Wenn Kristiina Poska zum Applaus erscheint, nach ei- ner Opernvorstellung oder einem Konzert, hat sie stets ihren Taktstock dabei, jongliert ihn durch Beifallswogen, schützt ihn vor herandrängenden Sängern, Solisten und Orchestermusikern. Der Taktstock ist ihre Insignie. Niemand soll fragen, was die junge blonde Frau im schwarzen Anzug auf der Bühne zu suchen hat. Alle sollen wissen: Sie ist die Dirigentin. Nur lassen sich die alten Bilder in unseren Köpfen nicht so schnell korrigieren, wie vor unseren Augen neue entstehen. Die Herren Toscanini oder Karajan müssten schon ein imaginäres Stückchen zur Seite rücken, um einer Frau Poska Platz zu machen. Das passiert leider nur selten.

Ein Grund dafür: Mit Männern tut sich die Musikwelt leichter. Die Kerle in den Fräcken sind immer die Dirigenten, wer sonst, seit 200 Jahren. Auch ohne Taktstöcke.

Ein zweiter Grund: Hinter der Kleiderordnung steckt natürlich viel mehr. Wer Frauen dirigieren sehen möchte, werfe einen Blick in die Serie Maestro auf BBC Two, einen Dirigentenwettbewerb für Laien, vorzugsweise aus dem Showgeschäft. Selbst Sue Perkins, die Siegerin von 2009 – Komikerin und bekennende Lesbe – posiert da im Spaghettiträgerfähnchen, den Taktstock wie eine Stricknadel in der linken Hand. Warum das so albern ist? Erstens weil es nicht zu Perkins passt. Zweitens weil Dirigentinnen nie Kleider tragen. Und drittens weil ausgerechnet die Dämlichkeit eines TV-Unterhaltungsformats das ganze Dilemma offenbart: Entweder die Frau bleibt der gesellschaftlichen Konvention treu, dann sprengt sie das Ritual (und disqualifiziert sich gleichzeitig dafür); oder sie beugt sich dem Ritual, dann bleibt ihr, im übertragenen Sinn, bloß der Griff zu Jacke und Hose. Viele Frauen in Führungspositionen können davon ein Lied singen.

Kristiina Poska, Jahrgang 1978 und aus Türi/Estland, braucht zur Stärkung erst einmal eine Berliner Kartoffelsuppe. Ein Lokal Unter den Linden, sie spricht nicht gerne über sich als Frau. Und tut es dann doch. Respekt sei für sie "absolut geschlechtsneutral", sagt sie zum Beispiel, oder dass es die Position des Dirigenten nicht erlaube, "über sich selbst nachzudenken". Typische Poska-Sätze sind auch: "Ich kenne kein natürliches Führungsbedürfnis, für mich geht es immer um das Zusammen-Musizieren. Ursprünglich hatte ich sogar tierische Angst, vor Menschen aufzutreten – aber wo Angst ist, ist auch Mut. Man muss ihn nur finden."

Mit 17 hört die Tochter sportbegeisterter Eltern zum ersten Mal ein Sinfoniekonzert, Beethovens Siebte. Schon beim Einstimmen der Instrumente weiß sie: "In diesem Klang will ich leben." Das Orchester sei für sie bis heute "ein Weltwunder". Da sie aber kein Orchesterinstrument spielt, sondern nur Klavier (und singt), muss sie wohl oder übel nach vorne, ans Dirigentenpult. Heute ist Kristiina Poska Erste Kapellmeisterin an der Komischen Oper Berlin – ein Posten, auf den sich in der Regel 300 bis 400 Kandidaten bewerben. Poska bekommt ihn eher "zufällig", wie sie meint, durch ein Vordirigat und zwei gelungene Vorstellungen. Aber "ohne den Rückhalt meines Umfelds hätte ich mich sicher nicht beworben". Der typisch weibliche Bescheidenheitsgestus?

