Pro & ContraSoll der Westen Waffen nach Syrien liefern?

Ein Pro & Contra von Jan Roß und Theo Sommer von Jan Roß und Theo Sommer

Syrische Rebellen nahe der Stadt Aleppo, Januar 2013

Syrische Rebellen nahe der Stadt Aleppo, Januar 2013  |  © Edouard Elias/AFP/Getty Images

Ja, sagt Jan Roß

Waffen liefern, modernes Tötungs- und Zerstörungsgerät, mitten hinein in einen Bürgerkrieg, der schon Zehntausende Opfer gefordert hat? In ein zerfallendes Land, in eine der gefährlichsten Gegenden der Welt, die sich in einem unberechenbaren historischen Umbruch befindet? Man versteht jeden, der vor diesem Gedanken zurückschreckt.

Und dennoch: Es wäre richtig, die syrische Opposition von Europa und den Vereinigten Staaten aus militärisch aufzurüsten. Die Frage der Bewaffnung kann in dieser Auseinandersetzung über Sieg oder Niederlage entscheiden. Den Rebellen fehlt es nicht an Kämpfern und nicht an Motivation; für beides sorgt der Hass, den Baschar al-Assad gesät hat, überreichlich. Was die Aufständischen brauchen, sind Munition – und Waffen, die gegen die Panzer und Kampfflugzeuge der syrischen Armee eingesetzt werden können. Hier liegt die Überlegenheit der Regimetruppen, die von Russland unbeirrt und sogar mit wachsender Intensität militärisch ausgestattet werden. Diese Überlegenheit zu brechen wäre viel wert.

Anzeige

Der Krieg steht an einem gefährlichen Wendepunkt. Es war immer eine Illusion, zu glauben, Assads Herrschaft werde irgendwie von selbst zusammenbrechen. Inzwischen ist diese Illusion zerstoben. Der Diktator erhält nicht nur Waffenhilfe (aus Russland), sondern sogar direkte militärische Unterstützung (aus dem Iran und von der Hisbollah-Miliz) – ein Grad an Bündnissolidarität, von dem seine Gegner nicht einmal träumen können. Sollte Assad sich aber halten, und sei es nur in einem Rumpfterritorium, würde Syrien unabsehbar in einer blutigen Wiederholungsschleife festhängen, nie Gelegenheit zu einem Neuanfang bekommen. Ganz abgesehen davon, dass man die Autorität westlicher Nahostpolitik auf Jahre hinaus vergessen könnte, wenn ein Mann politisch überlebt, von dem der amerikanische und der französische Präsident, der britische Premierminister und sogar die deutsche Bundeskanzlerin lautstark erklärt haben, er müsse verschwinden.

Gegner von Waffenlieferungen weisen auf die Rolle militanter Islamisten in der syrischen Opposition hin. Wen wird man da am Ende aufgerüstet haben? Doch dieses Argument hat einen gravierenden Fehler. Bisher ist es ja im Gegenteil gerade die Nichteinmischungspolitik des Westens, die der Islamisierung unter den Rebellen Vorschub leistet: Wer von Europäern und Amerikanern nichts zu erwarten hat, der orientiert sich eben anderswohin – oder wird schlicht demoralisiert. Es ist die Enttäuschung über den Westen, das Gefühl, von dort im Stich gelassen zu sein, die auch Assads Gegner immer weiter in Verzweiflung und Brutalisierung abdriften lässt.

Klug gehandhabte Waffenlieferungen könnten dem entgegenwirken. Man "liefert" schließlich nicht einfach los; man schickt Geheimdienstleute, die das Terrain sondieren, die mögliche Partner begutachten, Kontakte und halbwegs stabile Loyalitäten aufzubauen versuchen; man schickt für kompliziertere Waffensysteme vielleicht auch Berater, die wiederum nicht einfach die Handhabung von Geräten erklären, sondern selbst einen politischen Faktor darstellen, ein Bindeglied zwischen den Rebellen und ihren Unterstützern. Das Etikett "Waffenlieferungen" ist nur die Kurzformel für ein strategisches Engagement, das viel weniger blind und primitiv sein kann, als das Schlagwort nahelegt. Mit der Hilfe gehen Verpflichtungen einher, aber auch Einfluss. Es verbessern sich nicht nur die Siegeschancen der Assad-Gegner, sondern zugleich die Einwirkungsmöglichkeiten darauf, wer da eigentlich siegen würde.

Viele, im weitgehend pazifistischen Deutschland wahrscheinlich besonders viele, stehen unter dem Eindruck, dass Waffenlieferungen gewissermaßen "mehr Krieg" bedeuten würden, und der Verzicht darauf "weniger". Doch das stimmt leider nicht. Die ungleiche Bewaffnung in Syrien führt nicht zu weniger Krieg, sondern zu mehr Abschlachtung. Der Krieg ist da, man kann ihn nicht wegwünschen. Es kommt jetzt auf seinen Ausgang an. Und das heißt: Baschar al-Assad muss ihn verlieren.


