Als sich Romário de Souza Faria an einem Tag im Mai in einem Plenarsaal des brasilianischen Parlaments zur Hymne erhebt, legen sich für einen Augenblick verschiedene Zeiten übereinander. Romário steht da wie vor acht Jahren, als er zum letzten Mal das gelbe Hemd der brasilianischen Nationalmannschaft trug. In ihm ist er Weltmeister geworden, zur Ikone seines Landes, "der beste Stürmer aller Zeiten", wie Johan Cruyff ihn mal genannt hat. Wie damals hält er auch jetzt die Arme eng am Körper, drückt den Rücken durch. Seine Schläfen sind inzwischen grau, und statt des gelben Leibchens trägt er einen dunklen Anzug von Armani. Aber der Kleinste in der Reihe provoziert noch immer gern.

Während sich die anderen beim Abspielen der Hymne dem Publikum im Saal zuwenden, wendet sich Romário ab und blickt in Richtung seiner Landesflagge, die hinten in der Ecke lehnt. Es ist eine Geste, in der Verachtung liegt für eine ewige Elite, die diesen Ort missbraucht, um sich die eigenen Taschen vollzustopfen. Romário, soll diese Geste sagen, geht es um das Volk. Um die Leute, die ihm 2010 mit ihrer Stimme die Chance gaben, sich in der Mitte seines Lebens noch einmal neu zu erfinden. Romário, der Müßiggänger, das alte Großmaul, ist jetzt Abgeordneter der Sozialisten. Er ist einer der erstaunlichsten Politiker Brasiliens.

Wenig später tritt er an ein Rednerpult und zieht einen Text aus seiner Anzugtasche, der mit den Worten "Gegen die Elitisierung unseres Fußballs" überschrieben ist. Es sind die Wochen vor dem Confed-Cup, der Generalprobe für die WM im nächsten Jahr. Überall im Land werden zurzeit die neuen Stadien eingeweiht, am Sonntag ist das von Brasília an der Reihe, aber weil die Hauptstadt keinen eigenen Club besitzt, werden die Traditionsvereine Flamengo aus Rio und FC Santos für ein Gastspiel eingeflogen. Die Rechte an dem Spiel hat der brasilianische Fußballverband für umgerechnet eine halbe Million Euro einem Tourismusunternehmer zugeschanzt, der jetzt allein mit dem Verkauf der Eintrittskarten drei Millionen macht.

Romário räuspert sich. "Bislang", sagt er, "wurde das Geld bei uns im Fußball mit dem Verkauf von Spielern oder Fernsehrechten verdient. Jetzt geht es an die Taschen des kleinen Mannes, der in Flipflops auf der Tribüne steht. 70 Euro für das billigste Ticket, ein Viertel unseres Mindestlohns, das ist absurd." Romário lispelt fast nicht mehr, er spricht langsamer als früher, und nur gelegentlich mischt sich in seine Rede noch die derbe Sprache der Favela, in der er aufgewachsen ist. Brasilien, hat er mal gesagt, mache die Beine für die Fifa breit. Heute fragt er: "Wollen wir, dass uns die Reichen aus den Stadien drängen? Dass eine korrupte Clique über unseren Fußball herrscht?"

Romário glaubt, es sei kein Zufall, dass der Zuschlag für das Spiel an den Unternehmer gegangen ist. Der Mann sei ein "Bekannter" von Ricardo Teixeira, der 2012 nach endlosen Korruptionsvorwürfen als Präsident des nationalen Fußballverbands zurückgetreten ist. Weil es so aussieht, als würden die alten Seilschaften fortbestehen, fordert Romário die Einberufung eines Untersuchungsausschusses. "Wir wollen wissen", ruft er, "wie diese Deals ablaufen!"

13 Minuten spricht Romário. Dabei wirkt er wie ein Junge, der sich beim Raufen auf dem Pausenhof am liebsten mit den Stärksten anlegt. Er ruft ihnen entgegen, dass sie "Gauner und Banditen" seien, die aus der WM "den größten Diebstahl unseres Landes" gemacht hätten. Er fragt, warum Brasília 600 Millionen Euro in ein Stadion investiere, das nach der WM niemand mehr brauche, während in den Krankenhäusern Ärzte fehlten und in den Schulen Lehrer. Romário sei "eine Stimme in der Wüste", schrieb die Essayistin Lya Luft. Er spreche Dinge aus, die andere nur dächten.

