Autonome SchiffeKäpt’n von Bord

Ein europäisches Forschungsprojekt will große Schiffe ohne Besatzung über den Atlantik fahren lassen. von 

Schiffahrt Training Containerschiff

Ein Kapitän auf der Brücke eines Schiffssimulators in Florida  |  © Joe Raedle/Getty Images

Backbord ist ein Containerschiff am Horizont aufgetaucht, fährt es auf Kollisionskurs? Hans-Christoph Burmeister konsultiert die elektronische Seekarte auf dem Monitor vor ihm, aus dem Lautsprecher daneben quäkt Funksprechverkehr.

Die Anzeigen, Hebel und Instrumente sehen aus wie auf einer echten Brücke, doch sie stehen auf einem Resopaltisch an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Es ist ein Schiffssimulator, der weite Blick übers Meer wird auf drei Flachbildschirmen dargestellt.

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Und Burmeister ist kein Kapitän, sondern Wirtschaftsingenieur am Fraunhofer-Zentrum für maritime Logistik und Koordinator des europäischen Forschungsprojektes Munin. Die englische Abkürzung steht für "unbemannte Meeresnavigation durch intelligente Netzwerke".

Bis 2015 soll Munin ein ausgefeiltes Konzept dafür erarbeiten, wie der Schiffsverkehr auch ohne Besatzung quer über den Atlantik möglich wäre. Technisch geht es dabei um eine Kombination aus Fern- und Selbststeuerung. Das autonome Schiff soll mit Radar, Kameras und Dutzenden Sensoren Informationen über Temperatur, Wind und Wellengang, über Schiffe und Boote in der Umgebung sammeln und zusammen mit dem lokalen Funksprechverkehr per Satellit an einen Kontrollraum an Land übertragen. "Dort sitzt ein erfahrener Nautiker und betreut gleichzeitig bis zu acht Schiffe", erläutert Burmeister.

Im Normalfall wäre das ein ruhiger Job. Denn das unbemannte Schiff errechnet seinen idealen Kurs selbstständig aus den vorhandenen Informationen und Wetterdaten. Auch Ausweichmanöver kann es ohne menschlichen Eingriff fahren.

Während Burmeister noch auf die Seekarte schaut, hat der Computer schon festgestellt, dass mit dem backbord aufgetauchten Schiff keine Kollisionsgefahr besteht. "Jetzt muss nur noch aufgepasst werden, dass beide den Kurs halten", sagt Burmeister. Hektisch wird es dabei kaum. "Im Vergleich zu Straßenverkehr oder Luftfahrt steht für die Entscheidungsprozesse auf See relativ viel Zeit zur Verfügung."

Traditionelle Seebären sind skeptisch, wenn sie solche Versprechungen hören. "Bei Schönwetter mag das vielleicht klappen", meint Kapitän Peter Marcus, Ältermann der Bremer Lotsenbrüderschaft, "aber nicht bei Nebel oder schwerer See." Ein Seemann müsse dann nach draußen, den Wind im Gesicht spüren und das Salzwasser auf den Lippen schmecken. "Dann trifft er Bauchentscheidungen, die aufgrund von Erfahrungen zum richtigen Ergebnis führen." Keine Software könne das – und auch keine Landratte "mit den Füßen auf dem Tisch eines parfümierten Büros".

Hans-Christoph Burmeister kennt diese Einwände. Er glaubt trotzdem an das besatzungslose Schiff. Nicht in küstennahen Gewässern mit dichtem Verkehr, wohl aber für die einsamen Fahrten über den offenen Ozean. Komme es dort zu unklaren Situationen oder technischen Problemen, könne der Kontrollraum an Land das Ruder per Fernsteuerung übernehmen. "Und wenn die Satellitenverbindung abgerissen ist, schaltet das Schiff in einen Notfallmodus, stoppt und wirft, wenn es die Wassertiefe zulässt, den Anker."

Auch auf einer echten Brücke hat Elektronik längst die Mechanik verdrängt, selbst riesige Containerschiffe werden heute per Joystick gesteuert. Im Maschinenraum sind dagegen noch Schraubenschlüssel und Ölkanne im Einsatz. Die Qualität des auf hoher See verbrannten Schweröls ist so schlecht, dass die Motoren ohne permanente Wartung schnell ausfallen würden.

Carlos Jahn, der Leiter des Hamburger Fraunhofer-Zentrums, rückt denn auch die Zwischenschritte auf dem Weg zum autonomen Schiff in den Vordergrund. "Die Besatzung könnte schrittweise reduziert und entlastet werden", meint er. Einige Maschinisten wären weiterhin an Bord, doch auf der Brücke käme die Elektronik stundenweise auch ohne Nautiker klar.

Ein Geisterschiff ganz ohne Menschen ist bisher schon aus juristischen Gründen problematisch, denn nach internationalem Seerecht gälte es als herrenlos. Und in nationalen Gewässern verlangen Sicherheitsvorschriften eine Mindestbesatzung.

