StilkolumneSchaftstiefel

Für den ganz großen Auftritt: Die Verbindung von Leder und Erotik in Form von überknielangen Stiefeln von 

Stiefel von Salvatore Ferragamo

Stiefel von Salvatore Ferragamo  |  © Peter Langer

Auf dem ersten Album von Velvet Underground gibt es einen Song, dessen Text sich auf den Roman Venus im Pelz von Leopold von Sacher-Masoch bezieht. Eine Zeile von Venus in Furs lautet: "Kiss the boot of shiny, shiny leather, shiny leather in the dark..." Deutlicher kann man das Thema Leder und Erotik kaum verbinden. Lederstiefel sind eines der wichtigsten Fetisch-Accessoires. Was hier weiter keine Rolle spielte – wären Stiefel in Oberschenkellänge nicht immer wieder auch ein Thema der Mode. In den achtziger Jahren traten sie im Gefolge des Pretty Woman- Looks auf, in den 2000ern sorgte Christian Louboutin für ein Revival, und 2009 zeigte Miuccia Prada Lederstiefel, die fast bis zum Schritt reichten.

In diesen Tagen sind nun neue Modelle zu bewundern: hohe Stiefel mit offenen Spitzen, zu sehen beispielsweise bei der jüngsten Haute-Couture-Schau von Chanel. Karl Lagerfeld ließ seine Models in kniehohen Peeptoe-Stiefeln aufmarschieren. Die Stiefel waren so hoch geschnitten, dass der Schaft unter dem Rocksaum verschwand. Auch Salvatore Ferragamo, Altuzarra, Tom Ford und Proenza Schouler kreierten Stiefel, deren Schaft über die Knie reicht – während die Spitze wie bei Sandalen gestaltet war. So will man den Kunden wohl ermöglichen, auch im Sommer Stiefel zu tragen. Diese Innovation zeigt, dass die Mode, unabhängig von allen Umbrüchen, die sie widerspiegelt, ein uraltes Thema wieder aufnimmt: den Kampf der Geschlechter.

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Der Schaftstiefel als erotisch besetztes Symbol erinnert an die Unterwerfung der Männer. Ursprünglich war der Stiefel das militärische Symbol für Macht – und wurde so zum Erkennungszeichen der ersten Dominas. Zuerst trugen ihn im 19. Jahrhundert Londoner Prostituierte. Sie zielten damit auf jene besondere Art von Kundschaft, die Demütigung wünschte.

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Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick   |  © Peter Langer

Mit der aktuellen Stiefelform erfährt das Spiel mit Bedrohlichkeit und Bedürftigkeit eine Verfeinerung. Das Bein ist lederbewehrt, die Zehen sind schutzlos. So tritt nur eine Frau auf, die mächtig und verletzlich zugleich sein will – das ist zumindest die eine Erklärung. Karl Lagerfeld sagte, seine Peeptoe-Stiefel sähen aus, als spaziere man " barfuß in einer Hose". Manchmal sind die Dinge weniger kompliziert, als man denkt.

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Leserkommentare
  1. für diesen Artikel über ein Modethema, das mit schöner Regelmäßigkeit wiederkehrt, um dann wieder für einige Zeit in der Versenkung zu veschwinden.
    Sie verweisen mit Recht auf die hocherotische Wirkung, die überknielange Stiefel auf die Männerwelt ausüben; ich gehöre ebenfalls zu den Betroffenen.
    Im Bereich der Mode ist allerdings - wie ich nunmehr über Jahrzehnte festgestellt habe - immer wieder ein Auf und Ab festzustellen:
    Zeitgleich mit dem Minirock kamen im 20. Jahrhundert die ersten Überkniestiefel als Modestiefel auf, Mitte und Ende der 60er Jahre, um, als die Röcke wieder länger wurden, zu verschwinden.
    Vermehrt wurden sie wieder gegen Ende der 70er Jahre getragen, oft zu knielangen Röcken oder - mehr noch - zu Hosen.
    Danach verschwanden Overknees für fast ein Jahrzehnt von der Bildfläche.
    Der Film "Pretty Woman" 1990 brachte das Thema wieder ins Gespräch, allerdings vor allem im Zusammenhang mit Prostitution, so dass der typische Pretty Woman-Stiefel im alltäglichen Straßenbild eher nicht zu sehen war, wohl aber Verlours-Overknees mit flachen Absätzen, die die späten 80er und 90er dominierten.
    Zu Beginn der 2000er Jahre sind Overknees (zu meiner großen Freude) zum regelmäßig wiederkehrenden Modethema geworden, dank bekannter Desinger, wie - von Ihnen erwähnt - Christian Louboutin, außerdem Roberto Cavalli, Narciso Rodriguez, Givenchy und Fendi, Burberry Prorsum. Traditionsnamen als Produzenten sind Pleaser (USA), Jean Gaborit (Paris), Biondini (Italien).

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  2. Einen filmischen Höhepunkt erhielt das Modethema in "Der Teufel trägt Prada", in dem Anne Hathaway nach ihrer Wandlung vom - modisch betrachtet "Hässlichen Entlein" zum stilbewussten "fashion victim" - Chanel-Stiefel trägt, die ihr bis in den Schritt hoch reichen, kombiniert mit einem dezenten Kostüm und kurzen Rock, der das Stiefelende ausreichend bedeckt.
    Zahlreiche Stars (z.B. Kylie Minogue, Madonna, Rihanna) und Sternchen (u.a. die Kardashians) haben dazu beigetragen, dass Overknees in den letzten Jahren straßentauglich wurden. Um so mehr freu ich mich, dass sie für diesen Winter wieder angekündigt sind, auch wenn Peeptoes nicht gerade meinem persönlichen Geschmack entsprechen.

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  3. Peeptoe Overknees finde ich ähnlich widersprüchlich wie eine Hummer Stretchlimousine und auch geschmacklich sehe ich da parallelen.

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  4. Eigentlich gibt es ja kaum etwas, auf das ich bei Frauen mehr stehe als auf Stiefel. - aber Overknees sehen meiner Meinung nach einfach nur billig und grauenhaft aus.

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  • Serie Stilkolumne
  • Schlagworte Chanel | Album | Erotik | Innovation | Mode | Pelz
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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