Was bewegt Marlies Borchert?Sie kaufte ein Krankenhaus

Mit Fleiß, Ehrgeiz und Mut wurde Marlies Borchert zur einzigen Klinikbesitzerin in Deutschland. Die Geschichte einer echten Unternehmerin von Catalina Schröder

Wer mit Marlies Borchert über die Flure der Segeberger Klinik läuft, muss oft stehen bleiben. Immer wieder schüttelt sie Ärzten und Schwestern die Hand oder wechselt ein paar Worte mit einem Angestellten aus der Verwaltung. Fast immer ist jemand zur Stelle, um für sie den Knopf am Aufzug zu drücken, ihre eine Tür aufzuhalten oder in der Kantine den Kaffee an den Tisch zu bringen. Wer es noch nicht wusste, merkt es schnell: Marlies Borchert ist hier der Dreh- und Angelpunkt.

Seit 23 Jahren gehört der 68-Jährigen die Segeberger Klinik. In einer Zeit, in der man Frauen in Führungspositionen mit der Lupe suchen musste, hat sie sich an die Spitze eines Unternehmens mit heute rund 1.700 Mitarbeitern gekämpft.

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Um die Klinik kaufen zu können, rang sie vier Jahre lang mit Banken um einen Kredit von 30 Millionen D-Mark. In der Hochphase der Verhandlungen starb ihr Mann, und nicht einmal dieser Verlust ließ sie ihr Ziel aus den Augen verlieren.

Heute ist ihr Unternehmen eine der wenigen profitablen deutschen Kliniken. Und Marlies Borchert ist die einzige Klinikbesitzerin des Landes. All das ist bemerkenswert, auch wenn sie selbst sagt, dass ihr Frausein für ihren Führungsstil keine Rolle spiele.

Sie wuchs als Arbeiterkind auf und wurde in der Schule gedemütigt

Ihre kurzen Haare sind rot gefärbt, die Nägel dunkelrot lackiert, die Augen blau schattiert. Der schwarze Hosenanzug sitzt perfekt, immer wieder streicht sie im Laufe des Gesprächs eine unsichtbare Fluse vom Kragen ihres Blazers. Nimmt sie einen Schluck aus der Teetasse, die vor ihr auf dem Tisch steht, dann sorgt sie dafür, dass ihr Lippenstift nicht verwischt.

Man kann Borcherts Sinn für makelloses Äußeres als Befreiung aus dem Rollenklischee verstehen, in das sie als Kind und Jugendliche gepresst wurde. Sie war ein Arbeiterkind. Ihr Vater schuftete im Straßenbau, die Mutter hatte einen Job als Handarbeitslehrerin. In der Schule wurde Borchert deswegen jahrelang von ihrem Mathelehrer gedemütigt: "Ich galt bei ihm nichts. Wenn ich mal eine gute Note hatte, hat er immer ›Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn‹ gesagt." Nach der mittleren Reife beschloss sie, sich seinen Sprüchen nicht länger auszusetzen, ging von der Schule ab und begann eine Ausbildung zur Industriekauffrau in einem Bad Segeberger Textilunternehmen.

Anders als der Lehrer erkannte der Inhaber des Unternehmens, dass Borchert überdurchschnittlich gut mit Zahlen umgehen konnte. Und dass sie die Fähigkeit hatte, sich schnell in Neues einzuarbeiten. Er machte sie zu seiner Assistentin und beförderte sie bald zur Personalleiterin für seine 130 Mitarbeiter. Der Erfolg gab ihr Selbstvertrauen. In dieser Zeit setzte sich in ihrem Kopf ein Gedanke fest, der zum Leitspruch ihres Berufslebens wurde: "Ich kann das."

In der Textilfirma gefiel es ihr zwar, aber sie hatte auch das Gefühl, dass sie noch mehr erreichen könnte. Mitte der siebziger Jahre wurde in Bad Segeberg eine Klinik gebaut. Sie bestand zunächst aus einem Herzzentrum und wurde bis Mitte der Achtziger um eine Abteilung für Neurologie und eine Rehaklinik für Psychosomatik erweitert. Borchert bewarb sich als Personalleiterin und bekam den Job.

Von Krankenhäusern hatte sie keine Ahnung. Aber genau das forderte sie heraus. Mit 30 Jahren wurde sie Personalchefin von 220 Mitarbeitern. In der Führungsriege des Krankenhauses war sie die einzige Frau. Und wieder spielt sie die Geschlechterfrage herunter: "Mir machte das nichts aus."

