Dalai Lama"Was diese jungen Leute tun, hilft nicht"

In unserem Interview wendet sich der Dalai Lama erstmals deutlich gegen Selbstverbrennungen. Er nennt sich selbst einen Sozialisten und kritisiert Chinas Kapitalismus. Welche Hoffnungen setzt er in die neue Führung in Peking? von 

Der kleine Exilpalast des Dalai Lama nahe dem nordindischen Bergstädtchen Dharamsala liegt auf einem 1.800 Meter hohen Bergrücken vor der imposanten Felskulisse des Himalayas. Jeden Morgen ziehen Hunderte Pilger aus aller Welt auf einem Spazierweg um das Gebäude. Der Weg ist geschmückt mit Gebetsfahnen und Protestplakaten für ein freies Tibet.

An diesem Tag empfängt der Dalai Lama gegen Mittag in seinem bunt blühenden Garten einige ausgewählte Anhänger: eine Gruppe Russen, ein altes tibetisches Paar, eine koreanische Familie, eine Schweizerin mit zwei kleinen Kindern und einen indischen Soldaten. Der Dalai Lama begrüßt und umarmt seine Gäste. Die Koreaner weinen. Als die Schweizerin sich dem Dalai Lama an die Brust wirft und ruft: "Ich liebe Sie!", zuckt er zurück. Wenig später empfängt er in einem Raum mit gedämpftem Licht zum Interview.

DIE ZEIT: Eure Exzellenz, auf dem Weg zu Ihrer Residenz kommt man an einem Märtyrerdenkmal vorbei, das an die Opfer der chinesischen Eroberung Tibets erinnert. Das Denkmal ist mit Plakaten beklebt, auf denen die jüngsten Selbstverbrennungsopfer beklagt werden. Braucht Ihr Kampf für Tibet diese neuen Märtyrer?

Dalai Lama: Das glaube ich nicht. Mein Hauptanliegen ist der Erhalt des tibetischen Buddhismus und seiner Kultur. Die politischen Fragen sind zweitrangig. Obwohl viele Teile Tibets, auch meine Heimatregion, schon seit dem 9. Jahrhundert über lange Zeit unter chinesischer Kontrolle waren, fühlen sich die Tibeter als ethnische Gruppe noch immer einander zugehörig. Der Grund dafür sind der tibetische Buddhismus, die Kultur, die Sprache. Mehr als tausend Jahre lang, bis heute, sind die Tibeter das geblieben, was sie waren – unabhängig von der politischen Situation.

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ZEIT: Sie haben die Tibeter einmal ein im Grunde kriegerisches Volk genannt – erst der Buddhismus habe sie auf andere Gedanken gebracht. Besteht die Gefahr, dass die Tibeter wieder gewaltbereiter werden?

Dalai Lama: Es gibt heute einige Anzeichen sittlichen Zerfalls. Auf den jungen Tibetern lastet zu viel Druck, zu viel Feindseligkeit. Deshalb opfern einige von ihnen ihr Leben. Aber junge Leute, die eine solche Entschlossenheit zeigen, können leicht Schaden anrichten und Gewalt auslösen.

ZEIT: Sie meinen also, diese Leute schaden der tibetischen Sache?

Dalai Lama: Was sie tun, hilft nicht. Die Proteste in Tibet haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Die Folge ist: Es gibt mehr Unterdrückung, mehr chinesische Soldaten. Das Tibet-Problem muss durch freundschaftlichen Dialog gelöst werden, nicht durch Konfrontation. Nur der Weg der Verständigung ist realistisch. Deshalb sage ich den tibetischen Jugendorganisationen, dass sie auf eine von beiden Seiten in Übereinstimmung erzielte Lösung setzen müssen. Selbst wenn Tibet einmal im 7., 8. und 9. Jahrhundert eine eigenständige Nation war.

ZEIT: Glauben Sie, dass die Zeit der nationalen Freiheitskämpfe verstrichen ist?

Dalai Lama: Mein Denken beginnt damit, dass ich mich als Mensch empfinde, als einer von sieben Milliarden.

ZEIT: Deshalb ist es so leicht, mit Ihnen, dem als Gott Verehrten, ins Gespräch zu kommen?

