Neue Unterrichtsformen"Schüler sollten mehr zu sagen haben"

Die Autorin Melda Akbaş träumt von einer besseren Schule. von 

DIE ZEIT: Frau Akbaş, in Ihrem neuen Buch stellen Sie der Schule ein schlechtes Zeugnis aus. Was läuft schief?

Melda Akbaş: Einiges. Vor allem bei den Lehrern. Viele von ihnen sind nicht Lehrer, weil sie Schülern leidenschaftlich gern etwas beibringen wollen, sondern weil ihnen nichts anderes eingefallen ist; oder weil es ein sicherer Job ist.

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ZEIT: Wie lässt sich das ändern?

Akbaş: Mit einem Praktikum vor Studienbeginn. Wenn man zum ersten Mal nach ein paar Semestern vor einer Klasse steht und merkt, das ist nichts für mich, dann ist das zu spät, da ist die Hemmschwelle abzubrechen zu hoch. Und es braucht mehr Anreize für die Lehrer.

ZEIT: Was für Anreize stellen Sie sich vor?

Akbaş: Man könnte eine leistungsorientierte Bezahlung für Lehrer einführen.

ZEIT: Wie soll diese Leistung denn gemessen werden?

Akbaş: An der Verbesserung der Klasse. Etwa ob sich der Notendurchschnitt von einer Vier auf eine Drei verbessert oder von einer Zwei auf eine Eins.

ZEIT: Was macht einen guten Lehrer aus?

Akbaş: Er sollte nicht nur eine gute Beziehung zu seinen Schülern haben, er muss vor allem pädagogisch einiges draufhaben; er muss den Stoff so vermitteln, dass die Schüler ihm folgen können und wollen. Und er muss regelmäßig Fortbildungen besuchen.

ZEIT: Sie kommen aus einer türkischstämmigen Familie, im Gegensatz zu vielen Einwandererkindern haben Sie eine tadellose Schullaufbahn absolviert und studieren jetzt Jura. Was lief bei Ihnen anders?

Akbaş: Meine Eltern konnten Deutsch, meine Mutter hat sich über die verschiedenen Schularten gründlich informiert. Sie hat mich in den Kindergarten geschickt, in die Bibliothek mitgenommen. Ich konnte perfekt Deutsch, als ich in die Grundschule kam. Meine Eltern haben mir die besten Startbedingungen gegeben.

ZEIT: Was kann die Schule für Einwandererkinder tun, die nicht so gute Startbedingungen haben?

Akbaş: Vielleicht müsste man in einschlägigen Vierteln wie in Berlin-Kreuzberg einen Höchstprozentsatz von Migranten an Schulen festlegen. So ließen sich Sprachprobleme beheben.

ZEIT: Was würden Sie am Schulsystem ändern?

Akbaş: Wir sollten bundesweit die sechsjährige Grundschule einführen. Kinder nach vier Jahren zu sortieren ist viel zu früh. Und ganz wichtig: Schüler müssen Lehrer bewerten dürfen. Schüler sollten überhaupt mehr zu sagen haben, warum werden sie beispielsweise von der Kultusministerkonferenz nicht zurate gezogen? Ich träume von einer Schule, die flexibel ist, die sich auf die Verschiedenartigkeit der Schüler einstellen kann.

ZEIT: Warum werden Sie nicht selbst Lehrerin?

Akbaş: Als Lehrer hätte ich sicher irgendwann das Gefühl, in einem System gefangen zu sein, auf der Stelle zu treten. Vielleicht sollten Lehrer zuerst einen anderen Beruf ausüben und dann in die Schule gehen.

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Leserkommentare
    • eklipz
    • 16. Juni 2013 20:23 Uhr

    "An der Verbesserung der Klasse. Etwa ob sich der Notendurchschnitt von einer Vier auf eine Drei verbessert oder von einer Zwei auf eine Eins."

    Als würden nicht häufig genug Notendurchschnitte jetzt schon geschönt oder "angepasst". Gern an Privatschulen, aber auch in den öffentlichen. Hat das Land Bremen nicht mal einen komplette Abi-Jahrgang um eine Note verbessert?

    Dass allerdings eine Menge Lehrkräfte fehl am Platz sind, lässt sich kaum bezweifeln. Sagt Frau Akbaş auch ganz richtig, ist ja ein halbwegs sicherer und gut bezahlter Job und man muss noch nichtmal sonderlich kreativ sein.

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    Man sollte die Idee der Leistungsmessung nicht so vorschnell vom Tisch wischen. Es wäre durchaus sinnvoll mithilfe zentral gestellter Tests den Leistungsstand einer Klasse bei Beginn der Beschulung durch einen Lehrer mit jenem zum Ende der selbigen zu vergleichen. Auch wenn dadurch nicht jede Feinheit abgebildet werden könnte, ergäbe sich im Vergleich zu den Ergebnissen anderer doch ein aussagekräftiges Bild zur Leistung des Lehrers.
    Das alte Sprichwort von der Sau, die durchs Wiegen nicht fett wird, trifft hier übrigens nicht zu. Denn allein schon der Leistungsanreiz für den Lehrer durch diese Maßnahme, würde zur Verbesserung der Unterrichtsqualität führen. Und selbst eine mangelhafte Leistungserhebung ist eben noch besser als gar keine.

