Violine in einer Geigenbauer-Werkstatt in Rom © Gabriel Bouys/AFP/Getty Images

In dem Film Rampenlicht versucht Charlie Chaplin als Violinist, mit Buster Keaton am Flügel ein Konzert zu geben. Als Zuschauer spürt man eine Irritation: Chaplin spielt spiegelverkehrt! Greift mit der rechten, streicht mit der linken Hand auf einer Violine, deren Saiten "falsch herum" aufgezogen sind. Tatsächlich war Chaplin Linkshänder. Dennoch ist das gespiegelte Violinspiel ein seltsames Bild – und ein seltenes.

Dabei ist der Anteil der Linkshänder gerade unter Musikern enorm hoch. Berühmte Beispiele: Bob Dylan, Cole Porter, Jimi Hendrix, Niccolo Paganini, Paul McCartney und Sting – unter nicht zu vergessen Mozart und Beethoven. Eine Studie des Hanover Music Lab geht davon aus, dass etwa jeder zehnte Mensch Linkshänder ist. Unter professionellen Musikern soll der Anteil doppelt so groß sein. Zu geradezu fantastischen Zahlen kommen die Hannoveraner, was linkshändige Geiger, Bratschisten, Cellisten und Kontrabassisten angeht: Sie machen fast 40 Prozent der Berufsstreicher aus. Warum sind dann Bilder wie das von Chaplin mit dem Bogen in der Linken so rar?

Viele erlernen die "normale" rechtshändige Spielweise. Manche drehen das Rechtshänderinstrument einfach um und lernen neue Griffe. Wieder andere ziehen die Saiten in umgekehrter Reihenfolge auf und spielen "spiegelverkehrt" – wie Jimi Hendrix und Paul McCartney am Anfang ihrer Karriere. Oder aber sie leisten sich eines der seltenen Linkshänder-Instrumente.

Früher galt Linkshändigkeit noch als Makel und Defekt. "Nimm die schöne Hand!", wurden Kinder häufig ermahnt. Erst als man erkannte, dass solche Zwangsmaßnahmen zu schweren psychischen Schäden führen können, ließ man die linkshändigen Kinder zunehmend gewähren. Heute gibt es Scheren für Linkshänder, Anspitzer, Füller, PC-Mäuse, Dosenöffner, Eishockeyschläger, sogar Pistolenholster für linkshändige Polizisten und Behandlungsstühle für linkshändige Zahnärzte.

Nur die Musikpädagogik hat die Linkshänder hartnäckig ignoriert. Während man Linkshändergeigen und -gitarren leicht bekommen kann, sind spiegelverkehrt konstruierte Klaviere oder Celli absolute Raritäten. Einen einzigen Linkshänderflügel hat die Pianofortefabrik Blüthner für den Trierer Pianisten Geza Loso gebaut – für 45.000 Euro.

Erst seit wenigen Jahren nimmt die Wissenschaft den linkshändigen Musiker ins Visier. In der Diplomarbeit der Bremer Musikpädagogin und Cellistin Maren Seeliger erfährt man von verbreiteten Unsicherheitsgefühlen. Von Nachteilen beim schnellen Pizzicatospiel. Von einer notwendig erhöhten Konzentrationsleistung und schnellerem Ermüden. Am dramatischsten beschreibt die Cellistin die bedrückende Einschränkung, Gefühle angemessen stark auszudrücken zu können – üblicherweise ein Privileg der rechten, bogenführenden Hand.

"Als ich mit sieben Jahren mit dem Cello anfing, griff ich spontan den Bogen mit der Linken. Der Lehrer korrigierte mich umgehend", erinnert sich Maren Seeliger. Danach war ihre Linkshändigkeit nie mehr ein Thema. Doch heute wieder "rückschulen"? "Das geht nicht; streiche ich das Cello mit Links, wird mir schwindelig."

Es gibt Beispiele dafür, dass eine solche Umstellung ohne Performanzverluste möglich ist. Der bekannte Bratschist Jürgen Kußmaul hatte bei einem Unfall zwei Finger der linken Hand verloren. Er schulte auf eine seitenverkehrt umgebaute Bratsche um und spielt weiter erstklassig.

Allerdings würden "Linksstreicher" wahrscheinlich in keinem Orchester einen Platz bekommen. Sie stören die gewohnte Optik mit ihrer spiegelverkehrten Bogenführung. Außerdem ist es eng im Orchestergraben. Und doch sagt Maren Seeliger: "Für mich wäre es besser gewesen, ich hätte mit einem Linkshändercello begonnen."

Die Auswertung der Hannoveraner Studie zur Linkshändigkeit, an der 128 Musikstudenten und 1.500 Nichtmusiker teilnahmen, zeigte zunächst, dass es mehr Linkshänder gibt als bisher angenommen. Und dann, ebenfalls eine Überraschung, dass Linkshänder beim Musizieren sogar Vorteile haben.

Denn Rechtshänder haben links eine Art leichter Behinderung. Beim genetischen Linkshänder scheint dagegen das intensive Üben seine Schwäche rechts kompensieren zu können. So war in der Studie jeweils die Rechte der Pianisten immer die stärkere Hand – egal, ob es sich um einen geborenen Rechtshänder oder einen Linkshänder handelte.

Der Musikpsychologe Reinhard Kopiez vom Hanover Music Lab erklärt die erstaunliche Linkshänderdichte in der professionellen Musik deshalb auch mit einem "Selektionsvorteil". Rechtshänder mit ausgeprägter Schwäche links werfen während der Ausbildung öfter frustriert das Handtuch. Linkshänder dagegen trainierten ihre Rechte wie auch sonst im Alltag ausdauernd – und erfolgreich.

In der leicht ideologisch aufgeladenen Debatte um die beste musikalische Erziehung von Linkshändern, in der wohlmeinende Eltern analog zum Schreiben auch das Musizieren mit Linkshänder-Instrumenten befürworten, rät Kopiez zu konservativer Vorsicht. "Ob das mehr Vor- als Nachteile hat, wissen wir noch nicht. Wer übernimmt für so weitreichende Entscheidungen die Verantwortung?" Da seien weitere Studien vonnöten.

Und noch ein weiteres Argument gegen das Lernen auf spiegelverkehrten Musikinstrumenten gibt es. Das betrifft zwar de facto nur eine verschwindend geringe Zahl von Musikern, dürfte aber eine unverhältnismäßig starke psychologische Wirkung für alle Übenden haben: Sollte nämlich das hoffnungsfrohe Talent mit seiner linken Geige eines Tages tatsächlich richtig gut werden – dann wird es niemals eine Stradivari spielen können. Die gibt es nämlich nicht auf Links.