Die 34-Jährige ist eine blitzgescheite, blitzschnelle Person mit baltisch blauen Augen, energischem Händedruck und einer erstaunlich tiefen Stimme. Ende April gewann sie den mit 35000 Euro dotierten Deutschen Dirigentenpreis, als erste Frau. Mit dem schwierigsten von drei Werken – der Suite aus Leoš Janáčeks Oper Das schlaue Füchslein – setzte sie sich in der Finalrunde des Wettbewerbs gegen eine Koreanerin und einen Deutschen durch. Für ihre Verhältnisse dirigierte Poska weich, fast zärtlich, als zöge sie die Musiker an unsichtbaren Fäden. Keiner der vertrackten Übergänge und tückischen Tempowechsel der Partitur bereitete ihr Mühe, manchmal schien sie regelrecht abzuheben, zu fliegen, sich zu verströmen ins Funkeln der Farben und Klänge. Dirigieren, sagt Poska, sei so ziemlich das Beste, was sie kenne: "Es hat im Idealfall mit Vollkommenheit, mit Liebe zu tun. Dann ist alles im Fluss und im Einklang, ohne Kampf."

Der Musikbetrieb ist ein "old boys network"

Das Orchester hätte hinterher trotzdem nicht für sie votiert: Man habe sich bei ihr nicht frei gefühlt, habe nicht wirklich musizieren können. Wenngleich solche Nörgeleien mit Vorsicht zu genießen sind, treffen sie doch einen wunden Punkt: Sind Frauen, die offen von ihren Ängsten sprechen und davon, dass es ihnen nur um die Sache und nicht um Macht oder Autorität gehe (wie manchen Männern übrigens auch), am Ende vielleicht die schlimmsten Dragoner? Tyranninnen aus Unsicherheit? Das Phänomen ist verbreitet. Ob man Julia Jones in diesem Frühjahr mit Mozarts Idomeneo an der Frankfurter Oper erlebt hat oder Anu Tali am vergangenen Wochenende als Debütantin beim Konzerthausorchester Berlin (mit Sibelius) – stets haftet den Pultarbeiterinnen etwas Zackiges, Soldatisches an, eine Art Überakkuratesse. Als dürften sie sich nichts zuschulden kommen lassen. Als müssten sie ihr Geschlecht doppelt wettmachen.

Sind das Antworten auf die Frage, warum es bis heute keinen weiblichen Toscanini oder Karajan gibt? Entweder flüchten Frauen nach vorn und merzen aus, was sie verletzbar machen könnte, verletzbarer als die in der Tradition geborgenen Männer; dann fehlt der Musik, paradox, aber wahr, oft jenes schwelgerisch-freizügige Element, das die (zu 99 Prozent männlichen) Komponisten ihr gern als "weiblich" zuschreiben. Und die Orchester nölen, dass sie sich nicht frei fühlen. Oder aber Frauen fürchten diese kompensatorische Dynamik – und finden Schlupflöcher: an den Rändern des Repertoires, in der Alten wie in der Neuen Musik, an Konservatorien oder in den wie Boviste aus dem Boden schießenden Education-Einrichtungen. Das wiederum macht sie mehrheitlich unsichtbar, zumindest für den traditionellen Musikbetrieb.

Dieser fußt auf einem eingefleischten old boys network. Orchestervorstände, Intendanten, Manager, Agenten, Veranstalter: alles Männer. Und Männer knüpfen gerne männliche Seilschaften. Das scheint ihnen im 21. Jahrhundert das Gefühl zu geben, ungehemmt den Regeln des 19. gehorchen zu können, als die Partituren, Orchester und Säle wuchsen und es ohne Koordinator, ohne einen maestro di cappella nicht mehr ging. Ein Mensch steht erhöht auf einer Kiste und gibt vielen anderen mit Gesten (und Taktstock) zu verstehen, was sie tun sollen – das ist der Dirigent. Nicht erst seit Canettis Masse und Macht von 1960 gilt er als die Inkarnation moderner Autorität und Führungskraft.

