WhistleblowerGute Freunde

Wenn die Geschichte stimmt, die der Whistleblower Edward Snowden über das Treiben der CIA in Genf erzählt, haben wir alle ein Problem. von Ralph Pöhner

Der ehemalige UBS-Angestellte Bradley Birkenfeld in Fort Lauderdale im August 2009

Der ehemalige UBS-Angestellte Bradley Birkenfeld in Fort Lauderdale im August 2009  |  © Andrew Innerarity/Reuters

Man sieht sie geradezu vor sich, die beiden Expats in Genf. Es ist Mai 2007, Edward Snowden, jung, schlank, still, ist soeben in der Stadt angekommen: Laut seinem Diplomatenpass wirkt er als Attaché bei den UN, aber in Wahrheit arbeitet der Computertechniker für, you know, die Agency. Der andere, Bradley Birkenfeld, älter und massiger, hat unlängst seine Stelle bei der UBS aufgegeben, aber er berät noch reiche Männer in Geldangelegenheiten. Man kann sich sogar vorstellen, wie die beiden Amerikaner gemütlich zusammensitzen, etwa im Bistro du Rhône am Quai du Seujet. Snowden wohnt nur ein paar Häuser weiter, beste Adresse direkt am Fluss; 23-Jährige können sich so etwas sonst nicht leisten.

Der eine, Snowden, sammelt Informationen, der andere hat sie: Noch im selben Monat wird Birkenfeld erste Geheimnisse aus dem Inneren der UBS an die US-Steuerbehörden liefern. Gut möglich, dass an so einem Maiabend 2007 ein anderer IT-Experte vorbeispaziert: Hervé Falciani, auf dem Heimweg von seiner Arbeit bei der HSBC, nur 300 Meter flussaufwärts von Snowdens Wohnung. Und der grübelt vielleicht, weil er nicht weiß, wie er seine Informationen auswerten könnte. Wenig später wird Falciani, von Beirut aus, erstmals Kontakt suchen zu den Nachrichtendiensten Deutschlands und Frankreichs, um ihnen Daten über Konten bei der HSBC-Bank anzubieten.

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Ob es sich so abgespielt hat? Kaum. Aber Edward Snowden, der Whistleblower aus dem Innern der US-Geheimdienste, erzählt jetzt eine neue Geschichte vom Agententreiben auf dem Finanzplatz Schweiz. Die CIA habe sich 2007 in Genf darum bemüht, hiesige Bankgeheimnisse zu knacken, sagte Snowden dem Guardian. Agenten hätten einen Schweizer Banker besoffen gemacht und ihn dann, getarnt als gute Freunde, als Informanten rekrutiert.

Ob die Story stimmt, wird momentan überprüft, Außenminister Didier Burkhalter nimmt sie jedenfalls ernst genug, um von den USA Erklärungen zu verlangen. Und es mag auch bloß Zufall sein, dass Bradley Birkenfeld just in jenem Frühjahr 2007 aktiv wurde: Der Mann, der den ganzen Steuerstreit mit den USA ins Rollen brachte, hatte seinen "Verrat" seit Längerem vorbereitet. Doch dramatisch sind Snowdens Aussagen allemal: Sie zeigen, dass die Zwangslage, in welcher das Parlament derzeit über die "Lex USA" berät, auch mit zweifelhaften, ja brachialen Mitteln herbeigeführt wurde. Für viele bestätigt sich nun, dass die Amerikaner einen Wirtschaftskrieg gegen die Schweiz führen.

Aber selbst Snowdens Aussagen liefern keinen Beleg dafür, dass Washington hier einen kleinen Finanzplatz infiltrieren und zerstören will. Soeben veröffentlichte die New York Times Regierungsdokumente, die in einer ähnlichen Frage das Gegenteil einer martialischen Strategie andeuten. Nachdem US-Finanzfahnder letztes Jahr bei den britischen Geldhäusern HSBC und Standard Chartered auf Geldwäscherei- und Sanktionsvergehen stießen, kam es darüber zu Spannungen zwischen dem (mäßigenden) Finanzministerium und den (vorpreschenden) Justizinstanzen. Keineswegs neu ist auch, dass die Geheimdienste Anlaufstellen sind für Schweizer Bankgeheimnisse. Hervé Falciani soll mehrfach mit Agenten in Kontakt gestanden haben.

