Deutsche Bahn"Kein Hexenwerk"

Rüdiger Grube über dringend benötigte Züge, die nicht fertig werden, billige Busse und seine größten Fehler als Bahn-Chef von  und

DIE ZEIT: Herr Grube, die Bahn bekommt Billigkonkurrenz. Für 22 Euro reist man mit dem Bus von Köln nach München, mit dem ICE kostet es 138 Euro. Wer will da noch Zug fahren?

Rüdiger Grube: Fast jeder. Mit dem Bus brauchen Sie die dreifache Zeit. Meine Tochter ist gerade mit dem Bus von Stuttgart nach Mannheim gefahren, um eine Freundin zu besuchen. Sie war eineinhalb Stunden unterwegs. Sie hat gesagt: Nie wieder, und ist mit dem Zug zurückgefahren – in einer halben Stunde. Sie hat gern 22 Euro bezahlt statt acht Euro. Für lange Strecken gibt es Sparpreise von 29 Euro. Wer komfortabel, umweltfreundlich und schnell reisen will, nimmt den Zug.

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ZEIT: ...und leidet dann unter Verspätungen.

Grube: Bahn fahren war noch nie so beliebt wie heute. Wir hatten 2012 einen Fahrgastrekord. Die Zahl der Fahrgäste ist um vier Prozent gestiegen, die Zahl der innerdeutschen Flugreisenden hingegen um 3,8 Prozent zurückgegangen. Fast zwei Milliarden Mal sind Menschen 2012 mit der Bahn gefahren, 49,5 Millionen Mal mehr als im Vorjahr. Das ist doch was, oder?

ZEIT: Da gab es die Fernbusse auch noch nicht.

Grube: Erstens: Wir selbst sind der größte Fernbusbetreiber in Deutschland. Wo es keine gute Zugverbindung gibt, etwa zwischen Freiburg und München, da bieten wir heute schon Busverkehr an. Zweitens: Wir reden über einen Markt, der in drei Jahren vielleicht auf 200 Millionen Euro anwachsen wird. Klein, heiß umkämpft, mit ganz geringen Margen und verhältnismäßig großen Investitionen.

ZEIT: Mit Ihrem Pessimismus stehen Sie allein. 60 Unternehmen, darunter Aldi, ADAC und die Post, wollen auf dem Fernbusmarkt mitmischen.

Grube: Ich sage immer, Erfahrungen sind maßgeschneidert. Sie passen nur dem, der sie selbst macht. Viele von denen, die nun über Nacht ihr Geschäft entdecken, werden auch über Nacht wieder verschwunden sein.

ZEIT: Sie könnten sich sogar über die Busse freuen. Die Bahn fährt heute am Rande ihrer Kapazitätsgrenzen.

Grube: Ja. Zu bestimmten Spitzenzeiten, freitagnachmittags, sonntagnachmittags, montagmorgens, sind wir voll ausgelastet. Wenn der Wochenendverkehr und der Pendelverkehr zusammentreffen, wird es schwer.

ZEIT: Warum setzt die Bahn nicht mehr Anreize, damit sich die Passagiere besser auf die angebotenen Verbindungen verteilen?

Grube: Das tun wir doch. Auf stark frequentierten Strecken machen wir günstige Angebote, damit nicht alle Fahrgäste Freitag um 17 Uhr fahren. Wer schon um 12 Uhr fährt, zahlt weniger.

Es ist doch komisch, dass ein Zug, der in Deutschland gebaut wurde, nur im Ausland fährt

Rüdiger Grube

ZEIT: Die Erfahrung Ihrer Kunden ist: Die wenigen Spartickets sind schnell weg. Sie sollten die Tickets für leere Züge viel billiger machen.

Grube: Schauen Sie mal ins Internet: Tickets gibt es schon ab 19 Euro. Fakt ist aber auch, dass viele Kunden flexibel reisen wollen. Mein Vorgänger hat das mal zu ändern versucht. Die Reaktion der Fahrgäste war so eindeutig negativ, dass sich sogar der damalige Bundeskanzler eingeschaltet hat und den Bahn-Chef gebeten hat, die Reform zu stoppen. Man muss Erfahrungen nicht zweimal machen.

ZEIT: Sie könnten ja mehr Züge fahren lassen.

