City Guide StockholmSchaurig schön

Frei sein auf der Gefängnisinsel Långholmen. von Arne Dahl

Der Strand von Langholmen. Von hier schaut man, wenn man schaut, nach Kungsholmen.

Der Strand von Langholmen. Von hier schaut man, wenn man schaut, nach Kungsholmen.  |  © Moa Karlberg/Kontinent/laif für DIE ZEIT

Es geschah im vergangenen Frühling, als ich vom Schreibtisch hoch- und aus dem Fenster schaute, nach einem langen Winter den Blick auf die dicht belaubten Bäume genießend, dass ich Långholmen zum ersten Mal wirklich wahrnahm. Von einer Sekunde auf die andere war die winzige Insel vor meiner Haustür mehr als ein beschauliches innerstädtisches Ausflugsziel, ideal für Spaziergänge, Laufrunden und Picknicks, sondern der Ort, an dem man Stockholm ins Verdrängte schauen konnte. Hier, das beschloss ich damals, würde mein nächster Kriminalroman Zorn spielen.

Denn plötzlich erinnerte ich mich, wie sehr Långholmen in meiner Kindheit von einer unguten Aura umweht gewesen war. Niemand sagte, worin genau das Problem bestand. Dabei war es allen klar: Långholmen, das so verführerisch grün zwischen den größten Stockholmer Inseln, Kungsholmen und Södermalm, hervorleuchtete, war bis Mitte der siebziger Jahre ein Gefängnis. Der westliche Teil des benachbarten Södermalm lag lange in seinem Schatten.

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"Messer-Söder" nannten die Stockholmer diese damals ziemlich gefährliche Ecke. Heute ist der ehemalige Slum von Schriftstellern, Künstlern und Musikern bevölkert. Es gibt keine richtig großen Wohnungen, keinen echten Raum für Luxus. Auch ich bin hier seit vielen Jahren zu Hause.

Eine Nacht in der Einzelzelle

Arne Dahl
Arne Dahl

ist das Pseudonym des schwedischen Literaturwissenschaftlers und Bestsellerautors Jan Arnald. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Kriminalroman Zorn (Piper Verlag).

Der kleine Sund, der mich von Långholmen trennt, ist voller Boote. Zwei Brücken führen darüber. Ich nehme meist die kleinere, die Pålsundsbrücke, die mich gleich zu den roten Holzhäuschen hinter dem Ufer bringt. Etwa 50 Leute leben hier. Dann geht es weiter auf die Treppen, die an Klippen entlang rund um die Insel führen. Vor meinen Füßen erhebt sich die Steilküste so dramatisch aus dem Mälarsee, dass sich der Uferabschnitt zum Freilichttheater formt. Doch mich zieht es weiter.

Folgt man der Treppe am Wasser entlang und geht man dann unter der Västerbrücke hindurch am kleinen Sandstrand des Långholmsbades vorbei, kommt man zum Gefängnis. Es ist heute ein Hotel, die alten Zellen wurden in Gästezimmer umgewandelt. Und wer ein Gespür für die schaurige Vergangenheit dieses Ortes bekommen möchte, dem empfehle ich eine Nacht in einer bis heute so genannten "Einzelzelle." Die Zellen sind frisch gestrichen. Doch man muss kein Krimiautor sein, um sich in dieser Enge gut in die Eingesperrten von einst hineinversetzen zu können, in ihre Einsamkeit, ihre Angst und ihre Wut. In meinem Buch Zorn ist das Gefängnis Schauplatz einer unheimlichen Gefangenenrevolte.

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Tritt man wieder ins Freie, kann man zuerst gar nicht fassen, wie wild und arglos das üppige Grün über die Hügel wuchert. Man sieht Jogger, Leute mit Picknickkörben, Verliebte und Verheiratete und fragt sich, ob die Gefangenen die Schönheit dieses Ortes je zu Gesicht bekamen, ob sie auf ihren Märschen über die Insel auch die hoch über den Klippen gelegene Aussichtsplattform besucht haben: 360 Grad freie Sicht – zur Västerbrücke hin, die Södermalm und Kungsholmen verbindet; auf Norr Mälarstrands prächtige Fassaden, auf die Altstadt mit ihren bunten Häusern und Riddarfjärdens schaukelnde Schärenschiffe. Als Stockholmer muss man all den Verbrechern, die seit dem 18. Jahrhundert hier eingesperrt waren, dankbar sein. Denn ohne sie wäre das grüne Wohnzimmer vor unserer Haustür vermutlich längst verbaut worden.

Übersetzung von Anne Lemhöfer

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