DirigentinnenWie kommt die Frau zum Taktstock?

Kristiina Poska hat es in Berlin geschafft, Simone Young zuvor schon in Hamburg: Die klassische Musik kennt inzwischen große Dirigentinnen. Aber immer noch werden weibliche Karrieren am Pult behindert. Es ist an der Zeit, die Geduld zu verlieren. von Christine Lemke-Matwey

Wenn Kristiina Poska zum Applaus erscheint, nach ei- ner Opernvorstellung oder einem Konzert, hat sie stets ihren Taktstock dabei, jongliert ihn durch Beifallswogen, schützt ihn vor herandrängenden Sängern, Solisten und Orchestermusikern. Der Taktstock ist ihre Insignie. Niemand soll fragen, was die junge blonde Frau im schwarzen Anzug auf der Bühne zu suchen hat. Alle sollen wissen: Sie ist die Dirigentin. Nur lassen sich die alten Bilder in unseren Köpfen nicht so schnell korrigieren, wie vor unseren Augen neue entstehen. Die Herren Toscanini oder Karajan müssten schon ein imaginäres Stückchen zur Seite rücken, um einer Frau Poska Platz zu machen. Das passiert leider nur selten.

Ein Grund dafür: Mit Männern tut sich die Musikwelt leichter. Die Kerle in den Fräcken sind immer die Dirigenten, wer sonst, seit 200 Jahren. Auch ohne Taktstöcke.

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Ein zweiter Grund: Hinter der Kleiderordnung steckt natürlich viel mehr. Wer Frauen dirigieren sehen möchte, werfe einen Blick in die Serie Maestro auf BBC Two, einen Dirigentenwettbewerb für Laien, vorzugsweise aus dem Showgeschäft. Selbst Sue Perkins, die Siegerin von 2009 – Komikerin und bekennende Lesbe – posiert da im Spaghettiträgerfähnchen, den Taktstock wie eine Stricknadel in der linken Hand. Warum das so albern ist? Erstens weil es nicht zu Perkins passt. Zweitens weil Dirigentinnen nie Kleider tragen. Und drittens weil ausgerechnet die Dämlichkeit eines TV-Unterhaltungsformats das ganze Dilemma offenbart: Entweder die Frau bleibt der gesellschaftlichen Konvention treu, dann sprengt sie das Ritual (und disqualifiziert sich gleichzeitig dafür); oder sie beugt sich dem Ritual, dann bleibt ihr, im übertragenen Sinn, bloß der Griff zu Jacke und Hose. Viele Frauen in Führungspositionen können davon ein Lied singen.

Kristiina Poska, Jahrgang 1978 und aus Türi/Estland, braucht zur Stärkung erst einmal eine Berliner Kartoffelsuppe. Ein Lokal Unter den Linden, sie spricht nicht gerne über sich als Frau. Und tut es dann doch. Respekt sei für sie "absolut geschlechtsneutral", sagt sie zum Beispiel, oder dass es die Position des Dirigenten nicht erlaube, "über sich selbst nachzudenken". Typische Poska-Sätze sind auch: "Ich kenne kein natürliches Führungsbedürfnis, für mich geht es immer um das Zusammen-Musizieren. Ursprünglich hatte ich sogar tierische Angst, vor Menschen aufzutreten – aber wo Angst ist, ist auch Mut. Man muss ihn nur finden."

Mit 17 hört die Tochter sportbegeisterter Eltern zum ersten Mal ein Sinfoniekonzert, Beethovens Siebte. Schon beim Einstimmen der Instrumente weiß sie: "In diesem Klang will ich leben." Das Orchester sei für sie bis heute "ein Weltwunder". Da sie aber kein Orchesterinstrument spielt, sondern nur Klavier (und singt), muss sie wohl oder übel nach vorne, ans Dirigentenpult. Heute ist Kristiina Poska Erste Kapellmeisterin an der Komischen Oper Berlin – ein Posten, auf den sich in der Regel 300 bis 400 Kandidaten bewerben. Poska bekommt ihn eher "zufällig", wie sie meint, durch ein Vordirigat und zwei gelungene Vorstellungen. Aber "ohne den Rückhalt meines Umfelds hätte ich mich sicher nicht beworben". Der typisch weibliche Bescheidenheitsgestus?

Die 34-Jährige ist eine blitzgescheite, blitzschnelle Person mit baltisch blauen Augen, energischem Händedruck und einer erstaunlich tiefen Stimme. Ende April gewann sie den mit 35000 Euro dotierten Deutschen Dirigentenpreis, als erste Frau. Mit dem schwierigsten von drei Werken – der Suite aus Leoš Janáčeks Oper Das schlaue Füchslein – setzte sie sich in der Finalrunde des Wettbewerbs gegen eine Koreanerin und einen Deutschen durch. Für ihre Verhältnisse dirigierte Poska weich, fast zärtlich, als zöge sie die Musiker an unsichtbaren Fäden. Keiner der vertrackten Übergänge und tückischen Tempowechsel der Partitur bereitete ihr Mühe, manchmal schien sie regelrecht abzuheben, zu fliegen, sich zu verströmen ins Funkeln der Farben und Klänge. Dirigieren, sagt Poska, sei so ziemlich das Beste, was sie kenne: "Es hat im Idealfall mit Vollkommenheit, mit Liebe zu tun. Dann ist alles im Fluss und im Einklang, ohne Kampf."

Leserkommentare
  1. Hallo,

    vielen Dank fuer den Artikel.
    Eine Anmerkung: Die Uni Leipzig hat niemals "Herr Professorin " eingefuehrt, das war lediglich die Schlagzeile von Spiegel Online.
    Es wird weiter ganz normal Herr Professor gesagt, lediglich in der Grundordnung der Uni steht jetzt nicht mehr zB "Der Senat ist bei Berufungen von Professoren/Professorinnen zu folgenden Angelege
    nheiten zu hören: " sondern "Der Senat ist bei Berufungen von Professorinnen zu folgenden Angelegenheiten zu hören: "

    Schoen erklaert ist das auch hier:
    http://www.bildblog.de/49...

    Ihre Anmerkung wurde weitergeleitet. Danke, die Redaktion/mak

  2. 2. Danke

    für diesen sensiblen und gut geschriebenen Artikel!

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  • Schlagworte Dirigent | Hollywood | Orchester | Berlin | Hamburg | Hannover
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