Silicon ValleyIm Tal der Träume

Wer bestimmt, welche Informationen der Menschheit nutzen – und welche sie bekommt? Wer braucht noch Journalisten, wenn Software Nachrichten ordnen kann? Wer die Zukunft des digitalen Zeitalters sucht, muss ins Silicon Valley reisen. Es ist der Ort der großen Ideen. Aber es gibt dort auch Mahner, die vor der Macht der Algorithmen warnen. von  und

Google-Niederlassung in Mountain View im Silicon Valley

Google-Niederlassung in Mountain View im Silicon Valley  |  © Justin Sullivan/Getty Images

Das Internet ist ortlos, flüchtig. Es ist überall und nirgends, das ist sein Wesen. Aber es hat eben doch ein Zentrum, einen geografischen Ort, an dem alles zusammenläuft, ökonomisch, symbolisch, intellektuell: das Silicon Valley.

Wir sind zu spät, viel zu spät, nicht zehn, nicht zwanzig Minuten, fast eine Dreiviertelstunde. Wir wollen zu Twitter, wir wollen über die Zukunft des Journalismus reden. Aber der Verkehr auf der Interstate 101 Richtung Norden steht still, sieben Spuren und alle verstopft. Amerikaner hassen Unpünktlichkeit. Doch als wir schließlich bei Twitter eintreffen, in einem hübsch heruntergekommenen Hochhaus an der Market Street, Downtown San Francisco, sind alle total entspannt, branchenüblich. Katie Jacobs Stanton, die Auslandschefin des Unternehmens, zeigt uns ein Stück der Berliner Mauer auf ihrem Schreibtisch und trichtert uns per PowerPoint eine konzentrierte Dosis Information ein. Dann führt sie uns durch ein Riesenloft, in dem fast tausend junge, hippe Start-up-Menschen den weltumspannenden Kurznachrichtendienst jeden Tag ein bisschen erfolgreicher machen.

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Am Durchgang zur Kantine hängt ein Schild. Jeder Angestellte kommt jeden Tag daran vorbei. Ein Mantra für die Mitarbeiter und eine Botschaft an die Welt: "Reach every person on the planet" steht auf der grellgrünen Scheibe – erreiche jeden Menschen auf der Erde.

Das kann man als Verheißung lesen. Oder als Drohung.

In der Twitter-Zentrale wirkt gar nichts bedrohlich, vielleicht ist es das, was besonders unheimlich ist. Man möchte sofort hierbleiben. An den langen Tischen, im Gewirr von Stimmen und Ideen, mit Kollegen von allen Kontinenten arbeiten. Das große Ding durchziehen, die ganze Welt verbinden und Spaß haben dabei.

Aber Twitter ist kein Spaß, so wenig wie irgendetwas, das in Kalifornien lässig daherkommt. Twitter ist riesig, ernst und ehrgeizig: Seid unbescheiden!, ruft es seinen Mitarbeitern zu, und auch den Usern, dem Papst zum Beispiel oder Barack Obama. Akzeptiert keine Grenzen! Kommunikation ist alles!

Twitter ist jung, keine zehn Jahre alt, der Laden verdient noch kein Geld, er ist klein im Vergleich zu den Branchenriesen wie Google und Facebook. Aber die Nutzerzahlen explodieren, 500 Millionen angemeldete User gab es 2012, und wenn nicht alles täuscht, hat das Unternehmen die Art und Weise, wie die Welt kommuniziert, grundstürzend verändert.

Jeder Mensch mit Internetzugang kann per Twitter mit jedem anderen in Kontakt treten und kurze Botschaften austauschen, kostenlos, in Echtzeit, maximal 140 Zeichen lang. Das meiste, was da gezwitschert wird, ist banales Zeug, alles, was der Menschheit gerade durch Herz und Hirn geht, aber die möglichen Folgen sind gewaltig – für die Demokratie, für die Gesellschaft, für das große Gespräch der Welt mit sich selbst. Und damit auch für den Journalismus. Twitter, schrieb der Guardian-Kolumnist Michael Wolff unlängst, "könnte der bedeutendste Fortschritt für Nachrichtenmedien sein, wenn nicht seit Erfindung des Telegrafen, dann mindestens seit Einführung des Kabelfernsehens".

