alsterrunning.de : Von A nach B

Urs Willmann läuft mit einem Funkchip von alsterrunning.de um die Alster
Ein Jogger an der Alster © Evelyn Steinweg/Getty Images

Sind A und B identisch, handelt es sich um eine Rundstrecke. Die Runde um die Hamburger Außenalster ist die beliebteste Laufstrecke Deutschlands. An schönen Tagen spulen 10.000 die 7,33 Kilometer ab. Und Michael Brügmann, einem Informatiker, fiel auf, dass manche Hamburger aus Rundenzeiten Teile ihrer Identität ableiten. Beliebte Small-Talk-Frage: Wie lange brauchst du um die Alster?

Die Behörden erlaubten Brügmann, sechs Messstationen aufzubauen. Wer sich einen Chip an den Schuh bindet, kann auf alsterrunning.de nachschauen, in welchem Tempo er den Teich umrundet hat. Die Schnellsten finden sich in den Top Ten des Tages. Ich knüpfe das Plättchen mit den Schnürsenkeln fest, um herauszufinden, was ein Chip aus einem Menschen machen kann.

Brügmann kommt mit. Normalerweise laufe ich linksrum. Wir laufen rechtsrum, und Brügmann erzählt, dass ihm bereits 1200 Läufer einen Chip abgekauft hätten. Ab 2000 lohne sich seine Investition. Im Laufalltag trage ich weder Puls- noch Distanzmesser, weder Uhr noch Tacho. Instinktiv begehe ich den Sport, Gefühle beschleunigen oder verlangsamen meine Bewegungen. Ab sofort läuft die Zeit. Am Nachmittag renne ich zum Computer und finde (Username "Tell") meine Leistung dokumentiert auf der Website. Das schnellste Teilstück legten wir mit 12,0 km/h zurück. Aber mit 38:12 Minuten Gesamtzeit sind wir weit entfernt von den Top Ten. Ich laufe eine zweite Runde, ohne Bremsklotz Brügmann. Linksrum, wie gewohnt. Nach einem Kilometer: Seitenstechen. Der Chip hat mich gehetzt, mein Körper mag das nicht. Der Kopf mag noch andere Dinge nicht: trottelige Grüppchen, den direkten Weg blockierend. In der Nachbetrachtung stellt der Menschenfeind in mir fest, dass ich Vierter in der Tageswertung bin, aber Zeit liegen gelassen habe, weil ich Dicke umkurven musste und zweimal einen Hund an langer Leine.

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Ich stürme zu meiner dritten Chiprunde. Jetzt bloß niemanden treffen, der einen Schwatz verlangt, knurrt der Misanthrop in mir. Dann der GAU: Schnürsenkel offen. Mindestens zehn Sekunden gehen verloren. Trotzdem schaffe ich 34:07 Minuten. Erneut in den Top Ten. Durchschnittstempo 12,9 km/h. Ich überschlage mein Potenzial. Nächstes Mal doppelte Knoten in die Schnürsenkel. Besser frühmorgens laufen, ohne Dicke und Gegenverkehr. Irgendwann könnt ihr mich sehen, ganz oben. Wetten?

Technische Daten:

Der Laufchip von alsterrunning.de kostet 28 Euro. Es spielt keine Rolle, an welcher Stelle man losläuft. Sechs Messstationen erfassen die Abschnittszeiten, woraus der Computer die Gesamtzeit berechnet. Der Chip wird über Induktionsschleifen im Boden mit Energie versorgt

Urs Willmann ist Redakteur im Ressort Wissen der ZEIT

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Passt zur Gesellschaft...

...die sich so gerne über Leistung definiert. Leider sind laut Untersuchungen der Sportuni Köln sowieso schon mehr als 90% aller Freizietjogger zu schnell unterwegs! Das heißt, sie laufen im anaeroben Bereich, in dem sie weder viel für ihre Fitness tun noch nennenswerte Fettverbrennung stattfindet. Die wenigsten kennen ihre anaerobe Schwelle, um ihr individuelles Training optimal zu gestalten. Die Jagd nach Rekorden bei Freizeitsportlern wird sich überwiegend negativ auswirken, passt allerdings hervorragend zu unserer Leistungsgesellschaft, die auch selten Rücksicht nimmt...

Infamität, infamia...

