Ich möchte mich ungern", sagt Stephan Schumm, "von Leuten, die dreimal geschieden sind und im Konkubinat leben, anfeinden lassen, nur weil ich schwul bin." Stephan Schumm ist konservativ, und das ist ihm wichtig. Jeder Satz, den er sagt, hat etwas mit Verwurzelung, Vertrauen und Verbindlichkeit zu tun. In die CDU ist er eingetreten, weil er überzeugt ist, dass das Land verlässliche Werte und Kontinuität braucht. Das gelte auch für Beziehungen. "Ich bin seit 23 Jahren mit meinem Freund zusammen und seit drei Jahren mit ihm verpartnert."

In der CDU gibt es viele Homosexuelle, die bewusst wertkonservativ sind. Sie möchten aber auch die rechtlichen Möglichkeiten haben, diese Werte zu leben, und verzweifeln manchmal an ihrer Partei, weil diese sich nicht freudiger im Sinne der konservativen Institutionenlehre zur Homo-Ehe bekennt.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur steuerlichen Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften kam mit Ansage. Doch die CDU hatte sich bewusst entschieden, nicht aus eigenem Antrieb zu handeln. Die Partei möchte homosexuelle Paare einerseits nicht diskriminieren, andererseits die Ehe (zwischen Mann und Frau) privilegieren. Jedes Mehr an Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften nimmt der Ehe etwas von ihrem Alleinstellungsmerkmal. Schon droht ein weiteres Urteil zum vollen Adoptionsrecht.

Stephan Schumm hofft auf einen Wandel in der CDU. Die Partei solle das Adoptionsrecht für eingetragene Lebenspartner vorantreiben, findet er, das sei doch ganz im Sinne der Familie. Doch er weiß auch: "Natürlich ist dieser Sprung in die Neuzeit für manche nicht leicht." Der Wandel könne nur über Vorbilder laufen. Die Fernsehbilder, die von schwulen Lebensformen erzählen, vermittelten ein völlig falsches Bild der Wirklichkeit. Halb nackte Männer in Lederklamotten! Er habe nichts gegen den Christopher Street Day, aber seins sei das nicht. Schumm ist Mitte vierzig und wohnt mit seinem Partner in einer Mühle an der Lahn. Er sitzt im Vorstand des Hessischen Landesvereins zur Erhaltung und Nutzung von Mühlen.

Die Debatte über die Gleichstellung von eingetragenen Lebenspartnerschaften, die die CDU zurzeit führen muss, ist für sie ungewohntes Terrain. Es war nie ihr Ehrgeiz, an der Spitze der Emanzipation zu marschieren. Weil diese Frage viel mit tief sitzenden Empfindungen und mentalen Gewohnheiten zu tun hat, hilft eigentlich nur Gesprächstherapie. Von Schwulen und Lesben heißt es immer, sie redeten viel unbefangener über Sex als Heteros. Ein bisschen hat man den Eindruck, als sei die Union jetzt vom Strudel dieses Diskurses erfasst: Plötzlich muss die bürgerliche Partei ständig Wortprägungen wie "sexuelle Orientierung" benutzen – ein Begriff, der aus dem linken Gender-Diskurs stammt.

CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt erklärte deshalb aufgescheucht, er wolle der "stillen Mehrheit" eine Stimme gegen eine "schrille Minderheit" geben. Stephan Schumm hat sich über diese Wortwahl geärgert: Er will nicht, dass Schwulsein mit Schrillsein gleichgesetzt wird, ebenso wenig mit Linkssein. Warum sollte seine Sexualität sein politisches Weltbild bestimmen? Als er um die Kandidatur für den Hessischen Landtag kämpfte (und am Ende unterlag), haben ihn Parteifreunde nach seinem "Lebensentwurf" gefragt, eine Anspielung auf seine sexuelle Orientierung. Aber Homosexualität sei kein Lebensentwurf: "Man wird doch nicht schwul, weil es hip ist!" Die Homosexualität mache nur drei Prozent seiner Identität aus, mit den anderen 97 Prozent sei er mit Herzblut CDUler.

Natürlich werden darüber keine Statistiken geführt, doch man hört immer öfter, dass der Anteil der Homosexuellen in der Union weit höher sei als allgemein angenommen. Der Grund ist einfach: Politische Arbeit ist zeitaufwendig, Homosexuelle haben meist keine Kinder, deshalb mehr Zeit für politisches Engagement. Dieser demografische Umstand dürfte den Wandel der CDU vorantreiben.

Es war eine Überwindung, mit seinem Freund zu Parteiterminen zu gehen

Stefan Kaufmann errang bei der Bundestagswahl 2009 das Direktmandat für die CDU im Wahlkreis Stuttgart I gegen Cem Özdemir. Sein Outing und sein Eintritt in die Union 1999 fielen zusammen. "Natürlich tut man sich als Schwuler in der Union schwerer als in anderen Parteien", sagt Kaufmann. "Aber ich wollte Bildungspolitiker werden, nicht Schwulenaktivist." Seinen Parteifreunden hat er klargemacht, dass er sich für seine politische Karriere nicht verleugnen würde. "Als ich 2002 mein erstes Amt übernehmen sollte, habe ich gesagt: Ich mache das gerne, aber ich lebe mit einem Mann zusammen. Wenn ihr ein Problem damit habt, dann lasse ich es."

