Philosophie : Ist die Liebe tot?

Wir haben die Einzigartigkeit, das Warten und die Verführung durch sexuelle Wahlfreiheit und Internet-Dating ersetzt. Doch das alte große Gefühl leuchtet noch von ferne in die Gegenwart
Die Liebe ist heute ein entzaubertes Phänomen, meint Eva Illouz. © taretz / photocase.com

Eine so direkte Frage gestattet eine direkte Antwort: Die Liebe, wie wir sie in Westeuropa einige Jahrhunderte lang kannten, ist tot; sie wurde durch neue emotionale Formen ersetzt. Doch gleich dem Glanz längst erloschener Sterne scheint jene alte Form der Liebe fort und erfüllt uns noch immer mit Staunen über die Intensität ihres Leuchtens, lange nachdem sie in Wirklichkeit schon verschwunden ist. Die Liebe stand immer in einem gewissen Zusammenhang zur Sexualität, zur rationalen Wahl und zur Institution der Ehe. Der Inhalt und die Kombination dieser Elemente sind es, die sich in den zurückliegenden Jahrzehnten tiefgreifend verändert haben. Die Liebe wurde dabei in eine neue soziale Form verwandelt, um mit dem Soziologen Georg Simmel zu sprechen. Dieser Prozess lässt sich mit wenigen Stichworten umreißen:

Verführung: Müsste man sich für den literarischen Erzschurken des 17. Jahrhunderts entscheiden, so fiele die Wahl auf Don Juan. Selbst bei Mozart (beziehungsweise da Ponte), der ihn weniger finster gestaltete als seine Vorgänger, ist Don Giovanni immer noch böse genug, um eine göttliche Bestrafung für seine Taten auf sein Haupt zu ziehen. Worin bestand seine Schuld? Darin, jede Menge Sex zu haben, ohne sich auf das einzulassen, was solche Akte normalerweise nach sich ziehen, nämlich eine Ehe. Weil man in jenen Zeiten überhaupt nur Sex haben konnte, wenn eine begründete Aussicht auf eine Ehe bestand, musste der so tolldreist-rücksichtslose Don Juan vor adligen genauso wie vor Bauersfrauen fliehen – er zog seine aristokratische Freiheit den von der Kirche durchgesetzten gesellschaftlichen Normen vor.

Moderne Menschen haben Mühe, auch nur zu verstehen, was das ganze Theater sollte, insofern Sexualität und Liebe heute der Norm der Freiheit unterstehen, und diese Norm wahrt zu jedem Zeitpunkt die Autonomie der Menschen – das heißt, sie lässt ihnen die Freiheit, Beziehungen einzugehen und zu beenden, wie es ihnen gefällt und wann es ihnen gefällt, und sie erlaubt es ihnen, diesen Beziehungen jeden geschlechtlichen, emotionalen oder institutionellen Inhalt beizulegen, der ihnen beliebt. Die sexuelle Freiheit, für die Don Juan so schwer bestraft wurde, wird heute von einem und einer jeden beansprucht.

Warten: Etliche Romane des 19. Jahrhunderts handeln davon, dass ein junger Mann seine Heimat verlässt, um in der Fremde sein Glück zu machen und nach seiner Rückkehr die Hand der Frau gewinnen zu können, mit der er in vielen Fällen zuvor kaum Zeit verbracht hat – so etwa bei Jane Austen und Anthony Trollope. In jener Zeit des Wartens gab es keinen oder kaum einen Kontakt zwischen den beiden; es konnte Jahre dauern, bis die Ehe vollzogen war. Diese spezielle Erfahrung des Wartens ist uns Modernen kaum noch vorstellbar. Männer müssen nicht mehr in die Welt aufbrechen, um zu Wohlstand zu gelangen und damit die Hand einer Frau zu erobern, da Männer und Frauen heutzutage ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Positionen durch ihre Einbindung in die kapitalistische Arbeitswelt gemeinsam aufbauen. 

Skype und Facebook imitieren Beziehungen

Noch aus einem anderen Grund ist uns eine solche Erfahrung des Wartens fremd geworden: Die Technik hat die Erfahrung von Abwesenheit abgeschafft. Skype, Chats, SMS und Facebook sind Technologien der Gegenwart, die Beziehungen über die Ozeane hinweg imitieren und stiften. Das moderne Liebeswerben erfordert folglich nicht mehr die Art von Standhaftigkeit und Zuverlässigkeit im Einhalten von Versprechen wie einst das Warten. Im Gegenteil: Es laboriert an einer übermäßigen Auswahl und den permanent dräuenden sexuellen "Möglichkeiten".

