Sind A und B identisch, handelt es sich um eine Rundstrecke. Die Runde um die Hamburger Außenalster ist die beliebteste Laufstrecke Deutschlands. An schönen Tagen spulen 10.000 die 7,33 Kilometer ab. Und Michael Brügmann, einem Informatiker, fiel auf, dass manche Hamburger aus Rundenzeiten Teile ihrer Identität ableiten. Beliebte Small-Talk-Frage: Wie lange brauchst du um die Alster?

Die Behörden erlaubten Brügmann, sechs Messstationen aufzubauen. Wer sich einen Chip an den Schuh bindet, kann auf alsterrunning.de nachschauen, in welchem Tempo er den Teich umrundet hat. Die Schnellsten finden sich in den Top Ten des Tages. Ich knüpfe das Plättchen mit den Schnürsenkeln fest, um herauszufinden, was ein Chip aus einem Menschen machen kann.

Brügmann kommt mit. Normalerweise laufe ich linksrum. Wir laufen rechtsrum, und Brügmann erzählt, dass ihm bereits 1200 Läufer einen Chip abgekauft hätten. Ab 2000 lohne sich seine Investition. Im Laufalltag trage ich weder Puls- noch Distanzmesser, weder Uhr noch Tacho. Instinktiv begehe ich den Sport, Gefühle beschleunigen oder verlangsamen meine Bewegungen. Ab sofort läuft die Zeit. Am Nachmittag renne ich zum Computer und finde (Username "Tell") meine Leistung dokumentiert auf der Website. Das schnellste Teilstück legten wir mit 12,0 km/h zurück. Aber mit 38:12 Minuten Gesamtzeit sind wir weit entfernt von den Top Ten. Ich laufe eine zweite Runde, ohne Bremsklotz Brügmann. Linksrum, wie gewohnt. Nach einem Kilometer: Seitenstechen. Der Chip hat mich gehetzt, mein Körper mag das nicht. Der Kopf mag noch andere Dinge nicht: trottelige Grüppchen, den direkten Weg blockierend. In der Nachbetrachtung stellt der Menschenfeind in mir fest, dass ich Vierter in der Tageswertung bin, aber Zeit liegen gelassen habe, weil ich Dicke umkurven musste und zweimal einen Hund an langer Leine.

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Ich stürme zu meiner dritten Chiprunde. Jetzt bloß niemanden treffen, der einen Schwatz verlangt, knurrt der Misanthrop in mir. Dann der GAU: Schnürsenkel offen. Mindestens zehn Sekunden gehen verloren. Trotzdem schaffe ich 34:07 Minuten. Erneut in den Top Ten. Durchschnittstempo 12,9 km/h. Ich überschlage mein Potenzial. Nächstes Mal doppelte Knoten in die Schnürsenkel. Besser frühmorgens laufen, ohne Dicke und Gegenverkehr. Irgendwann könnt ihr mich sehen, ganz oben. Wetten?

Technische Daten:

Der Laufchip von alsterrunning.de kostet 28 Euro. Es spielt keine Rolle, an welcher Stelle man losläuft. Sechs Messstationen erfassen die Abschnittszeiten, woraus der Computer die Gesamtzeit berechnet. Der Chip wird über Induktionsschleifen im Boden mit Energie versorgt

Urs Willmann ist Redakteur im Ressort Wissen der ZEIT