Zwei Jahre lang hat der internationale Kunstmarkt versucht, die gewaltige Kunstfälscheraffäre um Wolfgang Beltracchi und seine Bande einfach auszusitzen. Konsequenzen aus dem Skandal wurden – trotz Ankündigungen – nicht gezogen, das marode und wohl zum Teil auch korrupte Expertenwesen blieb, was es war. Nun scheint die Justiz zu erledigen, was der Markt nicht leisten wollte: Von Frankreich aus droht eine Klagewelle über den Kunstbetrieb zu rollen.

Es geht um die zentrale Frage, was echt ist und was falsch – und um die Verantwortung und Haftung der über diese Frage richtenden Kunstexperten. Ausgelöst hat die Diskussion ein Urteil Ende Mai gegen den bei Paris lebenden Kunsthistoriker Werner Spies. Nach fast zweijährigem Verfahren hat ein Zivilgericht im französischen Nanterre den deutschen Max-Ernst-Experten gemeinsam mit dem Galeristen Jacques de la Béraudière in erster Instanz zur Zahlung einer Entschädigungssumme von 652.883 Euro verklagt. Mindestens sieben Gemälde von Max Ernst, die sich später als Fälschungen von Beltracchi herausstellten, hatte Spies zwischen 1999 und 2004 für echt befunden. Für die Expertise und die Vermittlung an den Kunsthandel hatten ihm allein die Fälscher eine Summe von insgesamt 400.000 Euro auf ein Schweizer UBS-Konto mit dem Namen Imperia überwiesen.

Der Prozess in Nanterre wirft abermals ein Licht auf die absichtlich mühevoll verschlungenen Geschäfte im internationalen Offshore-Kunstmarkt: Kläger war die dem Unternehmer und Kunstsammler Louis Reijtenbagh gehörende Firma Monte Carlo Art S.A. Reijtenbagh hatte 2004 das mit Spies-Zertifikat ausgestattete Max-Ernst-Gemälde Tremblement de Terre über eine andere, auf den Britischen Jungferninseln ansässige Firma von der Galerie Cazeau-Béraudière in Paris gekauft – die wiederum wickelte das Geschäft über die in Panama registrierte Firma Lontel Trading S.A. ab. Später ließ Reijtenbagh das Gemälde bei Sotheby’s in New York versteigern. Doch der Verkauf wurde, nachdem die Beltracchi-Bande aufgeflogen war, für nichtig erklärt, und der Unternehmer musste den Erlös zurückzahlen. Diese Summe soll er nun von Spies und Béraudière zurückerhalten.

Auf Anfrage der ZEIT antwortete die Galerie Béraudière, sie wolle das Urteil anfechten. Spies ließ am vorigen Freitag über seinen Anwalt Peter Raue mitteilen, dass er keine Rechtsmittel einlegen wolle. Einen Tag später teilte Raue jedoch mit, dass die Frage nach Berufung doch noch offen sei.

Klar ist indessen, dass diesem Präzedenzspruch weitere Verfahren folgen werden: Einige Sammler, die ihren Namen noch nicht offenbaren wollen, lassen derzeit wegen einer Beltracchi-Fälschung eine Klage in Paris vorbereiten. Der zuständige Anwalt will auch das betroffene Werk und die Gegenpartei nicht öffentlich machen: Er fürchtet, dass sonst auch andere Beltracchi-Opfer schnell dieselbe Quelle verklagen und so in die Insolvenz treiben könnten. Auch der Surrealismus-Sammler und Beltracchi-Geschädigte Daniel Filipacchi soll juristische Schritte gegen den Galeristen Jacques de la Béraudière erwägen. Werner Spies lässt ausrichten, es gebe bislang keine weiteren Verfahren gegen ihn.

Diese Zivilprozesse werden zwangsläufig das Expertenwesen verändern – auch in Deutschland. Das Gericht in Nanterre hat sein Urteil mit grober Fahrlässigkeit begründet. Eine materialtechnische Untersuchung wird sich in Zukunft mit Verweis auf das Spies-Urteil leichter durchsetzen lassen, sagt die Max-Pechstein-Expertin Aya Soika. Bisher galt das Verfahren oft als zu teuer oder zu umständlich und wurde daher abgelehnt. Genauso wird das Recherchieren der Herkunft eines Werkes zur Regel werden, was bislang vom Handel noch häufig als Indiskretion verstanden wird. "Allerdings wird sich der Kunsthandel zusätzlichen – zeitaufwendigen und kostenintensiven – Prüfungen nur beugen, wenn Kunstexperten diese als Voraussetzung ihrer stilkritischen Gutachten auch einfordern."

Spies hatte bei den sieben von ihm für echt befundenen Beltracchi-Bildern darauf verzichtet und sich stattdessen mit dem Augenschein und den – zum Teil widersprüchlichen – Angaben der Betrüger zufriedengegeben. Inzwischen muss sich der Experte zu weiteren Bildern von Max Ernst Fragen stellen lassen. In der Sammlung des Unternehmers Reinhold Würth, der mindestens zweimal auf Beltracchi-Fälschungen, eine mit Spies-Expertise, hereinfiel, gibt es fünf kleine Max-Ernst-Gemälde von 1925 bis 1973, die alle in den vergangenen Jahren angekauft wurden und nicht im von Spies mitverfassten Werkverzeichnis gelistet sind. Über die Herkunft dieser zum Teil sehr flach gemalten Werke und die Frage, ob sie ins Werkverzeichnis aufgenommen werden, will die Sammlung Würth keine Angaben machen: Es handele sich um "unternehmensinterne Vorgänge". Die Sammlung Würth verweigert sogar jede Aussage darüber, ob die fünf Gemälde, die im Rahmen von Ausstellungen als Max-Ernst-Werke gezeigt wurden, derzeit innerhalb der Sammlung noch als eigenhändige Werke gelten.