Wie bringt man ein Land trotz Wirtschaftsbooms und Vorurlaubsstimmung zum Volksaufstand? Recep Tayyip Erdoğan ist es gelungen. Der türkische Premier hat lange genug jeden wissen lassen, dass außer ihm alle anderen "Stümper" sind. Er allein legt fest, was der Türke braucht: Brücken, Kanäle, Shoppingmalls. Er sagt: "Ich setze die Tagesordnung und sonst keiner." Wenn ein Premier das nicht könne, prahlte Erdoğan vor einer Woche, solle er gehen.

Seit vorigem Wochenende wäre nun Zeit dafür. "Hier hast du die Tagesordnung!", steht an Istanbuler Hauswänden. Sie wird nun von den Demonstranten in Dutzenden Städten der Türkei bestimmt. Ein breiter Aufruhr hat das Land erfasst, zum ersten Mal seit den unruhigen siebziger Jahren. Er begann im Gezi-Park am Istanbuler Taksim-Platz, wo schon wieder eine Shoppingmall gebaut werden sollte. Jetzt gehen die Menschen von der Ägäis bis zum Schwarzen Meer auf die Straße und fordern Erdoğans Rücktritt. Der aber hat noch nicht begriffen, wie ihm geschieht. Es geht nicht um soziale Not oder das Versagen unfähiger Minister. Es geht um ihn. Dies ist ein Aufstand gegen die Hoffart und Großmannssucht eines Politikers, dem Glück und Erfolg den Kopf vernebelt haben. Das System Erdoğan wackelt. Was steht jetzt auf dem Spiel?

Der Premierminister hat verzweifelt versucht, die Protestierenden als Trinker oder Linksextremisten zu verunglimpfen, bezahlt von alten Eliten oder ausländischen Agenten. Seine Gefolgsleute ziehen Vergleiche zu 2007, als Generäle und andere Vertreter des Establishments Demonstrationen als Teil eines Putschversuchs anzettelten. Das ist heute ganz anders.

Jetzt demonstriert hier das Istanbuler Bürgertum, dort die Bürger von Ankara, Izmir, Hopa, Zonguldak und anderen Städten Anatoliens. Im Gezi-Park stehen Rechtsanwälte und Buchhalter. Sie verschenken Wasser, Saft und Sesamkringel an die jungen Demonstranten, die sich die Seele aus dem Leib schreien. Studenten und Schüler, Mütter und Väter, die ihre Kinder mitgebracht haben. Neben ihnen die "revolutionären Muslime", darunter viele Frauen mit Kopftuch.

Dazu kommen die Trittbrettfahrer. Schräge türkische Linksparteien, von denen man sonst nie hört, spät in der Nacht dann Plünderer und Brandstifter, die über die Fußgängerzone Istiklal ziehen. Und die traditionsreiche national-kemalistische CHP, Bollwerk der alten Eliten. Ein Anführer des Aufstands verglich die CHP treffend mit einem bauernschlauen Taxifahrer, der im Istanbuler Stau hinter dem Krankenwagen herfährt.

Erdoğan hat bisher immer von einer zersplitterten Opposition profitiert. Die fünfzig Prozent der Türken, die ihn nie gewählt haben, hatten keine hörbare Stimme im Land. Nun hat er es geschafft, sie im Protest zusammenzubringen, für einen folgenreichen Augenblick gegen ihn zu vereinigen. Der brutale Polizeieinsatz hat die Menschen weiter zusammengeschweißt. Die Sicherheitskräfte benutzen ihre Knüppel, Gewehre und Reizgas nicht, um Demonstranten auseinanderzutreiben, sondern um sie einzukesseln und anzugreifen. Die Metrostation am Taksim-Platz haben die Polizisten mit Gas vollgepumpt und dann die Eingänge geschlossen, damit es wirken kann. Bis Dienstagabend gab es im Land zwei Tote und viele Schwerverletzte, die um ihr Leben ringen.

In diesem Aufstand wachsen die Türken. Sie beweisen sich als mündige, selbstbewusste Bürger, die es satt haben, von Erdoğan täglich gesagt zu bekommen, wo und was sie trinken sollen, wo sie einkaufen, was sie essen, wann sie heiraten und wie viele Kinder sie haben sollen. Paternalistischer Rat ist eines der Merkmale von Erdoğans Herrschaft. "Papa, geh nach Hause!", steht auf einem Banner.