Leserkommentare
  1. 1. Die Assad Fraktion ist nicht militärisch dominant, wegen der Russen. Deren gelieferte Waffensysteme sind noch garnicht einsatzfähig und haben auch keine Relevanz im Bürgerkrieg. Zumindest solange die Milizen keine Luftwaffe haben. Auch die Hisbollah ist keineswegs so stark involviert, wie hier gerne behauptet wird. Sie agiert lediglich im Grenzgebiet zum Libanon und dies, weil die schiitische Bevölkerung sie gebeten hat zu helfen, nachdem mehrere Dörfer geplündert und die "Ungläubigen" vertrieben worden sind.

    2. Die Unterstützung der Anti-Assad Milizen ist ungleich größer. Seit nunmehr über 2 Jahren schippern die Golfstaaten Unmengen an Waffen und Petrodollars nach Syrien. Ihre Hassprediger rufen von SA oder Katar zum Kampf gegen Assad und alle Schiiten auf. Dieser Nachschub wird bezahlt, bewaffnet und trainiert in der Türkei.

    3. Der wahre Grund, warum Assad noch da ist, ist folgender:
    Er hat vielmehr Rückhalt als man uns weismachen will. Und seine Unterstützer werden dank der Radikalität der Milizen jeden Tag mehr. Weil er für viele eben doch das kleinere Übel ist. Außerdem haben sich seine Administration und das Militär als viel loyaler erwiesen als erwartet.

    Fazit: Ein weiteres von radikalsunnitischen Gangs kontrolliertes Rattennest wie Libyen? Nein danke!

    47 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Der wahre Grund, warum Assad noch da ist, ist folgender:
    Er hat vielmehr Rückhalt als man uns weismachen will. Und seine Unterstützer werden dank der Radikalität der Milizen jeden Tag mehr. Weil er für viele eben doch das kleinere Übel ist. Außerdem haben sich seine Administration und das Militär als viel loyaler erwiesen als erwartet."
    ...Rückhalt: Hat er freilich genug: Russen, Chinesen, iranische Revolutionsgarden, Hisbolah Islamisten. Nicht zu vergessen die Shabiba Milizen, ehemalige Drogendealer und Menschenhändler, die von Assad jetzt dafür bezahlt werden, das eigene Volk zu terrorisieren...Da kann ja wirklich nichts schief gehen für ihn.

  2. "Bisher ist es ja im Gegenteil gerade die Nichteinmischungspolitik des Westens, die der Islamisierung unter den Rebellen Vorschub leistet"

    ja da haben sie recht die Nichteinmischung des Westens, in die Ansichtsweisen und das Hochrüsten mit anschließendem fallen lassen, seiner Protegés al Quaida und den Taliban, in den 90er Jahren, haben die radikal Islamischen Strömungen erst gefördert.
    Die nun unter dem Nahmen al nursa einen Großteil der Streitkräfte der FSA ausmachen und immer wider durch Videos von sich selbst bei YT, wie sie Leuten das Herz raus schneiden oder andersgläubige köpfen auffallen.

    Jetzt brauchen wir selbige wider den BASCHAR AL-ASSAD MUSS WEG !!!
    um den Erzfeind Iran zu schwächen, egal wie viel Menschenleben es kostet. Egal ob man ob man die Terror Organisation, für dessen Vernichtung man schon 2 Länder, in Grund und Boden gebombt hat, nun aufs neue hochrüstet.
    Egal welches Menschenverachtende System die Rebellen im Anschluss an den Krieg, in Syrien errichten wollen, BASCHAR AL-ASSAD MUSS WEG !!!

    Wenn schon Bellizismus dann richtig, warum nicht ne Atombombe an die Rebellen liefen um sie dann in Damaskus zu zünden, das würde Assad auf einen schlag beseitigen oder kann man das dem weitgehend pazifistischen Deutschland nicht als Responsibility to protect verkaufen ?

