Berliner Stadtschloss : Deutsche Selbstfeier

Der Grundstein für Berlins Stadtschloss wird gelegt.
Die Baustelle des Berliner Stadtschlosses im Mai 2013 © Sean Gallup/Getty Images

Nun ist es so weit, am kommenden Mittwoch wird der Grundstein gelegt für das größte Projekt nationaler Selbstdarstellung, das diese Republik zu bieten hat. Das Berliner Stadtschloss, 1945 beim schwersten Luftangriff auf Berlin nahezu zerstört, soll in weiten Teilen neu entstehen. Und es zeigt sich einmal mehr, wie recht Karl Marx hatte, als er im 18. Brumaire schrieb: Geschichtliches ereignet sich zweimal – zum ersten Mal als Tragödie, zum zweiten Mal als Farce. So ging der Bau der Schlossanlage im 15. Jahrhundert als "Berliner Unwille" in die Geschichte ein – er musste gegen die Städter durchgesetzt werden und hatte auf dem gesamten Reichsgebiet die Einschränkung städtischer Freiheiten zur Folge. Die heutige Farce kommt als Einschränkung ästhetischer Freiheiten daher.

Von Anfang an gab es den politischen Willen, die Schlossfassaden nach historischem Vorbild wieder aufzubauen. Es ging nicht um eine Neuinterpretation, sondern um ein "Bekenntnis zur Vergangenheit". Man wolle nicht Walter Ulbricht das letzte Wort lassen, der zu DDR-Zeiten die Kriegsruinen des Schlosses gesprengt hatte. Letztlich macht man damit Ulbricht zum Architekten des neuen Stadtschlosses. Auf die Sprengung folgt der trotzige Wille des Wiederaufbaus.

Schon daran zeigt sich, wie absurd die Idee eines wenigstens in der Fassade originalgetreuen Wiederaufbaus ist: gut gemeint, aber schlecht gedacht. Gerechtfertigt wird die Rekonstruktion damit, dass die Identität Berlins und Deutschlands wiederhergestellt werden soll. Das ist die Denkungsart des Historismus des 19. Jahrhunderts. Der Historismus war Ausdruck eines selbstbewusst gewordenen Bürgertums. Geschichte und ihr Beitrag zum nation-building wurde zum Identitätsstifter, sodass historische Zitate letztlich für Präsenz sorgen sollten, für Selbstbewusstsein.

Armin Nassehi

Der 53-Jährige ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Diese Pose des 19. Jahrhunderts freilich kann heute nur noch lächerlich wirken. Zitate in der Baukunst auf der Höhe der Zeit leben davon, durch neue Kombinationen und Kontexte Überraschungen zu erzeugen. Sie haben sich von der Suche nach Präsenz emanzipiert. Eine originalgetreue Rekonstruktion ist aber kein Zitat, sondern eher ein Plagiat. Das Zitat weist auf etwas hin – das Plagiat kopiert, um etwas zu verdecken. Das neue Stadtschloss wird also nicht einmal den naiven Traum bedienen können, ästhetisch von der Formensprache der Vergangenheit zu zehren, zu der man sich bekennen möchte. Übrig bleibt – buchstäblich – eine Fassade, ein nostalgischer Blick auf die Präsenzversprechen der Vergangenheit. Es ist dies letztlich die Formensprache einer Konsumkultur, deren Formen sehr gegenwartsorientiert nichts anderes darstellen sollen als ikonische Benutzeroberflächen ohne Konzept. Würde man sich der Vergangenheit stellen – gemeint ist die Vergangenheit des Ortes, der leeren Fläche, der früheren Nutzung –, hätte man nicht von vornherein die Gestaltung der Fassaden kulturpolitisch festlegen dürfen. So aber hat man sich erstaunlich autoritär und voller Furcht vor Überraschungen vieles verbaut, was möglich gewesen wäre: Man hätte Neuinterpretationen wagen können, hätte explizit an die Vielschichtigkeit der preußischen und deutschen Tradition des Ortes anschließen können. Es wäre auch die Chance gewesen, dass sich der Platz inmitten historischer Bauten korrespondierend zur Moderne verhält, vielleicht sogar zu neuen nationalen Symbolen in der Konstellation anderer europäischer Hauptstädte – man denke an eine Achse Warschau, Berlin, Paris, drei Städte, die in ihrer Formensprache ja schon im 19. Jahrhundert zitierend aufeinander bezogen waren.

Herausgekommen aber ist nun historisierender nationaler Kleinmut – Angst vor einer requisite variety, die wirklich ein Bekenntnis zur Vergangenheit ermöglicht hätte, weil man sie hätte zitieren und damit in die Gegenwart holen können. Das Plagiat dagegen bleibt in der Vergangenheit verhaftet. Ein Verzicht auf diesen großspurigen Kleinmut wäre wohl auch dem wirklich sympathischen und urbanen Konzept des Humboldt-Forums als Ort der Künste, der Wissenschaft und der intellektuellen Debatte angemessener gewesen als die Themenfassade, wie sie nun entstehen soll. Diese Fassade hat einen neuen "Berliner Unwillen", einen deutschen Unwillen verdient, ähnlich wie vor 500 Jahren beim ersten Baubeginn des Schlosses.

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Kommentare

86 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Warum nicht?

Einen Kaiser mit rein repräsentativen Aufgaben fände ich nicht so furchtbar. Ob man dem Gauck nun noch zusätzlich zu seinem schicken Anzug eine Krone aufsetzt wird die Grundfesten unseres Staates auch nicht erschüttern. Was die Kostenfrage angeht erinnere ich an die Diskussion der Wulff'schen Leibrente. Und dass ein Kaiser nicht wählbar ist scheint auch kein starkes Gegenargument zu sein unter dem Gesichtspunkt, dass schon ernsthafte Debatten geführt wurden, ob man das Amt des Bundespräsidenten nicht gleich abschaffen soll.

Das Stadtschloß käme als Amtssitz wohl nicht in Frage, aber Schloss Bellevue wäre ja auch recht standesgemäß für einen Monarchen. :)

.....

>Und dass ein Kaiser nicht wählbar ist scheint auch kein
>starkes Gegenargument zu sein unter dem Gesichtspunkt,
>dass schon ernsthafte Debatten geführt wurden, ob man
>das Amt des Bundespräsidenten nicht gleich abschaffen soll.

Das müssen sie uns aber näher erklären. Weil es Leute gibt, die das BuPrä-Amt — als letztes, symbolisches Relikt des Kaisertums — abschaffen wollen, spricht nichts dagegen wieder einen richtigen, ungewählten Kaiser einzuführen?

Ich kann Ihnen absolut nicht folgen.