SchulvergleichVon Strebern und Chaoten

Bayerische Schüler können viel besser lesen und rechnen als Berliner Schüler. Warum ist das so? Eine Forschungsreise zu zwei Schulen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. von 

Was an der Münchner Isar-Schule die Ausnahme ist, gehört an der Berliner Spree-Schule* zum Alltag: Schulanfänger, die nicht bis zehn zählen können; Kinder geschiedener Eltern, denen im Ranzen irgendetwas fehlt, weil sie ständig zwischen Mutter und Vater pendeln; kleine Medien-Junkies, die am Montagmorgen wie auf Entzug in die erste Stunde kommen; Schüler, die ohne Pausenbrot zum Unterricht erscheinen.

Es ist nicht schwer, Unterschiede zwischen den beiden Schulen zu finden. Dabei hatten wir die Bildungsverwaltung in Berlin und München gebeten, uns jeweils eine "durchschnittliche Grundschule" zu nennen. Wir wollen herausfinden, warum die Schüler in einem Bundesland so viel besser lesen und rechnen können als in einem anderen. Und weil Extreme das Allgemeine besonders gut zeigen, suchen wir die Antwort an den beiden Polen der Bildungsrepublik: in Berlin und Bayern.

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Am Geld liegt es nicht

"Schauen Sie hier." In der Spree-Schule streicht Schulleiterin Petra Mende über die Fensterbank ihres Büros und hält einen schmutzig-schwarzen Finger hoch. "Der Putzdienst schafft das nur alle zwei Wochen." Eigene Reinigungskräfte gibt es schon lange nicht mehr an ihrer Schule. Wie überall an Berliner Schulen hat Mende eine Fremdfirma mit dem Job beauftragt, die billigste am Markt. Nur ein paar Minuten hat die Kolonne zur Säuberung jedes Klassenraums. Mehr gibt Mendes Etat nicht her. Auch die Toiletten müssen deshalb manchmal einen Tag lang auf eine Reinigung warten.

Für die Schulleiterin symbolisiert das knappe Putzbudget den Wert der Bildung in Berlin: "Die Rahmenbedingungen für unsere Schulen sind schlecht." Den Unterschied zu ihrem Pendant in München sieht man schon auf den ersten Blick. Während die Spree-Schule in einem verwinkelten Altbau untergebracht ist, arbeiten die Lehrer der Münchner Isar-Schule in einem lichten Neubau aus viel Holz und Glas. In jedem Klassenraum finden sich ein Computer, eine Leseecke samt Sofa und Regale voller Bücher und Lernhilfen. "Was die Ausstattung angeht, können wir nicht klagen", sagt Schulleiterin Martina Rudzio, die an einem modernen Schreibtisch in ihrem blitzsauberen Büro sitzt. An der Spree-Schule geht es karger zu. Hier müssen die Lehrer, wenn der Schuletat aufgebraucht ist, ihre Arbeitsmaterialien aus eigener Tasche bezahlen. So wie die Schüler für ihre Bücher bis zu 100 Euro selbst beisteuern müssen. Und Petra Mende muss ihr Büro mit dem stellvertretenden Schulleiter teilen.

Dabei gibt Berlin eigentlich sogar mehr Geld pro Grundschüler aus als Bayern: 300 Euro mehr sind es laut Haushaltsplan im Jahr. Nur müssen die Mittel auf dem Weg von der Schulbehörde zur Spree-Schule irgendwo verloren gehen. "Bei uns jedenfalls kommt das Geld nicht an", sagt Mende. Das Geld ist also nicht Schuld, dass bayerische Schulen immer weit über dem nationalen Leistungsschnitt liegen und Berliner Schulen deutlich darunter. Wer aber dann? Sind es die Lehrer, oder liegt es an den Schülern? Und hat der bayerische Erfolg vielleicht auch einen Preis – und Berlin Stärken, die keine Statistik zeigt? Schließlich kommen die Siegerschulen beim Deutschen Schulpreis – umgerechnet auf die Schülerzahl – dreimal so häufig aus Berlin wie aus Bayern.

Eigentlich sollte man meinen, dass diese Fragen längst geklärt sind. Seit dem Jahr 2000 vergleichen Forscher das Lernniveau in Deutschlands Schulen. Die Abhandlungen zu Pisa, Iglu und anderen Studien füllen ganze Regalmeter. Wir wissen über unser Schulsystem etwa, dass es ungerecht ist. Vor allem aber kennen wir die riesigen Leistungsdifferenzen zwischen den Bundesländern. So haben die Viertklässler in Bayern in der jüngsten Vergleichsuntersuchung in Mathematik 519 Punkte erzielt, die Schüler in Berlin nur 451. Das entspricht dem Lernfortschritt rund eines Schuljahres – oder dem, was Deutschland im internationalen Vergleich von der Türkei trennt. Gegen das Schulproblem sei jede verschobene Flughafeneröffnung unbedeutend, sagen Experten.