Romário war Teil der brasilianischen Delegation, die 2007 in der Schweiz den Zuschlag für die Weltmeisterschaft holte, irgendein Posten wäre auch für ihn schon abgefallen. Er hätte WM-Botschafter werden können wie Pelé oder Mitglied eines der lokalen Organisationskomitees wie seine damaligen Sturmpartner Bebeto und Ronaldo. Er könnte als Experte Fußballspiele kommentieren oder, wie so viele vor ihm, sein Vermögen am Strand von Rio de Janeiro durchbringen.

Es wäre der leichte Weg gewesen, der Weg, den viele erwartet hätten von einem wie ihm, der immer mehr Talent hatte als Disziplin. Romário war Meister in Brasilien, in Spanien und den Niederlanden, er hat nach eigenen Berechnungen mehr als tausendmal das Tor getroffen, aber noch viel öfter kam es vor, dass er während eines Spiels minutenlang im Schatten des Tribünendachs spazieren ging. Romário setzte seine Prioritäten anders. Wenn seine Kollegen ihre Trainingstasche packten, kam er oft gerade aus dem Nachtclub. Wenn er nachts nicht auf der Piste sei, hat er mal gesagt, würde er am nächsten Tag das Tor nicht treffen. Er sei Stürmer, kein Athlet.

Als der junge Trainer Alexandre Gama einmal öffentlich über Romários Einstellung klagte, schoss der zurück: "Was soll der Scheiß? Der ist gerade in den Bus gestiegen und will gleich einen Platz am Fenster?" Als er wegen seines Lebenswandels aus der Mannschaft flog, die 2002 in Asien den WM-Titel holte, ließ er die Trainer auf die Klotüren des Nachtclubs malen, den er nebenbei betrieb. Als Pelé bezweifelte, dass er tatsächlich tausendmal getroffen hat, stellte Romário klar: ""Pelé ist schweigend ein Poet."

"Ich hab ein kleines Mädchen, das hat das Downsyndrom und ist eine Prinzessin"

Die Liste von Romários Skandalen ist beeindruckend. Er hat bei Freizeitkicks mit Drogenbossen auf dem Feld gestanden und ein paar Nächte auf der Polizeiwache verbracht, weil ihn eine Exfrau wegen ausbleibender Unterhaltszahlungen verklagt hatte. Dreimal war Romário verheiratet, er hat sechs Kinder mit vier Frauen. Mit dem Fußball hat er aufgehört, nachdem ein Dopingkontrolleur in seinem Blut eine verbotene Substanz entdeckte, was Romário mit einer Creme erklärte, mit der er seinen Haarausfall bekämpft habe.

Ausgerechnet dieser Tagedieb wurde im vergangenen Jahr von einer Kommission als einer der effektivsten Abgeordneten ausgezeichnet. Romário ist bei den meisten Parlamentssitzungen anwesend. Kaum ein anderer bringt so viele Initiativen ein. Er hat dafür gekämpft, dass bei der WM ein Zehntel aller Eintrittskarten zu kleinen Preisen angeboten wird, damit Arme, Rentner und Studenten eine Chance haben, sich die Spiele anzusehen. Außerdem erstritt er, dass 32.000 Tickets kostenlos an Menschen mit Behinderung verteilt werden.

Was also ist passiert mit diesem Mann? An einem dieser Tage Ende Mai hat Romário ein paar Journalisten zu sich nach Hause eingeladen. Es sei ein Wunder, sagt seine Assistentin Letícia, die in einem engen Minikleid im Garten steht. Romário spricht selten mit der Presse. Er trägt der Presse noch immer nach, dass sie ihm die tausend Tore nicht glaubt. Seit einem halben Jahr hat Romário in Brasília eine Villa gemietet, deren weitläufiges Grundstück bis zu einem künstlich angelegten See hinunterreicht. Unten am Steg liegt eine kleine Jacht, in der Garage parkt ein Ferrari. Romário steht etwas abseits in Shorts und Muskelshirt und spricht mit ein paar Handwerkern, die gerade dabei sind, seinen Bolzplatz einzuzäunen. Seine kleine Tochter Ivy, die diese Woche bei ihm ist, spielt auf der Wiese mit der Fernsehkamera eines Franzosen.