Frauen drängen spät in diese Domäne und sehr vereinzelt. Lauthals beklagt hat das erst die zweite Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts – mit Erfolg: 1977 wurde Sylvia Caduff Deutschlands erste Generalmusikdirektorin (beim Städtischen Orchester Solingen), ein Jahr später dirigierte sie als erste Frau in der Geschichte die Berliner Philharmoniker. Andere folgten, Alicja Mounk in Ulm, Marie-Jeanne Dufour in Meiningen, Julia Jones in Basel, Christine Rückwardt in Mainz – die große Gleichberechtigungswelle an den Pulten aber blieb aus. Auch der Fall des Eisernen Vorhangs oder die Expansion des asiatischen Musikmarktes änderten daran wenig. Heute werden von den 131 deutschen "Kulturorchestern" zwei von Frauen geleitet: das Hamburgische Staatsorchester von der Australierin Simone Young (gleichzeitig Intendantin der Hamburgischen Staatsoper) und das Niedersächsische Staatsorchester Hannover von der Amerikanerin Karen Kamensek. Warum sind es so wenige?

In den Wissenschaften gehört die Benachteiligung von Frauen zum Alltag, für die Wirtschaft, den Sport und andere Ernstfälle des Lebens gilt das Gleiche. Flexi-Quoten, Frauenförderpläne, Elterngelder, Kaskadenmodelle, Sanktionen – nichts scheint wirklich zu greifen. Fast hat man sich daran gewöhnt. Dass allerdings auch der "weiche Bereich" der Kultur alles andere als frauenfreundlich ist, befremdet. Wann werden die Werke bildender Künstlerinnen Verkaufspreise wie die eines Georg Baselitz oder Gerhard Richter erzielen? Wo bleiben die Regisseurinnen für Hollywood (oder wenigstens fürs deutsche Fernsehprogramm)? Wieso kommen Architektinnen kaum an internationale Großprojekte heran? Fragen, die einen langen Bart haben. Die Dirigentinnen sind nicht allein. Es herrscht Stagnation, und niemand stößt sich daran.

Niemand? Die Universität Leipzig tut es jetzt, und man weiß nicht recht, wie das zu verstehen sein soll: als Treppenwitz in der alten Debatte um eine geschlechtergerechtere Sprache? Als linguistische Ente? In Leipzig wird es bald "Herr Professorin" heißen, das generische Femininum soll in der neuen Verfassung der Alma Mater verankert werden. Damit seien, so versichern Fußnoten, alle gemeint, Frauen wie Männer. Bisher gab es nur Fußnoten für den umgekehrten Fall: Dank der angesprochenen Herren waren die Damen stets mitgemeint. Als zu vernachlässigende Minderheit, seit 2000 Jahren.

Gute Nacht, Frau Doktor – guten Morgen, Herr Generalmusikdirektorin?

An der Tatsache, dass Frauen in allen Führungspositionen dramatisch unterrepräsentiert sind, wird der Leipziger Vorstoß wenig ändern. Die Fakten und Zahlen sind bekannt, ein bisschen ist es wie beim Klimawandel oder beim Discounter vor den Auslagen mit dem Billigfleisch: Man kennt die Schweinereien der Industrie – und macht weiter wie bisher. Was den Stammtisch-Rhetorikern der Republik regelmäßig das Rückgrat stärkt: dass Männer den Kofferraum beladen, während Frauen "schnell das Gespräch mit dem schwierigen Handwerker" führen, bevor sie in die Ferien fahren, habe die Evolution wohl nicht von ungefähr so eingerichtet. Überhaupt, so fragt sich der gesunde Männerverstand: Ist in Sachen Chancengleichheit nicht alles viel besser geworden, sprich: gut genug? Nein, ist es nicht.

Ein paar Indizien für mehr Ausgewogenheit freilich gibt es, die wollen wir nicht verschweigen. Viele, wie der Musikwissenschaftler, Dirigent und Pädagoge Peter Gülke, pochen darauf, dass Frauen in den Dirigierklassen der Hochschulen "glorios auf dem Vormarsch" seien (ein Drittel weibliche Studierende, zwei Drittel männliche). Im Tokyo International Music Competition for Conducting seien 2012 sogar nur Frauen im Finale gewesen! Kleiner Schönheitsfehler: Es wurde kein einziger Preis vergeben – und in der Jury saßen nur Männer, mehrheitlich der Jahrgänge 1943 abwärts.

