Schriftsteller Sergio PitolDie Hyäne im Nacken

Sergio Pitol, der große mexikanische Schriftsteller, erfindet sich in jeder Erzählung neu. von Katharina Döbler

Wenn man sich lange genug gelangweilt hat mit Büchern, die jemand so geschrieben hat wie die, die richtig erfolgreich waren und die treuherzig längst kanonisierte Grenzüberschreitungen begehen, wenn man so weit ist, dass man all diese Bücher an die Wand werfen und wirklich nur noch amerikanische Serien gucken will: Dann taucht, bevor man wirklich dem Lesen abschwört, etwas auf, das einem den Glauben an die Literatur zurückbringt – von irgendwoher, gewöhnlich von den eher abgelegenen Gegenden der literarischen Welt. Ein solches Buch war für mich einmal Sergio Pitols kleiner Roman Das Eheleben, der vor über zehn Jahren auf Deutsch erschien.

Sergio Pitol. Ein mexikanischer Autor, der lange kaum wahrgenommen wurde vor den Gestalten seiner berühmten Landsleute: Juan Rulfo, der geheimnisvolle Altmeister, Octavio Paz, der Nobelpreisträger, und Carlos Fuentes, der Mandarin des lateinamerikanischen Booms.

Anzeige

Pitol ist ein weltläufiger, vielsprachiger Mensch, Übersetzer (etwa aus dem Polnischen) und ein abenteuerlustiger Autor, das heißt: einer, der sich nie mit dem literarisch Bewährten zufriedengegeben hat.

Sein neuer Erzählungsband Drosseln begraben präsentiert einen längeren Abschnitt aus Pitols Werkgeschichte: wie er literarische Methoden ausprobiert, Moden aufgegriffen und wieder verworfen hat und sich im Lauf der Jahre sein eigenes erzählerisches Gebiet erschloss. Wie ein Echo von Rulfos Pedro Páramo lesen sich die beiden frühesten Erzählungen von 1957 und 1958 mit ihrer düsteren Gewalt und ihrer Perspektive von jenseits des Grabes (Vicorio Ferri erzählt eine Geschichte). So hätte Pitol weitermachen können, mit dieser Wucht, diesem sprachmächtigen, dunklen Gesang. Man hätte ihn weltweit gelesen. Das tat er aber nicht, er versuchte sich zeitweise an intellektuellen Phantasmen, an den hängenden Gärten eines Borges oder Cortázar (Der Panther). Und zog von dort aus weiter in die Ebenen des Realismus, wo er sich vorübergehend den Habitus der engagierten Boom-Autoren überstreifte. Auch damit hätte er bekannt werden können, manche Stellen seiner Erzählung Aufgebahrt von 1962 klingen besser als Fuentes, was auf dessen höchst eigenem Terrain einiges heißen will.

Pitol quält hier seinen Protagonisten, einen ehemaligen Geheimdienstler, erfolgreichen Geschäftsmann und korrumpierten Idealisten, während einer deliranten Nacht voller Alkohol, Koks und Sex mit der bitteren Selbsterkenntnis eines Mannes "der sich Adjektive verdiente, wie eine Sprache sie etwa für eine Hyäne bereithält". Gemeinerweise lässt er diese verlorene Seele schließlich in einer Flut von gängigem Kulturgeschwätz untergehen, dem sie verzweifelt irgendeinen Halt abzulauschen versucht. Zu dieser Zeit, Anfang der 1960er Jahre, war Pitol wie so viele andere lateinamerikanische Schriftsteller (Pablo Neruda) im diplomatischen Dienst in Europa unterwegs. Das Gerede bei Empfängen, die hohlen Rituale mögen ihn inspiriert haben.

Vielleicht fand Pitol die Figur eines schuldbeladenen Reichen, der an seiner schalen Existenz verzweifelt, dann doch zu simpel. Die späteren Erzählungen operieren jedenfalls mit ungleich vieldeutigeren Helden: mit Varianten schemenhafter Ichfiguren, die manchmal auch gleich "der Autor" heißen.

Das klingt nach dem, was als Metaliteratur bezeichnet wird und das oft nur darin besteht, dass man dem Autor dabei zusieht, wie er sich in seinem frustrierten Mitteilungsbedürfnis seitenlang in den Zähnen bohrt, anstatt dieselben in einen Stoff zu schlagen. Aber bei Pitol ist das nicht so, ganz und gar nicht: Es gibt massenhaft Stoff, und der wird von den Zähnen dieses Schreibwütigen geradezu zerfetzt.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service