Grube: Wenn wir sie denn hätten! Wir haben bei Siemens 16 neue Hochgeschwindigkeitszüge bestellt. Die sollten bereits ab August 2011 geliefert werden. Wir haben sie heute noch nicht und kennen nicht einmal einen Liefertermin. Ich gehe deshalb nicht davon aus, dass wir die neuen ICEs im Winter bereits einsetzen können.

ZEIT: Wer hat Schuld?

Grube: Wir jedenfalls nicht. Wir haben die Züge klar spezifiziert sowie bestellt und zahlen pünktlich.

ZEIT: Hätte die Bahn frühzeitig bestellt, hätte sie den Engpass vermeiden können.

Grube: Da bin ich entschieden anderer Meinung! Wir haben Verträge. Und auf die müssen wir uns verlassen können. Einen Zug zu bauen ist ja kein Hexenwerk.

ZEIT: Sind die Prüfer des Eisenbahn-Bundesamtes bei der Zulassung zu streng?

Grube: Richtig ist, die Prozesse und Aufgaben müssen dringend neu geordnet werden. Ein Beispiel: Wir haben 295 Züge vom Typ Talent 2 bei Bombardier bestellt. Nach der Auslieferung des 130. Zuges hat das Eisenbahn-Bundesamt zusätzliche Anforderungen gestellt. Die Züge hatten sich aber gar nicht verändert. Irritierend ist das schon. Oder nehmen Sie den ICE 3, der in Russland schon fährt. Es ist doch komisch, dass ein Zug, der in Deutschland gebaut wurde, nur im Ausland fährt.

ZEIT: Was muss sich da ändern?

Grube: Das Zulassungsverfahren muss dringend reformiert werden – nach dem Vorbild der Luftfahrtindustrie. Wir brauchen eine Typenzulassung, das heißt, wenn ein Zug zugelassen ist, sollte das für alle Züge derselben Baureihe gelten. Zudem sollte nicht das Eisenbahn-Bundesamt die Sicherheit der Züge garantieren, sondern die Hersteller müssen den Nachweis erbringen. Die Anforderungen während des Zulassungsprozesses dürfen sich auch nicht laufend verändern. Um das System zu reformieren, hat Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer nun alle Beteiligten zusammengerufen.

ZEIT: Aber Sie reden doch schon seit Jahren.

Grube: Nun müssen wir endlich zu einem Ergebnis kommen. Meine große Sorge ist, dass sich die Bahnindustrie vom Standort Deutschland verabschiedet und die Züge lieber im Ausland baut.

Leserkommentare
    • tose25
    • 20. Juni 2013 10:20 Uhr

    "Die Erfahrung Ihrer Kunden ist: Die wenigen Spartickets sind schnell weg. Sie sollten die Tickets für leere Züge viel billiger machen."

    Auf diesen Vorschlag geht leider Herr Grube hier im Artikel überhaupt nicht ein. Beispiel aus meiner Erfahrung: Der ICE 816 ist sonntags Abfahrt 15:16 Uhr von Frankfurt nach Köln in der Regel nur zu etwa 25 % ausgelastet. Der Sparpreis 3 Tage vorher beträgt aber meistens 49 Euro für die 180 Kilometer lange Strecke. Wäre der Preis auch 3 Tage vorher bei 19 oder 29 Euro, wäre die Auslastung wahrscheinlich höher. Bei geringeren Preisen würden sich die aktuell leeren Züge ohne Probleme füllen lassen. Vermutlich werden die Kontingente 3 Wochen vorher absichtlich vernappt ohne dass jemand ein Ticket für den entsprechenden Zug gekauft hat. Mit einer BahnCard 50 kaufe ich dann doch lieber den Normalpreis für 34,50 Euro und setzte mich dann in einen vollen Zug, der aber zu meiner Lieblingszeit fährt. Dieses Beispiel gibt es für viele andere Züge. Bei dieser Preispolitik ist es doch kein Wunder, dass die Bahn zu beliebten Zeiten sehr voll ist, aber die durchschnitliche Auslastung trotzdem nur bei 50 % liegt. Konkurrenz auf der Schiene würde da helfen, nur müssten dafür erstmal die passenden Rahmenbedingungen geschaffen werden.

