Lieber Peter Altmaier,

warum plötzlich so schweigsam, Herr Umweltminister? Es ist doch in Deutschland mal wieder Hochwasserzeit!

In den vergangenen elf Jahren gab es hierzulande drei "Jahrhunderthochwasser". Was einmal pro Jahrhundert passieren sollte, erlebten wir dreimal in elf Jahren. So schnell vergeht die Zeit am Beginn des Klimawandels. Im Sommer 2002 gab es Hochwasser in Sachsen und entlang der gesamten Elbe, im August 2005 im Alpenraum und jetzt in beiden Regionen sowie in Tschechien. Jedes Mal Tote, verzweifelte und vernichtete Existenzen, viele Tausende obdachlos, Schäden in Milliardenhöhe.

Die Zeichen für einen dramatischen Klimawandel mehren sich weltweit: An der Grenze zu Bangladesch haben Inder eine 4.400 Kilometer lange Mauer errichtet, um Millionen Klimaflüchtlinge abzuhalten; in Afrika irren in diesem Frühsommer nach UN-Angaben 18 Millionen Klimaflüchtlinge über den Kontinent. Täglich versuchen Tausende von ihnen über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen – wohin sollten sie denn sonst? Hier leben die Verursacher des Klimawandels, nicht in Afrika. Man sieht die Zeichen des Klimawandels auch in Oklahoma, USA, wo in den letzten Jahren ein Taifun nach dem anderen Zerstörungen in Milliardenhöhe anrichtete.

In den Bundesstaaten New York und in New Jersey gab es 2005 folgenschwere Hurrikans – brennende Stadtviertel, kein Strom und Benzinmangel waren die Folge. Im gleichen Jahr hatte Wirbelsturm Katrina 1.800 Menschenleben gefordert und Schäden in Höhe von 81 Milliarden Dollar angerichtet. Gletscherschmelze, Anstieg des Meeresspiegels, Hitzewellen und Hochwasser: Genau so sagen die über 2.000 Wissenschaftler des Weltklimarats den Beginn des Klimawandels seit über 20 Jahren vorher. Aber zu all diesen Zusammenhängen und Erkenntnissen schweigen Sie, Peter Altmaier. Stattdessen haben Sie noch am 31. Mai in der Frankfurter Rundschau wieder einmal über die zu teure Energiewende geklagt.

Subjektiv wollen Sie sicherlich die Energiewende, aber objektiv tun Sie zurzeit wenig dafür. Mit Ihrer Politik der "Strompreisbremse" schaden Sie diesem Ziel sogar. Das wurde in Ihrem FR-Interview sehr deutlich.

Eine Billion Euro soll nach Ihrer Berechnung die Energiewende innerhalb der nächsten 30 Jahre kosten. Diese Zahl – also 1.000 Milliarden Euro – sei "eher zu knapp als zu hoch", sagen Sie. Eine Horrorzahl, die Angst und Schrecken verbreitet und Investoren abhält, jedenfalls solange Sie nicht den Nutzen, die vermiedenen Folgeschäden und die vermiedenen Brennstoffkosten bei Kohle, Gas und Öl gegenrechnen. "Das kann man nicht gegenrechnen. Solche Berechnungen sind unseriös", meinten Sie im FR- Interview. Wirklich?

Seriöserweise muss man gegenrechnen. Es ist eher für einen Umweltminister unseriös, energie- und umweltpolitische Faktoren zu ignorieren. Denn: Pro Jahr zahlt Deutschland 90 Milliarden Euro an arabische Ölscheichs und an russische Gasbarone. Hochgerechnet auf 30 Jahre, sind das 2,7 Billionen Euro. Viel Geld, das durch die Energiewende künftig in Deutschland bliebe, wenn wir heimische Sonne, Wind, Wasserkraft und Bioenergie nutzten. Sonne und Wind schicken uns keine Rechnung. Das ist der entscheidende ökonomische Vorteil der künftigen ökologischen Energieversorgung.

Hinzu kommen die vermiedenen Folgekosten des Klimawandels. Sie werden in diesen Hochwassertagen in Deutschland wieder einmal offensichtlich. Fachleute schätzen sie auf mindestens zwölf Milliarden Euro. Der englische Ökonom Sir Niclas Stern, früher Chefökonom der Weltbank, hat 2007 errechnet, dass der Klimawandel uns alle mindestens fünfmal mehr kostet als die noch mögliche Vermeidung desselben durch eine rasche Energiewende. Wenn die erneuerbaren Energien tatsächlich eine Billion Euro kosten sollten, wie Sie vermuten, dann hätte das Ausbleiben der Energiewende Kosten von mehr als fünf Billionen Euro zur Folge. "Wir können die zunehmenden Folgekosten des Klimawandels nicht mehr finanzieren", sagte soeben der kubanische Energieminister auf der Weltwindkonferenz in Havanna.