Nur eines kennen wir trotz aller Studien nicht: die Gründe für die gewaltigen Unterschiede. Warum liest der Süden der Republik besser als der Norden? Wieso sind Thüringen oder Sachsen-Anhalt auf den Ranglisten über die Jahre hinweg nach oben geklettert, während die drei Stadtstaaten im Keller verharren? "Über die Ursachen der regionalen Leistungsdifferenzen liegen keine empirisch gesicherten Erkenntnisse vor", sagt der langjährige Leiter der Pisa-Studien, Manfred Prenzel.

Angesichts der öffentlichen Erregung, die die Leistungsvergleiche stets hervorrufen, muss diese Ignoranz verblüffen. Was noch verwunderlicher ist: Bislang haben die Bildungspolitiker nichts unternommen, ihre Blindheit zu kurieren. Sie reden zwar viel von Transparenz. In Wirklichkeit haben sie Angst vor der Wahrheit. Sie könnte ja lauten, dass an ihrer Politik etwas falsch ist. Deshalb hat die Kultusministerkonferenz bislang keine einzige Studie zur Ursachenerkundung auf den Weg gebracht. Sie hat sogar alle tiefer gehenden Analysen verhindert. Forscher, die mit Daten aus der Pisa-Studie arbeiten, müssen – unter Androhung einer Strafe von 10.000 Euro – versprechen, in ihrer Publikation kein Bundesland beim Namen zu nennen. Wer also Antworten auf die Frage nach den Unterschieden zwischen den Bundesländern sucht, muss sich selbst aufmachen, mit Schulleitern, Lehrern und Schülern reden und herausfinden, was typische Schulen unterscheidet.

Die Herkunft zählt – aber nicht die geografische

Emre, Simon, Thien, so heißen die Schüler an der Spree-Schule. José, Karl, Alexej heißen die Kinder an der Isar-Schule. Deutsche Großstadtschulen sind überall bunt. In München stammen sogar mehr Schüler aus Einwandererfamilien als in Berlin. Ihre Leistungen liegen zwar unter dem bayerischen Schnitt. Aber sie können fast so gut lesen und rechnen wie die Berliner Schüler aus deutschen Familien.

An der Migrantenquote kann es also nicht liegen, dass Berlin das ewige Kellerkind der Bildungsrepublik ist. Bildungsforscher bestätigen: Nicht der Geburtsort der Eltern bestimmt die Schulkarriere ihrer Kinder, sondern das Einkommen und der Bildungsstand. Und hier klafft zwischen München und Berlin ein Abgrund.

Das zeigt sich nicht nur an der Zahl der Eltern, die bei einer Klassenfahrt um Beihilfe bitten, oder an dem Prozentsatz der Kinder aus geschiedenen Familien, sondern auch an der Zahl der verhaltensauffälligen Schüler, die nicht still sitzen können, die andere schlagen, die jede Stunde ihr eigenes Programm brauchen. "So ein Schüler macht so viel Arbeit wie sieben andere", sagt eine Berliner Lehrerin. Zwar gibt es an der Spree-Schule einen Sozialpädagogen und eine Sonderpädagogin mit halber Stelle für schwere Fälle. Aber deren Stunden reichen vorn und hinten nicht aus.

Leserkommentare
  1. "Hier müssen die Lehrer, wenn der Schuletat aufgebraucht ist, ihre Arbeitsmaterialien aus eigener Tasche bezahlen."

    Ich habe in drei Bundesländern unterrichtet. Überall musste ich selbstverständlich mein gesamtes Arbeitsmaterial selbst bezahlen.

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    • Ninawu
    • 14. Juni 2013 22:31 Uhr

    Deckt sich mit meiner Erfahrung - in Bayern.

  2. Die armen Kinder - sind sie doch am Ende in Ihrer Kapazität lernen zu können von den Voraussetzungen, Lehrern und deren Engagement abhängig.

    Das diese wirklich detaillierte Darstellung der Unterschiede und deren direkte Auswirkung auf die Lernmöglichkeiten in Berlin unbeliebt ist, dass ist das wahre Problem. Ohne Kritik annehmen zu können und sich mal an die eigene Nase zu fassen um etwas anders und besser zu machen scheint den meisten Menschen aus Gründen der Empfindlichkeiten gegenüber Kritik erspart zu werden.