    Allmählich wird's mir klar, warum in dieser Bundesrepublik nicht selten Schüler der 10. Klasse immer noch mit den Brüchen Schwierigkeiten haben.

    Unvorstellbar für jedes andere Land. Selbst für die Mongolei.

    • FranL.
    • 16. Juni 2013 20:51 Uhr

    Die gibt es in Berlin schon lange, aber besonders erfolgreich sind die Berliner Schulen nicht gerade.

    Die Lehrer leistungsgerecht zu bezahlen, klingt erst mal gut, aber in der Praxis ist das wohl schwer umzusetzen. Wie bewertet man die Leistung eines Lehrers?Ein Notendurchschnitt sagt erst einmal nichts aus. Angenommen der Durchschnitt ist gleich geblieben, aber ein Schüler hat sich verschlechtert, einer verbessert, wie bewertet man also das was der Lehrer geleistet hat? Sind die besseren Leistungen wirklich dem Lehrer zuzuschreiben, oder dem Nachhilfeunterricht? Ist es die Schuld des Lehrers, daß der eine Schüler in letzter Zeit nur noch Vieren oder Fünfen schreibt, oder liegt es vielleicht an familiären Problemen? Der beste Lehrer kann nichts ausrichten, wenn die Schüler daheim niemals lernen. Notfalls werden bessere Zensuren vor Gericht eingeklagt. Anstatt immer wieder auf die ach so faulen, ungerechten und schlechten Lehrer herumzuhacken (die es natürlich auch gibt), sollten auch die Eltern in die Verantwortung genommen werden. Manche Grundschullehrer beklagen sich schon, daß vielen Sechsjährigen (in sogenannten Brennpunktschulen) die Grundlagen fehlen um gleich Lesen und Schreiben zu lernen, ihnen fehlen minimale Deutschkenntnisse, sie können keinen Stift halten, usw..

    Schüler sollen die Lehrer bewerten? Lieber nicht.

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    Es gibt gute Lehrer. Und es gibt schlechte. Was ist schlimm so daran, diese Tatsache nicht nur im verschämten Halbsatz abzutun, sondern den Lehrern ein ehrliches Feedback über deren Unterrichtsqualität zu geben. Damit wäre den guten Lehrern geholfen, die nicht ständig in Sippenhaft genommen würden für die wenigen, die besser dem Beruf ferngeblieben wären. Die übrigen könnten ja vielleicht tatsächlich was für ihren Unterricht lernen.
    Mein Vorschlag: jährliche schulübergreifende Lernstandsermittlungen, verbunden mit einer Befragung der Schüler/Eltern zur Zufriedenheit mit dem Schul-/Unterrichtsklima.
    Sozioökonomischen Hintergrund der Schüler kann man ja bei der Auswertung mit einbeziehen.

  1. Man sollte die Idee der Leistungsmessung nicht so vorschnell vom Tisch wischen. Es wäre durchaus sinnvoll mithilfe zentral gestellter Tests den Leistungsstand einer Klasse bei Beginn der Beschulung durch einen Lehrer mit jenem zum Ende der selbigen zu vergleichen. Auch wenn dadurch nicht jede Feinheit abgebildet werden könnte, ergäbe sich im Vergleich zu den Ergebnissen anderer doch ein aussagekräftiges Bild zur Leistung des Lehrers.
    Das alte Sprichwort von der Sau, die durchs Wiegen nicht fett wird, trifft hier übrigens nicht zu. Denn allein schon der Leistungsanreiz für den Lehrer durch diese Maßnahme, würde zur Verbesserung der Unterrichtsqualität führen. Und selbst eine mangelhafte Leistungserhebung ist eben noch besser als gar keine.

    Antwort auf "Wie naiv"
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    ///Es wäre durchaus sinnvoll mithilfe zentral gestellter Tests den Leistungsstand einer Klasse bei Beginn der Beschulung durch einen Lehrer mit jenem zum Ende der selbigen zu vergleichen. ///

    Jetzt erklären Sie mal bitte konkret, wie der "Beginn der Beschulung" und sein "Ende" Ihrer Meinung nach aussehen sollten. Welchen Zeitraum stellen Sie sich vor? Ein Schuljahr? Einm halbes Schuljahr? Die gesamte Grundschulzeit? 5. bis 10. Klasse?

    • Rabe72
    • 16. Juni 2013 21:23 Uhr

    Leistungsabhängiger Lohn bei Lehrern bringt gar nichts. Das ist in der Praxis erprobt und für ungeeignet befunden worden, und nicht einfach eine Meinung.

    Unterrichtet einer besser, wenn er einmal eine Lohnkürzung kriegt? Es gibt bloss schlechte Stimmung im Kollegium. Was hindert mich daran, weniger strenge Prüfungen zu machen, so dass die Schüler einen besseren Notenschnitt haben und ich mehr Lohn?

