Die Kunst kann von sich selber nicht genug bekommen. Immer noch mehr Museen und Messen müssen her, immer größer werden die Formate, immer steiler die Preise. Und wenn jetzt in Venedig die Biennale ruft, wenn sich die halbe Stadt in eine Ausstellung verwandelt und vor den nationalen Pavillons die Warteschlangen länger und länger werden, als gebe es kein größeres Glück, als erst ein paar Hundert Installationen, dann ein paar Tausend Fotos und schließlich die unendlich vielen Videofilme zu besichtigen, wenn also der Rausch des Mehr und immer Mehr kein Ende findet, dann scheint es der Kunst so gut zu gehen wie nie. Und doch droht sie am eigenen Erfolg zu ersticken.

Viele Besucher leiden, weil sie sich am Ende des Tages furchtbar leer gesehen fühlen. Und die Künstler leiden, weil sie gewaltigen Aufwand treiben müssen, um noch durchzudringen. Sie werden laut, sie werden brachial, sie bohren tiefe Löcher in die Pavillons (Israel), durchbrechen Wände und mauern Eingänge zu (Dänemark), sie lassen Baumstämme von der Decke baumeln (Lettland), manche schütten hohe Halden aus Bauschutt auf (Spanien), andere konstruieren irrwitzige Maschinen, die kaum jemals mehr als nur eine dünne Pointe und halb gare Metaphern produzieren (Russland). Manche behelfen sich mit wohlklingendem Pathos (Frankreich), andere mit gediegener Rechtschaffenheit (Deutschland). Fast immer aber scheint die Kunst in diesen Pavillons seltsam eingezwängt. Sie muss, was sie niemals wollte: dem eigenen Erfolg genügen.

Es gibt aber Schlupflöcher in dieser Falle, und Massimiliano Gioni hat eines aufgetan, ein ziemlich großes sogar. Als Leiter der Biennale darf er die große Hauptausstellung bestreiten und macht das auf höchst ungewohnte Weise. Er verzichtet auf fast alle großen Künstlernamen, verzichtet auf vieles Junge und Neue, verzichtet auch auf große politische Botschaften und also auf alles, was eine Biennale üblicherweise aufzubieten hat. Gioni scheint der Gegenwart zu misstrauen. Er hält es nicht mehr aus mit dem Marktgetöse, dem Ausstellungsrummel. Er will, dass die Kunst wesentlich wird.

Seine Biennale möchte die Moden und Stile überwinden, sie sucht nach universellen Werten, verschütteten Kräften, nach dem, was die Kunst überzeitlich macht. Und weil es sich Gioni nicht zu einfach machen will, verfolgt er gleich zwei Stränge auf einmal: den der Vernunft in den langen Hallen des Arsenale, wo er die ordnungsstiftende Macht der Bilder befragt. Und den der Nichtvernunft im labyrinthischen Hauptpavillon, wo die Imagination ihre irrlichternde Energie entfaltet. Seine Biennale ist ein Enzyklopädischer Palast, so heißt auch ihr Titel. Vor allem aber ist sie eine Kathedrale der Fantasten. Sie vereint, was sonst auf Distanz bleibt: das Aufgeklärte und das Verrückte. Denn das eine, so Gionis Verdacht, steckt immer im anderen.

Gleich zu Beginn erzählt er von dem Traum eines italienischen Auswanderers, eigentlich ein Tischler, der aber in seiner neuen Heimat Pennsylvania einen welt- und geschichtsumgreifenden Plan ersinnt: alles, was je gewusst und erfunden wurde, vom Faustkeil bis zur Mondrakete, in einem einzigen Museum zu versammeln. Marino Auriti baut in seiner Garage ein Architekturmodell, das jetzt, nach über fünfzig Jahren in der Versenkung, endlich triumphieren darf: der Form nach eine gigantische Hochzeitstorte, dem Anspruch nach ein Weltwunder, vor allem aber ein babelhaftes Zeichen der Vergeblichkeit. Denn rasch war der Traum begraben, Auriti vergessen – nur die Hoffnung, der Mensch könne doch noch irgendwann die Übersicht gewinnen, könne mit seiner Systematik die Welt durchdringen, diese irrational-rationale Hoffnung blieb.