  1. Da sieht man mal wieder, was für eine schlechte Öffentlichkeitsarbeit dereinst von Walter Ulbricht betrieben wurde. Er hätte einfach zwei Monate nach dem berühmten Satz „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ den Satz „Heute ist die Situation eine völlig andere.“ hinterher schieben müssen, es hätte, wie man hier in diesem Interview sieht, als Erklärung vollkommen ausgereicht.

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  2. Es hat mit Scheinheiligkeit zu tun, wie dass Problem die Klimaanlage herunter gespielt wird und wurde und das über mehret Jahre. Immer wieder vertröstet auf die neuen Züge die kommen sollen. Die Bahn lebt in einem Projekt - Management - Fehlbesetzungstrauma der Nichtdurchführung von gesagten Projekten. Stuttgart 21 ist eine Farce, dass Schienennetz ist eine Farce, die Bahnhöfe sind zum Größten Teil Dreckschleudern. Was soll ich sonst noch aufzählen - ach ja einige Service Personen weigern sich den Kartenautomaten zu erklären - warum dieses ?? usw. Den Reim kann sich jeder selber machen von der sogenannten Zukunftsversion der Bahn

  3. Wenn man z.B. von Berlin nach Freiburg will kostet das für 2 Personen ca. 300€ + Sitzplatzreservierung. Gratis ist hingegen das Vergnügen mal wieder hinter einer aufgedrehten Teenager-Schulklasse zu sitzen, die die halbe Fahrt nur rumkreischt.
    Klar kann man versuchen ein sparpreis zu ergattern aber auf den beliebten Strecken an Wochenenden ist das fast unmöglich, es sei denn man buch 2 Monate vorher. Dank der Zugbindung ist aber auch das totales Glückspiel, denn weiss ich ob ich Freitag in 2 Monaten früher Feierabend machen kann? Also verschwende ich im Zweifelsfall Zeit mit warten oder muss weg obwohl ich noch etwas zuende hätte bringen müssen.

    Die Alternative ist für 120€ ein Auto(und dafür bekommt man dann keinen Smart sondern einen A3 oder ähnlich) zu mieten, wo für die Strecke nochmal ca. 60€ Tankkosten dazukommen. Dann können wir losfahren wann es uns passt, niemand schreit vor/hinter uns rum und wenn man noch 2 Mitfahrer mitnimmt kostet hin- und rückfahrt zusammen weniger als ein Weg mit dem Zug. Und ist btw. auch Energieeffizienter.

    Ich verstehe wirklich nicht warum sich leute immernoch den Verspätungs/Lärm/Großraum/unbequeme-Sitze Wahnsinn der 2. Klasse im ICE antun. Aber jedem das Seine.

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    Die Bahnfahrt kostet ohne Bahncard 50 139€.
    d.h. 278€ insgesamt.

    Wenn sie bei Sixt ein Auto mieten dann kostet das
    im güstigen Wochenendtarif 50€ - wenn sie nur
    eine Strecke rechnen eher 60€ plus Zuschlag das
    sie an einer anderen Station zurückgeben. Dazu kommen
    dann noch 900 Freikilometer im Wochenendtarif
    oder 300 Freikilometer wenn sie nur die Strecke
    einfach fahren.

    Jeder Zusatzkilometer kostet 0.27€ das sind auf
    der einfachen Strecke Berlin-Freiburg nochmal
    148.5€. Bei dem Tarif haben sie 850€ Selbstbeteiligung
    in der Kasko. Wenn sie das auf 0€ reduzieren wollen sind
    das nochmal 19.42€ pro Tag.
    Wenn ihr Mietwagen 7l/100km verbraucht dann können
    sie 7l/100km*850km * 1.512 Euro (Benzin E10) = 89,964 Euro
    rechnen.

    Das sind insgesamt etwa:
    60€ + 148.5€ + (19.42€) + 89.964€ = 298,5€ (317,9€)

    Wenn sie das Auto das ganze Wochenende mieten
    wird es relativ gesehen etwas günstiger.
    Potentielle Strafzettel sind nicht berücksichtigt.

    Fazit:

    Der Mietwagen ist teurer wird aber günstiger wenn sie
    Mitfahrer mitnehmen. Damit entkräften sie aber ihr
    Argument mit der Schulklasse. Mitfahrer können
    genauso nerven.