Und an wen verkaufte der Liechtensteiner Heinrich Kieber seine Daten aus dem Finanzinstitut LGT? An den Bundesnachrichtendienst.

Snowdens Geschichten aus Genf müssen aus einem anderen Grund alarmieren. Im allgemeinen Glauben richten sich die Datenkraken der Geheimdienste vor allem gegen Terroristen, sie sollen helfen, Bombenanschläge zu verhindern. So stellte es jetzt auch Barack Obama dar, als er Snowdens NSA-Enthüllungen erklärte mit dem Satz, man könne nicht hundertprozentige Sicherheit und zugleich hundertprozentige Privatsphäre haben. Allein: Was haben all die geheimdienstlichen Ausflüge ins Bankgewerbe mit Sicherheit zu tun?

Es geht um die eigenen Bürger. Es geht um die Steuerzahler. Deren Daten suchen NSA, CIA, IRS. Wenn Snowdens Geschichte aus Genf etwas belegt, dann dies. Und wenn die Episode mit dem betrunkenen Banker jemanden wirklich alarmieren muss, dann sind es die Menschen in Amerika.

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Leserkommentare
  1. ... aber wo ist das Problem? Derartige Dinge wurden/werden doch in jedem halbsweg gut geschriebenen Spionagethriller beschrieben.

    Dass Auslandsgeheimdienste dazu da sind, im Ausland (deshalb der Name) interessante Informationen zu sammeln, ist doch wirklich Binse. Wir haben ja auch einen - BND. Der kann das allerdings (noch?) nicht so richtig, weil die wohl immer noch Ihrer Stammorganisation anhängen und den ganzen Tag "Fremde Heere Ost" spielen.

    Deshalb habe ICH kein Problem damit. Verhindern lässt sich das eh nicht.

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    • hairy
    • 20. Juni 2013 7:39 Uhr

    gibts schon als Buch, dann muss ich mir ja keine Gedanken mehr über die Wirklichkeit machen, zumal die eh nicht zu verändern ist. Na klasse. Genau wg. solcher Ansichten ändert sich dann tatsächlich nichts.

  2. Wirtschaftskrieg gegen die Schweiz führen."

    Wie soll man das nennen, was die Schweiz seit hundert Jahren praktiziert? Liebesdienste für Reiche mit Betrug der Länder, in denen der Reichtum mithilfe vieler fleißiger Hände erarbeitet wurde?

    Ich kann mir nicht helfen, mir sind diese Parteinahmen mancher Autoren für die Schweiz in Sachen Steuerflucht meist zu parteiisch. Zu kurzatmig, wenn es sich um die "Menschen" in den anderen Ländern dreht. Zu ungenau, da dieses geradezu parasitäre Absaugen der Reichtümer aus aller Herren Länder zu unverdientem Reichtum in der Schweiz führt und anderswo zu unverdientem Mangel, zu doppelter Arbeit und zu doppelt so hohen Steuern führt.

    Den Krieg, den hat die Schweiz höchstselbst angezettelt. Es war eine unausgesprochene Kriegserklärung, eine heimliche. Euphemistisch nannte manch einer sie Steuerkonkurrenz. Aber das Geld wurde nicht in der Schweiz verdient, deshalb ist es mehr als Konkurrenz. Fieser als Konkurrenz. Und nun endlich lässt ein Gehörnter, ein Betrogener seine Muskeln spielen, seine Konkurrenzfaktoren wirken.

