Was bewegt Marlies Borchert? : Sie kaufte ein Krankenhaus

Mit Fleiß, Ehrgeiz und Mut wurde Marlies Borchert zur einzigen Klinikbesitzerin in Deutschland. Die Geschichte einer echten Unternehmerin

Wer mit Marlies Borchert über die Flure der Segeberger Klinik läuft, muss oft stehen bleiben. Immer wieder schüttelt sie Ärzten und Schwestern die Hand oder wechselt ein paar Worte mit einem Angestellten aus der Verwaltung. Fast immer ist jemand zur Stelle, um für sie den Knopf am Aufzug zu drücken, ihre eine Tür aufzuhalten oder in der Kantine den Kaffee an den Tisch zu bringen. Wer es noch nicht wusste, merkt es schnell: Marlies Borchert ist hier der Dreh- und Angelpunkt.

Seit 23 Jahren gehört der 68-Jährigen die Segeberger Klinik. In einer Zeit, in der man Frauen in Führungspositionen mit der Lupe suchen musste, hat sie sich an die Spitze eines Unternehmens mit heute rund 1.700 Mitarbeitern gekämpft.

Um die Klinik kaufen zu können, rang sie vier Jahre lang mit Banken um einen Kredit von 30 Millionen D-Mark. In der Hochphase der Verhandlungen starb ihr Mann, und nicht einmal dieser Verlust ließ sie ihr Ziel aus den Augen verlieren.

Heute ist ihr Unternehmen eine der wenigen profitablen deutschen Kliniken. Und Marlies Borchert ist die einzige Klinikbesitzerin des Landes. All das ist bemerkenswert, auch wenn sie selbst sagt, dass ihr Frausein für ihren Führungsstil keine Rolle spiele.

Sie wuchs als Arbeiterkind auf und wurde in der Schule gedemütigt

Ihre kurzen Haare sind rot gefärbt, die Nägel dunkelrot lackiert, die Augen blau schattiert. Der schwarze Hosenanzug sitzt perfekt, immer wieder streicht sie im Laufe des Gesprächs eine unsichtbare Fluse vom Kragen ihres Blazers. Nimmt sie einen Schluck aus der Teetasse, die vor ihr auf dem Tisch steht, dann sorgt sie dafür, dass ihr Lippenstift nicht verwischt.

Man kann Borcherts Sinn für makelloses Äußeres als Befreiung aus dem Rollenklischee verstehen, in das sie als Kind und Jugendliche gepresst wurde. Sie war ein Arbeiterkind. Ihr Vater schuftete im Straßenbau, die Mutter hatte einen Job als Handarbeitslehrerin. In der Schule wurde Borchert deswegen jahrelang von ihrem Mathelehrer gedemütigt: "Ich galt bei ihm nichts. Wenn ich mal eine gute Note hatte, hat er immer ›Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn‹ gesagt." Nach der mittleren Reife beschloss sie, sich seinen Sprüchen nicht länger auszusetzen, ging von der Schule ab und begann eine Ausbildung zur Industriekauffrau in einem Bad Segeberger Textilunternehmen.

Anders als der Lehrer erkannte der Inhaber des Unternehmens, dass Borchert überdurchschnittlich gut mit Zahlen umgehen konnte. Und dass sie die Fähigkeit hatte, sich schnell in Neues einzuarbeiten. Er machte sie zu seiner Assistentin und beförderte sie bald zur Personalleiterin für seine 130 Mitarbeiter. Der Erfolg gab ihr Selbstvertrauen. In dieser Zeit setzte sich in ihrem Kopf ein Gedanke fest, der zum Leitspruch ihres Berufslebens wurde: "Ich kann das."

In der Textilfirma gefiel es ihr zwar, aber sie hatte auch das Gefühl, dass sie noch mehr erreichen könnte. Mitte der siebziger Jahre wurde in Bad Segeberg eine Klinik gebaut. Sie bestand zunächst aus einem Herzzentrum und wurde bis Mitte der Achtziger um eine Abteilung für Neurologie und eine Rehaklinik für Psychosomatik erweitert. Borchert bewarb sich als Personalleiterin und bekam den Job.

Von Krankenhäusern hatte sie keine Ahnung. Aber genau das forderte sie heraus. Mit 30 Jahren wurde sie Personalchefin von 220 Mitarbeitern. In der Führungsriege des Krankenhauses war sie die einzige Frau. Und wieder spielt sie die Geschlechterfrage herunter: "Mir machte das nichts aus."

Bald reichte es ihr nicht, als Personalchefin nur für einen Teil des Klinikbetriebs zuständig zu sein. Sie wollte wissen, wie man ein Krankenhaus managt. Der Geschäftsführer schätzte ihr Interesse und bezog sie in die Leitung der Klinik mit ein.

Borchert vergrub sich geradezu in der Arbeit. Sie fand Gefallen daran, sich tagelang mit Kostenkalkulationen zu beschäftigen, arbeitete von früh bis spät und nahm am Wochenende Akten mit nach Hause. Je tiefer sie ins Krankenhausmanagement einstieg, desto klarer wurde ihr auch: Der Segeberger Klinik ging es schlecht.

86 Gesellschafter waren zu diesem Zeitpunkt am Unternehmen beteiligt. Um auf dem wachsenden Markt der Privatkliniken mit vielen verschiedenen Fachabteilungen mithalten zu können, hätten sie die Klinik ausbauen müssen. Aber sie scheuten das Risiko und beschlossen, die Klinik zu verkaufen.

Für Marlies Borchert war das der Wendepunkt ihres Berufslebens. Endlich sah sie die Chance, eine wirklich große Aufgabe zu übernehmen und nicht mehr nur einen einzelnen Bereich steuern zu können. Sie wollte sich selbst beweisen, dass sie das Zeug zur Unternehmerin hatte. Sie wollte die Klinik kaufen.

"Ich kann das", rumorte es in ihrem Kopf.

Warum auch nicht? Sie hatte das Gefühl, durch ihre Arbeit in der Klinik schon so sehr in die Geschäftsführung hineingewachsen zu sein, dass sie die Schwachstellen kannte. Sie glaubte, dass es ihr gelingen würde, das Unternehmen zu sanieren. Gleichzeitig war ihr das Risiko bewusst. Sie bekam 1,5 Millionen D-Mark von der Investitionsbank Schleswig-Holstein, geliehenes Geld, das ihr bei anderen Banken aber als Eigenkapital angerechnet werden konnte. 30 Millionen fehlten ihr, um die Klinik kaufen zu können.

Borchert begann, mit einer Bank zu verhandeln. Dann mit zweien. Später mit dreien. Schließlich war sie mit etlichen Instituten im Gespräch. Immer wieder musste sie ihren Businessplan überarbeiten, mehrfach scheiterten die Verhandlungen kurz vor einem Abschluss. Keiner der Banker traute ihr das Projekt wirklich zu.

Borcherts Geduld wurde immens strapaziert. Vier Jahre dauerte es, bis ihr drei Banken jeweils Teilkredite gewährten, mit denen sie die Klinik kaufen konnte. Es war der größte Triumph in ihrem Berufsleben, sie selbst spricht zurückhaltend von einem "bewegenden Moment".

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Merkwürdig, welche Metaphern im Teaser

aneinander gereiht werden, um ein Krankenhaus(!) zu beschreiben-

"... Fleiß, Ehrgeiz und Mut ... einzigen Klinikbesitzerin i ... echten Unternehmerin"

Und "Deutschland" Natürlich "Deutschland". Heute geht ja wieder nichts mehr über "Deutschland"!