Leserkommentare
  1. wohl kaum etwas werden.-Es ist schon lange ein traum der reeder ohne besatzung zu fahren.Wer selber an bord war oder noch ist der wird wohl nur mitleidig lächeln über diese idee.-allein die ausfälle an electronic die laufend an bord sind und systeme lahm legen sind "legion."-Das hängt mit vielen faktoren zusammen die hier nicht aufgezählt weren können.die idee das nur noch die maschine besetzt sein soll?? etwas hirnrissig.Welcher technische offizier sollte dieses wagnis eingehen.-Raus geschmissenes geld.

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    • tobmat
    • 24. Juni 2013 15:45 Uhr

    Das ist nicht unbedingt rausgeschmissenes Geld, sondern eher mit dem Autopiloten bei Flugzeugen zu vergleichen. Es geht erstmal nur darum die Crew zu entlasten, durch stärkere Automatisierung. Bei mehr ist man noch lange nicht angekommen.

  2. Natuerlich kann das gehen. Yahoo zeigte es geht beim Auto auch in der Stadt. Zun Shuttle wird ja auch programmiert geflogen. Das erfodert Aufwand aber ist grundsaetzlich machbar.

  3. Dann kann man sich sicherlich ein oder zwei Boote holen und die eigene Flotte ausbauen…

  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie konstruktive Beiträge. Danke. Die Redaktion/kvk

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    ...

  5. Antwort auf "[...]"
  6. Umos mehr die Menschen aus den verschiedenen Prozessen herausgedrängt werden, umso weniger werden Menschen zu diesen einen Bezug entwickeln können. Im besten Fall ergibt dies über kurz oder lang eine entwicklungstechniche Stagnation. Wahrscheinlicher ist bereits mittelfristig ein Verfall.

    Zudem ist das System überhaupt nicht darauf eingerichtet, der ständigen Verdrängung des Menschen gerecht zu werden.

    Es ist höchste Zeit, technischen Fortschritt auch nach seinem Sinn für die Menschen an sich zu bewerten. Ein System, in welchen fünf Mann reichen fünf Millionen verblödeten Drohnen jeweils eine quadratische Kartoffel vor die Nase zu fahren, hat keine allzu große Halbwertzeit.

    Kurzum, man kann und sollte dem technischen Fortschritt Raum geben, aber man sollte darauf achten es nicht zu übertreiben. Sonst kommt an Ende nicht nur der technische Fortschritt selbst zum erliegen, die Menschheit landet in einer Sackgasse.

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    und Automatisierung, sondern das System in dem wir leben.

    Arbeit gibt es zu genüge und man könnte jedem Menschen eine nutzbringende Arbeit geben. Das Problem ist die Bezahlung, wo jeder nur für sich denkt und handelt (Produkte aus Billigproduktion), aber im Nachhinein darüber meckert, dass die Sozialkosten steigen.

    Ach, man hat beim Kfz gespart, weil man es selbst repariert hat. Zu dumm das hier einige aus der Werkstatt entlassen werden müssen und somit auf ALG bzw. ALG II angewiesen sind (und somit die Kosten über Schulden und Sozialbeiträge aufkommen).

  7. .
    ... kleines Zusatzzuckerl zum Wert des herrenlosen Schiffes.

    Internationales Seerecht sieht nunmal keine unbemannten Fahrzeuge in fortgesetztem Eigentum vor.

    Wenn der Kapitän das Schiff verlassen hat, gilt es als aufgegeben.

    Und weil die unbemannte Fahrt in Küstennähe oder Länderzonen ohnehin ausgeschlossen werden dürfte (es ist immer ein "stets ausreichender Ausguck" nach den anerkannten Kollisionsverhütungsregeln vorgeschrieben), muss das Schiff bemannt aus dieser Zone gesteuert werden und dann, durch ausbooten, "aufgegeben" werden.

    International seerechtlich natürlich höchst problematisch, wenn man das Eigentum weiterhin beanspruchen möchte.

    Wenn die Nautiker zu den derzeitigen Bedingungen nicht (mehr) bereit sind, für bemannte Schifffahrt anzuheuern, dann sollte man sich vielleicht mal lieber kritisch mit eben diesen Bedingungen beschäftigen.

    7 Leserempfehlungen
  8. Ich denke es geht eher um weitere einsparung um den Profit zu erhöhen.
    Schließlich hat man schon im 17. Jh. erfolgreich die Piraten bzw. die Piraterie bekämpfen können.
    Jeder Tanker oder Containerschiff ist baulich in der Lage Defensiv-Waffen zu tragen, und die Crew darin zu üben ist auch keine Sache von Wochen.

    Denn wenn man diese herrenlosen Schiffe fahren lässt bekommen Piraten ihre Beute auf einem Silbertablet serviert, niemand wehrt sich, und man darf freudig zugreifen.

    Und ein MLG mit 2.7 cm nimmt nichtmal Platz von 2m² ein, und sparrt sich diese Geisterschiff-Technologie.

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Besatzung | Elektronik | Schiff | See | Europa | Südamerika
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