Bald reichte es ihr nicht, als Personalchefin nur für einen Teil des Klinikbetriebs zuständig zu sein. Sie wollte wissen, wie man ein Krankenhaus managt. Der Geschäftsführer schätzte ihr Interesse und bezog sie in die Leitung der Klinik mit ein.

Borchert vergrub sich geradezu in der Arbeit. Sie fand Gefallen daran, sich tagelang mit Kostenkalkulationen zu beschäftigen, arbeitete von früh bis spät und nahm am Wochenende Akten mit nach Hause. Je tiefer sie ins Krankenhausmanagement einstieg, desto klarer wurde ihr auch: Der Segeberger Klinik ging es schlecht.

86 Gesellschafter waren zu diesem Zeitpunkt am Unternehmen beteiligt. Um auf dem wachsenden Markt der Privatkliniken mit vielen verschiedenen Fachabteilungen mithalten zu können, hätten sie die Klinik ausbauen müssen. Aber sie scheuten das Risiko und beschlossen, die Klinik zu verkaufen.

Für Marlies Borchert war das der Wendepunkt ihres Berufslebens. Endlich sah sie die Chance, eine wirklich große Aufgabe zu übernehmen und nicht mehr nur einen einzelnen Bereich steuern zu können. Sie wollte sich selbst beweisen, dass sie das Zeug zur Unternehmerin hatte. Sie wollte die Klinik kaufen.

"Ich kann das", rumorte es in ihrem Kopf.

Warum auch nicht? Sie hatte das Gefühl, durch ihre Arbeit in der Klinik schon so sehr in die Geschäftsführung hineingewachsen zu sein, dass sie die Schwachstellen kannte. Sie glaubte, dass es ihr gelingen würde, das Unternehmen zu sanieren. Gleichzeitig war ihr das Risiko bewusst. Sie bekam 1,5 Millionen D-Mark von der Investitionsbank Schleswig-Holstein, geliehenes Geld, das ihr bei anderen Banken aber als Eigenkapital angerechnet werden konnte. 30 Millionen fehlten ihr, um die Klinik kaufen zu können.

Borchert begann, mit einer Bank zu verhandeln. Dann mit zweien. Später mit dreien. Schließlich war sie mit etlichen Instituten im Gespräch. Immer wieder musste sie ihren Businessplan überarbeiten, mehrfach scheiterten die Verhandlungen kurz vor einem Abschluss. Keiner der Banker traute ihr das Projekt wirklich zu.

Borcherts Geduld wurde immens strapaziert. Vier Jahre dauerte es, bis ihr drei Banken jeweils Teilkredite gewährten, mit denen sie die Klinik kaufen konnte. Es war der größte Triumph in ihrem Berufsleben, sie selbst spricht zurückhaltend von einem "bewegenden Moment".

Leserkommentare
    • Chali
    • 24. Juni 2013 8:34 Uhr

    aneinander gereiht werden, um ein Krankenhaus(!) zu beschreiben-

    "... Fleiß, Ehrgeiz und Mut ... einzigen Klinikbesitzerin i ... echten Unternehmerin"

    Und "Deutschland" Natürlich "Deutschland". Heute geht ja wieder nichts mehr über "Deutschland"!

  1. gegnüber dem Geschaffenen. Ich könnte so etwas nicht, und stehe damit sicher ncht alleine, es gibt nur sehr wenige Menschen, die so ein Unternhemen, das inzwischen eine Menge Leute zu ernähren scheint, aufbauen könnten.

    Eine Leserempfehlung
    • FoTu3
    • 24. Juni 2013 9:47 Uhr

    "Mit Fleiß, Ehrgeiz und Mut wurde Marlies Borchert zur einzigen Klinikbesitzerin in Deutschland. "

    "auch wenn sie selbst sagt, dass ihr Frausein für ihren Führungsstil keine Rolle spiele."

    Man, ZEIT, daß muß wohl ein ec hter Tiefschlag gewesen sein. Eine Frau, die das macht, was sie will und vor allem kann. Ohne Geschlechtsquote. Ohne Geschlechter-Geseier. Das Euch das sauer aufstößt, zeigt auch dieser Satz:

    "Und wieder spielt sie die Geschlechterfrage herunter: "Mir machte das nichts aus.""