Über Twitter wurde der Arabische Frühling verkündet, mithilfe von Twitter wurden Diktatoren gestürzt, Twitter hat Foto-Ikonen geschaffen. Twitter, der Nachrichtenlieferant, hat selbst Nachrichten gemacht.

Leserkommentare
  1. ...für "Better done than perfect": Brauchbar ist besser als perfekt. Ein Motto, das sich jeder Perfektionist auf der Zunge zergehen lassen sollte.

    • karoo
    • 07. Juni 2013 16:37 Uhr

    Freundschaftsbändchen am Handgelenk, sonnengebräunte Haut, machen aus einem Kai Diekmann keinen Netzaktivisten, auch wenn er sich zum Anbiedern verkleidet. Was für ein Chamäleon!

    • Rob24
    • 07. Juni 2013 18:03 Uhr

    Danke. Das ist Journalismus. Ich konnte nicht eine Sekunde aufhören zu lesen. Anschaulich geschrieben, spannend formuliert, schön gedeutet. Wäre noch schön, wenn Sie noch ein paar mehr Worte zu Apple verloren hätten, schließlich haben iPhone und iPad die Mobilität und damit die schnellen Informationen einen bedeutenden Schritt vorangebracht. Sonst gibt es aber wirklich nichts zu mäkeln. Gefällt mir sehr, der Beitrag!

    Liebe Grüße

    • Ryyck
    • 07. Juni 2013 19:31 Uhr

    Der Artikel ist eine wunderbare Werbung für tiefgründigen, nachdenklichen "Print"-Journalismus. Sowas lässt sich nur schwerlich aus Social-Media-Fragmenten zusammenstückeln.

    Ich wünsche mir, dass es auch in Zukunft ausreichend Raum und Geld gibt für diese Art des Journalismus,

  2. Liebe Autoren,

    vielen Dank für den interessanten Artikel!
    In Ihrer, aber auch in anderen Zeitungen, wird zunehmend der Einfluss der sich wandelnden Kommunikationsstruktur auf den Journalismus debattiert. Mobile, internetfähige Geräte und die entsprechende Nachrichtensoftware führen dazu, sich in immer kürzerer Zeit mit immer mehr Themen auseinandersetzen zu wollen. Das quantitative Angebot wird immer größer. Es wird immer schwieriger aus dieser Wolke die qualitativ brauchbaren Informationen herauszufiltern. Immer weniger Menschen scheinen sich an eine Grundregel der Wissensaneignung zu erinnern: Die Aneignung von Wissen braucht Zeit! Für eine Wissensgesellschaft (deren Status die Deutschen für sich in Anspruch nehmen) ist es in höchstem Maße gefährlich, zunehmend Themenfetzen und pauschalisierende Meinungen als Grundlage für ernsthafte Diskussionen zu nutzen. Leider ist diese Entwicklung auch in der von mir eigentlich sehr geschätzten „hohen“ Politik zunehmend zu beobachten. Ich wünsche Ihnen, liebe Autoren, und mir als Teil der Gesellschaft, dass es auch in dreißig Jahren noch genug Menschen in diesem Land gibt, die bereit sind Zeit in eine fundierte Meinungsbildung zu investieren. Qualitätsjournalismus darf Geld kosten. Wenn Sie mir auch in Zukunft Qualität versprechen, verspreche ich Ihnen pro Ausgabe der ZEIT auch 10€ zu bezahlen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Matthias Meyer

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Silicon Valley | Google | Twitter | Journalismus | San Francisco | Kai Diekmann
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