    11 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Nemrud
    • 08. Juni 2013 12:18 Uhr

    Der Westen hat von Anfang an die Rebellen in Afghanistan versorgt die Mudschaheddin und das ergebnis ist klar es kamen die taliban und 9-11

    Der Westen beliefert schon von Anfang an die Rebellen mit Waffen

    Saudi Arabien bezahlt - der CIA Organisiert die Waffen teilweise in Kroatien und sorgt für den Transport und deren Verbreitung es ist ein Märchen das wegen der nicht Unterstützung die Rebellen radikalisieren

    nein der Bewaffnete Kampf wurde von Anfang an von Islammisten getragen - Demokraten riskieren nicht mit der Waffe in der Hand ihr leben das sind Gotteskrieger

    • Nemrud
    • 08. Juni 2013 12:18 Uhr

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/ls

    • zfat99
    • 07. Juni 2013 18:32 Uhr

    Klar, irgend jemanden werden sie schon damit töten können.

    via ZEIT ONLINE plus App

    11 Leserempfehlungen
  3. Denn er ist das legitime Staatsoberhaupt Syriens und niemand von außerhalb hat das Recht, ihn einfach wegzubomben oder das Land bewusst zu destabilisieren, um einen Regierungswechsel herbeizuführen. Es ist ein Verstoß gegen das Völkerrecht, was der Westen da macht.

    29 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wurde der gute Mann in ordentlichen, freien und geheimen Wahlen gewählt? Sind die Menschen in Syrien auf ihren Diktator fixiert, dass sie gar nicht mehr ohne können? Gibt es nichts schöneres als ein Land, das fest im Griff einer Familie ist?
    Werden Sie erwachsen.

  4. Ein weiteres Problem, was nie angesprochen wird: Die Islamisten (die den Ton angeben bei den Kämpfen gegen Assad) sind anti-westlich. Sie sind gegen eine Einmischung des Westens und werden JEDEN, der Waffen vom Westen erhält, bekämpfen. D.h. das fragile Bündnis zwischen der sogenannten FSA (die eigentlich garnicht existriert als zusammenhängende Vereinigung) und den Islamisten würde brechen und man hätte drei Kriegsparteien.

    Der Syrienkonflikt ist in erster Linie ein Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten. In zweiter Linie einer zwischen den Golfstaaten und dem Iran.

    Es ist ein Unding, sich hier in einen Religionskrieg einzumischen, der im Zweifelsfall zum großflächigen Völkermord führt. Selbst wenn Syrien geteilt wird in sunnitisch, alewitisch und kurdisch...glaubt einer die Kämpfe hören dann auf? Nein, der Stellvertreterkrieg wird weitergehen.

    Von Seite des Westens muss vorallem eine Erkenntnis fallen: Der Iran ist eine Macht in Nahost und man muss sich mit ihm arrangieren. Alles andere bedeutet Full-Scale-War, hundertausende wenn nicht millionen Tote und zigmilliarden verbranntes Geld.

    21 Leserempfehlungen
  5. "Ganz abgesehen davon, dass man die Autorität westlicher Nahostpolitik auf Jahre hinaus vergessen könnte, wenn ein Mann politisch überlebt, von dem der amerikanische und der französische Präsident, der britische Premierminister und sogar die deutsche Bundeskanzlerin lautstark erklärt haben, er müsse verschwinden."

    Ich weiß ehrlich gesagt überhaupt nicht, wie ich dieses verquere Verständnis von Autorität kommentieren soll. Hätte Herr Roß vor zehn Jahren die Bombardierung Irans empfohlen, damit George Dabbelju Bush seine Glaubwürdigkeit nicht verliert?

    Und von einer "Autorität westlicher Nahostpolitik" kann man nur schreiben, wenn man wissentlich ausblendet, dass Saddam Hussein, Muammar al-Gaddafi und Baschar al-Assad jahrelang vom Westen hofiert wurden; noch 2008 wollte Sarkozy Syrien ein Atomkraftwerk und Kampfflugzeuge andrehen. Die Anbiederung an totalitäre Systeme wie Katar und Saudi-Arabien zu unterschlagen, ist aber schon Zeichen einer ausgeprägten Demenz.

    Was auch der Grund ist, warum ich es unterlassen werde, Herrn Roß wegen Verstoß gegen den "§ 80a - Aufstacheln zum Angriffskrieg" zu belangen. Denn mit der Forderung nach Waffenlieferungen UND dem entsprechenden Personal kommt er dem schon sehr nahe...

    37 Leserempfehlungen
    • Lyaran
    • 07. Juni 2013 18:42 Uhr

    "Ganz abgesehen davon, dass man die Autorität westlicher Nahostpolitik auf Jahre hinaus vergessen könnte, wenn ein Mann politisch überlebt, von dem der amerikanische und der französische Präsident, der britische Premierminister und sogar die deutsche Bundeskanzlerin lautstark erklärt haben, er müsse verschwinden."

    Das ist wohl das größte Problem. Der Fehler war sich von vorneherein darauf festzulegen dass Assad weg muss statt mit Diplomatie und wirtschaftlichen Mitteln einen Wandel einzuleiten. Aber Krieg führt halt (vermeindlich) schneller zum Ziel. Das am Leid der Bevölkerung kein Interesse besteht sieht man an der Wahl der Mittel.

    17 Leserempfehlungen
  6. 8. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf pietätlose Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/ls

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service