Nach acht Jahren Ehe hat sich Romário kürzlich von Ivys Mutter getrennt. In Brasília hält sich seitdem das Gerücht, er gehe mit der Assistentin eines Abgeordneten-Kollegen aus. Nachdem er lange Zeit nicht klarkam mit der Hauptstadt, mit dieser großen, menschenlosen Leere zwischen den Regierungsgebäuden, wirkt es nun, als richte er sich langsam darin ein. Vier Tage in der Woche ist Romário normalerweise hier, aber inzwischen bleibt er häufig länger. An diesem Wochenende war er zum ersten Mal seit Langem sogar wieder mal im Stadion. Ausgerechnet in einem dieser von ihm so verhassten Weißen Elefanten, die so heißen, weil niemand weiß, was man mit diesen Ungetümen später anfangen soll. Ein Spiel, das als Generalprobe für das WM-Eröffnungsspiel gedacht war. Die Tribünen waren fast leer, aber für Romarinho, Romários ältesten Sohn, der vor 18 Jahren in Barcelona auf die Welt kam, war es das erste große Match. Romário stand oben in einer Loge hinter einer Glasscheibe, als Romarinho die Partie mit einem Abstauber entschied. Der Vater hatte Ivy auf dem Arm und weinte wie ein Kind. Romário verstand in diesem Augenblick, wie sich sein verstorbener Vater damals gefühlt haben musste, als er selbst den ersten Titel geholt hatte. Er dachte an seine Mutter, die früher nach jedem seiner Tore eine Bierflasche zerdepperte. Romário sagt, er habe ein Champagnerglas geschmissen.

Er sitzt jetzt auf einem Stuhl im Garten und wirkt noch etwas übernächtigt. "Er schießt sich ein auf José Maria Marin", den neuen Präsidenten des Verbandes, der gerade sein liebster Feind ist. "Der größte Gauner unseres Landes", sagt Romário. "Ein Mann, der sich bei der Meisterfeier von Corinthians in einem Augenblick, in dem er sich unbeobachtet gefühlt hat, die Medaille eines Spielers in die Anzugtasche steckte. Marin ist schlimmer als Teixeira. Er ist nicht nur korrupt, er war ein Kollaborateur der Diktatur."

Vor 40 Jahren, als die Militärs das Land regierten, saß Marin als Abgeordneter im Landesparlament von São Paulo. 1975 hielt er dort eine Rede, von der Romário glaubt, dass sie tödliche Folgen hatte. Marin empörte sich darüber, dass der Fernsehkanal TV Cultura einen subversiven Beitrag über Ho Chi Minh gesendet hatte; er rief dazu auf, etwas zu tun, "damit wieder Ruhe in den Heimen von São Paulo einkehrt".

Wenig später nahm die Polizei Vladimir Herzog, den Direktor von TV Cultura, fest, der früher bei der BBC gewesen war, von der er auch den Beitrag über Ho Chi Minh besorgt hatte. Herzog landete in einer Haftanstalt, die berüchtigt war für ihre Folterknechte. Er starb wenige Tage später. Offiziell wurde sein Tod als Selbstmord dargestellt. Über den Polizeichef von São Paulo, der für die Haftanstalt verantwortlich gewesen war, sagte Marin, dies sei ein Mann, der seine Arbeit liebe.

"Marin", sagt Romário, "hat diese Äußerungen nie bereut." Romário selbst erfuhr von den Vorgängen durch ein Journalisten-Blog. Wenig später schrieb er eine Mail an Ivo Herzog, den Sohn von Vladimir, der in São Paulo ein Institut zur Aufarbeitung der Verbrechen der Diktatur betreibt.

Im Februar stellten sie gemeinsam eine Petition ins Netz, die Marin zum Rücktritt drängen sollte. Innerhalb weniger Wochen schlossen sich ihnen mehr als 50.000 Leute an. Anfang April trafen sich Romário und Herzog in Rio vor dem Gebäude des Fußballverbands, um Marin das Dokument zu übergeben, aber niemand wollte sie empfangen. Auch als Romário Marin einlud, im Parlament zu sprechen, erhielt er keine Antwort.

