen können. Aber wofür steht das Schloss? Einen Einblick in das Leben des letzten Kaisers wird es nicht geben. Eine demokratische Kontinuität, wie vergleichbare, andere Bauten hat es ebenfalls nicht.

    Die Frauenkirche wurde aufgrund einer Bürgerinitiative wieder aufgebaut. Unter anderem mit einer Spendensumme von 100.000 Mio. € von Menschen aus der ganzen Welt. Das Schloss wird wohl unfreiwillig von den Steuerzahlern bezahlt werden.
    Die Frauenkirche wurde nicht so ähnlich neu aufgebaut, sondern aus zum größten Teil historischem Material rekonstruiert - originalgetreu im Aussehen und der Verwendung. Die Ruine und der sie umgebende Schuttberg wurde gesichert und das Material wieder verwendet. Man kann bis heute noch sehr gut sehen, welcher Stein original und welcher neu ist. Somit ist die Zerstörung immer noch sichtbar.
    Die Frauenkirche ist eine Kirche des Volkes und kein Prestigegebäude einzelner Politiker?!
    Der Nutzen der Kirche ist klar, aber für was soll eigentlich das Schloss genutzt werden? Womit kann man einen Bau dieser Größe von Steuergeldern rechtfertigen?

    • hairy
    • 07. Juni 2013 12:43 Uhr

    Die Welt als Themepark, aber mit allem Komfort. Das ists, was der Kleinbürger will. Ein vollklimatisiertes Königsschloss. Kahle weiße Wände und Abwesenheit des Ornaments verträgt er nicht. Und darauf springen denn auch gewisse Politiker und Wirtschaftler an.

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  5. Kleinmut und Kleinbürgerlichkeit als Symbol für das moderne Deutschland. Heisst das, dass bestimmte Personen die Sprengung durch Ulbricht bis in die Gegenwart nicht überwinden konnten und deshalb jetzt zumindest die Fassade des ursprünglichen Relikts dort sehen wollen? Zu unserer Tradition gehören Könige, ja. Aber leider auch Diktaturen wie die DDR. Daher drängt sich der Verdacht auf, dass es sich hier mit dem Abriss des Palastes der Republik und dieser Fassade des ehemaligen Königsschlosses um Geschichtsrevisionismus geht. Es ist keine Paulskirche, die als Symbol moderner Demokratie auch taugt.

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