Dalai Lama: Das sind Ihre Worte. Zu den sieben Milliarden Menschen gehören Deutsche, Tibeter, Inder, Chinesen. Nur sind diese Unterschiede nicht unumstößlich. Im Geist der europäischen Staatengemeinschaft ist es zum Beispiel nicht mehr so wichtig, Franzose oder Deutscher zu sein. Deshalb bewundere ich de Gaulle und Adenauer. Über viele Jahrzehnte sahen Deutsche und Franzosen einander als Feinde. Dann veränderten sich die Umstände, und de Gaulle und Adenauer betrachteten es als allgemeines Interesse, den engstirnigen Nationalismus zu überwinden. So müssen auch wir Tibeter und Chinesen denken.

ZEIT: Glauben Sie wirklich, dass sich Tibeter und Chinesen wie Franzosen und Deutsche nach dem Krieg versöhnen können?

Dalai Lama: Die Möglichkeit besteht. Wir müssen uns anstrengen. Heute gibt es in China viele Buddhisten. 400 Millionen sollen es sein, und viele von ihnen folgen dem tibetischen Buddhismus. Seit einiger Zeit empfange ich jede Woche Chinesen, die aus der Volksrepublik zu mir kommen. Die meisten von ihnen weinen – so stark ist ihr Glaube. Es ist ein Glück, dass in China Buddhisten leben, die den gleichen Traditionen folgen wie wir. Sie können dabei helfen, engere Beziehungen zwischen Tibetern und Chinesen zu knüpfen. Die Chinesen sind unsere Nachbarn. Ob wir es wollen oder nicht, wir müssen zusammenleben.

Leserkommentare
    • mick08
    • 20. Juni 2013 13:02 Uhr

    Bin ziemlich beeindruckt wie differenziert der Dalai Lama ist und wie humorvoll!

    Was mich besonders beeindruckt ist, wie differenziert er China sieht und dass er so viele konstruktiven Brücken baut, ohne auch nur eine Spur von Feindseligkeit gegenüber China oder Chinesen, die seinem Land und Volk so unglaublich geschadet haben. Ich könnte das einfach nicht …

    China wäre gut beraten das Tibet Problem zu lösen, so lange der Dalai Lama noch am Leben ist, statt seinen Tod abzuwarten und das Ausbrechen der eher kriegerischen Natur der Tibeter …

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    • mick08
    • 23. Juni 2013 21:03 Uhr

    hat sich der Dalai Lama auch schon in der Vergangenheit deutlich ausgesprochen. Das ist also nicht neu … und die Einleitung "erstmals deutlich gegen Selbstverbrennungen" ist so nicht korrekt.

    Als sich der erste Tibeter, Thupten Ngodup, im Mai 1998 selbst verbrannte, machte der Dalai Lama unmissverständlich klar, dass er davon nichts hält, so wie er es im Jahre 1977 tat, als Tibeter in Indien einen Hungerstreik bis zum Tode aufnahmen.

    Details eines gut recherchierten Artikels hier:
    http://www.rangzen.net/19...

    Diesen Standpunkt hat er wieder und wieder vertreten, jeder - insbesondere Tibeter - kennt diesen (und sie wurden auch an anderer Stelle publiziert), der sich ein bisschen mit der Materie auskennt. Der Dalai Lama hält nichts von gegen sich selbst gerichtete Gewalt, weder aus menschlichen, politischen, humanitären noch buddhistischen Motiven.

    Allerdings ist er nicht jemand der über die Ansichten anderer hinwegeht und ihnen eigene ethische Standpunkte aufzwingt oder vorschreibt. Bei den neueren Selbstverbrennungsprotesten der Tibeter in Tibet und Indien hat er sich zurück gehalten sich zu äußern, da viele Tibeter und die Familien der Selbstverbrennungs-Protestierenden dies als ein "in den Rücken fallen" empfunden hätten.

    Deshalb sagte er irgendwann gar nichts mehr oder sagte er sei "neutral".

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  1. "...ZEIT: Glauben Sie, dass die Zeit der nationalen Freiheitskämpfe verstrichen ist?

    Dalai Lama: Mein Denken beginnt damit, dass ich mich als Mensch empfinde, als einer von sieben Milliarden. ..."

    So einfach ist das

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  2. Bericht über die Brandspuren in tibetischem Holz, auf dieses Interview mit meinem Lieblingsreligionsführer gestoßen.

    Falls Ihnen das System "Guter Bulle - böser Bulle" wirklich nicht bekannt sein sollte, mick, sollten Sie sich auf dem Gebiet mal ein wenig kundig machen.

