Wohldosierte Kritik an hausfraulicher Putzwut und Selbstaufgabe: Die alleinerziehende Laure Wyss mit ihrem Sohn Nikolaus © Privatarchiv Nikolaus Wyss (aus dem Buch "Leidenschaften einer Unangepassten")

Im September 1950 erschien die erste Frauenbeilage des Luzerner Tagblatts, der Frauen-Spiegel. Die Zeitung war zwar ein freisinnig-liberales Blatt, jedoch konservativer Ausrichtung. Man war für Frauenbildung, aber gegen das Frauenstimmrecht und gegen die Berufstätigkeit verheirateter Frauen und Mütter. Die Ausgaben für die wöchentliche Frauenbeilage konnte das defizitäre Tagblatt allein nicht tragen. Das Aargauer Tagblatt, die Zürichsee-Zeitung, die Schaffhauser Nachrichten und die Glarner Nachrichten ließen sich für das Vorhaben unter der Führung der Luzerner gewinnen. Der Verlagsdirektor stellte mit Laure Wyss die erste Frau auf der Redaktion des Luzerner Tagblatts ein.

Der Muttertag war für die Redaktorin des Frauen-Spiegels Pflichtstoff. Beim Internationalen Frauentag bestand die Pflicht darin, ihn unbeachtet verstreichen zu lassen. Der Frauentag des politischen Gegners gab einem freisinnig-liberalen Blatt keinerlei Anlass zur Berichterstattung. Mutterliebe und Opferbereitschaft aber ließen die Reklameabteilung zusätzliche Inserate entgegennehmen, für Hausschuhe, Strümpfe, Glacial-Kühlschränke und Schlagrahm von der Vereinigten Molkerei AG.

Zum Muttertag 1956 begann Laure Wyss ihren Leitartikel auf der ersten Seite der Frauenbeilage harmlos mit einer schwedischen Anekdote. König Gustav soll einst einen seiner Untertanen, einen einfachen Buchhalter, ausgezeichnet haben, weil dieser neun Söhne gezeugt hatte. Laure Wyss hofierte die Leserinnen ein wenig: Ob sie errieten, weshalb sie diese recht belanglose Geschichte von den neun Buchhaltersöhnen erzähle, ausgerechnet am Muttertag? – Sie haben es erraten: Die neun Buben hatten nämlich auch noch eine Mutter. Natürlich, heute würde die Mutter der neun Söhne geehrt und nicht der Vater. Laure Wyss wusste, dass ihr jede Leserin bis zu dieser Feststellung gerne gefolgt war. Nach so viel Schmus erteilte sie eine Lektion.

Bewahren wir uns doch am Muttertag eine gewisse Sachlichkeit und lassen uns von den Wellen der Sentimentalität nicht forttragen! Alle Kuchen und Sträuße, alle Geschenke und Mittagseinladungen ins Restaurant, alle selber gebrauten Morgenkaffees für die ausschlafende Mutter in Ehren, aber der traditionelle Nimbus um "die Mutter" kann auch etwas zu gewaltig werden. Er sollte jedenfalls unsere Blicke nicht vor der Tatsache trüben, dass das Glück, Kinder geboren zu haben, noch kein Grund ist, eine Frau vor einer andern, die keine geboren hat, auszuzeichnen. Wer dann seine Kinder wirklich begleitet und nach bestem Wissen und Gewissen zu rechten Menschen erzieht, darf sich das Mutter-Krönlein aufsetzen. Aber es dürfen es auch alle diejenigen, die ein mütterliches Herz haben, aber vielleicht kinderlos sind und vielleicht "nur" auf den Namen "Fräulein" hören.

Barbara Kopp: Laure Wyss. Leidenschaften einer Unangepassten. Limmat Verlag, 352 S., 44 Fr.

Laure Wyss stellte die verheirateten Mütter mit den unverheirateten gleich und zählte Schwestern und Tanten, Wahlmütter und Adoptivmütter dazu. Mütterlichkeit war für sie eine Frage der inneren Haltung und des Tuns und nicht eine Frage des Zivilstandes und der Biologie. Sie kenne, schrieb sie weiter, eine Frau, die erziehe Kinder, die nicht ihre eigenen seien. Diese Unverheiratete sei Fürsorgerin und kümmere sich um viele Sorgenkinder. Zum Muttertag werde sie von ihrer Schwester, einer verheirateten Mutter, beschenkt. – Finden Sie, dieses Geschenk kommt an die Unrechte? Die aufgeworfene Frage verlangte von den Leserinnen die Zustimmung, dass auch professionelle Mütter, Heimmütter, Pflegemütter oder Fürsorgerinnen, am Muttertag gefeiert werden müssen. Die nächste Lektion, die Laure Wyss ihren Leserinnen erteilte, sicherte sie mit dem Wort "vielleicht" ab.

Vergessen wir an diesem Tag nicht die vielen Mütter, welche – die Zeiten haben es mit sich gebracht – heute ganz allein die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder tragen. Immer mehr, und das beachtet man vielleicht zu wenig, rückt die Mutter zum Oberhaupt der Familie auf. Nicht immer freiwillig freilich und manchmal aus einer bösen Not heraus. Da ist ein Vater, der im Beruf überlastet ist oder auswärts arbeitet und überhaupt nur während der Schlafenszeit seiner Kinder zu Hause ist und eine notgedrungen immer nebensächlichere Rolle spielt. Wie viele Familien sind heute ihres Vaters beraubt, und die Mutter ist die Ernährerin und Erzieherin ihrer Kinder. Es wäre vielleicht an der Zeit, einmal am Muttertag die Geschichte der Mutter, die lieb am Bettchen ihres Kindleins wacht und verträumt strickt, fallen zu lassen und von der Mutter zu erzählen, die sich im harten Berufsleben für ihre Kinder einsetzt, sich abkämpft, weil kein Mensch ihr beisteht. Vielleicht ist diese Mutter eine, die äußerlich dem so beliebten, traditionellen Mutterbild nicht entspricht. Vielleicht ist sie sogar eine mondän aussehende Frau, die mit viel Mut und viel Unerschrockenheit sich für ihre Kinder einsetzt und ihnen das Leben einer exemplarischen Mutter vorlebt, auch wenn sie tagsüber im Büro sitzen muss. Sie tut es nämlich nicht nur immer aus Drang nach Selbständigkeit, den man den Erfolgreichen so gerne anhängt, sondern aus einer bittern Notwendigkeit heraus.