Die Partei musste ihre Linie ändern

Es habe am Anfang schon Überwindung gekostet, mit seinem Freund zusammen zu Parteiveranstaltungen zu gehen, zumal es eine merkwürdige Reaktion gegeben habe: "Weil man meinem Freund sein Schwulsein viel stärker anmerkt, war oft er der Böse. Erst neben ihm hat man mich als Schwulen wahrgenommen." Er erinnert sich an viele Begegnungen, bei denen ihm Parteifreunde sagten: Sie hätten gar nichts gegen Schwule, nur, warum müssten die ihre sexuelle Orientierung immer zur Schau stellen?! Es gebe, sagt Stefan Kaufmann, dieses Gefühl in der Union: "Wenn wir jetzt auch noch für die Gleichstellung sind, sieht das so aus, als wäre Schwulsein etwas Tolles oder gar etwas Besonderes."

Der schwierigste Punkt für die Union ist die Frage, ob homosexuelle Paare unter denselben Bedingungen ein Kind adoptieren dürfen wie Heterosexuelle. Es berührt den Kern ihrer Wertvorstellungen: die Familie als Keimzelle des Staates. Für die Konservativen ist die Familie nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine biologische Institution. Der CSU-Politiker Norbert Geis sagte es so: "Es ist nun aber Naturgesetz, dass niemand anders als Vater und Mutter das Leben weitergeben. Darauf gründet sich das natürliche Elternrecht." Dabei findet Familie schon seit Langem zu erheblichen Teilen außerhalb der ursprünglichen Zeugungsgemeinschaft statt: Die Patchworkfamilie kann sich auch nicht auf das Naturrecht berufen.

Steffen Kampeter, Parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium, sieht keinen Grund, warum die Union dem Bundesverfassungsgericht mit einer Position zum Adoptionsrecht vorgreifen sollte. Als Kampeter im Februar an den Parteitagsbeschluss der Union erinnerte, der ausdrücklich kein Ehegattensplitting für die Homo-Ehe vorsah, musste er viele Prügel einstecken: "Ich wurde sofort als homophob beschimpft. Dabei hat meine Position nichts mit mangelndem Respekt vor Unterschiedlichkeit zu tun." Dass die Union kein Problem mit Homosexualität habe, zeige doch das Beispiel des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters Ole von Beust, der offen schwul lebt.

Für Kampeter ging es darum, dass der Staat steuerlich die biologische Familie fördere, "weil nur sie die Fortexistenz unserer staatlichen Gemeinschaft garantiert". Inzwischen hat Karlsruhe zugunsten homosexueller Paare entschieden und damit den CDU-Parteitagsbeschluss weggefegt. Die Partei musste ihre Linie ändern.

Natürlich wäre es schöner gewesen, wenn die Union nicht erst auf Druck aus Karlsruhe gehandelt hätte, sagt Jens Spahn, ein schwuler Abgeordneter aus dem tiefschwarzen und katholischen Münster. Aber insgesamt habe die Debatte zu einer neuen Offenheit bis in die Ortsvereine geführt. Sie sei eine Möglichkeit, sich noch einmal der eigenen Überzeugungen in Sachen Familie und Verbundenheit zu vergewissern: "Welche Werte tragen die Gesellschaft, und in welchen Institutionen finden wir diese Werte wieder? Bei diesem Thema können wir zeigen, dass wir die Partei sind, die die Wertigkeit von Bindung innerhalb rechtlicher Institutionen fördert." Wenn man Jens Spahn zuhört, gewinnt man den Eindruck, als könnte das Schwulen-Thema zu einer Renaissance wertkonservativen Denkens führen.

Bei dem Streit um das Adoptionsrecht ist Spahn allerdings zurückhaltend: "Kinder sind etwas anderes als steuerrechtliche Fragen. Wir sollten da keine gesellschaftliche Spaltung riskieren wie in Frankreich. Diese Diskussion braucht Zeit." Spahn setzt auf die Kraft des Diskurses: "Wir werden dann darüber diskutieren müssen, ob Kinder eher unter der Homosexualität ihrer Eltern leiden oder unter der Intoleranz ihrer Umwelt."

"Keine Partei bewegt sich bei der Schwulenfrage so sehr wie die CDU"

All diese Fragen aber seien kein Nischenthema, findet Jens Spahn, dazu seien zu viele Schwule und Lesben in der CDU. Und jeder Homosexuelle habe eine Familie, die sehr genau darauf achte, wie die Partei mit dem Thema umgeht. Spahn ist zufrieden mit der Entwicklung: "Keine Partei bewegt sich so sehr wie die Union in dieser Frage. Zugegeben, sie hat auch den längsten Weg zurückzulegen."

Eines jedenfalls ist offensichtlich: Der Umstand, dass die CDU nicht der Vorkämpfer für Schwulenrechte war, hat viele Homosexuelle nicht davon abgehalten, in die Partei einzutreten. Vielleicht macht das sogar die Attraktivität der CDU für viele Homosexuelle aus, weil es sie davon entlastet, sich über ihre sexuelle Identität zu definieren. Es erlaubt ihnen eine Normalität, in der die sexuelle Identität nicht politisch aufgeladen wird. Auch das ist Freiheit.

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