Thomas de MaizièreDie ganze Misere

Um zu beweisen, dass seine Drohnen-Entscheidung richtig war, rüstet sich Verteidigungsminister Thomas de Maizière schon mal fleißig mit Zahlen. Doch dieses Kalkül könnte schiefgehen von  und

Zur wundersamen Krisenwahrnehmung des Thomas de Maizière gehört die Ansicht, dass in seinem Ministerium viel Schlechtes ausschließlich Gutes produziert habe. Es sei richtig gewesen, die Entwicklung des Euro Hawk so spät zu stoppen, sagt der Verteidigungsminister. Es sei auch richtig gewesen, die umstrittene Drohne so lange weiterzutesten, bis ihr Innenleben, die Aufklärungstechnik, zu Ende entwickelt sei. Und nein, durch diese Entscheidungen seien keine zusätzlichen Kosten entstanden, im Gegenteil, am Ende habe er sogar erreicht, dass ein Teil der Investitionen nicht verloren sei: So lautet der Kern von de Maizières Verteidigungsstrategie.

Doch was, wenn der Minister irrt? Wenn es doch besser gewesen wäre, die Drohne nicht weiterzutesten, weil früh klar war, dass sie in Deutschland nie eine Zulassung bekommen würde? Wenn doch ein erheblicher Zusatzschaden für die Steuerzahler entstanden ist? Dann ist Thomas de Maizière nicht mehr zu halten.

Anzeige

Zahlen sind jetzt wichtig, Zahlen werden die Waffen sein, wenn de Maizière und die Verteidigungsexperten der Opposition frühestens Ende Juni im Untersuchungsausschuss aufeinandertreffen. 360 Millionen ist so eine Zahl. 360 Millionen Euro hat der europäische Konzern EADS dafür erhalten, dass er die Aufklärungstechnik Isis entwickelt hat. Passt man Isis in das US-Trägersystem des Rüstungsgiganten Northrop Grumman ein (rund 300 Millionen Euro Entwicklungskosten), erhält man den Euro Hawk. Isis ist toll, das Trägersystem Mist – so sehen sie das im Verteidigungsministerium.

De Maizière hat am 13. Mai die Entscheidung gebilligt, den Euro Hawk zu kippen, die Testreihe aber erst Ende September auslaufen zu lassen. Isis sollte zu Ende gebracht werden. "Durch diese Entscheidung sind noch höhere Kosten vermieden worden", sagte der Verteidigungsminister am Montag vor der Bundespressekonferenz. Zunächst einmal sind weitere Kosten entstanden: Ein Testflug kostet 5 Millionen Euro, pro Monat fallen weitere 3,3 Millionen Kosten für das Euro-Hawk-Programm an. Um Isis fertig entwickeln zu können, werden also binnen sechs Monaten rund 45 Millionen Euro investiert. Mit dem Ergebnis, dass EADS am Ende ein hochmodernes steuerfinanziertes Aufklärungssystem besitzt – und die Bundeswehr ein Hightechteil, mit dem es so nichts anfangen kann.

Isis wurde und wird weiterhin unter Bedingungen getestet, unter denen es nie zum Einsatz kommen wird. Im Euro Hawk saugt es aus 20 Kilometer Höhe bis zu 30 Stunden lang Daten ein. Keine andere Drohne kann so hoch – unerreichbar für alle Luftabwehrraketen – fliegen und so lange in der Luft bleiben. Isis muss jetzt, nach dem Aus für das US-Trägersystem, angepasst werden, es wird umgebaut – und komplett neu durchgeprüft. Die Kosten hierfür gehen in die Millionen. Und für das viele Geld bekommt die Bundeswehr am Ende gerade mal die Hälfte von dem, was sie ursprünglich wollte: Schaltet Isis nicht 20000 Meter über dem Boden auf Empfang, sondern auf Höhe der zivilen Luftfahrt, erfasst es nur 50 Prozent des Gebiets, das es eigentlich überwachen sollte.

Wirklich fatal ist aber etwas anderes: Die Testergebnisse, die in 20 Kilometer Höhe gewonnen wurden, sind unter der neuen Flughöhe von zwölf Kilometern – unter gänzlich anderen physikalischen Bedingungen – nicht viel wert. "Die können Sie getrost in die Tonne treten", sagt ein Rüstungsexperte.

Hat er recht, dann macht es keinen Sinn, Isis im Euro Hawk zu Ende zu testen, da die Ergebnisse auf ein anderes Trägersystem nicht übertragbar wären. Hat er recht, sind die 45 Millionen Euro verbrannt. Und das wäre durchaus ein Schaden, den sich de Maizière vorhalten lassen müsste. Das wäre ein Rücktrittsgrund.

Die beamteten Staatssekretäre Stéphane Beemelmans und Rüdiger Wolf haben ihre Entscheidung, das Projekt Euro Hawk zu stoppen, damit begründet, dass weitere 500 bis 600 Millionen Euro in das amerikanische Trägersystem investiert werden müssten, um eine Zulassung für Europa zu erhalten. Eine Summe, die jeden Kostenrahmen sprengte und die das Unternehmen Northrop Grumman bis heute heftig bestreitet. Der Chef der Staatssekretäre, Verteidigungsminister de Maizière, hält noch immer am Ziel einer deutschen Aufklärungsdrohne fest. Um dieses Ziel zu erreichen, muss ein neues Trägersystem ausgewählt, auf- und umgerüstet werden. Dann wird an dieses System wiederum die Aufklärungstechnik Isis angepasst, bevor eine neue Testreihe untersucht, wie das eine zum anderen passt. Das alles kostet Geld, viel Geld.