    Eine Bahncard 50 amortisiert sich wenn sie die Strecke 2x fahren.
    Dann kommen sie wesentlich billiger als bei der Autovermietung
    weg.
    Und dann muss man noch entscheiden:
    Will man 8 Stunden Autofahren, (bzw. eher wahrscheinlich
    9 Stunden mit Pausen) oder will man die Zeit im Zug
    sitzen und schlafen, lesen oder mit dem Notebook was arbeiten?

  4. Ich hätte es schön gefunden, wenn Herr Grube mal erläutert hätte, wie es möglich ist, dass ein Verkehrsmittel, dass maximal 50 Passagiere transportieren kann (Bus) auf derselben Distanz fünfmal billiger pro Passagier sein kann (die paar Lockvogel-"Billig"tickets außen vor..), als eines, das die fast 10fache Fahrgastkapazität aufweist (ICE).

    Entweder Fernzüge sind grotesk unwirtschaftlich - oder es könnte mit dem kleinen Wörtchen zusammenhängen, dass Herr Grube so beiläufig fallen lässt - Gewinnmarge.

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  5. Die Bahnfahrt kostet ohne Bahncard 50 139€.
    d.h. 278€ insgesamt.

    Wenn sie bei Sixt ein Auto mieten dann kostet das
    im güstigen Wochenendtarif 50€ - wenn sie nur
    eine Strecke rechnen eher 60€ plus Zuschlag das
    sie an einer anderen Station zurückgeben. Dazu kommen
    dann noch 900 Freikilometer im Wochenendtarif
    oder 300 Freikilometer wenn sie nur die Strecke
    einfach fahren.

    Jeder Zusatzkilometer kostet 0.27€ das sind auf
    der einfachen Strecke Berlin-Freiburg nochmal
    148.5€. Bei dem Tarif haben sie 850€ Selbstbeteiligung
    in der Kasko. Wenn sie das auf 0€ reduzieren wollen sind
    das nochmal 19.42€ pro Tag.
    Wenn ihr Mietwagen 7l/100km verbraucht dann können
    sie 7l/100km*850km * 1.512 Euro (Benzin E10) = 89,964 Euro
    rechnen.

    Das sind insgesamt etwa:
    60€ + 148.5€ + (19.42€) + 89.964€ = 298,5€ (317,9€)

    Wenn sie das Auto das ganze Wochenende mieten
    wird es relativ gesehen etwas günstiger.
    Potentielle Strafzettel sind nicht berücksichtigt.

    Fazit:

    Der Mietwagen ist teurer wird aber günstiger wenn sie
    Mitfahrer mitnehmen. Damit entkräften sie aber ihr
    Argument mit der Schulklasse. Mitfahrer können
    genauso nerven.

    Eine Bahncard 50 amortisiert sich wenn sie die Strecke 2x fahren.
    Dann kommen sie wesentlich billiger als bei der Autovermietung
    weg.
    Und dann muss man noch entscheiden:
    Will man 8 Stunden Autofahren, (bzw. eher wahrscheinlich
    9 Stunden mit Pausen) oder will man die Zeit im Zug
    sitzen und schlafen, lesen oder mit dem Notebook was arbeiten?

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  6. Anscheinend doch !
    Böse Kräfte ( in Form des billigsten Anbieters !) verhindern das Funktionieren der Klimaanlagen ! Was kann man da tun ? Dem Vorstand sind durch ein Fesselungszauber des Controllings die Hände gebunden !
    Im Übrigen: "Sie war eineinhalb Stunden unterwegs. Sie hat gesagt: Nie wieder, und ist mit dem Zug zurückgefahren – in einer halben Stunde. Sie hat gern 22 Euro bezahlt statt acht Euro."
    Dafür hat sie aber im, Gegenzug im Bus 14 Euro/h netto verdient, nur mit den Händen im Schoß, eigentlich kein schlechter Stundenlohn !

  7. Erstens. Der ICE von Mannheim nach Stuttgart benötigt 38 Minuten.
    Zweitens. Der ICE-Tarif von Mannheim nach Stuttgart kostet 38Euro, 1Euro/Minute.
    Drittens. Wie soll seine Tochter dann mit der Bahn schneller UND günstiger nach Stuttgart fahren?

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