Wenn man ihn fragt, warum ihm diese Dinge plötzlich wichtig sind, erklärt Romário, dass sich Brasilien nicht blamieren dürfe. Er sehe es als seine Aufgabe, sich für die Wahrheit einzusetzen. Es sind Antworten, die vage bleiben, und vielleicht versteht Romário auch selbst nicht genau, wo er da plötzlich reingeraten ist. Im Grunde bewegt er sich durchs Parlament wie damals auf dem Platz: intuitiv; mit einem sicheren Gespür für große Gesten.

Im Frühjahr 2005, einen Monat nach Ivys Geburt, trug Romário zum letzten Mal das gelbe Hemd der Seleção. Brasilien spielte gegen Guatemala, Romário traf in der 17. Minute mit dem Kopf zum 2:0. ""Dann riss er sich das Hemd vom Leib und lief unter Tränen eine Ehrenrunde"", die Arme ausgebreitet, sodass jeder im Stadion lesen konnte, was er auf sein Unterhemd geschrieben hatte: "Ich hab ein kleines Mädchen, das hat das Downsyndrom und ist eine Prinzessin."

Wenn man so will, markiert dieser besondere emotionale Moment auf dem Spielfeld exakt den Wendepunkt in Romários Leben. "Ohne Ivy", sagt er, "säße ich nicht hier." Es sei ein Schock für ihn gewesen, sagt Romário, als er die Diagnose gehört habe. Mit so etwas wie einer Behinderung habe er nie zu tun gehabt. Es seien Wochen gewesen, in denen er sich fragte, was er falsch gemacht habe. Aber dann machte etwas Klick, irgendein Schalter habe sich umgelegt. Romário dachte: Vielleicht ist Ivy eine Botschaft, ein sonderbares Geschenk, das mir der liebe Gott in den Schoß gelegt hat.

Er verbrachte Monate vor dem Computer und las sich Wissen an. In den Wartezimmern der Ärzte, die er und seine Frau mit Ivy aufsuchten, lernte er andere Familien mit behinderten Kindern kennen, "Familien", sagt er, "die richtig in der Scheiße saßen". Es war, als öffnete sich eine Tür, als betrete er mit Ivy plötzlich eine Welt, die ihm bislang verschlossen war, etwas, das sich anfühlte wie ein normales Leben, und Romário handelte reflexhaft: Er suchte die Offensive. Er beschloss, Ivy nicht länger zu verstecken. Heute ist Ivy acht, sie kann ein bisschen lesen, und manchmal bringt sie aus der Schule Briefe mit nach Hause, in denen Eltern ihrer Klassenkameraden ihrem Vater danken. Romário ist der Einzige im Parlament, der in seinem Büro eine Mitarbeiterin mit Downsyndrom beschäftigt. Kürzlich wurde ein Gesetzesparagraf so umgeschrieben, dass Behinderte leichter an staatliche Hilfen kommen; Romário nennt das seinen größten Erfolg.

Es ist vielleicht das erste Mal in seinem Leben, dass er Verantwortung für andere übernimmt. Er erfährt etwas, das er in den Nächten auf der Piste nie gefunden hat, eine unschuldige Liebe, eine Beziehung ohne Hintergedanken. "Es ist wichtig, Dinge zu geben, ohne zu erwarten, dass man etwas zurückbekommt. Ich habe früher sehr viel falsch gemacht", sagt Romário.

Am Nachmittag füllt sich sein Grundstück mit Leuten, die Fußballtrikots tragen. Das Tor am Eingang steht offen. Jeden Montag spielt Romário mit Freunden auf seinem Bolzplatz. Es ist wie damals, Romário steht vorn und versenkt die Bälle, ein Mann, der mit sich im Reinen ist, der überlegt, in Rio als Bürgermeister anzutreten, der auch auf dem Platz immer ein Auge auf Ivy hat, die hinter dem Zaun mit ein paar Journalisten kickt. "Wenn sie euch nervt", ruft Romário, "dann sagt Bescheid!"