Tayyip Erdoğan ist kein Tyrann, der Wahlen fälscht oder gar nicht erst abhält. Er ist zum dritten Mal gewählt, zuletzt 2011. Den Protest gegen ihn kann man vielleicht am besten mit dem Schicksal des altersgreisen französischen Präsidenten Charles de Gaulle vergleichen, der in seinen späten Jahren durch die Revolte vom Mai 1968 in Bedrängnis geriet. De Gaulle hatte sein zentralistisches Land nahezu gottgleich regiert, die elektronischen Medien kontrolliert und am Ende viele Franzosen mit Überheblichkeit und Besserwisserei zur Weißglut getrieben. Auch de Gaulle war zuvor triumphal gewählt worden, und seine Partei gewann sogar nach der Mairevolte 1968 wieder die Parlamentswahlen.

Genauso würde es der Partei AKP von Tayyip Erdoğan derzeit auch gehen. Ein Mehrheitswechsel in der Türkei ist nicht in Sicht. Das Problem besteht an der Spitze. Erdoğan regiert die türkische Demokratie – aber nicht als Demokrat. Im hyperzentralistischen türkischen Staat bestimmt er über Haselnusspreise ebenso wie über Einkaufszentren. Er kümmert sich um den Friedensprozess mit den Kurden ebenso wie um die Verkehrsregelung am Taksim-Platz. Für Details hat er eine Menge übrig, auch deshalb, weil seiner Meinung nach keiner so viel davon versteht wie er selbst. Auch seine Politik kann niemand besser als er beurteilen.

Deshalb hat er die elektronischen Medien gleichgeschaltet und die Zeitungen nachhaltig eingeschüchtert. Der kritische Spiegel fehlt. Immer noch berichten zu viele Zeitungen recht harmlos über die Aufstände, einige Kanäle gar nicht. Journalisten und Oppositionelle sitzen im Gefängnis. Richter liefern Gefälligkeitsurteile. Seine AKP hat Erdoğan in den vergangenen zwei Jahren von unabhängigen Geistern gesäubert, in der Umgebung des Premiers gibt es keinen mehr, von dem er sich etwas sagen ließe. In so einem System entsteht politischer Autismus.

De Gaulle überlebte die Revolte als unpopulärer Präsident und blieb noch ein knappes Jahr im Amt. Erdoğan bekommt die Ablehnung auf elektronischem Wege geschickt: "Da gibt es so was wie Twitter", bemerkte er, "und das macht viel Ärger." Doch steht für ihn und die Türkei deutlich mehr auf dem Spiel als nur Ärger.

Denn Erdoğan hat viel erreicht, das sagen auch viele im Gezi-Park. Ein zehnjähriges Wirtschaftswachstum gehört ebenso zu seinen Verdiensten wie der Aufstieg einer anatolischen Mittelschicht, die unter ihm zu größerem Wohlstand gekommen ist. Hinzu kam zuletzt der Beginn eines Friedensprozesses mit den Kurden, der einen historischen Ausgleich hätte schaffen können.

Nun droht er alles umzureißen. Die Kurse an der türkischen Börse sind so tief gestürzt wie seit der Finanzkrise 2000 nicht mehr, einige Investoren haben für alle Fälle schon die Koffer gepackt, die türkische Lira ist gefallen. Die Oppositionszeitung Taraf schreibt, es gebe schon dreißig Prozent Absagen bei den Touristenbuchungen. Eine Einigung mit den Kurden rückt in die Ferne.

Deshalb müsste ein Premier, der sein Lebenswerk retten will, nun auf das Volk zugehen. Nicht alle Demonstranten wollen ihn stürzen. Er könnte die Polizei zurückpfeifen, das mittlerweile völlig unwichtige Bauprojekt am Taksim ganz fallen lassen, mehr Bürgerbeteiligung bei der Städteplanung ankündigen. Sein Vizepremier hat sich am Dienstag vorsichtig für den harten Polizeieinsatz entschuldigt. Er wollte sich auch mit den Demonstranten treffen. Erdoğan aber gibt bis auf Weiteres den Straßenkämpfer aus dem Werftenviertel, in dem er aufgewachsen ist. Als Präsident Abdullah Gül die Demonstranten mit dem Satz "Demokratie ist nicht nur am Wahltag" zu beruhigen suchte, widersprach ihm der Premier: "Volkes Wille drückt sich nur am Wahltag aus." Erdoğan spaltet das Land in "wir" und "ihr". Er gibt zu verstehen, dass er seine Anhänger auch auf die Straße bringen könnte.

Das ist eine furchtbare Drohung und wohl auch keine leere. Im Innenstadtbezirk Tophane, wo die Stimmung durch Gentrifizierung ohnehin aufgeraut ist, zeigten bärtige Männer den vorbeiziehenden Demonstranten am Wochenende schon mal ihre Messer. In den Teestuben dort mag niemand die Protestierenden. "Im Gezi-Park weinen sie um die Bäume", sagt ein Mann, der nicht genannt werden möchte, bei einem Glas Tee. "Als sie für die Eliteuniversitäten und Wohnanlagen am Schwarzen Meer ganze Wälder abholzten, haben sie nichts gesagt, diese Kinder aus gutem Hause."

Will Erdoğan wirklich diesen Kulturkampf lostreten? Die Türkei an den Abgrund führen? Zunächst einmal hat er sich zum Nachdenken zurückgezogen und sagt zu aller Erleichterung – nichts. Am Montag ist er zu einer viertägigen Reise nach Marokko, Algerien und Tunesien aufgebrochen. Sie dient unter anderem dazu, die Türkei als politisches Modell für die arabischen Länder vorzustellen.

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