Thomas Weber"Damit keiner Unfug treibt"

Daimler-Entwicklungschef Thomas Weber am Steuer der neuen S-Klasse über das Autofahren der Zukunft. Ein Interview in voller Fahrt von 

Sindelfingen im Mai 2013. Autonomes Fahren ist das neue große Thema in der PS-Industrie. Die Autos der Zukunft sollen praktisch ohne Fahrer auskommen, der muss dem Fahrzeug nur noch mitteilen, wohin es gehen soll. Aus Amerika werden wahre Wundertaten mit selbstfahrenden Versuchsautos berichtet. Das erste Serienauto aber, das bereits vieles kann, was autonomes Fahren ausmacht, kommt aus Deutschland: die neue S-Klasse mit "Intelligent Drive". Thomas Weber, Forschungs- und Entwicklungschef von Daimler und Mercedes-Benz, hat ihre Entwicklung vorangetrieben. Am Steuer der neuen S-Klasse soll er Antworten über die Zukunft des Autofahrens geben.

DIE ZEIT: Nach der Vision des autonomen Fahrens müssten wir jetzt nur noch einsteigen, das Fahrtziel eingeben, und das Auto erledigt den Rest, beschleunigt, bremst, stoppt und überholt ohne Ihr Zutun. Ist das Science-Fiction?

Thomas Weber: Technisch ist das alles schon machbar. Einiges davon funktioniert auch schon bei der neuen S-Klasse. Aber es gibt etwa bei juristischen Fragestellungen noch Klärungsbedarf. Deshalb wird es noch ein bisschen dauern, bis wir diese Vision als Ganze in einem Serienmodell sehen. Den Einstieg in das autonome Fahren können Sie aber heute in der S-Klasse etwa in einer Stop-and-go-Situation live erleben.

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Weber, 59 steigt in die silberfarbene S-Klasse, die ist an einigen Stellen durch schwarze Abklebungen getarnt. Der Manager freut sich sichtlich darauf, zu zeigen, was sein jüngstes Baby kann. Er drückt auf den Startknopf. Der Achtzylinder brummt.

ZEIT: Wenn wir jetzt mit der neuen S-Klasse im Stau landen, können Sie also den Fuß vom Pedal nehmen und Zeitung lesen, das Auto fährt allein?

Weber: Wir haben einen "Stop&Go-Piloten" entwickelt. Wenn der eingeschaltet ist, folgt das Auto dem Vordermann in der Stausituation vollautomatisch. Aber Zeitung lesen sollte man dabei trotzdem nicht. Darauf weisen wir ausdrücklich hin, und das Fahrzeug meldet sich auch, wenn Sie das Lenkrad zu lange loslassen. Sich völlig etwas anderem widmen kann auch nicht unser Ziel sein, weil es im realen Leben immer Ereignisse gibt, die den Menschen als Entscheider brauchen. Aber die Normalsituationen im Stau beherrscht die S-Klasse heute schon perfekt.

Weber rückt sich auf dem Fahrersitz der S-Klasse zurecht. Leder natürlich. Zwei große Displays, die vor dem Armaturenbrett zu schweben scheinen, zeigen die wichtigsten Informationen – man sieht erstaunlich wenige Knöpfe und Schalter im Hightech-Luxusauto von Daimler.

ZEIT: Die Autobranche ist elektrisiert vom autonomen Fahren. Der Internetkonzern Google lässt schon die ersten völlig automatisierten Autos in Amerika herumfahren. Ein Video zeigt, wie ein nahezu blinder Fahrer in einem mit Kameras und Laser bestückten Vehikel zum Restaurant fährt. Google-Manager prophezeien, dass solche Autos schon in fünf Jahren zu kaufen seien. Was meinen Sie?

Weber: Man braucht solche Visionen wie die des voll automatisierten Autos als Orientierung. Aber bis sich wirklich ein Blinder ans Steuer setzen kann, dürfte es noch sehr lange dauern.

Die Fahrt beginnt im Werk, ein weißer Mercedes fährt dem Testwagen voraus. Mit einem Knopfdruck stellt Weber ein, dass sich der Testwagen an dieses Leitauto anhängt, Er nimmt demonstrativ die Hand vom Lenkrad, den Fuß vom Gaspedal. Der weiße Mercedes passiert die Schranke am Werkstor, die S-Klasse fährt an. Plötzlich kommt die Schranke herunter. Weber tritt voll auf die Bremse.

ZEIT: Das war knapp!

