Aufstand in der Türkei : Für Eylem!

Wie ich einen Anzug für meine Hochzeit kaufte und in eine Revolution geriet. Ein Istanbuler Tagebuch
Protestierende im Istanbuler Gezi-Park © Uriel Sinai/Getty Images

Freitag, 31. Mai, am Abend

In der Istiklal-Straße, in der Nähe des Taksim-Platzes in Istanbul, habe ich mir einen Anzug gekauft für eine Hochzeit, für meine eigene.

Ich laufe mit meinem Anzug in der Anzughülle unterm Arm durch den Gezi-Park, unweit des Taksim-Platzes, wo Menschen zusammengekommen sind, um gegen die Abholzung von Bäumen zu demonstrieren. Serkan, ein Schauspieler, erklärt mir, dass es der letzte Park Istanbuls sei und dass die Regierung hier ein gigantisches Einkaufszentrum plane, die sechsundachtzigste riesige Shoppingmall in Istanbul, diesmal in der Nachbildung einer osmanischen Kaserne.

Serkan telefoniert. Angeblich habe der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan getwittert, dass es ganz egal sei, ob Minderheiten und Anarchisten demonstrieren oder nicht, das Einkaufszentrum werde gebaut.

Es wird immer voller. Sie kommen aus dem Künstlerviertel Cihangir, aus Beşiktaş, einem der mittlerweile teuersten Viertel der Stadt; aus dem konservativen Fatih, aus Kadköy, von der anderen, der asiatischen Seite. Menschen mit roten Stirnbändern und Fahnen mit Mustafa Kemal Atatürk, dem ersten Präsidenten der türkischen Republik. Linke Aktivisten mit braunen St.-Pauli-Hemden, wie sie die Anhänger des Fußballclubs Beşiktaş Istanbul lieben. Frauen mit Kopftüchern, Frauen mit Babys. Kinder und Jugendliche, die auf den Rasenflächen Transparente bemalen und Zelte aufbauen. Unter einem Baum steht ein Mann und hält eine Rede vor Anhängern der Republikanischen Partei CHP, gleich daneben stehen die Kommunisten, hinter ihnen und den Bäumen ragen das Intercontinental-Hotel, das Hyatt und das Hilton hervor.

Serkan sagt, dass er schon drei seiner Exfreundinnen im Park gesehen habe. Und so eine Mischung in Istanbul noch nie: Studenten, Beamte, Hausfrauen, Dozenten, Geschäftsleute, Ärzte, Fußballvereine, Fischer, Rentner, Transsexuelle, Homosexuelle, zusammen mit Aleviten, Kemalisten, Sunniten und Kurden.

Ich frage Serkan, wie viele Exfreundinnen er denn gehabt habe und ob der Ministerpräsident noch damit recht haben könnte, dass das hier wirklich eine Minderheit sei? Plötzlich schreit die Menge auf. Eine berühmte türkische Serienschauspielerin mit Go-go-Boys bahnt sich ihren Weg durch den Gezi-Park, gefolgt von hysterischen Kameramännern. Ich versuche, aus dem Park zu kommen, manchmal verheddere ich mich mit meinem Bügel vom Hochzeitsanzug in den Demonstranten, entschuldige mich und laufe weiter.

Auf dem Taksim-Platz, dem größten Platz der Republik, sind bestimmt 100.000 Menschen. Ich höre, dass auch in anderen Städten, in Ankara, Antalya, Dersim oder Adana die Menschen auf die Straße gehen. Es geht nicht mehr nur um die Bäume im Gezi-Park. Aus Izmir, sagt jemand, seien Schiffe mit Demonstranten nach Istanbul unterwegs.

Zwei Stunden später

Die Polizei stürmt in den Gezi-Park, brennt die Zelte ab und setzt Tränengas-Granaten ein. Şirin Ünal, Politiker der konservativ-islamischen Regierungspartei AKP, twittert: "Es scheint, dass manche Menschen Gas brauchen."

Die Menschen rennen aus dem Park auf den Taksim-Platz. Dort steht die Polizei mit Wasserwerfern, sodass ich mir meinen Hochzeitsanzug vors Gesicht halte, die Hülle war schon im Gezi-Park aufgerissen.

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