    Der sanfte alte Herr mit dem gütigen Lächeln gibt den Guten - er steht aber einer Religionsgemeinschaft vor, die aus dem indischen Exil wieder an die Macht zu kommen versucht.

    Einer Religionsgemeinschaft, die sich vor ihrer Entmachtung nicht unbedingt durch Friede, Menschlichkeit und Toleranz ausgezeichnet hat.

    Uffff, das war jetzt nicht einfach, das netiquettefähig zu Papier zu bringen.....

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    bekommen haben, ist mir nicht bekannt, aber wenn Sie dieser Religionsgemeinschaft (wohl gemerkt: Der Religionsgemeinschaft, nicht der Gesellschaft) Frieden, Menschlichkeit und Toleranz absprechen, dann weiß ich nicht von welcher sie reden, ganz sicher nicht vom Tibetischen Buddhismus, dem ich seit 34 Jahren angehöre und den ich nur und nur von der friedlichen, menschlichen und toleranten Seite kenne. Ich weiß auch, mit welchen Mitteln China versucht, dieses Bild zu demontieren. Und glauben Sie mir, ich habe bei manchen Lamas am Tisch gesessen und hätte schon was gemerkt von dem, was Sie glauben kritisieren zu müssen.

  3. bekommen haben, ist mir nicht bekannt, aber wenn Sie dieser Religionsgemeinschaft (wohl gemerkt: Der Religionsgemeinschaft, nicht der Gesellschaft) Frieden, Menschlichkeit und Toleranz absprechen, dann weiß ich nicht von welcher sie reden, ganz sicher nicht vom Tibetischen Buddhismus, dem ich seit 34 Jahren angehöre und den ich nur und nur von der friedlichen, menschlichen und toleranten Seite kenne. Ich weiß auch, mit welchen Mitteln China versucht, dieses Bild zu demontieren. Und glauben Sie mir, ich habe bei manchen Lamas am Tisch gesessen und hätte schon was gemerkt von dem, was Sie glauben kritisieren zu müssen.

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    kann ich mir kein Urteil erlauben, dafür habe ich mich nie interessiert.

    Meine Bemerkung bezog sich auf die Zeit, als Ihre tibetischen Buddhisten in Tibet das Sagen hatten, das war wohl weit weg von dem Bild, was meine harmoniesüchtigen Landsleute heute von diesen heiligen Männern haben.

    Auch, wenn Sie nichts davon gespürt haben, wenn Sie mit den Lamas am Tisch gesessen haben.

  4. kann ich mir kein Urteil erlauben, dafür habe ich mich nie interessiert.

    Meine Bemerkung bezog sich auf die Zeit, als Ihre tibetischen Buddhisten in Tibet das Sagen hatten, das war wohl weit weg von dem Bild, was meine harmoniesüchtigen Landsleute heute von diesen heiligen Männern haben.

    Auch, wenn Sie nichts davon gespürt haben, wenn Sie mit den Lamas am Tisch gesessen haben.

  5. siehe Lockerungen der restrikiven Politik, die heute bekanntgegeben wurden.

    via ZEIT ONLINE plus App

  6. Als hätte es die Ergebnisse guten investigativen Journalismus` über die Verquickung des Dalai Lama mit der CIA nie ggeben, als fände nicht seit langem eine Debatte um die dunklen Seiten des archaisch-magischen Weltbildes tibetscher Prägung statt, als gäbe es nicht längst der Aufklärung verplichtete Bücher über die feudalistischen Zustände im alten Tibet oder die Ausbeutungstrukturen einer herrschenden Priesterkaste ..., nein, das Licht war gedämpft, seine Exellenz gewährt ein Interview, man ist Sozialist in einem Palast und plaudert aus dem Nähkästchen der Weltgeschichte in einer Naivität, die nur noch übertroffen wird durch die der/des Interviewers(in), der/die eine Heiligsprechung durch den Dalai Lama wohl kaum erwarten kann.

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    • JJ1
    • 18. Juli 2013 19:46 Uhr

    Auch die Bundesregierung sowie BND, Bundeswehr und Polizei arbeitet eng mit dem CIA zusammen! Trotz Guantanamo und Prism!

    Von Selbstreflexion (und somit von Aufklärung) scheinen Sie nicht viel zu halten. Das zeigt auch ihr weiterer Kommentar!

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