    Wenn die Schweiz spurt, wird sie es deswegen tun, weil sie es sich nicht leisten kann, dass ihre Banken in USA übermäßig Ärger kriegen, und nicht weil einer besoffen gemacht wurde. So schändlich das auch gewesen sein mag.

    18 Leserempfehlungen
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    Das wäre alles noch glaubwürdiger, wenn es das Steuerparadies Delaware nicht gäbe.

    http://www.nytimes.com/20...

    • Moika
    • 20. Juni 2013 11:47 Uhr

    Und vergessen wir nicht, daß es schweizer Banken waren, die die Vermögen zehntausender jüdischer deutscher Bürger, die dem Zugriff der Nazis entzogen wurden, nach dem Kriege einfach in ihre Taschen steckten. Selbst Erben, die sich zweifelsfre als Berechtigte legitimieren konnten, ließ man kalt abblitzen. Das war der zweite, staatlich sanktionierte Raub an jüdischem Vermögen.

    Erst nach rund fünfzig Jahren ließ man sich dazu herab, einen relativ geringen pauschalen Betrag als Entschädigung an die Eigentümer zu zahlen.

    Davon, daß die Schweiz mit diesem "geschenkten", billigen Geld ihre Wirtschaft erst richtig nach vorne brachte, will man heute natürlich nichts mehr wissen. Aber das die Schweizer Banken bei den Vermögenswerten nicht besser handelten als die Nazis, kreiden sie uns heute noch an. Das ist der eigentliche Grund, warum wir uns gegeseitig nicht unbedingt mögen.

  3. Für mein Verständnis ist der Finanzterrorismus der letzten Jahre genauso überwachungswert wie jeder andere Terrorismus auch.

    So gesehen sind die Amerikaner an dieser Quelle goldrichtig!

    Wäre wünschenswert, dass die dortigen Terroristen auch in ein Gefangenenlager gesteckt werden und solange drin bleiben, bis sie ihre Schulden, die sie bei den Bürgern haben, abgearbeitet haben.

    5 Leserempfehlungen
  4. ein alter Hut und wurde schon einmal auf Phoenix diskutiert. Das ist zwar schon gut zwei Wochen her, aber sie erscheint plausibel. Wäre ich ein Geheimdienstler, dann würde ich bei einem Banker genauso vorgehen.

    • hairy
    • 19. Juni 2013 21:03 Uhr

    eine sinnvolle Aufgabe für den BND.

    Eine Leserempfehlung
  5. Der war seinem Gehalt und seinen Erzählungen nach ein Informatiker.

    Warum sollten den die USA in die Schweiz schicken.

    Langsam vermsicht sich in der Geschichte Phantasie und Wahrheit.

    Eine Leserempfehlung
    • Hokan
    • 19. Juni 2013 23:03 Uhr

    Ja, schon mal unter dem Stichwort 'Wirtschaftsspionage' im Web nachgeschaut? Dort und in den einschlägigen Printmedien lässt sich seit Jahren nachlesen, was alles so unter dem schönen deutschen Wort Auslandsaufklärung läuft. Mit den elektronischen Mitteln von heute ein Kinderspiel im Vergleich zum Mitlesen und -hören zur Zeit des Eisernen Vorhangs. Damals standen mächtige Abhörgeräte unter US-Bewachung auf strategisch wichtigen Spitzen des westdeutschen Mittelgebierges. Womit befassten die sich halboffiziell? Mit der Ausforschung des bösen Ostens. Und womit inoffiziell? Mit dem Sammeln von Informationen jeder Art zur Wirtschaft der europäischen Freunde. Wirtschaftsspinonage zum Vorteil von God’s Own Country. So jedenfalls lauteten schon damals die hilflosen Klagen europäischer Unternehmen.

    Was ist neu an den Geschichten von heute? Nichts - von der Jahreszahl einmal abgesehen.

    Eine Leserempfehlung
  6. 8. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

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  • Schlagworte Edward Snowden | Barack Obama | CIA | UBS | HSBC | Bundesnachrichtendienst
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