    Das Ergebnis ist eindeutig. Ohne Kontrollen funktioniert leider nun mal keine Schule, keine Firma und keine Gesellschaft.

    Die Kultur diesbezüglich ist in Bayern kerngesund und in Berlin krank. Da werden Tabletten und Medikamente nicht mehr helfen, da muss schon der Chirurg ran.

    Ein Skandal dass in der Hauptstadt alles was nicht funktioniert und es gibt ja vieles was man da aufzählen könnte weiterhin für die vernatwortlichen ohne jede Konsequenz bleibt. Was ist denn das für ein Leitbild für die Schüler und Bürger und wo bitte soll das noch hinführen ?

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    die mit einem Bruchteil staatlicher Förderung und ohne staatliche Einmischung bzw teilweise gegen staatlichen Widerstand gut ausgebildete, motivierte, sozial kompetente, neugierige und liebenswerte Menschen entlassen.
    In Berlin bspw.
    http://freieschulekreuzberg.de/
    http://www.freie-schulen-berlin.de/
    Weil an den Kindern interessierte Menschen http://www.mit-ein-anders.de/
    agieren!

  3. "Zudem gerät leicht aus dem Blick, dass nur in einem freiheitlichen Klima Fantasie und Kreativität blühen."
    Das Problem ist allerdings auch, dass ohne einen soliden Fundament an Wissen, einem die Kreativität und Fantasie nichts nutzt. Die meisten Ideen die man bekommt, sind weder originell noch neu, sondern zumeist eher Schrott. Ohne das nötigte Wissen, kann man die Qualität seiner Gedanken nur schwer einordnen. Zudem nutzt einem gute Ideen nichts, wenn man nicht weißt, wie man sie umsetzen kann. Daneben braucht man zumeist ein gewisses Wissensfundament, damit man überhaupt mit interessanten Fragestellungen in Berührung kommen kann.
    Gleichzeitig kann einem die Erfahrung und das (scheinbare) Wissen gedanklich einengen.
    Daher ist es nicht klar, wie man die Kreativität fördern kann.

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  4. Trotz aller beeindruckenden Ergebnisse der definierten Schulleistungen in Bayern und trotz aller vermeintlichen Defizite in Berlin...:

    Ich halte Menschen, die Fehler machen durften, Umwege gegangen sind, sich ausprobieren durften und auch mal Zeit hatten, sich über eigene Ziele klar zu werden für wertvollere Persönlichkeiten als solche, die in einem straffen Regiment die geforderten Inhalte lernen mussten, zu Leistungsmaschinchen gedrillt wurden und später außer systemkonformer Effizienz nicht viel zu bieten haben...

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    Wer nicht effizient ist, dem bleibt nur das Systemkonforme.

    Haben Sie denn nicht begriffen dass Bildung der Schlüssel zum Aufstieg ist, in den Nachkriegsjahrzehnten haben ganze Generationen von "Arbeiterkindern" den sozialen Aufstieg nicht durch verkitschte "ehrliche Maloche" geschafft, sondern durch persönliche Bildungsanstrengungen! Wir leben natürlich in keiner schichtenlosen Gesellschaft, die wird es auch nie geben da sich der Mensch per se gerne irgendwie abgrenzt, aber unser sozialer Stand wird nicht mehr durch die Herkunft begrenzt sondern fast vollständig durch unseren Bildungshintergrund. Gerade für sozial Schwache ist Bildung die Chance, das als neoliberal irgendwas zu deklassieren zeigt das komplett falsche Signal auf. Und wo leben denn bitte die Massen der Bürger unter prekären Verhältnissen, falls sie überhaupt einen "Job" haben? In Berlin oder in München? Das hat natürlich auch damit was zu tun, als dass man mit "ehrlicher Maloche" und Hauptschulabgangszeugnis keine großen Sprünge machen kann und gerade bei einfachen Dienstleistungen, einst als Jobmotor gepriesen, die prekärsten Arbeitsbedingungen drohen.

    Außerdem gibt es nichts egalitäreres und sozialdemokratischeres als den Gedanken der Breitenbildung, nicht nur soziale Teilhabe durch Bildung sondern auch persönliche Charakterbildung, ein geweiteter Horizont, Abschaffung von "Herrschaftswissen". Aber auch der Leistungsgedanke, so er "fair" ist, ist zutiefst sozialdemokratisch. Das unterscheidet auch die SPD von jenen die Gleichmacherei mit Gerechtigkeit verwechseln.