Andere führen außerhalb Europas Marin Alsop ins Feld, 56, die mit dem Baltimore Symphony Orchestra seit 2007 eines der großen amerikanischen Ostküsten-Orchester leitet; oder innerhalb Europas die Finnin Susanna Mälkki, die vergangene Woche als ständige Gastdirigentin beim Gulbenkian Orchester in Lissabon unterschrieben hat. Und ist es nicht auch ein gutes Zeichen, dass die Betroffenen selbst über das leidige Thema nicht mehr reden wollen? Hat eine Simone Young, 52, nicht genug geredet und getan, um die Öffentlichkeit zu sensibilisieren? Fotosessions mit High Heels und dem Taktstock als Peitsche, Interviews über Interviews, an fast allen Pulten dieser Welt die erste Frau, Vorbild nicht nur für den weiblichen Nachwuchs, dazu erfolgreiche Assistentinnen wie Karen Kamensek: Reicht das nicht?

Jeder weibliche Rückzug ein Problem

Nein. Wäre die Quote in der Musik nicht so jämmerlich, könnten sich Frauen, die es geschafft haben, solche Rückzugsgefechte leisten; in dem Moment aber, in dem hinter ihnen nur so wenige andere sichtbar sind, wird jeder Rückzug zum Problem, drohen sämtliche Mühen und Anstrengungen auf den Stand von anno dunnemals zurückzusinken. 129 zu 2, das entspricht einer Chefdirigentinnenquote in Deutschland von 1,5 Prozent. Also bleibt die Reporterin hartnäckig. Nach einer ersten Abfuhr ("Zum Thema ›Frauen am Pult‹ äußert sich Simone Young nicht mehr") schlägt sie vor, das Gespräch als Reprise zu begreifen, als Wiederaufnahme einer Begegnung von vor 20 Jahren. Damals debütierte Young in München mit Strauss’ Elektra, und die Zeitungen schwärmten von ihrem roten Pferdeschwanz, der wie eine Flamme aus dem Orchestergraben züngele.

Plötzlich fühlt die Australierin sich doch bei der Verantwortung gepackt. Aus ihrem Büro blickt man über die Dächer Hamburgs, am Abend zuvor hat sie Benjamin Brittens witzig-krude Krönungsoper Gloriana dirigiert: sehr ironisch und mit weichen, aus der Mitte ihres Körpers heraus schöpfenden Gesten. Young erzählt von Assistentinnen, die Angst haben, ihren Lebensgefährten zu erklären, wie viel sie nicht zu Hause sein werden; sie spricht über die fehlende "Besessenheit" junger Frauen und darüber, dass die Gesellschaft daran mit schuld sei, weil Frauen nun einmal nicht besessen sein sollen. Und sie weiß, wie rasch sich im "Mittelbau" der Kampf erschöpft: "Dirigieren ist, wenn man sein Instrument liebt, aber nicht zwangsläufig zurückgeliebt wird. Vielleicht halten Frauen das schlechter aus, emotional."

Vielleicht ist es auch einfach an der Zeit, die Geduld zu verlieren. In Leipzig etwa, wo es bald "Herr Professorin" heißt, hat es noch keine Frau ans Pult des Gewandhausorchesters geschafft, in 500 Jahren nicht. "Niemand sagt, wir wollen keine Frauen", berichtet der Agent Jasper Parrott, "es ist nur so." Harrison Parrott Ltd. mit Hauptsitz in London hat derzeit fünf Dirigentinnen unter Vertrag, das ist internationale Spitze. Die schlechtesten Erfahrungen macht die Agentur mit ihnen in Deutschland und Österreich, den Mutter-ländern der klassischen Musik. Das könnte der letzte, alles überwölbende Grund sein.

Je reicher das Musikleben, desto stärker die regressiven Kräfte. Demnach ist es logisch, dass sich Dirigentinnen gerade im deutschen Sprachraum so schwertun. Demnach wäre der Reichtum einer Tradition zugleich die größte Last. Musik aber kann nur lebendig bleiben, wenn sich ihre Rituale, ihre Bilder ändern dürfen. Mit mehr Frauen am Pult wäre das ein Leichtes.