Weber: Sie sehen, warum es nötig ist, dass wir dem Kunden nicht das Gefühl geben dürfen, dass alles automatisch geht. Es gibt so komplexe Verkehrssituationen, in denen der Fahrer einfach selber reagieren muss.

Die S-Klasse hängt sich wieder an den vorausfahrenden Mercedes. Weber drückt auf einen kleinen Hebel. Das Display zeigt an, dass er die Spurführung eingeschaltet hat. Auf einer scharfen Kurve zur Autobahnauffahrt folgt ein Piepsen. Der Computer fordert den Fahrer auf, wieder das Kommando zu übernehmen. Nur zehn Sekunden darf der Fahrer die Hände komplett vom Lenkrad nehmen – das schreibt das Gesetz vor.

ZEIT: Wieso treiben Sie eigentlich die Automatisierung so stark voran? Geht es um Komfort, geht es um Sicherheit, denken Sie an die ältere Bevölkerung, oder geht es nur darum, zu zeigen, dass man mehr kann als andere Autobauer?

Weber: Wir haben bei Mercedes drei große Ziele: die Vision vom emissionsfreien Fahren, die Vision vom unfallfreien Fahren, und die dritte Vision vom autonomen Fahren entwickelt sich aus diesem Streben nach Sicherheit und mehr Komfort, wenn es um das möglichst nervenschonende Fahren von A nach B geht.

Leserkommentare
  1. Ich setze mich rein, nehme den Kaffe, die Zeitung den Rechner und komme vollautomatisch zum Ziel.
    .
    Komisch das die Autoindustrie so lange braucht bis sie ihre PKWs dazu bringen kann.

    .
    Sikasuu
    .
    (1) das System nennt sich ÖPNV/Bahn/Bus/Taxi.... :-)

    3 Leserempfehlungen
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    Gerade Ihr Bahn-/Bus-/Taxifahrer würde sich wahrscheinlich über die Unterstützung durch autonome Fahrassistenzsysteme freuen.

    • RGFG
    • 13. Juni 2013 20:57 Uhr

    Kein Gedränge um mich rum. Kein Gequatsche, das ich ausblenden muss. Kein Schweiß- und Knoblauchgeruch, der sich nicht ausblenden lässt. Kein Gehuste und Geniese im Winter.

    Ich meine, es wird oft unterschätzt, wie viel einem dieser Komfort wert sein kann. Es müsste viel, sehr viel passieren, bevor ich regelmäßig die Öffentlichen Verkehrsmittel nutzen würde...

    ist immer noch das angenehmste Reisen. Im Zug bei einer Tasse Kaffee und etwas Gebäck (nicht Gepäck) im Speisewagen sogar richtig entspannend, um am Zielort ausgeruht anzukommen*. Ohne Chauffeur. Das geht natürlich nicht, wenn alleinerziehende Mütter, die sonst offenbar nie Zeit für ihr Kind haben, das Zugabteil ostentativ zum Kinder-Spielplatz machen oder zur dauernd besetzten Massentelefonzelle. Diese Terrormütter kennt ja heute jeder.

    Für die Art (Kunst) des Reisens braucht es kein Auto. Nur evtl. am Zielbahnhof eine Taxi. Das ist doch viel angenehmer, als selbst am Navi rumzufummeln (oder nach neuestem Schrei mit Kommandostimme anzufahren) und dann am Zielpunkt auch noch ein Parkplatz suchen zu müssen. Nein, Reisen kann auch ein Genuss sein, der Autofahren schon lange nicht mehr ist.

    *Und dabei noch die klugen Artikel der Zeit-Printausgabe lesen, die durchdacht und nicht nur auf Affekt getrimmt sind.

    Sie werden transportiert.

  2. In den USA gibt es in jemadem Bundesstaat, wenn man sich außerhalb der Ballungszentren bewegt 100te Meilen freier Strecke, da stellt man den Tempomaten ein und fährt solange wie das Benzin recht.

    Die Bevölkerungsdichte (ohne Alaska und Hawaii) in den USA beträgt 39,53 Menschen / km² vs. 116 Menschen / km² in der EU, wenn man die sehr dünnbesiedelten Länder wie Irland, Schweden und Finnland rausrechnen würde die Zahlen noch höher.

    Die USA sind für Westeuropa ein sehr schlechter Referenzraum.

    Eine Leserempfehlung
  3. Gerade Ihr Bahn-/Bus-/Taxifahrer würde sich wahrscheinlich über die Unterstützung durch autonome Fahrassistenzsysteme freuen.