    • juus
    • 14. Juni 2013 11:49 Uhr

    Ohne Leistung wird man im Leben nicht weiterkommen. An dem Problem der Schulen zeigt sich auch das Problem, dass Berlin im Allgemeinen hat. Wie will man ohne Leistungsdruck, ohne ausreichende Bildung, ohne ein Klima des Lernens, der Bildung und des Anpackens jemals diese Stadt nach vorne bringen.
    Wenn dann aber die Bayern, Schwaben, Franken nach Berlin kommen und Wohnungen kaufen ist es auch nicht in Ordnung...

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    Klischee geht wohl kaum

    • WTE
    • 14. Juni 2013 12:02 Uhr

    Das der Artikel zu einem gegenseitigen "wer-ist-besser"-Vergleich derer hinausläuft, die klischeehaft "Zucht und Ordnung", sprich angesprochene bayerische Verhältnisse versus "kreatives Chaos" Berliner Schulen bevorzugen und andersherum.

    Was viele aber übersehen, ist der eigentliche Kernsatz: In der Mitte liegt die Lösung. Auch Bayerische Schulen könnten von Berliner Kollegen was lernen, ebenso natürlich umgekehrt.

    Interessant ist übrigens der trotz unsicherer Jobperspektive höhere Krankenstand in Berlin - die Frage wäre hierbei, ob eine Verbeamtung dem entgegenwirken, da sicherer machen würde oder noch weiter ausbaut, da unkündbar.

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    ... die es handwerklich und vom Wissen her schon drauf haben, dann ist es das Sahnehäubchen. Allen anderen werden über das Stadium des Improvisierens nciht hinauskommen, was im Ergebnis niemanden interessieren wird. Die gerade moderne Erleichterungs- und Vereinfachungspädagogik gaukelt Kindern aber leider vor sie würden genau damit durch Leben kommen.
    In unserer hochspezialisierten Volkswirtschaft ist beruflicher Erfolg regelmäßig immer noch an Leistung gekoppelt.

    Außerdem besteht unverkennbar ein Zusammenhang zwischen Erziehung und schulischem Erfolg. Ein Kind mit ausreichend Frustrationstoleranz, Kooperationsbereitschaft und Bereitschaft zur Rücksichtnahme hat meist auch akzeptable Schulerfolge.

    die geschilderten Probleme in der Berliner Schulen sind unendlich alt. Meine Kinder waren vor 40 Jahren in Berlin in der Schule, wir konnten uns nur dadurch helfen, dass sie in privaten Schulen gegangen sind.
    Der berichtete Krankenstand von 10% ist eine Beschönigung, damals gab es auch 10% als Mittelwert, aber einige Schulen hatten weniger als 3%, in anderen fehlten verbeamteten Lehrerinnen jeden Monat eine Woche.
    Wenn Jugendliche die Schule ohne den notwendigen Rüstzeug verlassen, können sie ihre Kreativität, salopp formuliert, am Knie nageln.
    Und, bitte, nicht wieder mit den Bildungsausgaben anfangen; wir geben immer mehr Geld für Bildung aus, wir produzieren immer mehr Diplome und Zertifikate aber die Anzahl der guten Leuten nimmt nicht zu. Ich bin seit 40 Jahren in Geschäft, die Zahl der Bewerber nimmt immer zu, die mittlere Qualität ab.

  5. diesen Artikel zu lesen. Leider ist es nunmehr Realität in unserem Land. Als ich (Baujahr 1978) in die Schule kam, galt noch die "Faustregel": Hauptschule hat gute Chancen im Handwerk, Realschule im Handel und Gymnasium für akademische Berufe. Das ist natürlich sehr platt und plakativ, aber immerhin hatte der Hauptschulabschluss im gegensatz zu heute einen sehr viel besseren Ruf. Und ohne Abitur überhaupt einen Job zu finden ist sehr, sehr anstrengend.

    Auch liegt die Finanzierrung der Schulen als zentraler Punkt auf dem Tisch, aber nicht nur. Wer mit dem "Pygmalion Effekt" etwas anzufangen weiß, der versteht was ich meine.

    In unserem Land ist die (Aus)Bildung unserer Kinder eines der wichtigsten Themen, welches aber zeitgleich sträflichst vernachlässigt wird.

    Wer sich mal 10 Minuten Zeit nehmen mag, dem sei Georg Schramm's Auftritt zu diesem Thema ans Herz gelegt, ... Außen Kabarett, innen harte Wahrheit - nicht Lustig.

    http://www.youtube.com/watch?v=jitdvJ5U3I4

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