Untersuchungen haben gezeigt: Nichts kommt an den Euro Hawk ran

Das Verteidigungsministerium untersucht gerade, ob der Euro-Hawk-Nachfolger bemannt oder unbemannt sein soll. Das Kommando Luftwaffe legte am 19. März 2013 – also ziemlich genau zwei Monate bevor de Maizière erfahren haben will, dass die Probleme beim Euro Hawk unlösbar seien – einen Untersuchungsbericht zu den alternativen Trägerplattformen Airbus A319 und der Drohne Heron TP vor. Tags darauf präsentierte das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr einen weiteren Report zur "technisch-wirtschaftlichen Untersuchung der Integration" von Isis in "alternative Sensorplattformen". Anders gesagt: Auch hier sucht man einen neuen Euro-Falken.

Erkenntnis der Untersuchungen: Es wird teuer – und nichts kommt an den Euro Hawk ran. Für ihn wäre ein Einsatz über Afghanistan mit Start und Landung auf dem norddeutschen Militärflughafen Jagel möglich. Trotz einer An- und Abflugstrecke von 10.000 Kilometern hätte der Euro Hawk genügend Reserven, um das Einsatzgebiet hinreichend lange zu überwachen.

Heron TP, eine israelische Kampfdrohne, deren Vorgängermodell Heron 1 die Bundeswehr als unbewaffnete Aufklärungsvariante in Afghanistan einsetzt, kann maximal 1.000 Kilogramm Nutzlast tragen. Isis wiegt mindestens 1,3 Tonnen. Damit ist die Heron aus dem Rennen.

Der bemannte Airbus A319 kommt nicht weiter als rund 10.000 Kilometer, ohne in der Luft betankt zu werden – ein erheblicher Kostentreiber, zumal die Maschine für die Luftbetankung umgebaut werden müsste. Die Konstruktionsabteilung der EADS-Tochter Airbus dürfte dann Spanten, Kabelbäume und vieles mehr komplett neu entwerfen. Außerdem gehen Experten davon aus, dass es erheblicher statischer Veränderungen an der Maschine bedarf, damit die Isis-Technik ähnlich wie beim Euro Hawk angebracht werden kann: unter den Tragflächen, im vorderen Rumpf und im Heck. Auch ohne Innenleben kostet eine A319 rund 50 Millionen Euro. Mit Umbau, Strahlenschutz für die Crew und den erweiterten Tanks im Laderaum dürfte sie nicht unter 100 Millionen Euro zu haben sein. Plus Entwicklungskosten. Und nach Ansicht einiger Verteidigungspolitiker müsste die Bundeswehr, sollte der A319 Isis-Träger werden, sich sogar noch ein weiteres Tankflugzeug zulegen. In diesem Fall wären weitere rund 300 Millionen Euro fällig.

Bei längeren Einsatzzeiten müssten zudem pro Flugzeug drei bis vier Crews an Bord, Experten, die auszubilden und weiterzuschulen wären. Das wäre nicht nur wesentlich teurer als der Heimpilot, der seine Drohne allein steuert, es wäre auch gefährlicher. Die Menschen an Bord eines bemannten Aufklärungsflugzeugs müssten gleich doppelt geschützt werden: vor der Strahlung der Isis-Radaranlage an Bord – und vor dem Gegner am Boden. Im Unterschied zur Drohne wäre beim Abschuss eines bemannten Aufklärers der Sachschaden das geringste Problem.

Vermutlich werden weitere dreistellige Millionenbeträge ausgegeben

Der A319 gilt trotzdem als Favorit unter den Nachfolgekandidaten des Euro Hawk. Grund: Er wird von EADS gebaut. Mitglieder des Verteidigungsausschusses berichten von kaum verhohlener EADS-Protektion durch Staatssekretär Beemelmans. Er ist de Maizières engster Vertrauter, ein Mann von beachtlichem Selbstbewusstsein und guten Industriekontakten. Als Beemelmans im Verteidigungsausschuss verkündete, dass er das Projekt Euro Hawk beerdigt habe, schob er umgehend nach: Bevor irgendetwas bestellt werde, müsse man erst einmal schauen, was EADS so im Angebot führe. Wie schön – für EADS. Und wie unschön – für den Steuerzahler.

Denn der muss nicht nur für die Drohne, die nie fliegen wird, aufkommen, sondern auch noch für so manches, was in ihrer Kostenplanung gar nicht vermerkt ist. So wurde in der verhinderten Drohnen-Heimat Jagel für 11,3 Millionen Euro bereits eine Halle für den Euro Hawk gebaut, und fast 15 Millionen Euro wurden in den Umbau sowie in die Verlängerung der zweiten Start- und Landebahn investiert. "Wenn die Erprobung des Euro Hawks in Manching abgeschlossen wird, findet der Euro Hawk ab Frühsommer 2012 in Jagel sein bereits fertiges Nest vor, da die entsprechenden Hallen für das Aufklärungssystem schon aufgezogen wurden." So beschreibt die Luftwaffe im Internet eine Zukunft, die längst nie erlebte Vergangenheit ist.

In der Summe werden, so sieht es aus, nun weitere dreistellige Millionenbeträge ausgegeben, bevor die Bundeswehr ein Aufklärungsflugzeug besitzt, das nur halb so viel kann, wie der Euro Hawk gekonnt hätte. Und das Soldaten einer Gefahr aussetzt, die eine Drohne gar nicht kennt. War es die richtige Entscheidung, hier Geld zu sparen, um es dort auszugeben, nur um am Ende das schlechtere Produkt zu bekommen?

Wohl kaum.

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Airbus | Verteidigungsministerium | EADS | Aufklärungssystem | Drohne | Euro
    Service