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  4. nice to have ... aber absolut unnötig, um ein lebenlang unfallfrei durch die welt zu fahren ... sofern man ein guter fahrer ist und vor allem sein will.

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    Der Betroffene und der Verursacher..
    Egal wie vorsichtig sie fahren, Sie können ja noch nicht einmal ausschließen selbst Verursacher zu sein (z.B. durch platzender Reifen in einer Kurve auf der Autobahn).
    Und was andere mit Ihren Fahrzeugen treiben können Sie sowieso nicht beeinflussen.

    Folglich ist Ihre These schlicht falsch:
    "nice to have ... aber absolut unnötig, um ein lebenlang unfallfrei durch die welt zu fahren ... sofern man ein guter fahrer ist"

    • RGFG
    • 13. Juni 2013 20:57 Uhr

    Kein Gedränge um mich rum. Kein Gequatsche, das ich ausblenden muss. Kein Schweiß- und Knoblauchgeruch, der sich nicht ausblenden lässt. Kein Gehuste und Geniese im Winter.

    Ich meine, es wird oft unterschätzt, wie viel einem dieser Komfort wert sein kann. Es müsste viel, sehr viel passieren, bevor ich regelmäßig die Öffentlichen Verkehrsmittel nutzen würde...

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    Bis zum nächsten Stau fahren sie "nervenschonend". Ressourcen- und zukunftschonend fahren sie offensichtlich nie...

    Also in der Stadt fährt man mit dem Auto alles andere als nervenschonend, denn es gibt ständig Stau und rote Ampeln. Und man darf auch im ÖPNV Musik hören ;)

    Zwischen den Städten ist (1.Klasse) Bahn fahren entspannender als das Auto.

    Nur wer sich den fragwürdigen Luxus leistet auf dem Land zu wohnen und zu seinem Arbeitsplatz zu pendeln braucht ein Auto.

  5. bei durch Assistenzsysteme verursachten Unfällen?

    Szenario 1: Wegen eines Elektronikfehlers glaubt das Assistenzsystem einen Fußgänger auf der Fahrbahn zu erkennen, fährt ein Ausweichmanöver und kollidiert mit einem Auto auf der Nebenspur. Der Fahrer kann ja nichts dafür - das Auto ist von selbst ausgeschert!

    Szenario 2: Um Szenario 1 zu vermeiden, schaltet der Fahrer das Assistenzsystem aus und baut dann einen Unfall, den das System hätte verhindern können.
    Wird es ihm nun als Fahrlässigkeit erschwerend zur Last gelegt, daß er mitten in der Stadt mit ausgeschaltetem Assistenzsystem unterwegs war?

    Gibt es da schon Regelungen? Denn diese Fälle werden eintreten - die einzige Frage ist wie viele.

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    • coeval
    • 13. Juni 2013 22:47 Uhr

    Wer haftet denn heute? Jeder Fahrer bzw. jedes Auto muss eine Haftpflichtversicherung haben. Da wird sich nicht grundlegend etwas ändern. Nur dass viel weniger Unfälle passieren.
    In den tollen Szenarien in Kommentar #6 bleibt völlig unberücksichtigt, dass ein autonom fahrendes Auto nicht auf eine Spur ausweicht, wenn dort ein Auto fährt, denn es hat Radar, Infrarot, Ultraschall und Stereokameras. Und der Computer kann gleichzeitig nach vorne und hinten und zur Seite schauen, anders als der Mensch.
    Und die Reaktionszeiten deutlich kürzer als beim Mensch.

    wenn das Auto nämlich automatisch keine Chance hat auszuweichen, weil überall was ist, würde ein Mensch eine Bauchentscheidung fällen, wogegen er am besten fährt. Wann entsprechende Systeme im Auto soweit sein werden, in solch einem Fall die wirklich physikalisch und vor allem gesundheitlich beste für den Fahrer auszuwählen - das wird sicher noch Jahre dauern.

    und heute würde sich das Auto wahrscheinlich schlichtweg gar nicht entscheiden - der Fahrer müsste also zwangsweise eingreifen.

  6. ... so ein "Dreiseiter" wert?

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    ... ist übrigens streng artikelbezogen und sachlich, indem daß es sich um eine einfache, artikelbezogene Frage handelt.

  7. 8. #7 ...

    ... ist übrigens streng artikelbezogen und sachlich, indem daß es sich um eine einfache, artikelbezogene Frage handelt.

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