    Ein Praktikum vor Studienbeginn, um die ungeeigneten Kandidaten los zu werden? Durchaus diskutabel, allerdings nimmt Frau Akbas damit in Kauf, völlige Anfänger mit den Kindern arbeiten zu lassen. Man stelle sich vor: Ein Praktikum im Spital vor Medizinstudienbeginn ohne jegliche medizinischen Kenntnisse. Da bedanken sich die Patienten aber ganz schön, auch wenn das ganze supervisiert wird.

    Mein Vorschlag: Bevor man ein Buch schreibt über das Thema Schule und Lehrer, müsste man auf jeden Fall etwas mehr praktische Erfahrung mitbringen. Ich kann doch nicht ernsthaft ein Buch über etwas schreiben, wenn ich es nur von aussen kenne. Eigene Erfahrungen in der Schule oder eigene schulpflichtige Kinder qualifizieren einen jedenfalls noch lange nicht dazu.

    7 Leserempfehlungen
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    Sie sagen, es sei nachgewiesen, dass leistungsabhängige Bezahlung nichts bringt. Wenn Sie mit solch einer steilen Behauptung um die Ecke kommen, sollten Sie noch ein zwei Sätze hinzufügen, die das Gesagte nachvollziehbar machen könnten.
    Wenn Sie mit leistungsabhängiger Bezahlung Modelle meinen, bei denen es für Zusatzaufgaben, wie die Töpfer-AG oder die Computerrraum-Betreuung, mehr Geld gibt, sei Ihnen der Nachweis allerdings geschenkt. Das glaub ich gerne.
    Dass ein finanziell unterfüttertes Anreizsystem, das sich auf Lernerfolge und damit auf die Unterrichtsqualität bezieht, nutzlos wäre, kann ich mir dagegen absolut nicht vorstellen.

  2. Ich stimme Frau Melda Akbaş absolut zu bei dem Titel zum Artikel. Auch träume ich ebenfalls von einer besseren Schule.

    Alleine bei den Lehrkräften die Schuld für schlechte Schulen zu suchen, ist aus meiner Sicht aber absurd. Ebenso, eine leistungsorientierte Bezahlung auf der Verbesserung von Notendurchschnitten vorzuschlagen.

    Dazu ein Zitat von Waltraud Lucic, Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband: „In der Konsequenz müsste man alle Noten abschaffen, ebenso das Sortieren nach der vierten Jahrgangsstufe Gleichzeitig müssten wir eine längere gemeinsame Schulzeit einführen und eine Pädagogik, die die Schüler zur Selbständigkeit erzieht. Lehrer sollten Lernbegleiter sein, nicht Aussortierer. Das wäre ideal.“

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  3. Was zeichnet Melda Akbaş aus über Lehrerinnen und Lehrer zu urteilen? Nichts!
    Das belegt dieses Interview.

    Die geäußerten Ideen sind nicht neu. Binsenweisheiten: Der gute Lehrer und die gute Lehrerin "...sollte nicht nur eine gute Beziehung zu seinen Schülern haben, er muss vor allem pädagogisch einiges draufhaben; er muss den Stoff so vermitteln, dass die Schüler ihm folgen können und wollen. Und er muss regelmäßig Fortbildungen besuchen."

    Alle üblichen Vorurteile werden bedient, wie dass Lehrer nie einen anderen Beruf ausgeübt haben: von der Schule in die Uni in die Schule. "Viele von ihnen sind nicht Lehrer, weil sie Schülern leidenschaftlich gern etwas beibringen wollen, sondern weil ihnen nichts anderes eingefallen ist; oder weil es ein sicherer Job ist."

    Ich frage mich aber: mit welcher Absicht hat die ZEIT überhaupt Frau Akbaş dazu interviewt? Werden demnächst auch alle Klischees über den zukünftigen Beruf von Frau Akbaş veröffentlicht, rücksichtslose Juristen, die das bestehende Machtsystem betonieren und damit den gesellschaftlichen Aufstieg der Underdogs verhindern?

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    Vielleicht, weil ihr Buch am 10.Juni erschienen ist?

  4. Das Interview wird mit oben genannter Zeile überschrieben, davon istaber nicht die Rede.
    Frau Akbas wirkt in ihren Aussagen vage bis naiv.
    Mich würde mal interessieren, wie sie im Einzelnen das Gehalt eines Lehrers dann berechnen lassen würde? Gibt es eine Grundsumme zu Anfang des Schuljahres, und dann wird bei jedem einzelnen Schüler geschaut, ob die Note gegenüber dem vorheringen Schuljahr oder zum Halbjahr besser oder schlechter geworden ist? Ich habe in diesem Schuljahr rund 150 schüler unterrichtet, viel Spaß beim Rechnen. Mit welchem Faktor soll das dann multipliziert werden? Muss ich dann unter Umständen Gehalt zurückzahlen, falls sich mehr Schüler verschlechtert als verbessert haben?

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    ist aber
    150 Schüler

  5. Vielleicht, weil ihr Buch am 10.Juni erschienen ist?

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  • Schlagworte Schule | Schüler | Lehrer | Eltern | Familie | Grundschule
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