...liefert immer die schlechtesten Argumente! Was Sie etwas polternd ausdrücken wollten ist der Unterschied zwischen absoluter und relativer Fettverbrennung. Natürlich ist bei schnellerem Tempo der absolute Anteil höher, auch wenn relativ prozentual weniger Fett verbrannt wird. Dieser Fehler wird in der Tat gerne gemacht nach dem Motto: ich laufe langsam und verbrenne mehr Fett. Der entscheidende Punkt ist aber, dass das immer nur für aerobe, sprich sauerstoffverbrauchende Trainingsbereiche gilt, denn zur Fettverbrennung wird viel Sauerstoff benötigt. Stichwort: Beta-Oxidation der Fettsäuren...
In dem Moment, wo der Läufer lange in Bereichen läuft, wo seine Muskeln auf Lactat-Gärung umschalten müssen, wird kein Fett mehr verbrannt und durch den Lactat-Überschuss auch keine Leistungssteigerung mehr erreicht. Die wenigsten Läufer haben allerdings ihre individuelle Lactat-Schwelle bestimmen lassen, von wo aus sie ihre Grundlagenausdauer langsam aufbauen und die Schwelle nach oben verschieben. Erst dann machen nämlich kurzfristige Sprints, etc. Sinn.
So laufen sie dann durch die Wälder - mit Lactatwerten jenseits von gut und böse (Sportuni Köln, nachlesen) - und wundern sich, dass sie kein Gewicht verlieren und auch nicht nennenswert fitter werden.
Also, am besten ist es, eine sportphysiologische Leistungsdiagnostik durchzuführen, wenn man es wirklich ernst meint.
Plumpes "viel hilft viel" bringt auf keinen Fall weiter...

Keine Ahnung, aber wäre vom Prinzip gar nicht schwer ...

... eine Person beginnt genau dann zu joggen, wenn sie entweder über 6 km/h (irgendeine Konstante) dauerhaft läuft oder wenn vorher bereits im gehen erfasst, dann halt wenn eine bestimmte Schwelle (z.B. 20%) vom Aufzeichnungsdurchschnitt dauerhaft (also eine bestimmte Zeitspanne) überschritten ist. Man kann sich die Zeitspanne auch merken, so dass man im Nachhinein weiß, wann eigentlich START war.

Wie man das mit dem ENDE machen will, ist je nachdem....entweder gnadenlos, wenn ENDE erreicht ist oder wenn Person in einer (ich nenne es mal) erkannten "Laufsitzung" nicht dauerhaft um (sagen wir 20%) die durschnittlich-erkannte Jogginggeschwindigkeit unterschritten hat und ENDE erreicht hat.

Bin mir recht sicher, dass die das nicht so flexibel gelöst haben.

Die Sache mit dem Chip im Schuh: Könnte auch einfach RFID sein. Mit entsprechendem Verstärker (Lese-Seite) kann man problemlos 10m abhorchen oder vllt. sogar mehr. Sobald 1. Schranke passiert, merkt sich die Schranke, welche ID zu einem bestimmten Zeitpunkt t1 da war und wenn die gleiche ID von der selben Schranke zum Zeitpunkt t2, wobei t2 > t1 ist, wieder gelesen wurde, war das eine Runde (natürlich wird geprüft, ob die anderen Schranken die identische ID auch gelesen hatten). Wahrscheinlich wird, wenn t2 - t1 > T_max ist, die Aufzeichnung verworfen - und T_max kann man sich ausdenken ... z.B. 6h. ;)

Die beliebteste Laufstrecke Deutschlands?

Vielleicht im Sinne der Läuferfrequenz, aber bestimmt nicht im Sinne von "Liebe". Wenn es trocken ist, ist der Weg staubig, sonst matschig mit grossen Pfützen und er wird nicht von Schnee und Eis geräumt. Ein Teil der Strecke verläuft entlang mehrspurigen Verkehrs/Staus und bei sog. gutem Wetter ist die Strecke von Spaziergängern überlaufen. 90 Grad kurven und ein Fussgängergatter komplettieren die Schrecklichkeit der Strecke.
Ich nutze die Strecke auch, aber nur weil sie vor meiner Haustür liegt. Total unverständlich, dass Leute extra für diese Runde zur Alster fahren.