    Warum sollte die Frau die "Geschlechterfrage" denn nicht herunterspielen bzw. erst hochtreiben?

    6 Leserempfehlungen
  2. WAS genau Frau Borchert anders macht - im Teaser steht 'Ihre Klinik ist profitabel, auch weil sie unkonventionell führt.'

    Das einzig 'Unkonventionelle' im Artikel scheint zu sein, daß sie eine Frau ist und daß sie ihre Klinik gut + vorausschauend zu führen scheint, obwohl es ihr zu Anfang schwer gemacht wurde.

    Über einen männlichen Klinikbesitzer würde nie ein solcher Artikel geschrieben. Dessen lausiger Mathe-Lehrer wäre nicht von Interesse, auch nicht seine Haarfarbe + Fingernägel, nicht, wie er Tee trinkt, nicht, daß er wohlhabend ist und bei ihm eingebrochen wurde. Vermutlich würden tragische Todesfälle in seiner Familie allenfalls am Rande erwähnt, es würde nicht über 'Schatten über seinem Privatleben' spekuliert und eine Diagnose von Verdrängung durch Arbeit erstellt.

    Ich möchte auch bezweifeln, daß 'die Geschlechterfrage' für die Leitung einer Klinik oder eines anderen (Familien-)Unternehmens von unausgesetztem Interesse ist. So verhält es sich auch für mich als Leserin des Wirtschaftsteils von ZO, ich nahm also die Website der Seeberger Kliniken zur Hilfe http://www.segebergerklin... + erfahre dort u.a.m., daß die Klinik von einer Doppelspitze geleitet wird + sie sich einem ganzheitlichen Ansatz in jeder Hinsicht verpflichtet hat.

    Mit dem gewählten Tenor trifft Catalina Schröder eine ähnliche Aussage wie der Mathematik-Lehrer: ein blindes Huhn (Frau) findet auch mal ein Korn + möchte bezweifeln, daß das Borcherts Arbeit gerecht wird.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Pterry
    • 24. Juni 2013 10:27 Uhr

    auch bei Männern und vor allem in Deutschland, beim Rest geb ich Ihnen uneingeschränkt recht

  3. und Hochachtung vor Frau Borchert! Wäre sie ein Mann, würde ich ich ihre Leistung nicht anders beurteilen. Die Geschichte gefällt mir besser als die ganzen Erfolgsstorys vom amerikanischen Tellerwäscher. - Applaus, Applaus!

    2 Leserempfehlungen
    • Pterry
    • 24. Juni 2013 10:20 Uhr

    http://www.stefan-niggeme...

    Liebe Autorin, hätten Sie so eine ausführliche Personenbeschreibung auch bei nem Mann geschrieben inklusive der Stelle mit der Teetasse (bzw etwas Äquivalentes, a la er versucht keine Krümel im Bart zu haben oder so)?

    5 Leserempfehlungen
    • Pterry
    • 24. Juni 2013 10:27 Uhr

    auch bei Männern und vor allem in Deutschland, beim Rest geb ich Ihnen uneingeschränkt recht

    • FoTu3
    • 24. Juni 2013 10:32 Uhr

    Hallo Frau Schröder,

    es wäre redlicher gewesen, wenn Sie sich vor dem Veröffentlichen dieses Textes zumindestens dazu öffentlich bekannt hätten, daß Sie Unterstützerin Nr. 303 des Quotenvereins proQuote sind:

    http://www.pro-quote.de/u...

    Das erklärt einige Sätze in diesem Artikel.

    Eine Leserempfehlung
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    Womöglich ein *öffentliches Bekenntnis*?

    Welche 'einige Sätze in diesem Artikel' erklären + begründen sich dadurch für Sie? Was genau spricht ggbfs. nach Ihrer Ansicht gegen mehr Frauen in leitenden Positionen im Journalismus? Catalina Schröder arbeitet ein Jahr nach Abschluß ihrer Ausbildung als feste Freie für Die Zeit/Zeit Online. Eine Arbeit als feste Freie ist eins ganz sicher nicht: eine unter den 30% geforderten weiblichen Führungspositionen im Journalismus http://catalina-schroeder...

    Vielleicht möchten Sie die Haltung des Chefredakteurs der Zeit zu besagten 30% nachlesen http://www.zeit.de/2012/1...

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