Die große Liebe: Das traditionelle Modell der Liebe, wie es vom 12. bis Mitte des 20. Jahrhunderts vorherrschte, beruhte auf dem Vorbild der christlichen Liebe: Die "große" Liebe war die (mutmaßlich) einzige, die man erlebte; man liebte von ganzem Herzen, voller Hingabe, Selbstaufopferung und Absolutheit. Monogamie, Monotheismus und grand amour sind Wahlverwandte. Ein solches religiöses Ethos ging mit quasireligiösen Ritualen einher; man kniete nieder und sang, idealisierte die Geliebte als eine Göttin und war bereit, für den geliebten Menschen Opfer zu bringen, die bis zum Märtyrertum reichten. Nicht selten wurde die Liebe in Metaphern des Wunderbaren, Mystischen und Magischen gekleidet.

Eva Illouz

ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Zuletzt erschien von ihr im Suhrkamp Verlag Warum Liebe weh tut.

Heute ist die Liebe ein gründlich säkularisiertes und entzaubertes Phänomen: Unsere zeitgenössischen Metaphern der Liebe entspringen dem Reich der Wissenschaft. Die Liebe ist das Resultat chemischer, hormoneller, unbewusster Prozesse. Als Erben Flauberts halten wir sie sogar für hoffnungslos kitschig, ein naives Produkt von Medienbildern, Liebesschmonzetten und dergleichen. An die Stelle der Einzigartigkeit der Liebe ist die unendliche Auswahl auf Internet-Dating-Websites getreten, die es einem ermöglicht, das Quantum an Sex oder Partnerschaft, das man in einer Beziehung sucht, gezielt anzusteuern. Das religiöse Regime der Knappheit, das hinter den Stichworten Monogamie, Einzigartigkeit, "große Liebe" steckte und die vormoderne Liebe und Sexualität charakterisierte, wurde durch die endlosen sexuellen Wahlmöglichkeiten und den sexuellen Überfluss komplett umgemodelt.

Kommentare

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Die halbe Wahrheit

Die Hälfte der Wahrheit ist ganz sicher schon Wahrheit, aber ihre Psycho-Ontologie vom Guten, welches das Gute, vom Schadhaften, welches das Schadhafte hervorbringt, erklärt nicht, in welcher Weise sozio-ökonmische Faktoren einzubeziehen sind.
Finden sich viele behütete Kindheiten in den Favelas, in Familien mit Arbeitslosigkeit, in Migrationshintergründen?!
Nein!
Na, so was.
Die Autorin Iliouz erklärt uns diese Inter-Dependenzen sehr wohl. Das moderne "riskierte" Leben wird wenig von dem, was sie schätzen hervorbringen. Bereisen Sie Amerika, bereisen Sie Israel.

Literatur vs. Liebe

Die Romantik der Liebe oder, um die Autorin zu zitieren, das Erhabene, taucht in der Literatur weitgehend nur in partnerschaftlichen Ausnahmesituationen auf. Entweder wird die Anbahnung der Partnerschaft beschrieben - in dieser Phase der Verliebtheit fällt es wohl auch heutigen Paaren nicht schwer, ihre Liebe als besonders schön zu sehen - oder einer der Partner, meist der Mann, ist räumlich unüberwindbar vom anderen getrennt. Es ist nun aber nicht zu glauben, dass früher die Treue eine andere war und es in letzterer Situation nicht zu massenhaften Seitensprüngen gekommen wäre, weil angeblich ein anderes Liebesisdeal existiert hätte.
Alltagssituationen sind in der Literatur hingegen selten beschrieben und es erscheint mir doch unwahrscheinlich, dass in diesen ein größeres Potential an 'Erhabenheit' vorhanden war, als heute. Vielmehr tragen die modernen Kommunikationsmedien doch inzwischen dazu bei, dass Beziehungen auch über die Ferne aktiv gestaltet werden können und die Romantik so nicht zu kurz kommen muss. Heute ist bei uns die Liebesheirat so weit verbreitet, wie man es sich 'früher' wohl nicht mal im Roman hat träumen können.
Und noch etwas: Das Montaigne-Zitat über die Sexualität der Frau hat mich wirklich erschreckt. Die Autorin verklärt ja damit geradezu die Frau als passiven Teil der Partnerschaft, während dem Mann die sexuelle Aktivität gestattet und zugebilligt wird. Dieses Missverhältnis unter 'Zurückhaltung' zu preisen, erscheint doch etwas realitätsfern.